mini|Denkmal Weiße Rose des Künstlers Franz Reckert aus dem Jahr 1978 in Hamburg-Volksdorf

Weiße Rose Hamburg ist die nach 1945 von der Forschung verwendete Bezeichnung für eine Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus in Hamburg. Die Beteiligten selbst haben sich nicht so genannt, zum größten Teil sahen sie sich auch nicht als Widerstandskämpfer. Unter dem Begriff werden mehrere Freundes- und Familienkreise zusammengefasst, die teilweise seit 1936 in Opposition zum Nationalsozialismus standen und ab 1942 in Anlehnung an die Aktionen der Weißen Rose in München und deren Fortsetzung gegen das NS-Regime und den Zweiten Weltkrieg agierten. Auch wenn viele der Mitglieder zur Elterngeneration gehörten, wird die Gruppe als Jugend- und Studentenopposition eingeordnet. Es gab vereinzelte persönliche Kontakte zu anderen Hamburger Widerstandsgruppen, ein Zusammenwirken kam nicht zustande. Zwischen 1943 und 1944 verhaftete die Gestapo mehr als 30 Personen aus diesem Umfeld und überstellte sie in Gefängnisse und Konzentrationslager. Acht Angehörige dieser Widerstandsgruppe wurden bis Kriegsende ermordet oder starben nach Misshandlungen.

Überblick Die Weiße Rose Hamburg bestand zum großen Teil aus Studenten und Intellektuellen, die aus einer humanistisch gebildeten Grundhaltung heraus das nationalsozialistische Regime ablehnten. Insbesondere 1943, nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst, übernahmen Angehörige der Weißen Rose Hamburg die Flugblätter der Münchner Gruppe, vervielfältigten sie und verbreiteten sie unter der Hand. Zentrale Persönlichkeiten waren die Medizinstudenten Margaretha Rothe und Albert Suhr, die Philosophiestudenten Heinz Kucharski, Reinhold Meyer und Karl Ludwig Schneider sowie die Buchhändlerin Hannelore Willbrandt. Besondere Rollen kamen der Medizinstudentin Traute Lafrenz und dem Chemiestudenten Hans Leipelt zu, die zunächst an der Universität Hamburg und später an der Universität München studierten, und von dort Informationen über den studentischen Widerstand in die Hamburger Gruppen einbrachten. Insgesamt handelte es sich um ungefähr 50 beteiligte Personen, zwischen denen ein Geflecht aus persönlichen und familiären Beziehungen in verschiedenen Generationen bestand. Es kannten einander jedoch nicht alle Beteiligten. Vom Sommer 1943 bis zum Januar 1944 wurden über dreißig der Gruppe zugerechnete Mitglieder verhaftet, neben den aktiven Widerständlern waren, vor allem in der älteren Generation, die Eltern und Freunde der jungen Menschen betroffen. Die Vorwürfe lauteten unter anderem Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung.

Während der Haft in Gefängnissen oder Konzentrationslagern wurden acht von ihnen ermordet oder starben an Misshandlungen. Im Dezember 1943 kamen die Chemikerin Katharina Leipelt und Januar 1944 die Hausfrau Elisabeth Lange unter ungeklärten Umständen im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel zu Tode, der Philologiestudent und Buchhändler Reinhold Meyer starb im November 1944 ebenfalls in Fuhlsbüttel, offiziell an den Folgen einer nicht behandelten Diphtherie. Der Chemiestudent Hans Leipelt wurde am 13. Oktober 1944 in München zum Tode verurteilt und am 29. Januar 1945 in München-Stadelheim hingerichtet. Die Medizinstudentin Margaretha Rothe starb am 15. April 1945 in einem Leipziger Krankenhaus an den Folgen einer TBC.Gunther Staudacher: Margaretha Rothe und die Hamburger Weiße Rose, Balingen 2022, ISBN 978-3-7549-4365-6, S. 165. Der Assistenzarzt Frederick Geussenhainer (manchmal auch Friedrich Geussenhainer genannt) verstarb im April oder Mai 1945 im KZ Mauthausen. Die Todesumstände sind nicht geklärt.Briefe der Österreichischen und Deutschen Lagergemeinschaft Mauthausen an Thorsten Müller (Juli 1987). Der Landgerichtsrat Kurt Ledien und die Hausfrau Margarete Mrosek wurden im April 1945 bei einem sogenannten Verbrechen der Endphase im KZ Neuengamme ohne Gerichtsurteil gehängt.

