Lustenau ist mit Einwohnern (Stand ) die einwohnerreichste Marktgemeinde Österreichs und liegt im Westen des Bundeslandes Vorarlberg. Gleichzeitig ist Lustenau auch die viertgrößte Gemeinde des Bundeslandes.
Bis 1806 war Lustenau ein freier Reichshof des Heiligen Römischen Reichs. Erst 1830 kam Lustenau endgültig zu Österreich. Die bis ins 19. Jahrhundert agrarisch geprägte Gemeinde wurde im 20. Jahrhundert zu einem Zentrum der Vorarlberger Stickereiindustrie und ist heute eine wichtige Grenzgemeinde zur Schweiz und Industriestandort. Im übrigen Vorarlberg ist der Ort insbesondere für den markanten Dialekt seiner Bewohner und das große Kirchweihfest, die „Kilbi“, bekannt. Im sportlichen Bereich wird der Name Lustenau vor allem mit erfolgreichen Fußball- und Eishockeymannschaften in Verbindung gebracht.
Geografie
mini|Im Westen wird Lustenau vom Alpenrhein begrenzt.
Geografische Lage
Lustenau liegt am östlichen Ufer des Alpenrheins, 4 km südlich des Bodenseeufers. Das Ortszentrum befindet sich auf Das Gemeindegebiet liegt vollständig in der Ebene des unteren Vorarlberger Rheintals, es gibt keine bedeutenden natürlichen Erhöhungen.
Ausdehnung des Gemeindegebiets
Von Norden nach Süden erstreckt sich das Gemeindegebiet über circa 8,5 km, von Westen nach Osten über ungefähr 4 km. Im Westen wird Lustenau vom Rhein begrenzt, im Nordosten von der Dornbirner Ach und im Osten vom Vorarlberger Rheintalbinnenkanal und vom Dornbirner Landgraben.
Nachbargemeinden
Gliederung der Gemeinde
mini|Karte der Pfarrgemeinden Ursprünglich bestand der Reichshof Lustenau aus den sieben Ortschaften Stalden, Holz, Wiesenrain, Grindel, Weiler, Rheindorf und Hag, die jedoch im 20. Jahrhundert durch die zunehmende Zersiedelung zusammenwuchsen und mittlerweile nicht mehr klar abgrenzbar sind. Heute wird Lustenau analog zu den Pfarrgemeinden meist in Rheindorf, Kirchdorf und Hasenfeld eingeteilt. Dabei handelt es sich weder um Katastralgemeinden noch um Gemeindebezirke im rechtlichen Sinne.
Geologie
Das Alpenrheintal ist eine für die Alpen untypische, mit jungem Lockergestein gefüllte Felswanne, die im Bereich des Lustenauer Gemeindegebiets 600 Meter tief ist.
Vor 4000 Jahren reichte der Bodensee bis nach Lustenau. Durch Ablagerungen aus dem Rhein und seinen Zuflüssen verlandete das Gebiet zuerst hauptsächlich im Bereich der Flussrinne, während seitlich davon flache, ausgedehnte Seen entstanden. In ihnen bildete sich aus feinkörnigen Schwebstoffen des Rheins ein Untergrund aus wasserstauendem Ton. Durch eine intensiv wachsende Sumpfvegetation entwickelten sich diese Restseen schließlich zu Torfmooren. Einige der Seen sind auf Landkarten des 19. Jahrhunderts noch eingezeichnet, auch Flurnamen wie „Seelache“ oder „Vorsee“ erinnern an diese inzwischen verschwundene Landschaft.
Der Verlandungskörper in Lustenau besteht entlang des Rheins aus lehmigem Feinsand, in der Gemeindemitte aus Lehm und an den östlichen Gemeindegrenzen aus Torf.
Naturschutzgebiete und Naturdenkmäler
Das Naturschutz- und Natura-2000-Gebiet Gsieg – Obere Mähder im Süden der Gemeinde umfasst einen der größten und botanisch reichhaltigsten Streuwiesenkomplexe im gesamten Rheintal. Das 73 Hektar große Areal beherbergt unter anderem 502 Schmetterlings-, 429 Käfer- und 42 Libellenarten, ein Drittel aller in Vorarlberg vorkommenden Orchideenarten, 350 verschiedene Blütenpflanzen und Gräser sowie 6 österreichweit gefährdete Vogelarten und mehrere weitere vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen.
Ein Teil des Schweizer Rieds im Norden Lustenaus ist mit nahegelegenen Gebieten der angrenzenden Gemeinden zum Natura-2000-Gebiet Soren, Gleggen – Köblern, Schweizer Ried und Birken – Schwarzes Zeug zusammengefasst. Die Moorlandschaft hat eine besondere Bedeutung für Wiesenbrüter.
