Die Einzelgrabkultur (EGK; ) ist die Bezeichnung der regionalen Ausprägung der Schnurkeramischen Kultur. Sie datiert ca. 2850 bis 2250 v. Chr.Eva Hübner: Jungneolithische Gräber auf der Jütischen Halbinsel. Kopenhagen 2005, ISBN 87-87483-72-6, S. 660, Abb. 477. Dies entspricht dem Endneolithikum in süd- und mitteldeutscher Terminologie. In norddeutscher Terminologie wird diese Epoche als Jungneolithikum und in südskandinavischer Terminologie als Mittelneolithikum B bezeichnet.Iversen 2015: R. Iversen, The Transformation of Neolithic Societies. An Eastern Danish Perspective on the 3rd Millennium BC. Jysk Arkæologisk Selskabs Skrifter 88 (Aarhus 2015).
Verbreitungsgebiet Das Gebiet der Einzelgrabkultur erstreckte sich von Jütland über Norddeutschland bis in die Niederlande im Westen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt im Süden und Nordpolen im Osten.Struve 1955: K. W. Struve, Die Einzelgrabkultur in Schleswig-Holstein und ihre kontinentalen Beziehungen. Offa-Bücher N. F. 11 (Neumünster 1955). Auf den dänischen Inseln wird nicht von der Einzelgrabkultur gesprochen, da eine entsprechende Kultur hier nur sporadischhttps://natmus.dk/historisk-viden/danmark/oldtid-indtil-aar-1050/bondestenalderen-4000-fkr-1700-fkr/enkeltgravskulturen/hoeje-med-enkeltgrave/ vorkommt.
Chronologisch kulturelle Einbindung mini|Verbreitungsgebiet, hier „Corded Ware“ Im nördlichen Mitteleuropa folgt die EGK der Trichterbecherkultur (TBK) und wird vom Spätneolithikum (SN, Dolchzeit) abgelöst. In Südschweden folgt auf die TBK die Bootaxtkultur.Malmer 1962: M. P. Malmer, Jungneolithische Studien. Acta archaeologica Lundensia 2 (Bonn 1962). In Deutschland schließen sich mit der Oderschnurkeramik im Odermündungsgebiet oder der Saaleschnurkeramik weitere schnurkeramische Gruppen an. Hier ist weiterhin auf die Schönfelder Nordgruppe und die Glockenbecherkultur (GBK; 2500 bis 2000 v. Chr.) hinzuweisen.
Forschungsgeschichte Benennung Auf Grundlage der Ausgrabung zahlreicher Grabhügel in Schleswig-Holstein erkannte die Archäologin Johanna Mestorf, dass die dortige neolithische Kultur in eine ältere Phase mit Megalithgräbern (Trichterbecherkultur) und eine jüngere Phase mit Einzelgräbern zu differenzieren ist. Das auffällige Merkmal des Einzelgrabes wurde namensgebend für diese archäologische Gruppe. Ihre Ergebnisse publizierte sie 1889 und 1892.Mestorf 1889: J. Mestorf, Steinaltergräber unter Bodenniveau und ohne Steinkammer. Zeitschrift für Ethnologie 21, 1889, 468–474.
Wichtige Publikationen Bereits 1898 stellte der dänische Forscher Sophus Müller eine erste Gliederung der auffälligsten Artefaktgruppe – die Streitäxte – vor.Müller 1898: S. Müller, De jydske Enkeltgrave fra Stenalderen. Aarbøger København 1898.
Für die darauffolgenden Jahrzehnten sind folgende wichtige Akteure zu nennen: N. Åberg (1918), J. E. Forssander (1933) für den südskandinavischen Raum sowie A. Tode (1935) und G. Schwantes (1939) für den deutschsprachigen Raum. Die Gliederung S. Müllers wurde von Peter Vibe Glob (1944) verfeinert.Glob 1944: P. V. Glob, Studier over den jyske Enkeltgravskultur. Aarbøger 1944. Die von Glob erarbeitete Typochronologie der Streitäxte, aber auch der Keramikformen und Grabtypen ist heute noch teilweise im Gebrauch, besonders in der skandinavischen Forschung. Karl Wilhelm Struve übertrug Globs Ergebnisse auf Schleswig-Holstein. Glob und Struve bilden das heutige Fundament vieler Studien.
