Als funktionelles Syndrom wird ein anhaltender körperlicher Krankheitszustand bezeichnet, bei dem ein Zusammentreffen verschiedener Symptome ohne erkennbare organische Ursache als Syndrom die Funktion einzelner oder mehrerer Organe beeinträchtigt. Handelt es sich um einzelne Symptome, spricht man auch von einer funktionellen Störung. Der Begriff funktionell bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Funktion eines Organs gestört ist, ohne dass eine morphologische Ursache gefunden werden kann.

Dieser Ausdruck wird als Überbegriff für eine breite Gruppe unterschiedlicher, anhaltender und belastender Körperbeschwerden, die sich auf unterschiedliche Weise äußern können, z. B. in Form von Schmerzen, Müdigkeit/Erschöpfung oder durch Veränderungen in der Funktionsweise eines oder mehrerer Organsysteme. Funktionelle Störungen lassen sich dabei nicht in die traditionellen Kategorien der pathophysiologisch definierten, organischen Krankheiten einordnen.

Definitionen

Funktionelle Störungen sind körperliche Zustände mit anhaltenden und belastenden Körperbeschwerden, welche z. B. die Sensorik, willentliche Motorik, Schmerz, Verdauung etc. betreffen können.

Körperbeschwerden (somatoforme Störungen) sind verbunden mit einer klinisch bedeutsamen Beeinträchtigung oder Behinderung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen oder rechtfertigen eine medizinische Beurteilung.

Klinische bzw. bildgebende Befunde belegen die Unvereinbarkeit von funktionellen neurologischen Störungen und anerkannten biomedizinischen Erkrankungen oder stellen zumindest keine ausreichende biomedizinische Erklärung für das Ausmaß des Leidens der Betroffenen dar.

Die meisten Körperbeschwerden, die durch eine körperliche/strukturelle Krankheit verursacht werden, können auch durch eine funktionelle Störung verursacht werden. Es gibt viele Beispiele für funktionelle Beschwerden, darunter Schmerzen, Müdigkeit, Schwäche, Kurzatmigkeit oder Darmprobleme. Aus diesem Grund unterziehen sich die Betroffenen oft zahlreichen Untersuchungen, bevor die Diagnose einer funktionellen Störung eindeutig feststeht. Die Forschung beschäftigt sich zunehmend mit Erklärungsmodellen, die das Verständnis funktioneller Störungen fördern. In der Regel erklären strukturelle Bildgebungen wie MRTs oder Laboruntersuchungen wie Bluttests in der Regel nicht die funktionellen Körperbeschwerden oder die Symptombelastung ausreichend. Diese Schwierigkeit, zugrundeliegende Prozesse für die zahlreichen funktionellen Beschwerden zu identifizieren, kann dazu führen, dass funktionelle Störungen in der Medizin und Gesellschaft missverstanden und stigmatisiert werden.

Funktionelle Störungen können Menschen jeden Alters, jeder ethnischen Gruppe und jedes sozioökonomischen Hintergrunds betreffen. Chronische Verläufe von funktionellen Störungen sind häufig, beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich, und sind zudem mit hohen Kosten im Gesundheitswesen verbunden. Die funktionellen Körperbeschwerden selbst stellen jedoch keine Lebensbedrohung dar und gelten als behandelbar. In einigen Ländern fehlt es an spezialisierten Behandlungsmöglichkeiten für funktionelle Störungen; der Bereich des Gesundheitswesens unterliegt jedoch ständigen Veränderungen. Auch die Forschung im Bereich der funktionellen Störungen nimmt zu. Es besteht Grund zur Hoffnung, dass bei Umsetzung der Forschungserkenntnisse und -ergebnisse die weitere Entwicklung effektiver Unterstützungs- und Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene gefördert wird.

Es können unterschiedliche Diagnosen für funktionelle Störungen gestellt werden, abhängig vom am meisten beeinträchtigendem Symptom oder Syndrom. Ein Syndrom beschreibt eine Reihe von Beschwerden – diese können auch als „funktionelle somatische Syndrome“ bezeichnet werden. Beispiele hierfür sind das Reizdarmsyndrom (gastrointestinale Beschwerden), einige anhaltende Erschöpfungszustände, chronische Schmerzsyndrome wie die Fibromyalgie und funktionelle neurologische Störungen. Einzelne Beschwerden können auch mit einem „diagnostischen Etikett“ versehen werden, z. B. „funktionelle Brustschmerzen“, „funktionelle Verstopfung“ oder „funktionelle Krampfanfälle“.

Somatisch bedeutet „den Körper betreffend, körperlich“. Damit werden die funktionellen somatischen Störungen von den psychiatrischen Erkrankungen abgegrenzt. In der Vergangenheit wurden in einigen Klassifikationssystemen funktionelle Störungen häufig als psychische Krankheiten betrachtet, da letztere häufig Teile der oben genannten Kriterien erfüllen können und bestimmte psychische Erkrankungen (z. B. Depressionen, Ängste) regelmäßig funktionelle Störungen begleiten.

Terminologie/Bezeichnung und diagnostische Kriterien Die Terminologie für funktionelle Störungen ist seit langem verwirrend und umstritten. Es werden viele verschiedene Begriffe zur Beschreibung der funktionellen Störungen verwendet. Manchmal werden funktionelle Störungen gleichgesetzt oder mit Diagnosen wie „somatoformen Störungen“, „medizinisch unerklärlichen Beschwerden“, „psychogenen Beschwerden“ oder „Konversionsstörungen“ verwechselt. Hervorzuheben ist, dass einige dieser Begriffe heute nicht mehr zutreffen und als stigmatisierend betrachtet werden.

