Widnau (im ostschweizerdeutschen Ortsdialekt Witnou Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 963.) ist eine politische Gemeinde und eine Ortschaft in der Region und im Wahlkreis Rheintal im Ostschweizer Kanton St. Gallen.
Geographie Die politische Gemeinde Widnau verfügt über eine Gesamtfläche von 4,22 km², davon dienen 59,4 % als Siedlungsfläche. Für landwirtschaftliche Zwecke werden 34,2 % der Gesamtfläche verwendet. Die restlichen 6,4 % sind bestockte Flächen (Wald und Gehölze) und unproduktive Flächen, darunter fallen unter anderem Flüsse und Seen. Aufgrund ihrer Einwohnerzahl betrachtet das Bundesamt für Statistik die Gemeinde Widnau als Stadt. Widnau liegt im Vierländereck am westlichen Ufer des Rheins, der die Grenze zwischen dem österreichischen Bundesland Vorarlberg und dem schweizerischen Kanton St. Gallen bildet. Ein Teil der stadtähnlichen Siedlung Heerbrugg gehört ebenfalls zur Gemeinde Widnau. Die schweizerischen Nachbargemeinden von Widnau sind Au SG im Norden, Balgach im Westen, Diepoldsau im Osten und Süden; die österreichische Nachbargemeinde Lustenau im Nordosten ist über die Rheinbrücke beim Zollamt Wiesenrain erreichbar. Mitten durch die Gemeinde fliesst der Rheintaler Binnenkanal, ein Kanal, der auf der Schweizer Seite parallel zum Rhein verläuft. Hochwasser ist denn auch der geografische Hauptrisikofaktor, wie die Ereignisse vom Jahr 1999 und das Hochwasser in Mitteleuropa 2013 zeigten.
Flächenbilanz Die Gemeinde Widnau weist 2009 gesamthaft 421 ha Gemeindefläche aus.Die Flächen werden vom Bundesamt für Statistik jeweils in Hektaren (ha) angegeben. Künstlich angelegte Flächen belaufen sich auf 263 ha. Davon sind: 100 ha befestigte Flächen 51 ha Gebäude 6 ha Beetstrukturen 68 ha Rasen 16 ha Bäume auf künstlich angelegten Flächen 22 ha gemischte Kleinstrukturen.
Die Gras- und Krautvegetation nimmt 116 ha in Anspruch.
Die Fläche der Gebüschvegetation ist 11 ha gross. Davon sind: 2 ha Gebüsch 7 ha verbuschte Flächen 2 ha gärtnerische Dauerkulturen.
Die Baumvegetation erstreckt sich über 15 ha. Davon sind: 2 ha geschlossene Baumbestände 6 ha lineare Baumbestände 7 ha Baumgruppen.
Wasser- und Feuchtflächen erstrecken sich über 13 ha. Davon sind: 11 ha Wasser 1 ha Nassstandorte 1 ha Schilfbestände.
Die vegetationslose Fläche beträgt 3 ha.
Klima Das Klima in Widnau ist mild, auch dank dem Alpenföhn. Es gedeihen dadurch Palmen und verschiedene Südfrüchte wie zum Beispiel Kiwi, Feigen sowie Süsskartoffeln. Das Jahresmittel liegt bei rund 10,5 °Celsius.
Bevölkerung
Die Einwohner von Widnau werden Widnouer genannt.
Demografie Widnau verzeichnete am 1. Januar 2020 eine Bevölkerung von 9686 Einwohnerinnen und Einwohnern, davon waren 4912 männlich und 4774 weiblich. 2616 Personen waren Ortsbürger von Widnau und 2689 ausländische Staatsangehörige.Jahresbericht der Gemeinde Widnau widnau.ch
Gemäss dem Gemeindeporträt 2012 wird von den vier schweizerischen Landessprachen Deutsch mit 88 % am häufigsten gesprochen. Hingegen sprechen lediglich 1,6 % Italienisch, 0,3 % Französisch und 0,1 % Rätoromanisch. Die restlichen 10 % verteilen sich auf ausländische Sprachen.
Die Altersstruktur der Wohnbevölkerung verteilte sich am 1. Januar 2020 wie folgt: 20 % waren jünger als 20 Jahre, 25 % zwischen 21 und 40 Jahren, 28 % zwischen 41 und 60 Jahren, und die restlichen 19 % waren über 61 Jahre alt.widnau.ch.
Religion Per 1. Januar 2020 waren 4848 Einwohner von Widnau römisch-katholisch. Am zweithäufigsten ist die evangelische Konfession mit 1286 Mitgliedern. Die restlichen 3552 Bewohner sind einer anderen oder keiner Religion zuzuordnen.Widnau in Zahlen, Statistik der Wohnbevölkerung per 1. Januar 2020 abgerufen am 17. Februar 2020.