Ein Ermittlungsverfahren gegen die Gruppe führte im Januar 1945 zur Anklage von 24 Mitgliedern durch den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof. Die Prozesse fanden zwischen dem 17. und 20. April 1945 vor dem in Hamburg tagenden Volksgerichtshof statt, allerdings konnten nur sechs der Angeklagten vorgeführt werden, die anderen waren bereits aus dem Landgerichtsgefängnis Stendal beziehungsweise dem Zuchthaus St. Georgen in Bayreuth von alliierten Truppen befreit worden.

Begriff Die Mitglieder der Hamburger Widerstandskreise nannten sich selbst nicht Weiße Rose oder Weiße Rose Hamburg, der Name wurde erstmals 1948 in einem Bericht der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Hamburg verwendet.VVN Hamburg: Streiflichter Hamburger Widerstand, Broschüre 1948; Auszug abgedruckt in: Ursel Hochmuth (Hrsg.): Candidates of Humanity. Dokumentation, S. 24. Die Historikerin Ursel Hochmuth übernahm in dem 1969 erschienenen Standardwerk Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933–1945 die Bezeichnung Weiße Rose Hamburg.Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933–1945. Bericht und Dokumente, Zweite Auflage, Frankfurt 1980, ISBN 3-87682-036-7, S. 387–421. Im Zusammenhang mit der Münchner Gruppe wurden die Hamburger teilweise als Hamburger Zweig der Weißen Rose (Weiße Rose Stiftung), Hamburger Ableger der Weißen Rose (Günther Weisenborn) oder Der letzte Zweig der Weißen Rose (Heinrich Hamm) bezeichnet. Ursel Hochmuth führt dazu aus, dass das Bild vom Ableger teilweise zutrifft, „wenn man davon ausgeht, daß die Scholl-Gruppe […] starke Impulse in die norddeutsche Gruppe ausstrahlte; es läßt dagegen unberücksichtigt, daß der Hamburger Kreis älteren Ursprungs war und auch sein ganz eigenes Gesicht hatte.“Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, S. 410.

Freundes- und Familienkreise

Die Jahreswende 1942/1943 gilt als Datum des aktiven Zusammenschlusses einiger Personen zu der später so genannten Widerstandsgruppe der Weißen Rose in Hamburg, um nach dem Vorbild der Münchner Studenten aktiv zu werden und in Norddeutschland Informationen sowie Flugblätter gegen das NS-Regime und den Krieg zu verbreiten. Es handelte sich dabei nicht um eine homogene Gruppe: Vielmehr kamen Verbindungen zwischen verschiedenen (Widerstands-)Kreisen zustande, die aus persönlichen und familiären Verflechtungen bestanden, teilweise schon seit längerer Zeit unabhängig voneinander gegen die nationalsozialistische Herrschaft opponierten, sich in einigen Fällen personell überschnitten und deren Beteiligte sich oftmals untereinander nicht kannten.

Lesekreis der Lichtwarkschüler mini|Ehemalige Lichtwarkschule in Winterhude, heute Heinrich-Hertz-Schule

Viele Mitglieder der Weißen Rose Hamburg waren ehemalige Schüler der 1914 nach den Grundsätzen der Reformpädagogik gegründeten Lichtwarkschule in Winterhude, die sich als Kulturschule verstanden hatte und großen Wert auf die Erziehung der Schüler zur selbstbestimmten und verantwortlichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben legte. Ab 1933 wurde diese den nationalsozialistischen Ideen konträr gegenüberstehende Institution „gleichgeschaltet“, der Schulleiter entlassen und die Schule 1937 endgültig aufgelöst. Auch in den letzten Jahren ihres Bestehens vermittelte die Lichtwarkschule ihren Schülern eine humanistische Grundbildung, zu ihnen gehörten: Margaretha Rothe, die die Lichtwarkschule vom November 1936 bis zu ihrer Schließung im März 1937 besuchte. Sie studierte ab 1939 Medizin und wurde zu einer zentralen Persönlichkeit in der Widerstandsgruppe. Traute Lafrenz war ebenfalls bis 1937 Schülerin dieser Schule, gemeinsam mit Margaretha Rothe nahm sie das Medizinstudium auf, 1941 wechselte sie nach München und wurde zum Bindeglied zwischen den Hamburger und den Münchener Kreisen. Heinz Kucharski gehörte dem gleichen Jahrgang an, er studierte ab 1939 Ethnologie und Orientalistik. Zwischen ihm und Margaretha Rothe entwickelte sich eine Liebesbeziehung, auch er übernahm eine zentrale Rolle in der Gruppe der Weißen Rose Hamburg. Lotte Canepa war Mitschülerin von Rothe, Lafrenz und Kucharski und an den Treffen und Diskussionen der Widerstandsgruppe beteiligt. Karl Ludwig Schneider besuchte die Lichtwarkschule ab 1935, ab dem Sommer 1940 studierte er Philosophie und wurde zu einem wichtigen Bindeglied zwischen den verschiedenen Widerstandskreisen. Howard Beinhoff war ein weiterer Lichtwarkschüler, der sich später der Widerstandsgruppe anschloss.

