miniatur|Ausdehnung der deutschen Ostsiedlung in die slawischen Gebiete mit sprachlich gemischten Gebieten um 1400 (schraffiert) und anfängliche Westausdehnung des slawischen Sprachgebiets um 800 n. Chr. als blaues Band. Aus dem Putzger-Schulatlas 1893.
Germania Slavica bezeichnet einerseits als Forschungsbegriff des 20. Jahrhunderts eine historische Landschaft östlich der frühmittelalterlichen deutsch-slawischen Sprachgrenze (etwa östlich der Elbe-Saale-Linie) und andererseits eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe zur Erforschung der Verhältnisse in diesem Gebiet während des Hochmittelalters („Deutsche Ostsiedlung“).
Dieser Artikel behandelt auch überholte Ansichten zur Germania Slavica (z. B. das Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg) und gibt Hinweise zum neueren Forschungsstand.
Die Germania Slavica als historische Landschaft Die Germania Slavica ist eine Raumbezeichnung, die von Wolfgang H. Fritze als Forschungsbegriff in die mediävistische Terminologie eingeführt wurde, anlässlich der Gründung seiner gleichnamigen Interdisziplinären Arbeitsgruppe (IAG) 1976. Erstmals verwendet wurde dieser Begriff von Walter Schlesinger 1961, und zwar als Analogiebildung zum 1932 von Theodor Frings geprägten Forschungsbegriff Germania Romana. Germania Romana bezeichnete (im Gegensatz zur Germania Libera) nach Frings die Räume, „in denen deutsche Sprachentwicklung […] von der Einwirkung romanischer Substrate mit bestimmt worden ist“, also im Wesentlichen die Gebiete westlich des Rheins und Neckars sowie südlich der Altmühl und der Donau (Limes).
Entsprechend formulierte Fritze 1980: Als Germania Slavica bezeichnen wir „den Bereich der mittelalterlichen deutschen Ostsiedlung in den slawisch besiedelten Gebieten östlich von Elbe und Saale, soweit er sprachlich germanisiert worden ist“. Walter Lammers definierte: „Der Raum zwischen der Westgrenze der mehr oder weniger dauernden slawischen Siedlung und der Ostgrenze der deutschen Neustämme, wie sie sich im 19./20. Jahrhundert ausgebildet vorfanden.“ Die Westgrenze wurde durch Wagrien, wo sich der westlichste slawische Fürstensitz (Oldenburger Wall) befand, das Wendland und die Altmark, dann durch die Elbe und Saale und die Südgrenze durch Oberfranken und die Oberpfalz (Bavaria Slavica) markiert.
Hinsichtlich der östlichen Ausdehnung hat die polnische Forschung den Gegenbegriff der Slavia Germanica zur Diskussion gestellt, so dass sich im Gebiet der Pommerellen, der Lausitzen und Schlesiens Verzahnungen ergeben.
Die (durch Sprachverbreitung definierten) westlichen und östlichen Grenzen der mittelalterlichen Germania Slavica sind nicht identisch mit neuzeitlichen Staatsgrenzen. Wegen der unterschiedlichen Zugänglichkeit zu Forschungsgrundlagen wird allerdings auf Vorschlag von Klaus Zernack aus pragmatischen Gründen zwischen der Germania Slavica 1 und der Germania Slavica 2 unterschieden, getrennt durch die Oder als Staatsgrenze seit 1945, obwohl die historischen Landschaften Pommern und Lebus von der Oder durchschnitten werden. Neuerdings wird die Germania Slavica 1 in eine „nördliche“ (Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg) und eine „südliche“ (Sachsen) unterteilt.
Letztlich geht es aber bei der Germania Slavica als deutsch-slawischer Kontaktzone nicht vordergründig um einen Raum, sondern um den Ort geschichtlicher Prozesse. Es geht also nicht um die (einseitige) Darstellung der Deutschen Ostsiedlung, sondern um die Prägung des Raums unter Einbeziehung der slawischen Bevölkerung, (vor allem der Elbslawen) und zwar sowohl in der Zeit vor der deutschen Zuwanderung als auch während des hochmittelalterlichen Landesausbaus.
