Das Kernkraftwerk Temelín (tschechisch Jaderná elektrárna Temelín; Abk. JETE, seltener auch JET oder ETE) nahe Temelín ist hinsichtlich der Leistung mit 2164 MW das größte Kraftwerk in Tschechien, es entstand zur Zeit der Tschechoslowakei und wird vom Eigentümer ČEZ betrieben. Temelín beherbergt bisher zwei Reaktorblöcke, die 2002 bzw. 2003 in den kommerziellen Betrieb gingen, und voraussichtlich 80 Jahre lang laufen sollen.

Der Bau weiterer Blöcke ist vorgesehen. Außerdem ist geplant, bis 2032 auf dem Kraftwerksgelände den neuen „Nuklearpark Südböhmen“ aus kleinen modularen Reaktoren zu errichten. Diese werden mit jeweils bis zu ähnlich leistungsstark ausgelegt wie frühere konventionelle Reaktoren.

Standort mini|links|Ein Modell von Temelín im dortigen Infozentrum. Die hellgrüne Fläche rechts von den fertiggestellten Blöcken war bis 2014 für eine Erweiterung um zwei Blöcke vorgesehen. Das Kraftwerk liegt in der Nähe der Ortschaft Temelín, 24 km nördlich von Budweis in der Region Südböhmen, 50 km von der österreichischen und 60 km von der deutschen Grenze entfernt. Das Gelände des Kraftwerks ist 1,45 km² groß, davon sind 1,23 km² umzäunt.http://www.je-temelin-dukovany.cz/je-temelin-lokalita.htm (tschechisch) Über die Bahnstrecke Číčenice–Týn nad Vltavou ist das Kraftwerk an das Schienennetz angebunden.

Das Gebiet war als Standort für den Bau eines Kernkraftwerks in vielerlei Hinsicht geeignet: der Wasserbedarf der Turbinen und des Kühlsystems kann durch die Nähe zur Moldau (5 km westlich) und der eigens dafür errichteten Talsperre Hněvkovice gedeckt werden. Es ist hoch gelegen (500 m ü. d. M.), so dass keine Flutgefährdung besteht. Das Gelände ist geologisch stabil und seismisch ruhig (Böhmische Masse).

Das Kraftwerk Temelín liegt im Südwesten des Landes. Aus ökonomischer und energetischer Sicht können die Regionen einfacher versorgt werden, die von anderen Kraftwerken (v. a. den Kohlekraftwerken Nordböhmens) weit entfernt sind.

Geschichte Bau des Kraftwerks mini|links|Die Kühltürme und der Sicherheitszaun des Kraftwerks 1979–1980 fiel die Entscheidung, ein Kraftwerk zu bauen, das aus vier WWER-1000/320-Druckwasserreaktoren bestehen sollte. Der Bau begann im März 1987. Nach der Samtenen Revolution entschied die neue Regierung des Ministerpräsidenten Marián Čalfa 1990, das Projekt zu reduzieren und nur noch zwei Reaktor-Blöcke fertigzustellen. Es folgte eine Neubewertung der Anlage, da das sowjetische Reaktordesign mit den westlichen Normen im Reaktorbau nicht 100 % kompatibel war, mussten zahlreiche Komponenten umgeplant werden, da die tschechische Regierung eine internationale Ausschreibung des Projektes vertrat.

Das Projekt wurde mehrmals durch die IAEO überprüft und unter Vorbehalt einiger Änderungen, wie dem Einbau eines modernen digitalen Sicherheitssystems oder der Errichtung eines Kraftwerkssimulators, für durchführbar befunden. Mit der Ausführung des Projekts wurde Westinghouse beauftragt. Ab 5. Juli 2000 wurde der erste Block zur Inbetriebnahme vorbereitet. Am 9. Oktober 2000 wurde er erstmals in Betrieb genommen, am 8. April 2003 der zweite Block. In den Jahren 2000–2005 kam es im KKW zu 15 Störungen (Stufe 1, niedrigste Stufe nach INES).Výroční zpráva SÚJB 2005, Jahresbericht 2005 (tschechisch, PDF-Datei)

Nach einem Ausschreibungsverfahren unterzeichnete am 16. Mai 2006 ČEZ einen Vertrag mit der russischen TWEL über die Lieferung des Kernbrennstoffes ab 2010. Zu diesem Zeitpunkt lief der bisherige Vertrag mit Westinghouse ab. ČEZ bezog von TWEL bereits den Brennstoff für das Kernkraftwerk Dukovany.