Die im Bistum St. Gallen liegende katholische Pfarrei Widnau gehört seit dem 29. Oktober 2005 zusammen mit den katholischen Pfarreien Balgach und Diepoldsau-Schmitter zur Seelsorgeeinheit Widnau-Balgach-Diepoldsau-Schmitter. Die evangelisch-reformierte Bevölkerung gehört zur Kirchgemeinde Diepoldsau-Widnau-Kriessern der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen.
Politik mini|Das Logo der Gemeinde Widnau mini|Das Gemeindehaus von Widnau an der Neugasse Widnau ist seit dem 1. Januar 2001 als Einheitsgemeinde organisiert.widnau.ch.
Gemeinderat Der Gemeinderat setzt sich wie folgt zusammen (Stand 2024) Bruno Seelos (Präsident) Alexander Bartl Jeannine Gasperina Peter Grüninger Gabriel Köppel Matthias Sieber (Schulpräsident) Yvette Werner (Vize-Präsidentin)
Gemeindepräsidenten 1999 wurde Christa Köppel Gemeindepräsidentin. Sie war damit die erste Gemeindepräsidentin im Kanton St. Gallen.Amtsübergabe: Gemeindamman Hans Fehr an Gemeindepräsidentin Christa Köppel Artikel auf tagblatt.ch vom 1. Mai 1999.Widnau: Eine etwas andere Gemeindepräsidentin Artikel auf beobachter.ch vom 5. Juli 2002. Mit ihrer erneuten Wiederwahl für die Amtsdauer 2021/24 wurde sie zum 6. Mal für weitere 4 Amtsjahre bestätigt.Yvette Werner Hengartner neu im Gemeinderat Artikel auf rheintaler.ch vom 25. September 2016. Am 31. März 2023 übergab Christa Köppel nach ihrem Altersrücktritt dem neuen Präsidenten Bruno Seelos das Amt, in welches er am 22. September 2024 für die neue Amtsdauer 2025/28 wiedergewählt wurde.
Seit der Gemeindegründung im Jahr 1883 standen der Gemeinde Widnau vor: Jakob Spirig (1883 bis 1885) Ferdinand Wider (1885 bis 1899) Clemens Köppel (1899 bis 1900) Franz Frei (1900 bis 1906) Clemens Köppel (1906 bis 1912) Raimund Frei (1912 bis 1919) Emilian Frei (1919 bis 1927) Reimund Frei (1927 bis 1936) Paul Wider (1936 bis 1959) Hans Spirig (1959 bis 1989) Hans Fehr (1989 bis 1999) Christa Köppel (1999 bis 31. März 2023) Bruno Seelos (seit 1. April 2023)
Parteiverteilung Wähleranteile Nationalratswahlen 2023 Partei SVP Mitte FDPSP GPS GLP EVP EDU SD Übrige Wähleranteil in Prozent 40,7 20,9 13,2 8,6 6,9 5,1 1,0 0,4 0,2 3,0
Sonstiges mini|Der Polizeiposten von Widnau an der Neugasse Der Polizeiposten für das Mittelrheintal befindet sich in Widnau beim Metropolkreisel an der Neugasse. Wirtschaft Widnau ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort im St. Galler Rheintal. 2017 zählte Widnau 696 Betriebe und 5009 Beschäftigte (davon 4124 Vollzeitäquivalente). 66 % der Beschäftigten waren im tertiären Wirtschaftssektor (Dienstleistungssektor) tätig. Im sekundären Wirtschaftssektor (Industrie) waren 33 % der Arbeitnehmenden angestellt. Im Zuge der Veräusserung von Industrie-/Gewerbeland durch die Patronale Stiftung Viscosuisseviscosuisse.ch konnten zahlreiche Unternehmen die Möglichkeit ergreifen, sich in Widnau niederzulassen bzw. zusätzliche Gewerbefläche zu erstehen.
Industrie 320px|mini|Industriepark Unterletten, das ehemalige «Viscose-Areal» Der Beginn der Industrialisierung geht auf das Aufkommen der Handstickmaschine um 1850 zurück. 1879 waren in Widnau bereits 115 davon im Einsatz. 1897 erbaute der Stickereifabrikant Jacob Rohner eine Fabrik in Widnau, 1905 kam die Stickerei Julius Bunke hinzu.