Die Germania Slavica als interdisziplinäre Forschungsgruppe an der FU Berlin (1976–1991)
Gründung und Personen Wolfgang H. Fritze gründete die Forschungsgruppe im Sommersemester 1976 am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. 1978 wurde sie von den Universitätsgremien als Interdisziplinäre Arbeitsgruppe (IAG) anerkannt. Anfang 1979 zählte sie 22 Mitglieder: 15 aktive und 7 beratende. Neben Fritze zählten zu ihr die Professoren Heinz Quirin und Wolfgang Ribbe sowie die damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Eberhard Bohm, Felix Escher, Christian Gahlbeck, Hans-Ulrich Kamke, Barbara Sasse, Winfried Schich und Wolfgang Wippermann (alle Aufzählungen in alphabetischer Reihenfolge). Zu den geistigen Vätern und gleichgesinnten Mitstreitern zählten Helmut Beumann, František Graus, Gerd Heinrich, Herbert Jankuhn, Hans-Dietrich Kahl, Herbert Ludat und Walter Schlesinger.
Die IAG Germania Slavica legte Wert auf Zusammenarbeit mit den Forschern der slawischen Nachbarländer. Aus politischen Gründen waren Treffen mit Kollegen aus der VR Polen und der ČSSR einfacher als mit denen aus der DDR, obwohl die IAG wichtige Grundlagenwerke benutzte, die von der Akademie der Wissenschaften der DDR erstellt worden waren: vor allem das Corpus archäologischer Quellen zur Frühgeschichte auf dem Gebiet der DDR (hrsg. von Peter Donat und Joachim Herrmann), das vor allem von Lieselott Enders bearbeitete Historische Ortslexikon für Brandenburg sowie das Brandenburgische Namenbuch (beide jeweils 11 Bände). Dennoch gab es inoffizielle Kontakte zu Wissenschaftlern der DDR, und die Mitglieder der IAG nutzten die Einreisemöglichkeiten des Kleinen Grenzverkehrs zum Besuch der historischen Stätten.
Generelle Aufgabenstellung Wolfgang Fritze hat sich wiederholt an eine breitere Öffentlichkeit gewandt, der er bewusst machen wollte, dass es einen slawischen Anteil an der deutschen Geschichte gibt und dass dieser vorzugsweise im Osten des historischen Deutschlands zu lokalisieren istDie polnischen Bergarbeiter im Ruhrgebiet sind eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts., ebenso wie der bereits weithin bekannte römische Anteil im Westen. Wolfgang Fritze wollte (wie Schlesinger) das slawische Element als Bestandteil der ostdeutschen „Identität“ anerkannt wissen: „Wir Mittel- und Ostdeutschen [haben uns der Slawen], dieses tapferen, konservativen, auch wohl ein wenig hinterwäldlerischen […] Bauernvolkes nicht zu schämen, das wir zu unseren Vorfahren zählen.“Vgl. sehr ähnlich Crantzius über seine wendischen Vorfahren. Wolfgang Fritze und seinen Weggefährten ging es darum, nach dem Zweiten Weltkrieg und den schrecklichen Ereignissen der NS-Zeit im Osten zu einer neuen Bewertung des deutsch-slawischen Verhältnisses in der deutschen Geschichte zu gelangen.
Im Zentrum der Arbeit stand die These: Die deutsche Ostsiedlung des hohen Mittelalters hat in den Ländern des historischen Ostdeutschlands, aber auch in Polen und der Tschechoslowakei zu einer wechselseitigen Durchdringung von slawischer und deutscher Bevölkerung, slawischer und deutscher Wirtschaft, Siedlung, Gesellung, Rechtsbildung und Verfassung geführt. Diese These impliziert, dass kulturelle und strukturelle Bildungen von starker Verschiedenheit aufeinander gestoßen und zu einer lang andauernden Auseinandersetzung genötigt worden sind.
Hierzu wollte die Arbeitsgruppe untersuchen: die Entwicklung der räumlichen und quantitativen Beziehungen von slawischer und deutscher agrarischer und urbaner Siedlung in ihrer regionalen Differenzierung; unter welchen rechtlichen und sozialen Bedingungen, mit welchen politischen und wirtschaftlichen Funktionen und in welchen strukturellen Formen die slawische Bevölkerung in ihren verschiedenen sozialen Schichten am hochmittelalterlichen Landesausbau teilgenommen hat.
Insbesondere wollte die Arbeitsgruppe ermitteln, „was von Sprache, Recht, Sitte, politischen Institutionen, wirtschaftlichen Formen der alteingesessenen slawischen Bevölkerung überdauert und in welcher Weise es auf die eingewanderte deutsche Bevölkerung eingewirkt hat“. Diese Untersuchung sollte ermöglicht werden durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Mittelalterlicher Geschichte, Rechtsgeschichte, Siedlungsgeographie, Namenkunde, Mittelalterarchäologie, Ethnographie und Kunstgeschichte.