Ausbaupläne Seit Ende 2007 beabsichtigte ČEZ, zwei weitere Reaktoren zu errichten, da man es in den kommenden Jahren Energieproblemen befürchtete und dies die preisgünstigste Lösung sei.Bericht der TAZ vom 10. März 2008 über den Bau der Blöcke 3 und 4 Vom 22. September bis zum 11. Oktober 2008 fand in Bayern und Sachsen das grenzüberschreitende Vorverfahren zur Umweltverträglichkeitsprüfung (kurz UVP) gemäß der Espoo-Konvention statt. Die UVP sah den Bau von zwei Reaktoren mit einer Leistung zwischen 1000 und 1600 MW vor. Der Anti-Atom-Beauftragte des Landes Österreich, Radko Pavlovec, kritisierte die Reaktorbaulinien, die für das Projekt angedacht waren, da keine dieser Linien bereits im Betrieb erprobt worden war. Anfang August 2009 wurde das Ausschreibungsverfahren für den Bau der Reaktorblöcke eröffnet. Umweltgruppen aus Österreich, Bayern und Tschechien hofften, durch Proteste gegen ein Endlager in Tschechien den Ausbau der Anlage verhindern zu können.Temelin: Auswahlverfahren ausgeschrieben ORF, 4. August 2009.

Im Mai 2013 äußerte der tschechische Finanzminister Miroslav Kalousek Zweifel an der wirtschaftlichen Rentabilität des Ausbaus. Dieser sei unter den damaligen Umständen „eine ökonomisch außerordentlich riskante Investition“, wodurch die Sicherheit, dass sich der Bau auch amortisiere, zurückgegangen sei. Demnach habe auch der zukünftige Betreiber ČEZ, Zweifel an der Rentabilität und deshalb eine staatliche Bürgschaft angefordert. Diese sollte die Differenz zwischen den Stromgestehungskosten des Kraftwerks und den Marktpreisen decken, falls das Kraftwerk nicht zu Marktpreisen produzieren könne und könne Kalousek zufolge den Staat teuer zu stehen kommen. Auch Außenminister Karel Schwarzenberg forderte eine Neukalkulation der Wirtschaftlichkeit. Während die Börsenstrompreise deutlich gefallen seien, sei es aufgrund neuer Sicherheitsmaßnahmen infolge der Nuklearkatastrophe von Fukushima zu Verteuerungen bei der Entwicklung der Kraftwerke gekommen. Premierminister Petr Nečas und Wirtschaftsminister Martin Kuba kritisierten diese Äußerungen und sprachen sich für den Neubau aus.Debatte über Temelin-Ausbau in Prag. In: Deutschlandradio. 29. Mai 2013. Abgerufen am 29. Mai 2013.Finanzminister Kalousek zweifelt Effizienz des Ausbaues von Temelín an. In: Radio Prag. 27. Mai 2013. Abgerufen am 29. Mai 2013. Im Juli 2013 legte die tschechische Regierung die Pläne vorerst auf Eis.. In: Industriemagazin. 23. Juli 2013. Abgerufen am 23. Juli 2013.AKW Temelin wird nicht ausgebaut. In: Salzburger Nachrichten. 22. Juli 2013. Abgerufen am 23. Juli 2013. Im April 2014 erklärte ČEZ die Erweiterungspläne für beendet und sagte den drei Herstellern Westinghouse, Areva und einem russisch-tschechischen Konsortium ab. Das Projekt rechne sich nicht, insbesondere nachdem die tschechische Regierung zuvor Subventionen in Form von Einspeisevergütungen oberhalb des Marktpreises ausgeschlossen hatte.Aus für neue Reaktoren in Temelín. In: Süddeutsche Zeitung. 10. April 2014. Abgerufen am 10. April 2014.

Seit 2022 ist wieder vorgesehen, das Kraftwerk um die beiden Blöcke 3 und 4 zu erweitern. Der Betreiber ČEZ plante Stand 2023 außerdem, bis 2032 auf dem Kraftwerksgelände einen neuen Atompark mit dem Namen „Nuklearpark Südböhmen“ aus 300 MW starken kleinen modularen Reaktoren von GE Hitachi Nuclear Energy zu errichten. Im Oktober 2024 wurde bekannt, dass sich ČEZ an Rolls-Royce beteiligen und im Nuklearpark den Reaktor errichten will, den Rolls-Royce unter der Bezeichnung SMR, allerdings mit einer Leistung von 470 MWe zu entwickeln plant.