Derzeit enthält die 11. Version des Internationalen Klassifikationssystems der Krankheiten (englisch International Classification of Diseases, kurz ICD-11) spezifische diagnostische Kriterien für bestimmte Störungen, die von vielen Fachpersonen als funktionelle somatische Störungen betrachtet werden (z. B. Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen in verschiedenen Körperregionen bzw. Fibromyalgie, dissoziative neurologische Erkrankungen; WHO, 2022).

Eine Praxis ist es, diagnostische Klassifizierungssysteme für medizinische und psychische Störungen zu trennen. In der 5. Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen (sog. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-5) wurde der Begriff „somatoforme Störung“ (DSM-IV) durch „somatische Belastungsstörung“ ersetzt, d. h. eine Störung, die durch anhaltende körperliche Beschwerden und damit verbundene psychische Probleme gekennzeichnet ist. Und zwar in einem Ausmaß, dass sie die Bewältigung des Alltags beeinträchtigt und Leiden verursacht. Die „Bodily Distress Disorder“ ist ein verwandter Begriff in der ICD-11. Die Diagnosen der DSM-5 somatischen Belastungsstörung und der neueren ICD-11 Bodily Distress Disorder/Somatische Belastungsstörung werden häufig dann vergeben, wenn eine Person mit (einer) funktionellen Störung(en) von psychotherapeutischen Behandlungen profitieren würde. Es ist zu beachten, dass Menschen mit Körperbeschwerden, die durch organische/somatische Erkrankungen wie z. B. Krebs erklärt werden, zusätzlich auch die Kriterien für die Diagnosen von funktionellen Störungen und somatischen Belastungsstörungen erfüllen können.

Erklärungsmuster Funktionelle Syndrome können häufig keinem gängigen Erklärungsmuster zugeordnet werden. Oft lassen sich für die subjektiven Beschwerden des Patienten keine objektiv nachweisbaren Ursachen finden, wie z. B. entzündliche Veränderungen des Magens als objektiv nachweisbare Ursache von Verdauungsstörungen.Hans-Georg Gadamer: Über die Verborgenheit der Gesundheit. Bibliothek Suhrkamp, Band 1135, Frankfurt am Main 1993, Vorwort, S. 7 („Daß es Grenzen der Meßbarkeit gibt, hat uns die Physik unseres Jahrhunderts gelehrt.“), dgl. Kap. Theorie, Technik, Praxis, S. 11 ff. und Kap. „Leiberfahrung und Objektivierbarkeit“, S. 95. Aufgrund fehlender ätiologischer Korrelation als „funktionell“ klassifizierte Syndrome weisen u. U. auf die selten ausdrücklich thematisierte, aber doch verbreitete Schwierigkeit eines operationalisierten medizinischen Vorgehens hin. Operationalisierbar sind auch psychometrische Verfahren sowie psychopathologische Befunde. Letztere werden nach Karl Jaspers mittels phänomenologischer Methodik erhoben.Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage. Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8, (a) zu „phänomenologische Methodik“: S. 41, 47 ff.; (b) zu „einlinige Kausalität“: 3. Teil: Die kausalen Zusammenhänge des Seelenlebens (erklärende Psychologie) Abs. b) Mechanismus und Organismus, S. 376; (c) zu „Nosologie“: 4. Teil: Die Auffassung der Gesamtheit des Seelenlebens, S. 464 ff. Diese Verfahren sollen die subjektiven Angaben und Klagen besser klassifizierbar und damit nachvollziehbar machen. Aber gerade dann, wenn sich hieraus kein sinnfälliges Ergebnis ableiten lässt, ergeben sich die eingangs genannten Schwierigkeiten diagnostischer und therapeutischer Art. Operationalisierte Vorgehensweisen entsprechen in der Regel einem gängigen nosologischen Ordnungsschema.

mini|Psychophysische Korrelation oder Regelkreis auf der animalischen Stufe

Ein Erklärungsmuster für das gleichzeitige Vorliegen ganz unterschiedlicher (polysymptomatischer) oder einzelner sehr bestimmter (monosymptomatischer) Krankheitszeichen ist die psychophysische Korrelation. Körperliche Schädigungen können subjektive Beschwerden auslösen (Erklärungsmuster der Pathologie). Umgekehrt können auch Störungen des subjektiven psychischen Befindens (sogenannte mentale Zustände) körperliche Läsionen bewirken, siehe nebenstehende Abbildung. Diese Fragen sind u. a. Gegenstand der Psychosomatischen Medizin. Es wird daher von „psychosomatischen Beschwerden“ (Abwärtseffekt) und von „somatopsychischen Beschwerden“ (Aufwärtseffekt) gesprochen. In der Philosophie werden diese Fragen als Leib-Seele-Problem benannt. – Wenn Wirkungen auf eine naturwissenschaftlich-physikalische Ursache zurückzuführen sind, wird von einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang gesprochen (Kausalitätsprinzip). Diagnostische und therapeutische Probleme entstehen aber häufig dann, wenn z. B. aufgrund einer betont naturwissenschaftlichen Einstellung von einer nur „einlinigen Kausalität“ ausgegangen wird, nämlich im Sinne einer ausschließlichen Ursache-Wirkungs-Beziehung des „Aufwärtseffekts“ bei ›allen‹ Krankheitssymptomen (Maschinenparadigma). Dazu ist mit Karl Jaspers zu sagen:

Beispiele funktioneller Störungen: