Herisau ist eine Einwohnergemeinde im ehemaligen Bezirk Hinterland im Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden. Es ist Sitz des Kantonsparlaments, der Kantonsregierung und der Kantonspolizei von Appenzell Ausserrhoden und gilt neben Trogen (Sitz der Judikative) de facto als Hauptort des Kantons (de jure kennt der Kanton keinen Hauptort).
Herisau wurde zur Alpenstadt des Jahres 2003 gekürt.
Geographie Herisau liegt etwas südwestlich von St. Gallen an der Glatt, am Jakobsweg von Rorschach nach Einsiedeln. Nachbargemeinden von Herisau sind St. Gallen, Stein, Hundwil, Waldstatt, Schwellbrunn, Degersheim, Flawil und Gossau.
Auf dem Gebiet der Gemeinde Herisau befinden sich die Ortschaften Herisau und Schachen sowie die Ortsteile oder Weiler Schwänberg, Ramsen, Ädelswil, Schloss, Wilen, Nieschberg, Rechberg und Saum.
Das Gemeindegebiet beträgt 2521 Hektaren. Diese setzen sich zusammen aus 453 Hektaren Siedlungsfläche, 1358 Hektaren Landwirtschaftsfläche, 688 Hektaren bestockter Fläche und 22 Hektaren unproduktiver Fläche. Das Zentrum von Herisau liegt auf 771 m ü. M. Der höchste Punkt befindet sich auf der Polishöchi an der Grenze zu Schwellbrunn auf 995 m ü. M. Der tiefste befindet sich auf 588 m ü. M. im Kubel im Grenzgebiet zu St. Gallen.
Geschichte Frühe Siedlungsgeschichte und Ersterwähnung Die ältesten Zeugen menschlicher Aktivitäten auf Gemeindegebiet bilden drei Fundgegenstände aus dem Mesolithikum. Die definitive Besiedlung begann etwa im 8. Jahrhundert n. Chr. durch Alemannen. Die ältesten Flurnamen liegen fast alle westlich der Glatt. Hier liegt auch der Weiler «Schwänberg», der im Zuge einer Landübertragung an das Kloster St. Gallen als erster im Appenzellerland urkundliche Erwähnung fand. Die Urkunde stammt vermutlich aus dem Jahr 821. Der Schwänberg wird darin mit dem lateinischen Namen «suweinperac» genannt. Bis Ende des 14. Jahrhunderts sind westlich der Glatt Freie mit gesonderter Vogteizugehörigkeit überliefert. Das Gebiet östlich der Glatt mit Kirche und späterer Siedlung Herisau dürfte dagegen schon im frühen 9. Jahrhundert ganz zur Grundherrschaft des Klosters St. Gallen gehört haben. Herisau wurde 837 erstmals urkundlich mit der Bezeichnung «Herinisauva» erwähnt.StiASG, Urk. II 142. Online auf e-chartae, abgerufen am 19. Juni 2020. Eine klösterliche Eigenkirche wird 907 erstmals erwähnt.
Hochmittelalter Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert wurden auf dem Gebiet um Herisau drei Burgen errichtet: Die Urstein, die Rosenberg und die Rosenburg. Bauherren waren die Herren von Rorschach (Edle Ritter zu Rosenberg). Von diesen drei Festungsanlagen existieren heute nur noch (teils gut erhaltene) Ruinen. Die ehemalige Frequentier- und Residenz-Festungsanlage Rosenburg oberhalb des Ortsteils Ramsen wird heute Ruine Ramsenburg (Rosenburg) genannt. Ihre sehenswerten Überreste wurden 1937 letztmals restauriert. Die sogenannte Rosenberg befindet sich im Ortsteil Rüti. Notgrabungen an der Urstein 1983 ergaben, dass sie einst die grösste der drei Burgen war.
Das Recht zur Investitur in der Kirche Herisau ging im 12. Jahrhundert vom St. Galler Abt an den Bischof von Konstanz über. 1208 ist für Herisau erstmals ein Leutpriester, 1282 ein Kelnhof nachgewiesen. Die Pfarrpfrund war neben der von Appenzell die einträglichste im Appenzellerland. Das Patrozinium wechselte zwischen 1225 und 1415 von St. Salvator zu Laurentius.
Spätmittelalter Im 13. und 14. Jahrhundert bildete Herisau innerhalb der äbtischen Verwaltung des Klosters St. Gallen ein Meieramt. Dessen Einzugsgebiet umfasste das ganze Appenzeller Hinterland westlich der Urnäsch von der heutigen Kantonsgrenze im Norden bis gegen die Schwägalp. Inhaber waren ab ca. 1277 die Herren von Rorschach. Mit dem zusätzlichen Erwerb der Vogtsteuer der Vogtei Herisau und dem Amt des Kirchherrn gelang ihnen im frühen 14. Jahrhundert die Errichtung einer lokalen Hausmacht.