Eine Silberweide, eine Winterlinde und eine Stieleiche im Gemeindegebiet Lustenaus sind aufgrund ihres hohen Alters als Naturdenkmal ausgewiesen und stehen daher unter besonderem Schutz.
Geschichte
Der Königs- und Reichshof Lustenau
mini|Erste urkundliche Erwähnung Lustenaus
Ein vom karolingischen Kaiser Karl III. (dem Dicken) in „Lustenoua“ am 24. Juli 887 unterzeichnetes Schriftstück stellt die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung des Namens „Lustenau“ dar.
Über die Udalrichinger kam der Königshof an die Grafen von Bregenz, nach deren Aussterben zurück ans Reich und später im Pfandweg an die Grafen von Werdenberg. 1334 bestätigte Kaiser Ludwig IV. (der Bayer) den Status der Lustenauer als freie Reichsleute und sicherte so die Reichsunmittelbarkeit des Hofes.
1395 verpfändeten die Werdenberger um 5300 Pfund Heller die Feste Zwingenstein und den Hof Lustenau an die Ritter von Ems, 1526 wurde der Pfand in einen endgültigen Kauf umgewandelt.
Im Jahre 1593 wurde das linksrheinische Widnau-Haslach (das Gebiet der heutigen Gemeinden Widnau, Schmitter und Au) von Lustenau abgeteilt, erhielt aber aufgrund der ungleichen Flächenverteilung auch Grundbesitz auf der rechtsrheinischen Seite zugesprochen, das sogenannte Schweizer Ried.
Nach dem Aussterben der männlichen Linie der Hohenemser 1759 entwickelte sich eine jahrzehntelange Auseinandersetzung um die Besitzrechte an Lustenau zwischen Maria Theresia von Österreich auf der einen Seite und der hohenemsischen Erbin Maria Rebekka auf der anderen. 1790 wurde durch einen Staatsvertrag zwischen Österreich und Lustenau die Selbständigkeit des Reichshofes wiederhergestellt.
Lustenau als Teil der österreichischen Monarchie
Nach dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches 1806 war Lustenau für einige Tage ein selbständiger Staat unter hohenemsischer Herrschaft. Als Bayern, das fast das gesamte restliche Vorarlberg beherrschte, auch die Hoheitsrechte in Lustenau beanspruchte, konnte die hohenemsische Erbin Maria Walburga den Verbleib der niederen Gerichtsbarkeit in ihren Händen erreichen. Auch nachdem Vorarlberg 1814 an Österreich zurückgefallen war, blieb die Sonderstellung dieses Patrimonialgerichts aufrecht. Erst mit dem Verzicht des Hauses Hohenems und der feierlichen Übergabe der Gerichtsakten am 22. März 1830 wurde Lustenau endgültig österreichisch.
Die im Jahre 1837 endgültig fixierte Aufteilung der Gemeindegründe (Allmende) auf die Einwohner von Lustenau bildete eine Grundlage für ein späteres starkes Wachstum. Den eigentlichen Ausgangspunkt des wirtschaftlichen Aufschwungs markiert aber der Bau eines umfangreichen Netzwerks von Entwässerungskanälen und die Verbesserung der Hochwasserdämme am Rhein in den Jahren 1843 bis 1848 unter der Leitung von Kreisingenieur Martin Kink.
Die erste Brücke über den Rhein wurde im Jahre 1867 zwischen der Ortschaft Rheindorf und der Schweizer Gemeinde Au eröffnet. 1872 folgte die Eisenbahnbrücke, 1875 die zweite Straßenbrücke und 1914 die Wiesenrainbrücke.
mini|Hochwasser beim Gasthaus Engel in Lustenau, 1890
Die Brüder Johann und Josef Hofer stellten 1869 die ersten Plattstich-Handstickmaschinen in Vorarlberg auf. Damit war der Startschuss für die über 100 Jahre dauernde Dominanz der Stickereiindustrie in Lustenau gefallen. Die immer noch massive Gefahr von Seiten des Rheins – zuletzt mit drei verheerenden Hochwasserkatastrophen in den Jahren 1888 und 1890 – wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert durch die Rheinregulierung gebannt.
Am 13. Juni 1902, zu einem Zeitpunkt, als Lustenau nach Dornbirn und Bregenz die drittgrößte Gemeinde Vorarlbergs war, erhob Kaiser Franz Joseph den Ort zur Marktgemeinde. Der Boom der Stickereiindustrie und der gebändigte Rhein führten zu einem massiven Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum in Lustenau, das allerdings durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs jäh gestoppt wurde.
