mini|hochkant=1.5|Fassadenwerbung an einem Wohnhaus in Mainz-Kastel an der Taunus-Eisenbahn für die ehemalige Mainzer Rhein-Zeitung: Nach der Aufgabe von Unternehmen und Marken ist permanent aufgetragene und deshalb schwer entfernbare Werbung an Gebäuden unerwünscht und beeinträchtigt das Erscheinungsbild von privaten Wohnungen Als Werbekritik bezeichnet man die Kritik an der Werbung, insbesondere wird eine Kommerzialisierung aller Gesellschaftsbereiche, die Privatisierung des öffentlichen Raumes, Anheizen des Konsums und Verschwendung von Ressourcen und damit ein schädlicher Einfluss auf Lebensweisen und Umwelt vorgebracht. Die Kritik bezieht sich auf politische Aspekte (Medienabhängigkeit, Meinungsfreiheit, Zensur), finanzielle (Kosten) und ethische Aspekte (z. B. unbewusste Beeinflussung, Verlust an Privatsphäre, Anwachsen des Konsums und der Verschwendung).
Kommerzialisierung und Verbreitung Auf Kritik stößt die Allgegenwärtigkeit von Werbung in modernen, kommerzialisierten Gesellschaften; Menschen können sich kaum im öffentlichen Raum bewegen oder Medien nutzen, ohne sich Werbung auszusetzen.Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. (Klappentext.) Der international bekannte Werbekritiker Kalle Lasn bezeichnet Werbung als „unter den geistigen Verschmutzungen die verbreitetste und giftigste“; in Nordamerika erreichten täglich etwa 3000 Werbebotschaften jeden einzelnen Menschen, insgesamt seien es pro Tag etwa 12 Mrd. und über 200.000 im Fernsehen.Kalle Lasn in: Culture Jam: The Uncooling of America, William Morrow & Company. 1999, ISBN 0-688-15656-8. Das Agenda-Setting der Werbung dominiert die öffentliche Aufmerksamkeitsökonomie zu Lasten kommerz- und werbefreier, der Muße und Entspannung dienender Bereiche. Immer aufdringlicher wird Werbung auch in der Privatsphäre.Ulrich Eicke in: Die Werbelawine. Angriff auf unser Bewußtsein. München 1991.
Es gehört zum betriebs- und volkswirtschaftlichen Standardwissen, dass die Werbung eine der Grundlagen der wachstumsorientierten, kapitalistischen Wirtschaft ist.Robert W. McChesney: The Political Economy of Media. Enduring Issues, Emerging Dilemmas, S. 265. Für den Kommunikationswissenschaftler Manfred Knoche ist Werbung notwendiges Lebenselixier für Medienwirtschaft, Wirtschaft und den Kapitalismus insgesamt. Werbung und Massenmedien erfüllen neben ökonomischen Funktionen auch die der Ideologieproduktion. Knoche beschreibt ‚Produkt- und Markenwerbung‘ als ‚Waffen‘ im Konkurrenzkampf der Warenproduzenten um die Käufer und Branchenwerbung, etwa von Automobilherstellern, als Mittel, um gemeinsame Interessen gegenüber anderen Anbietergruppen, etwa der Bahn, zu vertreten.Manfred Knoche: Werbung – ein notwendiges „Lebenselixier“ für den Kapitalismus: Zur Kritik der politischen Ökonomie der Werbung. In: Wolfgang Seufert, Jörg Müller-Lietzkow (Hrsg.): Theorie und Praxis der Werbung in den Massenmedien. Nomos, Baden-Baden 2005, S. 239–255.
Nach Meinung von Christopher Lasch führt Werbung zu einer Zunahme des Gesamtkonsums in der Gesellschaft; sie diene „nicht so sehr der Bewerbung von Produkten als der Förderung des Konsums als eine Lebensart.“Christopher Lasch: The Culture of Narcissism: American Life in an Age of Diminishing Expectations. Norton, New York, ISBN 978-0-393-30738-2.
Vereinnahmung des öffentlichen Raumes Jeder optisch wahrnehmbare Ort ist ein potentieller Werbeträger. Insbesondere Städte mit ihren Baulichkeiten, aber auch Landschaften dienen als Medien für Werbung. Neben traditionellen Plakaten werden auffälligere Orte benutzt wie zum Beispiel ganze Fahrzeugkarosserien oder Gebäudefassaden. Die fortschreitende Normalisierung aufdringlicher Werbung stumpft die Wahrnehmung ihrer Umgebung durch die Öffentlichkeit ab, wodurch laut werbekritischen Aktivisten das generelle Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber Kreativität und Wandel verstärkt wird. Das erlaube Werbern, die Sättigung der Konsumenten durch Werbung zu steigern, ohne dass sich öffentlicher Widerstand formiert.Our mission. In: AntiAdvertisingAgency.com (englisch).