Vogteien sind im Gebiet von Herisau zwei ausgewiesen: Die westlich der Glatt ansässigen Freien unterstanden der Freivogtei im Oberen Thurgau. Ende des 14. Jahrhunderts wird zusätzlich eine Vogtei Schwänberg genannt. Die übrigen Bewohner beidseits der Glatt waren der Reichsvogtei Herisau unterstellt. Die Vogteien wechselten mehrmals ihre Inhaber, ehe sie zwischen 1381 und 1398 zusammen mit dem Meieramt Herisau in den Besitz der Abtei St. Gallen übergingen.
Appenzeller Kriege 1401–1429 mini|Auf der Gesamtansicht von 1835 ist im Hintergrund die Ruine der Rosenburg erkennbar Diese Machtkonzentration beim Grundherrn dürfte zum einen der Gemeindebildung entscheidende Impulse verliehen haben. So taucht ab etwa 1400 die Bezeichnung Kirchhöri oder Pfarrei Herisau auf. Zum andern hat sie wohl auch die in den Appenzeller Kriegen gipfelnde Opposition gegen das Kloster St. Gallen gefördert. Im Jahr 1401 trat Herisau mit einem eigenen Siegel (Sigillum Universitatis Terre de Herisow) erstmals als eigenständiger Ort in Erscheinung. Es schloss sich im Verband mit andern Gemeinwesen der Alten Landschaft einem Bündnis gegen die Abtei St. Gallen an. In den folgenden Kriegshandlungen kam es 1403 zu Zerstörungen auf Herisauer Gebiet, unter anderem der Burgen Rosenberg und Rosenburg. Mit der Bestätigung vom Appenzeller Landrecht im Jahr 1421 und Gerichtsbarkeit im Jahr 1433 in eidgenössischen Schiedssprüchen wurde Herisau endgültig Teil des Landes Appenzell und löste sich politisch von der Fürstabtei Sankt Gallen.
Ungeteiltes Land Appenzell und Reformation Herisau war die flächenmässig drittgrösste Rhode des neuen Landes Appenzell und zählte weitaus am meisten Einwohner. Nur locker ins Land eingebunden, verfolgte Herisau eine den Eigeninteressen dienende Politik und stellte bis 1597 auch nur viermal den Landammann. Die Nordgrenze gegen die Fürstabtei St. Gallen wurde im Jahr 1459 bereinigt. Das Gebiet von Herisau gliederte sich im 16. Jahrhundert in vier sogenannte Scharen. Diese erfüllten Aufgaben im Militär- und Polizeiwesen, Feuerwehr und Fürsorge. Die Kirche wurde von 1516 bis 1520 unter Beibehaltung des Turmes aus dem 14. Jahrhundert durch einen prachtvollen Neubau ersetzt. Baumeister war Lorenz Reder aus Speyer. Daneben bestand eine einfache Kapelle im Weiler Wilen. Das Zentrum um die Kirche entwickelte sich zum Marktflecken und bestand im 16. Jahrhundert bereits aus mehr als 40 Häusern. Im Jahr 1518 ist am Namenstag des Kirchenpatrons Laurentius erstmals ein Jahrmarkt belegt. Zwischen 1533 und 1537 wurde ein Kaufhaus erbaut, und ab 1537 sind Wochenmärkte nachgewiesen.
Die Reformation setzte sich in Herisau später durch als in den übrigen Äusseren Rhoden. Mit Johannes Dörig war von 1516 bis 1522 zwar ein Lutheraner Pfarrer in Herisau. Sein vom Konstanzer Bischof eingesetzter Nachfolger Joseph Forrer verhinderte dann aber bis 1529 die Einführung der neuen Lehre. Im Zeitraum 1525 bis 1529 soll sich auf einem Hof im Aussenbezirk Sturzenegg ein Zentrum der Wiedertäufer befunden haben. Die Westgrenze zur Grafschaft Toggenburg legte man im Jahr 1539 fest. Herisau nahm nach 1531 und gegen Ende der 1580er-Jahre, als sich die Glaubenskonflikte mit den Katholiken wieder verschärften, eine vermittelnde Position ein. In Reaktion auf die gegenreformatorischen Bestrebungen im Hauptort Appenzell übersiedelten nach 1588 führende reformierte Politiker von dort nach Herisau. Von 1603 bis 1605 wurden in Herisau die letzten Altäre und die Grabkreuze entfernt. Die Katholiken hatten Herisau schon vorher verlassen müssen. 1622 wurden auch Juden verstossen.
