Gjirokastra [] ( []; ‚Silberburg‘; ; , deutsch auch GjinokasterDiercke Weltatlas im Georg Westermann Verlag 1957, Seite 64/65) ist eine Stadt im Süden Albaniens und Hauptort des gleichnamigen Qarks. Die Stadt hat 16.569 Einwohner (Volkszählung 2023) und gehört damit zu den 20 größten Städten des Landes.
Gjirokastra zählt seit 2005 zum UNESCO-Welterbe. Sie ist eine der ältesten Städte des Landes und wichtiges kulturelles Zentrum Südalbaniens. Die Stadt ist Geburtsort des ehemaligen Diktators Enver Hoxha und des bekanntesten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare.
Geographie mini|links|Blick über die steinernen Dächer der Altstadt hinüber zu den Bergen des Mali i Gjerë Gjirokastra liegt im Süden Albaniens im Flusstal des Drino, das sich hier zur Dropull-Ebene weitet. Die älteren Quartiere der Stadt sind am steilen Hang des Mali i Gjerë auf bis zu erbaut. Neuere Stadtteile ziehen sich abwärts bis zu den kleinen Gewerbegebieten am Flussufer auf Durch die Stadt fließen einige kleinere Bäche von Südwesten Richtung Nordosten, die unterhalb von Gjirokastra in den Drino münden. Bei starkem Niederschlag schwellen sie stark an und treten gelegentlich über die Ufer. Wälder sind im nahen Umland rar. In der Flussebene wird teilweise Landwirtschaft und Viehzucht betrieben.
Gjirokastra ist im Nordwesten von Tepelena, im Südosten von Libohova und im Süden von Lazarat benachbart. Der Grenzübergang nach Griechenland in Kakavija ist nur 36 Kilometer entfernt. Die Straße über den Muzina-Pass nach Saranda führt nur einige Kilometer südöstlich der Stadt.
Gjirokastra befindet sich in der mediterranen Klimazone mit warmen und niederschlagsarmen Sommern. Die Winter jedoch sind kalt und niederschlagsreich. Charakteristisch sind die Talwinde aus Norden.
Geschichte mini|Der Burgfelsen (alb. Kalaja) ist seit der Antike bewohnt Antike Der Burgfelsen, der das ganze Tal dominiert, wurde vermutlich schon im 3. Jahrhundert v. Chr. besiedelt. Erstmals mit Mauern befestigt wurde die Anlage im 6. Jahrhundert, als andere Orte im Drino-Tal wie Antigoneia langsam an Bedeutung verloren.
Mittelalter Die erste schriftliche Erwähnung von Argyrokastro stammt aus dem Jahr 1336 als Teil des Byzantinischen Reichs. Zwischenzeitlich hatte sich langsam eine Siedlung rund um die Burg gebildet. 1417 wurde Gjirokastra von der Armee des Osmanischen Reichs erobert. Die beherrschende Familie blieb aber weiterhin die Zenevisi, die bald nach der türkischen Eroberung zum Islam übergetreten waren. Ende des 16. Jahrhunderts waren die Christen noch immer in der Mehrheit. In einem Defter von 1583 wurden knapp 80 muslimische und über 230 christliche Haushalte gezählt. Im Laufe des 17. Jahrhunderts kehrte sich dieses Verhältnis. 1419 erklärten die Osmanen Gjirokastra zur Hauptstadt des Sandschak Albanien. 1466 verlor die Stadt diese Funktion an Berat. 1432 gab es eine antiosmanische Revolte der Bevölkerung, die im Jahr darauf von Turahan Bey niedergeschlagen wurde.
Osmanen Nach den Steuerregistern von 1431/32 hatte Argiri, wie die Stadt auf Türkisch nun genannt wurde, insgesamt 163 Häuser. 1583 wurden bereits 434 Häuser gezählt. Das rasante Wachstum lag vor allem an der Landflucht und der Funktion als administratives Zentrum. Obschon die Stadt 1466 den Status als Hauptort des Sandschaks an Berat verlor, blieb sie Sitz des Gerichts (kadi). 1670 zählte der osmanische Reisende Evliya Çelebi über 2000 Häuser. In seinem Reisebuch, dem Seyahatnâme, beschrieb er detailliert die Stadt.
1811 konnte Tepedelenli Ali Pascha die Stadt seinem Herrschaftsgebiet eingliedern, bis Sultan Mahmud II. 1822 Gjirokastra wieder zurückeroberte, nachdem Ali Pascha einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war. Während der Herrschaft des Paschas wurde die Burg stark ausgebaut und auch ein zehn Kilometer langer Aquädukt errichtet. Er stellte die Wasserversorgung der Burg sicher, wurde aber 1932 zerstört.