Öffentliche Räume werden von Werbung besetzt, insbesondere stark frequentierte, die teilweise – wie Piccadilly Circus oder Times Square – für das Image und die Identität einer Stadt wichtig sind. Dadurch werden sie, so Georg Franck, privatisiert;Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. Vortrag gehalten beim Philosophicum Lech 2002. einige Architekten und Stadtplaner sprechen von einer Verschandelung ohne Rücksicht auf historische Strukturen. Der Architekt Hans Hollein kämpfte gegen Werbeschriften an seinen Gebäuden.Hans Haider: Falsche Leuchtzeichen von der Brücke. In: Wiener Zeitung, 26. Februar 2010.
Wirtschaftliche Abhängigkeit der Medien Bei fast allen Massenmedien handelt es sich um Werbeträger, viele davon sind hauptsächlich Werbeträger und, mit Ausnahme des überwiegend oder vollständig gebührenfinanzierten Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, im privaten Eigentum. Das Einkommen der privaten Medien basiert großenteils, überwiegend und manchmal ganz auf Werbeeinnahmen, wie beispielsweise bei Gratiszeitungen oder privaten Rundfunksendern, bei Zeitungen und Zeitschriften bis zu 50 bis 80 Prozent. Aber auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann bei Werbeeinnahmen von bis zu 40 Prozent von einer Abhängigkeit gesprochen werden.Gabriele Siegert, Dieter Brecheis: Werbung in der Medien- und Informationsgesellschaft. Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, ISBN 3-531-13893-6. Deshalb weisen Kritiker darauf hin, dass kein Medium, das Werbung verbreitet, unabhängig sein kann und je größer der Werbeanteil ist, desto höher ist auch die Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit hat „ganz bestimmte Auswirkungen auf Art der Medieninhalte […] In der Wirtschaftspresse werden die Medien häufig genau als das bezeichnet, für das sie sich in ihren offenen Momenten ausgeben: als einen Zweig der Werbeindustrie“.Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 256. Die privaten Medien unterliegen einer zunehmenden Konzentration, wobei die Besitzverhältnisse oftmals verworren oder undurchsichtig sind. Diese Entwicklung stellt laut Kritikern eine „laufende Bedrohung der demokratischen Kultur dar“.Henry A. Giroux, McMaster University, Hamilton, Kanada, im Vorwort zu Sut Jhally: The Spectacle of Accumulation. Fünf oder sechs Werbeagenturen dominieren die 400 Milliarden US-Dollar umsetzende globale Werbeindustrie; „Journalisten stehen schon lange unter dem Druck, Berichte so zu gestalten, dass sie den Werbenden oder den Eigentümern passen“, da die Gefahr des Auftragsentzuges besteht.Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 43. Der Einfluss eines Werbekunden betrifft nicht nur Information über ihn oder seine Produkte selbst, sondern auch Inhalte von Sendungen und Artikeln, sogar von Beiträgen, die nicht direkt mit dem Werbekunden zu tun haben. Kritisiert wird auch die Weigerung von Medien, Werbung anzunehmen, die nicht in ihrem Interesse ist. Ein Beispiel hierfür ist die Weigerung von Fernsehstationen in den USA und Kanada, Spots von Adbusters zu verbreiten.James H. Ewert: In: In These Times, 4. April 2008 (englisch).
Im privaten Rundfunkwesen entscheidet grundsätzlich die Quote über das Programm; in den Vereinigten Staaten werden Programminhalte schon seit den 1930er Jahren von Unternehmen bestimmt, als Procter & Gamble erstmals eine Serie als Werbemedium für eine Waschmittelmarke konzipieren ließ und damit das Genre der Seifenoper schuf. In einem Beispiel unverhohlener Einflussnahme berief im Jahr 2000 der amerikanische Fernsehsender USA Network „auf der höchsten Führungsebene inoffizielle Termine ein, um zu erfahren, welche Sendeinhalte Unternehmen wünschten, damit sie ihre Werbeaufträge erteilten.“Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 271. Sendungen des Werbefernsehens werden zugeschnitten, getaktet und inhaltlich so gestaltet, dass sie auf die Bedürfnisse der Werbung passen, zum Beispiel die Einteilung in passende Abschnitte.
