mini|150px|Das Wort manito in Cree-Silbenschrift (sowohl auf Cree als auch auf Ojibwe) mini|150px|Kitchi-Manitu in Cree-Silbenschrift: Kicemanito (Neues Testament auf Cree 1876), Kisemanitô (Bibel auf Cree 1862), Kisemanitow (Neues Testament auf Cree 1908), Kishemanito (Neues Testament auf Ojibwe 1988), Chisamanitu (Neues Testament auf Naskapi 2007) Manitu, Manito, Manitou oder Manit ist in den Algonkin-Sprachen Nordamerikas ein zentraler Begriff aus der traditionellen Religion der algonkinsprachigen Indianer. Sinngemäß bedeutet Manitu das Allumfassende Geheimnis bzw. die Große Kraft, die in allen Wesen, Dingen, Tätigkeiten und Erscheinungen enthalten ist. Wenn eine Wolke oder ein Gebrauchsgegenstand als Manitu bezeichnet wird, so deshalb, weil der Geist (vorübergehend) diese Form angenommen hat oder in ihr wohnt (siehe auch: Animismus). Viele Aufzeichnungen belegen, dass diese Vorstellung immer dann assoziiert wurde, wenn alltägliche Dinge über herausragende oder ungewöhnliche Eigenschaften verfügten. Bei vielen Gruppen wurde der Begriff sowohl im Singular – für die „eine, höchste Macht“ – als auch im Plural – für die übernatürlichen, persönlich gedachten „Eigner“ von Wesen oder Gegenständen – verwendet.Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 74–77.

Die übergeordnete „Summe aller Kräfte“ wird als Kitchi Manitu bezeichnet. Dies wird zumeist als eine pantheistisch den gesamten Kosmos durchdringende – nicht persönliche, „körperlich wahrnehmbare“ – Hochgottheit oder „Weltseele“ vorgestellt.Nils Olav Breivik: Høygud og Kulturbringer. Til Werner Müllers förståelse av de sentrale skogsindianeres religioner. In: Religionsvidenskabeligt Tidsskrift. Nr. 12, 1988, S. 3–24, insbesondere 5–6.

Ursprünglich bezeichnet (Kitchi) Manitu also weder eine „bewusstlose“ naturgesetzliche Macht noch einen persönlich gedachten, anthropomorphen Gott.Thomas Schweer: Stichwort Naturreligionen. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08181-1. S. 56. Die schnelle Adaption des christlichen Gottes macht es jedoch wahrscheinlich, dass das Manitu-Konzept durchaus ursprünglich auch als „höchstes Wesen“ angesehen wurde. Bei den nördlichen Algonkin gab es etwa den Ausdruck „Herr des Lebens“. Der deutsche Ethnologe Werner Müller geht davon aus, dass Manitu vormals sowohl höchstes Wesen als auch Summe alles Übernatürlichen gewesen sei. Im heutigen Panindianismus wird der Begriff häufig mit „Großer Geist“ übersetzt und synonym mit ähnlichen Konzepten anderer Stämme als Schöpfergott im Sinne des christlichen Gottes mit „indianischer Prägung“ verwendet.

Missionare – insbesondere bei den Cree und Anishinabe – setzten Kitchi Manitu jedoch in der Regel mit der christlichen Gottesvorstellung gleich, belegten so den Begriff neu und verbreiteten diese vom ursprünglichen Konzept abweichende Vorstellung auch im englisch- und französischsprachigen Raum. Die Unterscheidung der Begriffe Kitchi Manitu (Großer Manitu), Mino Manitu (Guter Manitu, der christliche Gott) und Matchi Manitu (Böser Manitu, der Teufel) bezeugt jedoch, dass die Gottesvorstellungen der Algonkin und der Christen früher unterschiedlich waren.

Die zum Teil voneinander abweichenden Beschreibungen in ethnographischen Texten beruhen auf Fehlinterpretationen (vor allem bei Missionaren) und Übersetzungsfehlern, aber auch auf durchaus unterschiedlichen Vorstellungen bei den weit verstreuten Algonkin-Stämmen.