In der Zeit der Arbeitslosigkeit 1924 war die Ansiedlung der Kunstseidefabrik Société de la Viscose Suisse aus Emmen LU – im Volksmund Viscose genannt – nicht nur für Widnau, sondern für das ganze Tal ein Lichtblick. Die Fabrik gab Arbeit und schaffte neue Verdienstmöglichkeiten – für die jungen Männer und auch für viele junge Frauen. Die Fabrik war der Motor für eine rasante wirtschaftliche, demografische und soziale Entwicklung der jungen Gemeinde. In den 1970er-Jahren beschäftigte die Viscose gut 1500 Mitarbeitende. Die für die Viscose gebaute Eisenbahnanbindung vom Bahnhof Heerbrugg in die Industriegebiete Nöllen und Unterletten (früher Viscose-Areal) gilt als Standortvorteil. Ihretwegen siedeln sich heute noch namhafte Grossbetriebe auf dem 350'000 m² grossen Industriepark in Widnau an, einer grössten Industrieparks der Ostschweiz.
Verkehr mini|Verkehrsknoten «Metropolkreisel» Widnau wird durch die Autobuslinien 303 und 351 der RTB Rheintal Bus (RTB) ab dem SBB-Bahnhof Heerbrugg bedient. Die Linie 303 führt grenzüberschreitend bis ins österreichische Hohenems. Die Linie 351 führt von Heerbrugg nach Widnau, zum Teil ebenfalls grenzüberschreitend nach Lustenau und Dornbirn. Die RTB ist die Nachfolgerin der früheren Strassenbahn Altstätten-Berneck (ABB). Als 1915 die Zweiglinie Heerbrugg–Widnau–Diepoldsau eröffnet wurde, änderte die ABB ihren Namen in Rheintalische Strassenbahnen, die von 1915 bis 1956 verkehrte. Die Gemeinde bietet auch E-Bikes zur Miete an. Der motorisierte Individualverkehr und das Fahrrad sind die beliebtesten Fortbewegungsmöglichkeiten. Widnau verfügt über ein sehr dichtes, modernes Strassen- und Fusswegnetz. Der Bahnhof liegt unweit der Gemeindegrenze in Heerbrugg. Ein Umschlagterminal für den kombinierten Verkehr mit 1 Gleis (160 m Länge) wird von SBB Cargo betrieben.
Widnau ist über den Autobahnanschluss der A13 erreichbar und ist etwa 19 km vom Flughafen Altenrhein entfernt.
Geschichte Namensfindung mini|280px|Historisches Luftbild von Werner Friedli von 1954 Der erstbezeugte Name des Ortes – oder der einer benachbarten, später untergegangenen Ortschaft? – war Ibirinesouva. Dieser findet sich in einer Urkunde von 891 belegt. Der Name bedeutet «Au des Eburin oder Iburin».
Der heutige Name Widnau wurde erstmals 1303 in einer Urkunde des Klosters St. Gallen als Widenouwe erwähnt, was ursprünglich «bei der mit Weiden bestandenen Au» bedeutete.Thomas Arnold Hammer: Die Orts- und Flurnamen des St.-Galler Rheintals. Namenstruktur und Siedlungsgeschichte (= Studia Linguistica Alemannica. Band 2). Diss. Univ. Zürich. Huber, Frauenfeld/Stuttgart 1973, S. 97 und 101; darnach Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 963.
Mittelalter und Frühneuzeit Das Rheintal wurde ab dem 7. und 8. Jahrhundert von Alemannen besiedelt. Die Rheinebene war überwiegend Sumpfland, die Dörfer an den Ausläufern der Voralpen und das Appenzellerland waren hingegen dicht bewaldet.
Widnau gehörte über Jahrhunderte zum Reichshof Lustenau. Zwar kam das ganze Talgebiet links des Rheins 1490 als Vogtei unter die Oberhoheit der eidgenössischen Orte, doch blieb die Gerichtsbarkeit im Rheintal diffus, da die Grafen von Hohenems nach wie vor Anspruch auf die niedrige Gerichtsbarkeit erhoben.
Am 6. Januar 1593 wurde das linksrheinische Widnau-Haslach (das Gebiet der heutigen Gemeinden Widnau, Diepoldsau und Au) von Lustenau abgeteilt. Am 5. Juni 1593 wurde die erste Gemeindeversammlung abgehalten.
1775 folgte die Aufteilung in die drei eigenständigen Rhoden Widnau, Schmitter und Au-Haslach.
1766–1776 kamen die Grafen von Harrach als Gerichtsherren. 1782–1798 besass die Familie von Salis-Soglio die niedere Gerichtsbarkeit und daneben bis 1856 das Kirchenpatronat von Widnau.
Neue Verhältnisse schaffte 1798 Napoleon: Er überführte die zerschlagene Eidgenossenschaft in die Helvetische Republik, und Widnau wurde als Teil der Munizipalgemeinde Diepoldsau in den neu geschaffenen Kanton Säntis integriert.
19. Jahrhundert