Von der Landteilung 1597 bis 1830 Im Zuge der Reformation wurde Herisau reformiert und im Rahmen der Landteilung Teil des sich neu konstituierenden Halbkantons Appenzell Ausserrhoden. Im Streit um den Hauptort des neuen Landes Appenzell Ausserrhoden unterlag Herisau 1597 Trogen. Fortan bestand politische und wirtschaftliche Rivalität zwischen den zwei Orten. Im Jahr 1647 wurde diese durch die Schaffung eines Doppelregimentes für die Landesregierung und die Kleinen Räte in Herisau und Trogen entschärft. Im Jahr 1601 erbaute Herisau ein eigenes Rathaus. Hier kamen neben den kommunalen Behörden alternierend mit Trogen der Zweifache Landrat, der Grosse Rat und das Ehegericht sowie im Wechsel mit Hundwil und Urnäsch der Kleine Rat hinter der Sitter zusammen. Während der Helvetik war Herisau Hauptort des gleichnamigen Distrikts. Die südwestlichen Gebiete um Schwellbrunn und Waldstatt trennten sich 1648 beziehungsweise 1720 von Herisau ab und wurden selbstständige Gemeinden. Höchste Instanz für die Belange der ganzen Kirchhöri war die aus den männlichen Ortsbürgern gebildete Kirchhöriversammlung, die spätere Gemeindeversammlung. Sie wählte Anfang Mai Gemeindehauptleute und Ratsherren und einzelne Beamte. Ab 1723 wählte sie die Vertreter in den Zweifachen Landrat. Von circa 1738 bis 1850 mussten die Ratsherren je zur Hälfte aus dem Dorf und aus den Aussenbezirken stammen. Das Hauptmannamt war ebenfalls doppelt besetzt. Politik und Wirtschaft Herisaus dominierten bis gegen 1830 wenige Familien. Diese waren untereinander verschwägert, teils rivalisierten sie auch miteinander.
19. und 20. Jahrhundert mini|Kantonales Regierungsgebäude Seit 1877 ist Herisau ordentlicher Tagungsort von Regierung und Parlament sowie Sitz der wichtigsten kantonalen Verwaltungszweige und damit faktisch Hauptort von Appenzell Ausserrhoden. Regierung, Parlament und Hauptverwaltungszweige waren bis 1914 im Gemeindehaus untergebracht. Der Regierungsrat und die Kantonskanzlei hatten ihre Büros von 1902 bis 1914 im neuen Postgebäude. Ab 1914 waren sie im Kantonalbank- und Regierungsgebäude am Obstmarkt untergebracht.
Herisau ist seit 1866 Bankenplatz. Um am Schweizer Kolonialismus teilzunehmen, gründeten Unternehmer 1881 die lokale Geografische Gesellschaft. Ab 1870 verfügt Herisau über ein Regionalspital, und zwischen 1906 und 1908 wurde die Kantonale Psychiatrische Klinik erbaut. Das Kantonale Berufsbildungszentrum ging 1975 in Betrieb. Seit 1919 verfügt Herisau über ein eidgenössisches Zeughaus, und seit dem Bau einer Kaserne im Jahr 1865 befindet sich der eidgenössische Infanteriewaffenplatz in Herisau.
Im Jahr 1859 erfolgte die Gewaltentrennung durch die Bildung eines Gemeindegerichts. Dieses wurde 1972 abgeschafft. Im Jahr 1877 erfolgt die Auflösung der Kirchhöri und ihre Umwandlung in die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde sowie die politische Einwohnergemeinde. An die Stelle der Gemeindeversammlung traten 1910 Wahlen und Abstimmungen an der Urne. Im Jahr 1975 wurden der Gemeinderat professionalisiert und von 21 auf sieben Mitglieder verkleinert sowie ein 31-köpfiges, im Proporzwahlrecht zu bestellendes Parlament (Einwohnerrat) geschaffen. Die Dorferkorporation erhielt 1834 eine private Verwaltung. Sie trat die Bereiche Feuerwehr, Polizei- und Wachtwesen bis 1875 der Gemeinde ab. Sie übernahm dafür die Strassenbeleuchtung im Zentrum und dehnte die Verantwortung für die Wasserversorgung allmählich auf das ganze Gemeindegebiet aus. Kommunalisiert wurden in den 1970er-Jahren die zuvor privat getragenen Kindergärten, Verkehrsbetriebe und Strassenbeleuchtungen. Dagegen wurde 1972 die Polizei und 1993 das Regionalspital kantonalisiert. Die Kehrichtentsorgung wird seit 1971 im überregionalen Verband gelöst (KVA der Stadt St. Gallen). Die Alters- und Pflegeheime wurden 2001 in die neue Stiftung Altersbetreuung Herisau überführt.
Ortsbild mini|Herisau, Ortsgesamtansicht, 1910 mini|Zentrum von Herisau: Historisches Museum in der Mitte, Wetterhaus rechts (2011) mini|Bachstrasse und reformierte Kirche