Ausführliche Kataloge für andere Regionen wurden wesentlich später erstellt. 1990 für das Elbe-Weser-DreieckStrahl 1990: E. Strahl, Das Endneolithikum im Elbe-Weser-Dreieck. Veröffentlichungen der urgeschichtlichen Sammlungen des Landesmuseums zu Hannover 36 (Hildesheim 1990). und für das nördliche Sachsen-AnhaltBeran 1990: J. Beran, Funde der Einzelgrabkultur im Bezirk Magdeburg. In: J. Preuss (Hrsg.), Neolithische Studien 4 (Halle [Saale] 1990)., 1991 für Mecklenburg-Vorpommern.Jacobs 1991: J. Jacobs, Die Einzelgrabkultur in Mecklenburg-Vorpommern. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns 24 (Schwerin 1991). E. Hübner verifizierte die typochronologische Signifikanzen Globs und erstellte einen detaillierte Katalog der Grabbefunde (Grabhügel, keine Nachbestattungen in Megalithgräbern). Sie behielt die typologische Ansprache der Streitäxte bei, veränderte allerdings jene der Gefäßkeramik.
Weitere relevante Studien sind Furholt 2003Furholt 2003: M. Furholt, Die absolutchronologische Datierung der Schnurkeramik in Mitteleuropa und Südskandinavien. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 101 (Bonn 2003)., Brozio 2012Brozio 2012: J. P. Brozio, Bestattungen der Einzelgrabkultur an der Ilmenau (Nordostniedersachsen). Teil B. In: J. P. Brozio/F. Hage, zwei Studien zu den neolithischen und bronzezeitlichen Grabanlagen der Lüneburger Heide. Verlag Marie Leidorf GmbH (Rahden/Westfalen 2012), 23–134 und Schultrich 2018. Ersterer hat alle bis dato verfügbaren 14C-Daten gesammelt und bewertet, letztere beiden Studien haben die Funde und Befunde in ausgewählten Regionen (Nordostniedersachsen bzw. Schleswig-Holstein) aufgearbeitet. Eine neue Studie Brozios hat die Chronologie Hübners für Norddeutschland justiert.
Gliederung In Jütland lassen sich drei Phasen unterscheiden: In der Untergrabzeit sind die Gräber eingetieft, in der Bodengrabzeit ebenerdig und in der Obergrabzeit über Bodenniveau angelegt. Häufige Nachbestattungen in den Hügeln erlauben horizontalstratigrafische Aussagen. Diesen Phasen lassen sich bestimmte Typen von Streitäxten zuordnen, deren Gliederung in zwölf Typen zunächst eine relative und mittlerweile eine absolute Datierung zulassen. Der dänische Rigsantikivar P. V. Glob hat die Beobachtung, dass sog. A-Äxte früh, in die die Untergrabzeit einzuordnen sind, auf den gesamten Bereich der Schnurkeramik angewandt. Dies führte zur Annahme eines gleichzeitigen, gemeineuropäischen A-Horizontes. Dieser wurde mittlerweile falsifiziert.Furholt 2014: M. Furholt, Upending a “Totality”: Re-evaluating Corded Ware Variability in Late Neolithic Europe. Proceedings of the Prehistoric Society 80, 2014, 67–86. Die ursprünglich von Glob vorgeschlagene Gliederung wurde zumindest für Jütland und Schleswig-Holstein verifiziert und mit absoluten Daten ausgestattet. Das Jungneolithikum (JN) I entspricht der Untergrabzeit (2850–2600 v. Chr.), das JN II der Bodengrabzeit (2600–2450 v. Chr.) und das JN III der Obergrabzeit (2450–2250 v. Chr.). Für Norddeutschland konnte dies grob, aber nicht in selber Genauigkeit verifiziert werden. Das JN IIIb überschneidet sich mit dem Beginn des Spätneolithikums.
Materielle Kultur Keramik miniatur|Keramik der Einzelgrabkultur Hübner hat die lang genutzte Keramiktypologie Globs, der auch Struve folgte, modifiziert und neue Termini eingeführt. Sie differenziert die Gefäßformen A bis F. In der Kernregion Jütland ist die höchste Formen- und Verzierungsvielfalt zu beobachten.
Der Begriff der A-Becher vereint diverse Formen s-förmig geschweifter Gefäße verschiedener Größe und Verzierung. Hier sind die „klassischen Schnurbecher“ (überregionales Phänomen) des JN I ebenso enthalten wie die späten Riesenbecher (A19). Bereits im JN I lassen sich regionale Unterschiede entdecken. So ist bsp. Der A1-Becher vor allem in Jütland, der A2-Becher in Schleswig-Holstein verbreitet. Beide Varianten vereint, dass Schnurlinien im oberen Bereich des Gefäßes auftreten. Diese Becher sind nicht in den frühesten Bestattungen des JN Ia vorhanden, sondern erst ab dem JN Ib, was die Existenz einer frühen, keramiklosen Phase andeutet. Mit dem JN Ic erweitert sich das Spektrum, indem die Typen A3 bis 6 hinzutreten. In dieser Phase werden zudem sog. Fischgrätenmotive/Tannenzweigmotive häufig, besonders in Schleswig-Holstein.