Erste Republik und Ständestaat
mini|Ergebnis der Volksabstimmung über den Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz
Nach dem Zerfall der österreichischen Monarchie wurde Lustenau zum Zentrum der Initiative für den Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz, die in der Volksabstimmung am 11. Mai 1919 gipfelte, schlussendlich aber an der politischen Realität scheiterte.
Die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren bescherte auch in Lustenau den Kommunisten und vor allem den Nationalsozialisten großen Zulauf. Das österreichweite Verbot der KPÖ und der NSDAP im Mai bzw. Juni 1933 verhinderte – zumindest vorläufig – einen weiteren Aufstieg dieser Organisationen, Lustenau blieb aber ein Zentrum des nationalsozialistischen Untergrunds.
Die prekäre finanzielle Lage eines Großteils der Bevölkerung spiegelte sich auch in einer Zunahme des Versicherungsbetrugs wider. Nach einer auffälligen Häufung von Bränden in gut versicherten, alten, baufälligen Wohnhäusern setzte die Landesfeuerversicherungsanstalt eine Belohnung für die Ermittlung vorsätzlicher Brandstifter aus.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde Lustenau bei öffentlichen Investitionen – beispielsweise bei Entwässerungsprojekten – und staatlichen Zuschüssen stark bevorzugt. Die für die Gemeinde wichtige Stickereiindustrie jedoch kam durch die politische Isolation Deutschlands praktisch vollständig zum Erliegen. Das Münchner Unternehmen C. A. Steinheil & Söhne richtete eine Niederlassung in Lustenau ein, die zwischen 1939 und 1945 hauptsächlich Rüstungsaufträge erledigte und zu einem der größten Arbeitgeber im Ort wurde.
mini|Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur in Lustenau
Ein organisierter Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist in Lustenau nicht nachweisbar. Es ist aber eine Vielzahl von Fällen der individuellen Opposition belegt, die mit Verhaftungen, mit der Einlieferung in ein Konzentrationslager oder gar mit der Todesstrafe geahndet wurden. Die Akteure dieses individuellen Widerstandes waren sowohl Vertreter der katholischen Kirche und Exponenten des ehemaligen Ständestaates als auch sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter. Seit November 2018 erinnert ein Denkmal gegenüber des Rathauses an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur.
Lustenau blieb von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. Auch der Einmarsch der französischen Truppen verlief ohne Widerstand und somit auch ohne Kampfhandlungen.
Lustenau in der Zweiten Republik
Die Stickerei verschaffte Lustenau auch nach dem Zweiten Weltkrieg einen wirtschaftlichen Aufschwung. Besonders unter dem langjährigen Bürgermeister Robert Bösch (1960–1982) veränderte die Gemeinde ihr Gesicht maßgeblich. So fiel unter anderem der Bau von drei Volksschulen, einer Hauptschule, einer Handelsakademie, drei Kindergärten, einem Altersheim und einem Sport- und Erholungszentrum mit Parkbad, Eishalle und Tennisplätzen in diese Zeit.
Als in den 1980er Jahren die gesamte österreichische Stickereiindustrie einbrach, wurde für Lustenau eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik notwendig, die durch gezielte Ansiedlung von Technologie-Unternehmen in zwei neu geschaffenen Industriegebieten vollzogen wurde.
Wie schon Robert Bösch waren auch seine Nachfolger als Bürgermeister, Dieter Alge und Hans-Dieter Grabher, klar dem liberalen Lager der FPÖ zuzuordnen. Besonders nach dem Aufstieg Jörg Haiders kam es zunehmend zur Distanzierung der Lustenauer FPÖ von der Linie der Bundespartei. Bei den Bürgermeisterwahlen 2010 gewann mit Kurt Fischer erstmals nach 50 Jahren wieder ein Kandidat der ÖVP das Bürgermeisteramt. Fischer erreichte bei der Bürgermeister-Direktwahl 2015 eine Zweidrittelmehrheit.
Eine zweieinhalb Jahre andauernde Kontroverse über die Ansiedlung einer Filiale des schwedischen Möbelkonzerns IKEA im Süden Lustenaus und die daraus resultierende Verkehrsbelastung endete im April 2018 mit dem überraschenden Rückzug des Konzerns aus dem Projekt, wenige Wochen, bevor eine Volksabstimmung über das Vorhaben abgehalten worden wäre.
Bevölkerung
Bevölkerungsentwicklung