Im Dezember 2024 wurde von der tschechischen Regierung eine Umweltverträglichkeitsprüfung und vorab ein Scoping-Verfahren unter dem Titel "Neue SMR-Kernkraftanlage am Standort Temelin" eingeleitet. Aus den dazu veröffentlichten Unterlagen geht hervor, dass Rolls-Royce SMR seinen Reaktor nun mit einer Leistung von 498 MWe zu entwickeln angibt, was für einen SMR ziemlich viel ist – damit hätte ein solcher Reaktor etwa dieselbe Leistung wie ein Dukovany-Reaktor. Noch zwei weitere Reaktoren, die als Optionen für den Nuklearpark in Temelin genannt werden, liegen über der SMR-Definition der IAEA (bis zu 300 MWe): Für das AKW-Modell von Westinghouse werden 330 MWe, das von EDF 340 MWe angegeben.https://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/themen/energie/kernenergie/verfahren/tschechien/ete_smr_uvp/scoping/de/ete_smr_scoping_neue_kernkraftanlage_smr_temelin.pdf

Technische Daten Auf dem etwa 125 Hektar großen Areal des Kernkraftwerks befinden sich neben allgemeinen Einrichtungen wie dem Verwaltungsgebäude, dem Trainings- bzw. Ausbildungsgebäude, den Werkstätten und dem Sicherheitszentrum zahlreiche Einrichtungen die für den Betrieb einer solchen Anlage notwendig sind. Beispielsweise sind Gebäude zur Kühlwasseraufbereitung, Lagerhallen und 4 Kühltürme mit einer Höhe von je 155 m und einem Durchmesser von 130 m vorhanden.

Bei eventuellen Störungen stehen u. a. die Notstromversorgung, bestehend aus Dieselgeneratoren, eine Brandschutzstation und eine eigene Poliklinik bereit.

Die Reaktorgebäude Das Herzstück des Kraftwerks bilden zwei Blöcke, die separat voneinander betrieben werden. Jeder Block besteht aus einem Reaktorgebäude und einem Maschinengebäude.

Die Reaktorgebäude sind nur über Sicherheitsbrücken erreichbar und enthalten je eine Blockwarte in der rund um die Uhr ein Blockleiter sowie zwei Operatoren arbeiten.

In jedem Reaktorgebäude befindet sich auch das sogenannte Containment mit einer Wandstärke von 1,2 m, dem Innendurchmesser 45 m, der Höhe 38 m und einer 8 mm starken Stahlauskleidung. Das Containment ist hermetisch abgeriegelt und enthält den gesamten radioaktiven Teil des Kraftwerkes, also den Reaktor sowie alle zugehörigen Systeme wie auch den gesamten Primärkreislauf.

Die beiden Druckwasserreaktoren des Kraftwerks sind vom Typ WWER 1000/320 und haben je eine thermische Leistung von 3000 MW. Laut ČEZ sind alle sicherheitsrelevanten Einrichtungen des Reaktorgebäudes dreifach redundant vorhanden.

Der aus den Reaktorgebäuden kommende Frischdampf wird in dem jeweiligen Maschinenraum durch eine Turbine geleitet, die einen Turbogenerator mit einer Spannung von 24 kV antreibt, die anschließend auf 400 kV transformiert und in die zwei Kilometer entfernte Schaltanlage Kočín geleitet wird. Insgesamt kann pro Block eine Leistung von etwa 1013 MW erreicht werden.

Zuverlässigkeit Im Power Reactor Information System (PRIS), der IAEA der IAEA werden auch die Betriebsdaten der Reaktoren in Tschechien publiziert. Der „Operating Factor“ (OF) dokumentiert den Anteil der Betriebszeit mit Stromeinspeisung an der Gesamtdauer eines Jahres: beide Temelin-Reaktoren stehen in etwa so häufig zur Stromerzeugung bereit wie der weltweite Durchschnitt. Block 1 erreicht über seine Gesamtbetriebszeit bis 2024 einen mittleren Operating Factor von 77,3 %, Block 2 einen Operating Factor von 79,2 %. Die Einsatzgrade der Reaktoren in Temelin haben sich allerdings in den vergangenen Jahren verbessert. So war das Kraftwerk anfangs von seinem Einsatzgrad her etwa mit Biblis vergleichbar (Block A: 68 %, Block B: 73 %). In den Jahren 2020–2023 hatten Temelin-1 und Temelin-2 laut PRIS bereits einen OF von 82–85 % respektive 84–85 %. Andere moderne Druckwasserreaktoren wie der koreanische OPR-1000, der kanadische Candu 6 oder der deutsche Konvoi erreichen Einsatzgrade von um die 90 %.IAEA - Nuclear Power Reactors in the World - 2010 Edition - Vienna 2010.

Widerstände gegen das Kraftwerk Der Bau und Betrieb des Kraftwerks verursachte eine Vielzahl an Protesten und eine zeitweise Verschlechterung des politischen Klimas zwischen Tschechien und dem benachbarten Österreich.Milan Znoj: Das Atomkraftwerk Temelín, ein schwieriges Thema in den tschechisch-österreichischen Beziehungen. In: Stefan Karner, Michal Stehlík (Hrsg.): Österreich. Tschechien. geteilt - getrennt - vereint, Beitragsband und Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung 2009. Schallaburg 2009, ISBN 978-3-901661-28-0.

Proteste von tschechischer Seite mini|Die beiden Reaktorgebäude