Für Werbekritiker besteht ein anderes wichtiges Problem darin, dass in den Medien die Grenzen zwischen Werbung und den übrigen redaktionellen Beiträgen verschwimmen,Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 270, 272. was die publizistischen Aufgaben und Freiheiten in den Augen der Kritiker gefährdet. Aufgrund dieser Abhängigkeiten ist eine öffentliche Grundsatzdebatte über Werbung und ihren Einfluss auf Information und Meinungsfreiheit erschwert. Robert McChesney stellte fest, dass die negativen Folgen der Werbung für die Demokratie „aus dem Spektrum legitimer Debatten ausgegrenzt“ würden.Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 235, 237.
Kultur und Sport Aufführungen, Ausstellungen, Konzerte, Kongresse und die meisten sonstigen Veranstaltungen kommen praktisch nicht mehr ohne Sponsoren aus. Durch den Rückzug der öffentlichen Hand werden Kunst und Kultur zunehmend von der Privatwirtschaft abhängig. Kunst und Kultur werden in den Dienst der Verkaufsförderung gestellt. Wo Sponsoren die Finanzierung öffentlich getragener Kultur übernehmen, kaufen sie die Dienstleistung der Attraktion. Künstler werden danach beurteilt und bezahlt, inwiefern ihre Kunst kommerzialisierbar ist.Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 276.
Es gibt nur noch wenig Raum außerhalb der Konsumwirtschaft, in dem sich Kultur und Kunst unabhängig entfalten und alternative Werte verfolgen können. Für Sut Jhally führte das wirtschaftliche Bestreben, den Konsum zu maximieren, zur Übernahme von mehr und mehr Raum für Werbung in der Kultur. So seien die Massenmedien zu Vermarktungsinstanzen geworden mit dem Hauptzweck, Zuschauer und Zuhörer für die Werbung zu gewinnen. Nicht nur die vermittelte Werbung, sondern auch das tragende Programm stütze die Konsumgesellschaft. Das Filmwesen sei heute durch Strategien wie Lizenzvergaben, „Tie-ins“ (Einbindungen) und Produktplatzierungen völlig integriert. Eine wichtige Funktion vieler Hollywoodproduktionen liege heute im Verkauf von Waren, was Einfluss auf die Realisierbarkeit von Filmen hat.Sut Jhally: Advertising at the edge of the apocalypse; Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 269, 270.
Aufgrund der Knappheit öffentlicher Mittel wetteifern Galerien, Museen und Orchester um Sponsoren. Städte wie New York, akzeptieren Sponsoren für öffentliche Spielplätze.Stephen Mularz: (PDF, englisch). Der Bildungsbereich, insbesondere Schulen und Universitäten, steht unter starkem Druck, sich der Wirtschaft und ihren Interessen zu öffnen.Sut Jhally in: Stay Free Nr. 16, On Advertising, 1999.
Leistungssport ist ohne Sponsoring undenkbar geworden und es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Einerseits können hohe Werbeeinnahmen nur bei entsprechendem Zuschauerinteresse erzielt werden. Andererseits führen schlechte Leistungen der Sportler zu sinkenden Zuschauerzahlen und damit zu weniger Einnahmen. Jürgen Hüther und Hans-Jörg Stiehler sprechen von einem Sport/Medien-Komplex als Aggregat von Medien, Agenturen, Management und Sportveranstaltern mit teils gemeinsamen, teils divergierenden, auf jeden Fall aber kommerziellen Interessen.Robert W. McChesney: The Political Economy of Media, S. 213. Übertragungsrechte, Sponsoring und Merchandising im Profisport tätiger Verbände und Vereine übertreffen an Einnahmen den Verkauf von Eintrittskarten. Die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen hat den Sport verändert; Trendsportarten wurden in die Olympischen Spiele aufgenommen, Wettkampfdistanzen und Regeln geändert, Sportstadien nach Konzernen benannt und ein Starkult um Sportler aufgebaut. Die „Anpassung an die Logik der Medien“ bringt laut Jürgen Hüther und Hans-Jörg Stiehler sportliche Werte wie Chancengleichheit und Fairness in Gefahr und sorgt für eine mögliche Überforderung der Sportler durch öffentlichen Druck, der zu Manipulation wie Doping führen könne.Jürgen Hüther, Hans-Jörg Stiehler: Merz. Zeitschrift für Medien und Erziehung. Heft 6/2006: merzWissenschaft – Sport und Medien.