Ausgangspunkt Forschungsgeschichte Zur bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnenden Forschungsgeschichte stellte Fritze dar, dass am Anfang eine volksgeschichtliche Fragestellung stand: Es galt damals, „die in der Ostsiedlung vollbrachte kulturelle Leistung des deutschen Volkes herauszuarbeiten und als Erfüllung eines dem Deutschtum im östlichen Mitteleuropa zuteil gewordenen geschichtlichen Auftrages zu erfassen sowie die durch die Ostsiedlung bewirkte restlose Integrierung der einst slawischen Länder Ostdeutschlands in den deutschen Volkskörper zu erweisen“. Schon eine der frühesten zusammenfassenden Darstellungen der Ostsiedlung sieht sie als Teilvorgang einer säkularen kulturellen und politischen Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Slawen: Der Weltkampf der Deutschen und Slawen von M. W. Heffter, Hamburg 1847. In den 1920er und 1930er Jahren wurde schließlich die mittelalterliche deutsche Ostsiedlung in den geschichtlichen Zusammenhang einer die ganze deutsche Geschichte in allen ihren Perioden übergreifenden, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit erfassenden „deutschen Ostbewegung“ (Schlagwort: „der deutsche Drang nach Osten“) hingestellt (Hermann Aubin, 1939). Die Forschungsgeschichte jener Zeit war einerseits bestimmt von ideologischen Motiven, andererseits durch die Erschließung neuer Quellengruppen über die Schriftquellen hinaus, z. B. durch Flurkarten des 18. und 19. Jahrhunderts. Durch die Kombination von Schriftquellen und der kartographischen Analyse ließ sich die Aufsiedlung großer Flächen durch geistliche und weltliche Herrschaften erschließen.
Forschungsstand 1980 und Forschungsfragen Der von Fritze dargestellte Forschungsstand 1980 und die zu bearbeitenden Forschungsfragen lassen sich wie folgt zusammenfassen. Durch die auf Schriftquellen und kartographischer Analyse beruhende Siedlungsgeographie wurde die besondere Bedeutung der Zisterzienser für den Prozess des Landesausbaus besser erkennbar. Erkennbar wurde aber auch, dass nicht alle Siedlungen von den Zisterziensern selbst erschlossen worden, sondern in nicht geringem Umfang durch Schenkungen in ihren Besitz gelangt waren. Die Zisterzienser beschränkten sich schon im 12. Jahrhundert nicht mehr auf die Eigenversorgung durch Landwirtschaft. Sie wollten zusätzlich die Gewinnmöglichkeiten des Handels nutzen. Dafür übernahmen sie bereits bestehende Märkte und Krüge und errichteten schon bald weitere.
Schich fasste 1979 zusammen: An dieser Stelle machte sich besonders die Zusammenarbeit mit der ebenfalls am Friedrich-Meinecke-Institut betriebenen Zisterzienserforschung im Rahmen der vergleichenden Ordensforschung bemerkbar (Kaspar Elm, Dietrich Kurze, Lorenz Weinrich).
Zur Frage nach Stellung und Funktionen der fortlebenden slawischen Bevölkerung und der Bedeutung ihrer Institutionen für die strukturelle Entwicklung der ostdeutschen Territorien war auf die widerlegte „Ausrottungs-“ bzw. „Vertreibungstheorie“ hinzuweisen.Werner Vogel: Der Verbleib der wendischen Bevölkerung in der Mark Brandenburg. Berlin 1960. Obwohl sie bereits seit 1900 als wissenschaftlich widerlegt galt, war zur selben damaligen Zeit eine Tendenz erkennbar, die Bedeutung des slawischen Ethnikums für die allgemeine geschichtliche Entwicklung der ostdeutschen Länder möglichst gering einzuschätzen. – Zu der behaupteten geringen Siedlungsdichte hatte die Archäologie seitdem (um 1970) gezeigt, dass aufgrund starker regionaler Unterschiede generalisierende Aussagen kaum möglich waren.Joachim Herrmann: Siedlung, Wirtschaft und gesellschaftliche Verhältnisse der slawischen Stämme zwischen oder/Neiße und Elbe. Berlin 1968.
Die Einwanderung deutscher Siedler hat zwar die Bevölkerungsdichte vervielfacht, war aber bei weitem nicht so groß, wie die ältere Forschung angenommen hatte.Walther Kuhn: Ostsiedlung und Bevölkerungsdichte, München 1960. Das „Verstummen der slawischen Sprache“ erfolgte regional zu ganz verschiedenen Zeiten, und wie lange slawisches Recht weitergelebt hatte, war 1980 kaum bekannt.