Unabhängigkeitsbestrebungen mini|Vertreter der griechischen Minderheit von Nordepirus erklären 1914 in Gjirokastra ihre Autonomie. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs war die Stadt wie ganz Nord-Epirus heftig zwischen Albanien und Griechenland umstritten. 1914 rief die griechische Minderheit Südalbaniens in Gjirokastra die Unabhängigkeit der Autonomen Republik Nordepirus aus, die jedoch kurzlebig war. 1925 zog Griechenland jegliche territoriale Forderungen an Albanien zurück.
Seit dem Zweiten Weltkrieg Nach der italienischen Invasion in Albanien im April 1939 bezogen italienische Truppen in Gjirokastra Quartier. Die Italiener verfolgten das Ziel, Griechenland zu überfallen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs starteten sie im Oktober 1940 den Griechisch-Italienischen Krieg, der für sie jedoch zum Desaster wurde. Nach anfänglichen Erfolgen traten die Griechen zur Gegenoffensive an und nahmen Anfang Dezember 1940 Gjirokastra ein. Im April 1941 wendete sich das Blatt, nachdem die Wehrmacht im Balkanfeldzug Griechenland besetzte. Gjirokastra blieb bis 1943 in italienischer Hand und wurde nach der Kapitulation Italiens im September 1943 von der Deutschen Wehrmacht besetzt. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt auch aus der Luft angegriffen, wobei durch die Bomben viele Menschen ihr Leben verloren. Nach der Machtergreifung der Kommunisten rief der in Gjirokastra geborene Anführer Enver Hoxha (1908–1985) zu Kriegsende die Sozialistische Volksrepublik Albanien aus.
Während der sozialistischen Geschichte der Stadt setzte die Industrialisierung ein, und Gjirokastra wurde zu einem überregionalen Handelszentrum. Die kommunistische Regierung erklärte sie 1961 zur „Museums-Stadt“. Dadurch entging das Stadtbild einer radikalen Veränderung.
Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes Anfang der 1990er Jahre leidet die Stadt unter einer starken Auswanderung. Insbesondere griechischstämmige, aber auch viele ethnische Albaner haben das Land verlassen. Die Unruhen gegen die Regierung im Jahr 1997 waren in Gjirokastra besonders heftig. 2005 erklärte die UNESCO das historische Zentrum von Gjirokastra zum Weltkulturerbe.
Gemeinde Bis 2015 umfasste die Gemeinde (Bashkia) Gjirokastra lediglich die Stadt. Seither gehören alle Kommunen im Norden des ehemaligen Kreises Gjirokastra zur Gemeinde, darunter weite Berggebiete auf beiden Seiten des Drino-Tals. Die Gemeinde hat 23.270 Einwohner (Volkszählung 2023). Seit 2011, als noch 28.673 Einwohner erfasst worden waren, hat die Gemeinde 19 % der Bevölkerung verloren.
+ Njësitë administrative (eingegliederte Gemeinden) Name Einwohner 2023 Einwohner 2011 Gemeindeart Gjirokastra 16.569 19.836 Bashkia Antigone705 998 Komuna Cepo1.350 1.727 Komuna Lazarat 2.356 2.801 Komuna Lunxhëri1.360 1.941 Komuna Odria268 433 Komuna Picar662 937 Komuna
Gjirokastra unterhält seit 2010 mit der Stadt Klina im Kosovo eine Stadtpartnerschaft.
Gesellschaft mini|Seniorinnen in der Altstadt Gjirokastra ist von den zwei monotheistischen Religionen Islam und Christentum geprägt. Sunniten, Bektaschi und orthodoxe Christen leben seit Jahrhunderten neben- und miteinander. Die Bevölkerung weist aber als Ergebnis der langen kommunistischen Ära eine hohe Anzahl an Atheisten auf.
Ethnisch setzen sich die Einwohner aus Albanern und Griechen zusammen, wobei letztere eine Minderheit bilden. Die Albaner in Gjirokastra sprechen einen toskischen Dialekt.
Durch die starke Abwanderung der letzten Jahre vor allem junger Menschen ist ein Großteil der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Die arbeitssuchende junge Bevölkerung ist entweder in die Hauptstadt Tirana oder nach Griechenland sowie Italien ausgewandert. Auch heute noch wollen rund 60 Prozent der Jungen nach ihrer Ausbildung Gjirokastra verlassen, wie eine Umfrage im Jahr 2012 zeigte.