Wortstamm in den Algonkin-Sprachen Es heißt auf Massachusett manit,John Eliot: The Indian grammar begun: or, An essay to bring the Indian language into rules, for the help of such as desire to learn the same, for the furtherance of the Gospel among them. Cambridge (Massachusetts) 1666: Manit, God. (pl.:) Manittòg, S. 9. Narragansett manìt,Roger Williams: A Key into the Language of America: or, An help to the Language of the Natives in that part of America, called New-England. Gregory Dexter, London 1643: manìt, manittówock - God, gods, S. 114. Pequot-Mohegan manto, (PDF; 1,8 MB): manto, NA god, spirit Mi’kmaq mntuRalph T. Pastore: Traditional Mi’kmaq (Micmac) Culture. Archaeology Unit & History Department, Memorial University of Newfoundland, 1998. (heute negativ besetzt, s. u.), Cree manito oder manitowNehiyaw Masinahikan / Online Cree Dictionary: Manito ᒪᓂᑐ N The Creator, God. (MD); manito ᒪᓂᑐ NA Sacred power or God; the basic mysterious quality in the universe. (Northern). Alt. manitow (Plains). (AE); manito ᒪᓂᑐ NA God The great positive good force in the universe (abbreviation) (EC); manitow ᒪᓂᑐᐤ NA the basic mysterious quality in the universe (EC); manitow ᒪᓂᑐᐤ NA spirit, spirit being; God (CW); manitow ᒪᓂᑐᐤ NA Sacred power or God; the basic mysterious quality in the universe. (Plains). Alt. manito (Northern). (AE) und Ojibwe manidoo,: manidoo(g) - god; spirit; manitou jeweils mit der Bedeutung „Gott“ oder auch „Geist“. In der Unami-Sprache der Lenni Lenape heißen die zahlreichen nicht-menschlichen Geister manëtuDelaware Tribe of Indians (Lenape) – Lenape Talking Dictionary: . (ältere Schreibweise Manétto;Johannes Campanius Holmiensis: Lutheri Catechismus. Öfwersatt på American-Virginiske Språket. Tryckt vthi thet af Kongl. Maytt. privileg. Burchardi Tryckeri, af J.J. Genath, f. Stockholm 1696. S. 135: Manétto: Gud, Ande, Engel [Gott, Geist, Engel]. Mehrzahl manëtuwak)Chief Robert Red Hawk Ruth, Lenape Nation of Pennsylvania: (PDF; 922 kB). The Creation of Names (Transcribed and translated into Lenape by Julie Ershadi), S. 8.John Bierhorst: Mythology of the Lenape: Guide and Texts. University of Arizona Press, 1995. S. 8Edward J. Lenik: Making Pictures in Stone: American Indian Rock Art of the Northeast. University of Alabama Press, 2009. S. 6. und auf Shawnee manito.David M. Lucas (2001): (PDF; 144 kB), S. 3, 18, 22. Auf Cheyenne heißt „Gott“ oder „All-Vater“ dagegen MaheoEnglish-Cheyenne Dictionary: God: Maheo, Maxemaheo […] which means "Allfather", S. 516.Legendary Native American Figures: Maheo (Maheu) und „Geist“ màtasooma.English-Cheyenne Dictionary: spirit: màtasooma, pl. màtasoomao, S. 1000.

Im Sinne von „Großer Geist“, „Großer Gott“ (Cree kihci-manito, Ojibwe gichi-manidoo) wird das Wort mit gichi (Ojibwe)gichi- - (see: chi-) big; great; very bzw. kisci oder kihci (Cree)kisci- ᑭᐢᒋ IPV big (CW); kihci-mihti ᑭᐦᒋ ᒥᐦᑎ NI big club, big stick (CW) „groß“ kombiniert. Semantisch entsprechende Bildungen auf Cheyenne sind Maxemaheo und Maxemàtasooma. In der Unami-Sprache der Lenape ist der Name des „Großen Geistes“ aus drei Wörtern kontrahiert zu Kètanëtuwit, aus ket- „groß“, manëtu „Geist“ und -wi-t „seiend“.Delaware Tribe of Indians (Lenape) – Lenape Talking Dictionary: .Gilwell.com, The Lenape / English Dictionary - G: Getanittowit. Great Creator. God: (rather, the great spirit. A.)

Die Shawnee kennen dagegen keinen entsprechenden „großen Geist“, sondern verehren „Unsere Großmutter“ Kohkumthena oder Kuhkoomtheyna, eine weibliche Schöpfergottheit, die durch die Geister (manitowak, Einzahl manito) mit den Menschen kommuniziert. Es gibt aber einen „guten Geist“ Wishemenetoo.Allen W. Eckert: The Frontiersmen. Jesse Stuart Foundation, 2011. Ohne Paginierung, am Ende des Buches. Vgl. hieraus entnommen Glossary of Shawnee words and phrases: Wishemenetoo: the Great Spirit or Good Spirit (vgl. kitche „groß“, wishe „gut“).

