Kanji sind die in der japanischen Schrifttradition verwendeten Schriftzeichen chinesischen Ursprungs. Das Wort Kanji wird mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben als , in Hiragana-Schrift als . Die Schriftzeichen, die ausschließlich in Japan erschaffen wurden, heißen Kokuji – – bzw. Wasei kanji – – und sind Teil des japanischen Kanji-Schriftsystems. Diese Schriftzeichen werden wie alle übrigen durch mosaikartige Komposition von chinesischen Schriftelementen zusammengesetzt. Die Nutzung der heute durch die Schriftreform „leicht modifizierten“ Kanji – Shinjitai – in Japan im Vergleich zu China sind letztlich grafische bzw. historische Varietäten derselben Schriftzeichen (vergleiche Allograph). Mit einigen Ausnahmen unterscheiden sie sich nur leicht von den allgemeinen Standardschreibweisen im heutigen Ursprungsland China – KurzzeichenIn der Volksrepublik China (Festlandchina) haben sowohl die vereinfachten Schriftzeichen (Kurzzeichen) als auch die Langzeichen amtlich ihre Gültigkeit. Die Langzeichen werden schulisch nicht gelehrt bzw. als gängige Standardschrift genutzt oder geprüft. Jedoch gehört es weiterhin offiziell zum Schrifttum in China. Es bleibt jedem privat überlassen sich mit den historischen Langzeichen zu beschäftigen, beispielsweise in der chinesischen Kalligraphie, alte historische Schriften o. Ä. – bzw. Taiwan, Hongkong, Macau – Langzeichen. Verwendung Eingegliedert in moderne japanische Hiragana-Texte bezeichnen Kanji heute Nomina oder Wortstämme von Verben und Adjektiven.Elementary Japanese for College Students. Compiled by Serge Eliséeff, Edwin O. Reischauer and Takehiko Yoshihashi. Harvard Univ. Press, Cambridge 1959, Part II, S. 3.

Die frühesten japanischen Texte – Kanbun – sind ausschließlich in Kanji geschrieben. Ein Kanji konnte dabei für ein japanisches Wort, (bedeutungsunabhängig) für einen japanischen Sprachlaut („Lesung“ dieses Kanji) oder auch für einen kleinen Rebus stehen.

Etymologie Das Logogramm in der Bedeutung „Schriftzeichen“ wird im Chinesischen nach Pinyin als zì ()Das Logogramm wird im Hochchinesischen nach Pinyin als zì (zi4) im vierten Ton () ausgesprochen, im Regiolekt Kantonesisch wird das Schriftzeichen nach Jyutping als zi6 (zi6) im sechsten Ton () ausgesprochen. phonetisch realisiert, im Japanischen als ji; d. h. das Wort ji ist letztlich ein chinesisches Lehnwort im Japanischen, obwohl es heute kaum noch als solches wahrgenommen wird.

Das chinesische Schriftzeichen – Pinyin hàn – nimmt Bezug auf die historische Han-Dynastie, die die chinesische Identität prägte. Es erscheint in der japanischen Lautung als kan. Kanji bedeutet also „Schriftzeichen des Han-Volks“.

Chinesische Schriftzeichen mini|klasse=skin-invert-image|Traditionelle und vereinfachte Zeichen Zur Zeit der chinesischen Han-Dynastie wurde das erste Zeichenlexikon – das Shuowen Jiezi – erstellt, nachdem bereits in der vorherigen Qin-Dynastie die chinesische Schrift vereinheitlicht worden war.

Unterschiede zwischen japanischen und chinesischen Schriftzeichen Obwohl die japanischen Kanji aus diesen Schriftzeichen entstanden sind, gibt es heute einige Unterschiede zwischen ihnen – Hanzi () und Kanji ().