Wirtschaft und Verkehr Hohe Arbeitslosigkeit, Potenzial Tourismus Durch die hohe Arbeits- und Perspektivlosigkeit ist die Auswanderung recht hoch, obschon sie in den 2000er Jahren wieder gesunken ist. In der kommunistischen Zeit gab es einige Industriebetriebe, unter anderem eine Schuhfabrik und Unternehmen für die Metallproduktion. Doch mit dem Fall der Diktatur wurden auch die wenigen Fabriken geschlossen, und die Leute waren gezwungen, anderswo Arbeit zu suchen. Heute sind viele auch in der Landwirtschaft, Viehzucht, im Handel und in den Dienstleistungen tätig. Als möglicher Wirtschaftssektor wird der Tourismus angesehen, der in Zukunft immer wichtiger für die Stadt werden könnte. Die Zahl der Besucher steigt jährlich kontinuierlich an. So waren 2004 nicht einmal 1000 Besucher auf der Burg gezählt worden; 2011 waren es schon 25.000.
Verkehr Unterhalb der Stadt in den neueren Quartieren verläuft die Nationalstraße SH4. Sie verbindet das wirtschaftliche Zentrum Albaniens, den Ballungsraum Tirana-Durrës, mit dem griechischen Grenzübergang Kakavija. Bei Jergucat südlich von Gjirokastra zweigt von der SH4 die Nationalstraße SH72 ab, die über den Pass Qafa e Muzinës nach Delvina und weiter nach Saranda am Ionischen Meer führt.
In den späten 1920er Jahren errichteten italienische Truppen in der Dropull-Ebene unterhalb der Stadt ein Flugfeld, das jedoch sehr spärlich benutzt wurde und ausschließlich militärischen Zwecken diente. Eine Rehabilitierung wird seit einigen Jahren erstrebt. Jährlich findet oberhalb der Stadt zudem eine Flugschau mit Teilnehmern aus aller Welt statt.
Kultur
Altstadt
mini|links|Blick auf die typischen Steingebäude Gjirokastras mini|Blick von der Burg auf Gjirokastra mini|Charakteristisch ist die steile Lage der Stadt Den Beinamen „Stadt der Steine“ verdankt Gjirokastra seinem einzigartigen Stadtbild. Markante, kleinen Trutzburgen ähnelnde Häuser prägen seit Jahrhunderten die Viertel um die Burg, die heutige Altstadt. Bedeckt mit Steinplatten aus den nahen Gebirgen dienten die Dächer früher dazu, die Innentemperatur der Häuser zu regulieren. Dies war für das Leben in dieser klimatisch kontinental geprägten Landschaft sehr von Vorteil. So blieben im Sommer die Häuser recht kühl, während im Winter große Kälte verhindert werden konnte. Ein anderer Grund für das Benutzen von Steinmaterial für die Dächer war, dass andere Materialien wie Ziegel viel teurer waren und Stein in der Umgebung reichlich vorhanden war. Weiße Außenfassaden, hohe Holzfenster sowie viele kleine Innenhöfe mit riesigen hölzernen Hoftoren charakterisieren weiters das Altstadtbild. Entlang der steilen Hänge führen enge, kunstvoll gepflasterte Gassen, die die verschiedenen Viertel untereinander verbinden und im 18. Jahrhundert angelegt wurden.
Der Stil der Häuser ist als sogenannte „Balkanarchitektur“ auch in ähnlich geschlossener Form in anderen Städten des südlichen Balkans zu finden wie beispielsweise in Berat (Mittelalbanien), Ohrid (Südwestmazedonien), Weliko Tarnowo (Nordbulgarien) und Metsovo (Nordwestgriechenland). Die Kommunisten hatten die kompakte und weitläufige Altstadt 1961 genauso wie Berat zur „Museums-Stadt“ erklärt, was sie unter besonderen Schutz stellte. Viele Häuser werden heute nur schlecht unterhalten und verfallen allmählich. Die Schäden vom Lotterieaufstand im Jahr 1997 sind in den 2000er Jahren behoben worden. Bereits 1988 wurde die Aufnahme der Museumsstadt von Gjirokastra in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes beantragt, aber wegen einiger moderner Bauten, die den Charakter der Altstadt störten, abgelehnt. Die Eintragung als ein seltenes Beispiel einer gut erhaltenen Stadt aus der Zeit der Osmanen erfolgte dann 2005. Gjirokastra biete ein außergewöhnliches Zeugnis für die von der islamischen Kultur geprägte Gesellschaft. 2008 wurde die Welterbestätte um die Altstadt von Berat erweitert.