Ortsnamen Der Name der kanadischen Provinz Manitoba und der gleichnamige See haben ihren Ursprung im Namen Manitoowapaaw („Straße des Manitu“, „Kanal des Manitu“) in der Sprache der Cree.Collins American English Dictionary: Manitoba. Cree, manitoowapaaw, the narrows (of Lake Manitoba), lit., god narrows. Der Name der Insel Manitoulin geht auf den Ojibwe-Namen Manitoowaalink („im Schlupfwinkel des Manitu“)Collins American English Dictionary: Manitoulin Island. earlier Manitoualin < 18th-c. Ojibwa dial. manitoowaalink, lit., at the god's den. zurück, wobei die Insel heute auf Ojibwe Manidoo-minis oder Manidoo-minising („Insel der Geister“, „Insel des Manitu“) heißt.translateojibwe.com: Manitoline Island = Manidoo-minis, Manidoo-minising

Entsprechung bei den Dakota Bei den Dakota und Lakota, deren Sioux-Sprachen nicht mit dem Algonkin verwandt sind, gibt es ähnliche Vorstellungen von einem Großen Geist, der in der Dakota-Übersetzung von Gott mit Wakantanka in der Bibel im Dakota der Santee-Sioux: Dakota Wowapi Wakan. The Holy Bible in the language of the Dakotas. Translated by Thomas S. Williamson and Stephen Return Riggs into the Santee dialect. American Bible Society, 1879. 1304 Seiten. Vgl. Johannes 1,1-9 auf Worldscriptures.org. und der Lakota-Sprache Wakan Tanka heißt. Zu beachten ist die beim Lakota gegenüber dem Algonkin umgekehrte Reihenfolge von Substantiv und Adjektiv: wakan heißt „Geist“ oder „geheimnisvoll“ und tanka „groß“.

Entsprechung bei den Irokesen Die Irokesen und Huronen bezeichnen eine ähnliche mythische Wirkmacht in allen Lebewesen und Dingen als Orenda.Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie: Band 1: Theorie der Magie / Soziale Morphologie. Reihe: Klassiker der Sozialwissenschaften, 1. Auflage, VS-Verlag, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17002-2. S. 145–146.

Manitu bei den Algonkin Sie erachten Manitu weder als positiv noch als negativ. Manitus können in Träumen erscheinen und speziellen Schutz, spezielle Kräfte oder Fähigkeiten verleihen. Kranke Algonkin-Indianer baten Manitu um Hilfe. Laut Paul Radin und I. Hallowell handelt es sich um eine immer personenbezogene Kraft, die belebten oder unbelebten Wesen durch Personen (die sowohl menschlich als auch nicht menschlich sein können) auferlegt wurde. Dabei kann es sich um die Person oder einen Teil der Person selbst handeln, die eine andere Gestalt angenommen hat, oder einen Teil der Kraft dieser Person.Hallowell, I.: Ojibwa ontology, behaviour and world view. In: Diamond, S. (ed.): Culture in History: Honor of Paul Radin. Columbia University Press, New York, 1960, pp. 19–52 Ähnlich dem Hinduismus verstand sich Manitu nicht als „Obergott“, sondern war die Flora und Fauna selbst, während ein Krieger seinen eigenen Manitu-Schutzgeist erhielt und auch andere Naturgewalten verehren durfte.dtv Lexikon: Band 11 (Len-Mec) Seite 240 Deutscher Taschenbuchverlag Mannheim und München 1997Meyers großes Taschenlexikon: Band 9 (Grie-Hn) Seite 43 (Eintrag "Großer Geist") Bibliographisches Institut Mannheim, Mannheim 1983Der Brockhaus in drei Bänden: Band 2 (Go-Pah) Seite 607 F. A. Brockhaus Leipzig Mannheim, Leipzig 2004

Gichi-Manidoo / Kitchi-Manitu und die christliche Gottesvorstellung mini|300px|In den Bibelübersetzungen ist der Name Gottes auf Cree Kice-Manito: Hier der Beginn des Johannesevangeliums , Gott (Kice-Manito) ist gelb hervorgehoben.