Einerseits wurden nicht alle Schriftzeichen übernommen, andererseits wurden einige Zeichen, die sogenannten Kokuji, in Japan entwickelt. Die chinesischen Schriftzeichen wurden sowohl in China als auch in Japan im Laufe der Zeit vereinfacht, in Japan zuletzt 1946 (Shinjitai). Diese Vereinfachungen wurden allerdings nicht zwischen den einzelnen Ländern koordiniert, weswegen eine ganze Reihe von Zeichen heutzutage in drei verschiedenen Varianten existiert – als Langzeichen, Kurzzeichen und als japanische Variante (Shinjitai). In der Praxis werden diese Schriftzeichen einerseits zwischen deren Form als Langzeichen (Taiwan, Hongkong, Macau, Japan, teilweise in Korea) und Kurzzeichen (Volksrepublik China, Malaysia, Singapur), andererseits zwischen deren Ursprung als ländereigene spezifische Schriftzeichen (Kokuji oder Wasei kanji in Japan, Gukja ( – ) oder Hangukje hanja ( – ) in Korea, Hanzi (Kurzz.: Langzz.: ) in China) unterschieden. Die historische japanische Kyūjitai („alte Schriftart“) entspricht weitgehend den Formen der Langzeichen in China. Die Aussprache ist unterschiedlich zum heutigen modernen Hochchinesisch, d. h. modernen Standardchinesisch, jedoch gibt es auch Übereinstimmungen. Eine linguistische Übereinstimmung in der Aussprache ist gelegentlich auch in einer der verschiedenen chinesischen Sprachen, also chinesischen Dialekten bzw. Regiolekten, wiederzufinden. Durch die historische Entwicklung im jeweils eigenen Land weicht die Bedeutung derselben Schriftzeichen manchmal voneinander ab. Während im Chinesischen alle Wörter, auch grammatische Partikeln und Fremdwörter, mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben werden, werden im Japanischen nur bedeutungstragende Elemente wie Nomen und Stämme von Verben und Adjektiven in Kanji geschrieben, den Rest übernehmen die Morenschriftzeichen Hiragana und Katakana.

Geschichte 80px|mini|klasse=skin-invert-image|Kanbun Der älteste Beleg für die Verwendung chinesischer Schriftzeichen in Japan sind Gravierungen auf Bronzeschwertern wie dem Inariyama-Schwert oder dem Siebenarmigen Schwert, die in Hügelgräbern (Kofun) aus dem 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. gefunden wurden. Japan wird auch in chinesischen Quellen aus dem 3. Jahrhundert erwähnt. Die ältesten in Japan gefundenen chinesischen Schriftzeichen stammen aus dem Jahr 57 und finden sich auf dem goldenen Siegel von Na.

Wann die ersten Gelehrten und Bücher aus China und Korea nach Japan kamen und dort die Schriftkultur begründeten, ist nicht genau belegt. Es heißt in japanischen Legenden, dass ein in Baekje wirkender koreanischer Gelehrter namens Wani (, kor. Wang-In, chin. Wángrén) die chinesischen Schriftzeichen im späten 4. Jahrhundert nach Japan brachte.Volker Grassmuck: Die japanische Schrift und ihre Digitalisierung. In: Winfried Nöth, Karin Wenz (Hrsg.): Intervalle 2. Medientheorie und digitale Medien. Kassel University Press, Kassel 1999., ISBN 3-933146-05-4 (Kapitel auch online); Unterabschnitt „Die Zeichen der Han“W G Aston: Nihongi: Chronicles of Japan From the Earliest Times to A, Teil 697, Routledge, 2010, S. 87 books.google.de Er wurde an den Hof des Yamato-Reiches eingeladen, um den Konfuzianismus zu lehren, und brachte dabei die chinesischen Bücher Analekten des Konfuzius und den Tausend-Zeichen-Klassiker nach Japan. Wani wird in den historischen Aufzeichnungen Kojiki und Nihon Shoki erwähnt. Ob Wani wirklich lebte oder nur eine fiktive Person ist, ist ebenso unsicher wie die Korrektheit der Jahreszahlen. Die heute bekannte Version des Tausend-Zeichen-Klassikers entstand zur Zeit der Regentschaft von Kaiser Liang Wu Di (502–549).

Einige Wissenschaftler halten es für möglich, dass bereits im 3. Jahrhundert chinesische Werke ihren Weg nach Japan fanden. Als gesichert gilt, dass spätestens ab dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Kanji in mehreren Wellen aus verschiedenen Teilen Chinas importiert wurden. Die ersten geschriebenen Texte in Japan waren also in chinesischer Sprache verfasst, auch die von japanischen Gelehrten. Der japanische Begriff für die klassische chinesische Literatur ist Kanbun.

Der Versuch des Yamato-Hofes, nach chinesischem Vorbild eine Verwaltung gestützt auf Literaten-Beamte zu schaffen, scheiterte jedoch, und die Ämter blieben in der Hand der alten Adelsclans (Uji). Die chinesischen Klassiker blieben trotzdem eine wichtige Basis des japanischen Staatswesens. Es wurde eine Methode entwickelt, die chinesischen Klassiker mit kleinen Vermerken zu versehen, sodass sich chinesische Texte japanisch lesen ließen. Insbesondere müssen dabei die Schriftzeichen in einer anderen Reihenfolge gelesen werden, da das Verb im Chinesischen an zweiter Stelle steht (SVO), in japanischen Sätzen dagegen am Schluss.