Die Studienrätin Erna Stahl war ab 1930 Lehrerin für Deutsch und Geschichte an der Lichtwarkschule. Sie begeisterte ihre Schüler für Literatur und Kunstgeschichte, vermittelte ein freiheitliches Denken insbesondere in kulturellen Fragen, und richtete Lese- und Musikkreise auch außerhalb der Schulzeiten ein.Sönke Zankel: Mit Flugblättern gegen Hitler: der Widerstandskreis um Hans Scholl und Alexander Schmorell, Böhlau Verlag, Köln 2008, ISBN 3-412-20038-7, S. 531. Im Frühjahr 1935 wurde Stahl strafversetzt, setzte jedoch über die Schulzeit hinaus die Gesprächsrunden mit ihren ehemaligen Schülern und deren interessierten Freunden fort. Nach dem Krieg berichteten die Beteiligten von dem prägenden Eindruck und dem „Geschenk für das Leben“, das Erna Stahl ihnen mit dieser Ausbildung gemacht hatte:

Einige der 1936 um die 17 Jahre alten Schüler, insbesondere Heinz Kucharski, Margaretha Rothe und Traute Lafrenz, trafen sich über den Lesekreis hinaus, diskutierten theoretische sowie tagespolitische Fragen und versuchten, an nicht von den Nationalsozialisten zensierte Informationen zu gelangen. So hörten sie zum Beispiel Radio Moskau oder den Deutschen Freiheitssender. Nach dem Abitur und dem abzuleistenden Reichsarbeitsdienst nahmen sie 1938/1939 ihr Studium an der Universität Hamburg auf. Dort trafen sie auf weitere, dem NS-Regime ebenfalls oppositionell gegenüberstehende Studenten, mit denen sie sich anfreundeten und später ihre Gesprächskreise fortsetzten. Traute Lafrenz lernte bereits während des Reichsarbeitsdienstes beim Erntehilfsdienst in Ostpommern den Münchener Studenten Alexander Schmorell kennen. Sie traf Schmorell zunächst an der Hamburger Universität wieder, wo er im Sommersemester 1939 für das Medizinstudium eingeschrieben war, später in München. Über ihn lernte sie Hans Scholl kennen.Angela Bottin: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Audimax der Universität Hamburg vom 22. Februar bis 17. Mai 1991. Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte Band 11, Hamburg 1992, ISBN 3-496-00419-3, S. 69.

Freundeskreis der Familie Leipelt Der Diplom-Ingenieur Konrad Leipelt, die promovierte Chemikerin Katharina Leipelt und deren Kinder Hans und Maria Leipelt siedelten Mitte der 1920er Jahre von Wien nach Harburg-Rönneburg über, nachdem Konrad Leipelt die Stelle als Hüttendirektor der Zinnwerke Wilhelmsburg angenommen hatte. Durch die jüdische Herkunft Katharina Leipelts unterlag die Familie ab 1935 den Repressionen der Nürnberger Rassegesetze. Sie verließ die ländliche Gegend und zog 1936 in das Wilhelmsburger Reiherstiegviertel um. Mit dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich im März 1938 wurde der in Wien lebende jüdische Teil der Familie Opfer nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen. Katharina Leipelts Bruder nahm sich am 12. März 1938 das Leben, ihre Eltern flüchteten nach Brünn, wo auch der Vater starb. Konrad Leipelt reiste nach Österreich und holte seine Schwiegermutter Hermine Baron in das Haus der Familie nach Wilhelmsburg.