Im JN II ist als Verzierungstechnik nun gelegentlich der sog. Zahnstock zu beobachten, zudem vergrößert sich die Verzierungszone nach unten. Zudem sind gelegentlich bestimmte Muster zu beobachten, in denen verzierte und unverzierte Zonen sich abwechseln. Es treten Becherformen mit tieferen Bauchumbrüchen hinzu.
Mit dem JN III treten Furchenstich und Cardium als weitere Verzierungstechniken hinzu. In Jütland werden die A-Becher unpopulär und durch B- und C-Becher ersetzt. In Norddeutschland sind Becher der typen A10 bis 19 festzustellen, während B- und C-Becher hier komplett fehlen. Im JN III sind zudem vermehrt unverzierte Becher festzustellen. Dies betrifft auch die gebauchten Becher A17 bis 19 (Riesenbecher), die zur spätneolithischen Sequenz überleiten. In Schleswig-Holstein ist im JN II bis III der A14-Becher häufig, der aufgrund seines deutlich gewölbten Halses auch als Kragenbecher bezeichnet wird. Die von Hübner postulierte ostseenahe Verbreitung dieser Variante wurde falsifiziert.
Die B-Becher sind Becher mit geraden Wänden. Sie sind im Jungneolithikum III Jütlands vorhanden und übersteigen in ihrer absoluten Anzahl jene der anderen Formen des gesamten Jungneolithikums. Außerhalb Jütlands wurden sie bislang nicht im Kontext der Einzelgrabkultur beobachtet. Allerdings sind geradwandige Becher in hoher Anzahl aus Bestattungen der späten Schnurkeramik Mitteldeutschlands und Böhmens bekannt, zudem aus Teilen Polens. neben der Form sind auch einige Verzierungselemente ähnlich den dänischen. Hier sind vertikale Linienmotive und vertikale komplexe Motive hervorzuheben, da vertikale Verzierungen ansonsten den Komplexen Schnurkeramik, Einzelgrabkultur und Glockenbecher unbekannt sind. Das Vorkommen in den verschiedenen Regionen bezeugt einen anhaltenden überregionalen Austausch zwischen der initialen Verbreitung der Schnurkeramik und der späteren Verbreitung von Bronze.
Die C- und D-Becher werden als Siedlungskeramik angesprochen. Aufgrund ihrer überregionalen Signifikanz sind die D3- und D3b-Becher von Interesse. Erstere werde auch Wulstleistentöpfe, letztere auch Wellenleistentöpfe genannt. Diese charakterisieren mittel- und süddeutsche Siedlungsbefunde.Krautwurst 2002: R. Krautwurst, Zur Bedeutung der schnurkeramischen Wellenleistenkeramik. In: J. Müller (Hrsg.), Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels? Tagung Bamberg 14.–16. Juni 2001. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 90 (Bonn 2002) 89–96.
Weiterhin sind Schalen bekannt, die als Typ E angesprochen werden und Amphoren, Typ F. Die Amphoren bilden in anderen Regionen wie Mitteldeutschland und Böhmen eine häufige Fundgattung. In Dänemark sind sie dagegen sehr selten und in Schleswig-Holstein beinahe absent.
Felsgesteingeräte miniatur|Äxte, Beile und Keulenköpfe der Einzelgrabkultur In der Archäologie wird der Begriff Felsgestein in Abgrenzung zu Silices für eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien genutzt. Das Rohmaterial der Streitäxte wurden in verschiedenen Studien analysiert. So wurden in Bereich der Einzelgrabkultur vor allem solche Gesteine genutzt, die in den lokalen Moränen vorkommen. Das häufigste Material sind Diabas (zumindest in Schleswig-Holstein der sog. Åsby-Diabas). Hierneben wurden u. a. Diorite und Basalte genutzt.
Streitäxte Viele archäologische Kulturen sind über ihre Gefäßkeramik definiert, nach außen abgegrenzt und über diese intern (typochronologisch) gegliedert. Für die Einzelgrabkultur sind die Streitäxte als Leitfossil anzusprechen. Die Streitäxte (auch jütische Streitäxte, Einzelgrabäxte) bilden gut differenzierbare Typen, die zudem chronologisch signifikant sind. Generell sind auf Grundlage der Studie Globs und hierauf aufbauend Hübners die Typen A bis L, jeweils mit etlichen Untertypen zu unterscheiden.