Im nächsten Schritt wurden die chinesischen Schriftzeichen in japanischer Syntax angeordnet, um japanische Sätze zu schreiben. Die Schriftzeichen wurden zuerst ausschließlich chinesisch gelesen, mit einer Anpassung an die japanische Phonetik, der Ursprung der heutigen On-Lesung. Nun ging man parallel dazu über, existierende japanische Worte mit chinesischen Schriftzeichen zu schreiben, weswegen viele Schriftzeichen eine zweite Lesung, die Kun-Lesung, bekamen. Um die Konjugationsendungen an japanischen Verben zu schreiben, die das Chinesische nicht kennt, wurden einzelne Schriftzeichen nur noch phonetisch verwendet und verloren ihre Bedeutung. Aus diesen sogenannten Man’yōgana entwickelten sich die heutigen Silbenschriften Hiragana und Katakana.

Für einige japanische Begriffe gab es keine Kanji. In Japan, der Inselnation, spielte der Fischfang eine größere Rolle als in China, und insbesondere für viele Fische fehlten Schriftzeichen. In Japan wurde daher eine Reihe von Schriftzeichen nach den chinesischen Regeln geschaffen, mehr als die Hälfte davon sind Namen für Fische.

Noch in der Meiji-Zeit war die Kun-Lesung der Kanji nicht standardisiert. Die Schriftzeichen konnten nach persönlichen Vorlieben mit bestimmten Wörtern assoziiert werden. Erst die Schriftreform aus dem Jahr 1900 setzte hier Standards. Eine weitere Entwicklung der Meiji-Zeit war die Einführung einer verpflichtenden Grundschulbildung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Anzahl der „für den Alltag gebräuchlichen Schriftzeichen“ vom Bildungsministerium auf zuerst 1.850 und im Jahr 1981 auf 1.945 (Tōyō- bzw. Jōyō-Kanji) festgelegt, die auch in der Schule gelehrt werden. Seit 2010 gilt eine neue Jōyō-Kanji-Liste mit 2.136 Zeichen, bei der 196 neue Kanji hinzugefügt und fünf (vor allem solche für historische Mengenmaße) aus der alten Liste entfernt wurden.Felix Lill: Den Wald vor lauter Zeichen nicht. Selbst Muttersprachler kapitulieren vor der Fülle der Kanji – einer chinesisch-japanischen Zeichenschrift. In: Die Zeit. 7. Mai 2015, S. 38. Amtliche Texte und viele Zeitungen beschränken sich auf diese Zeichen und geben alle anderen Begriffe in Kana wieder. Daneben gibt es weitere über 900 sogenannte Jinmeiyō-Kanji, die nur für die Verwendung in japanischen Eigennamen offiziell sind.

Grundsätzlich entsprechen die Kanji den traditionellen chinesischen Langzeichen. Einige Zeichen wurden mit der Tōyō-Reform aber in einer ähnlichen Weise vereinfacht wie die Kurzzeichen bei der chinesischen Schriftreform von 1955.

Im modernen Japanisch werden die Kanji verwendet, um Nomen und die Wortstämme von Adjektiven und Verben zu schreiben. Partikeln, Konjunktionen und grammatische Endungen (Okurigana) werden in Hiragana geschrieben. Onomatopoetische Ausdrücke und Fremdwörter (Gairaigo, ) werden in Katakana geschrieben, erstere bisweilen auch in Hiragana.

Einige (nicht-chinesische) Fremdwörter, die zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert stammen, etwa tabako ( oder , „Tabak“) oder Tempura ( oder ), besitzen auch eine historische Schreibung in Kanji, die entweder nach Bedeutung wie bei tabako, oder phonetisch, wie bei tempura, gebildet wurde. Diese Schreibungen bezeichnet man als Ateji (). Oft werden diese Fremdwörter heutzutage in Hiragana geschrieben: nicht in Katakana, weil sie nicht mehr als Fremdwörter empfunden werden, und nicht in Kanji, weil die Kanji-Schreibung zu kompliziert ist.

Durch den starken chinesischen Einfluss auf Korea waren Kanji (kor. Hanja) traditionell auch in Korea gebräuchlich, seit der Kabo-Reform Ende des 19. Jh. sind diese aber weitgehend durch die Hangeul-Zeichen ersetzt worden.

Systematisierung Der buddhistische Lehrmeister Xu Shen teilte in seinem Werk Shuowen Jiezi etwa 100 n. Chr. die chinesischen Schriftzeichen in sechs Kategorien ein ().

Die Sechs Kategorien

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