mini|hochkant=1.5|Jali aus Sandstein in einer der fünf Lünetten in der Westwand der Sidi-Saiyad-MoscheeMosque od Siddi Sayyid / Ahmadabad. The Research and Information Center for Asian Studies, Institute of Oriental Culture, University of Tokyo aus dem 16. Jahrhundert in Ahmedabad. Die Moschee ist wegen der seltenen vegetabilen Formen zweier Jalis berühmt. Der Erbauer Sidi Saiyad stammte von schwarzafrikanischen Sklaven ab, die ungefähr seit dem 12. Jahrhundert von arabischen Sklavenhändlern nach Indien gebracht wurden und deren Nachkommen als kleine, Sidis genannte Minderheit in Gujarat leben.James Micklem:
Jali (von ‚Netz‘, ‚Gitter‘) ist in der indischen Architektur ein den Raum begrenzendes oder teilendes senkrechtes Bauelement mit einer durchbrochenen, gitterartigen Struktur.
Jalis fungieren als Fenster, Fensterladen, Balkonbrüstung oder Raumteiler und bestehen, in etwa dem gotischen Maßwerk vergleichbar, häufig aus fein gearbeiteten geometrischen Ornamenten oder aus floralen Motiven, die in bewegten, gerundeten Formen Bäume oder Blumen zeigen. Sie können aus Gesteinen wie Marmor und Sandstein,Philippa Vaughan: Indien: Sultanate und Moghuln. In: Markus Hattstein (Hrsg.), Peter Delius (Hrsg.): Islam. Kunst und Architektur. Könemann, Köln 2000, S. 461, 478, ISBN 3-89508-846-3 Holz und – seltener – aus Ziegeln oder Zement hergestellt sein.
Entwicklung und Funktion Indische Tempel mini|Steingitterfenster, dem hölzerne Vorbilder anzumerken sind, Bhaja, Höhle 18, aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., Gestaltung des Fensters möglicherweise später; zwei ähnliche Fenster finden sich in der Höhle 5 der Mahakali-Höhlen bei Mumbai. mini|Durga-Tempel in Aihole, einfache Jalis in der Vorhalle (mandapa). Die ungewöhnliche Rundform ist von einem buddhistischen Höhlentempel (chaitya) abgeleitet, Anfang 8. Jahrhundert. mini|Nachna – Parvati-Tempel. Zwei der ältesten erhaltenen Jali-Fenster Indiens sind in die Außenwände der Cella eingelassen. Der untere Bereich zeigt musizierende und tanzende Ganas. mini|Der Shiva gewidmete Hoysaleshwara-Tempel in Halebid ist ein Höhepunkt der indischen Baukunst im 12. Jahrhundert. Die höhlenartige Wirkung in den halbdunklen Räumen wird durch mächtige gedrechselte Steinsäulen verstärkt. mini|hochkant|Jali-Fenster im Humayun-Mausoleum in Neu-Delhi
Die Gitterfenster in Indien hängen mit der Entwicklung des gemauerten hinduistischen Freibautempels zusammen, der im Kern und in seiner Grundform aus einer quadratischen Cella (garbhagriha) besteht. Dieser fensterlose, dunkle Altarraum enthält das Götterstandbild oder einen Lingam. Er geht in seinem Bedürfnis nach Weltabgeschiedenheit auf frühere Höhlentempel zurück. Die Sanskrit-Wörter garbha und griha bedeuten „Mutterleib“ (auch „Welthöhle“) bzw. „Haus“ – indische Tempel sind eine abbildende Kunst.
In der Abgeschiedenheit schufen Mönchsgemeinschaften der Jains, Buddhisten und Ajivikas Höhlentempel (chaityas) und Höhlenwohnungen (viharas). Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. sind solche frühen Höhlenklöster erhalten. Die Mönche übertrugen wahrscheinlich konstruktive Elemente einer früheren Holzarchitektur (Gebälk) und Gestaltungsdetails aus dem Holzbau wie Balkongeländer und Gitterfenster in eine zeitlos „versteinerte“ Form.Fischer 1959, S. 71f
Der Gupta-zeitliche Tempel 17 in Sanchi (Zentralindien) mit einer kurzen Säulenvorhalle (mandapa) stammt aus dem 4./ Anfang 5. Jahrhundert und gilt als einer der ältesten erhaltenen Freibautempel Indiens (vgl. auch Gupta-Tempel). Eine von hier ausgehende Grundrisserweiterung führte im 5. Jahrhundert (Vor-Chalukya-Periode) am Lad-Khan, der zu einer Gruppe von Tempeln im südindischen Aihole gehört, zu einem Raum mit einem Nandi im Zentrum, der nun von einer doppelten Pfeilerreihe umgeben ist. Der schwer und felsenartig wirkende Bau ist an der westlichen Rückseite fensterlos, da hier die Kultikone für Shiva steht, besitzt an der Eingangsseite im Osten eine pfeilergetragene Vorhalle und an den beiden anderen Seiten jeweils drei Fensteröffnungen mit den wohl ältesten, sorgfältig gearbeiteten Fenstergittern an indischen Tempeln. Entsprechend diesen geometrischen Mustern lassen sich die Jalis an den ab dem Ende des 6. Jahrhunderts gebauten, aber teilweise schlechter erhaltenen Tempeln vorstellen, deren Cella in der weiteren Entwicklung von einem Umwandlungspfad (pradakshinapatha) umgeben ist.Klaus Fischer: Schöpfungen indischer Kunst. Von den frühesten Bauten und Bildern bis zum mittelalterlichen Tempel. Köln 1959, S. 162
Zu den frühesten erhaltenen Tempeln der Gupta-Zeit gehört der in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts entstandene Mahadeva-Tempel im nordindischen Nachna (Distrikt Panna, Madhya Pradesh). Der aus groben Steinquadern aufgeschichtete Tempel mit einem Shikhara-Turmaufbau hat an drei Seiten Fenster mit in drei Streifen gegliederten, reliefierten Laibungen. Die Fensteröffnung ist senkrecht unterteilt durch zwei Steinsäulchen und hinter diesen gefüllt mit Jalis, die ein einfaches rechtwinkliges Flechtmuster bilden. Vom äußeren Rahmen bis zum Jali-Gitter ergibt sich so eine mehrfache Tiefenstaffelung.Joanna Gottfried Williams: The Art of Gupta India. Empire and Province. Princeton University Press, Princeton 1982, S. 110 f Auch der etwa gleichzeitig erbaute und versetzt gegenüber stehende Parvati-Tempel verfügt über zwei frühe Jali-Fenster, die in die Außenwände der Cella eingepasst sind.
Gegen Mitte des 7. Jahrhunderts und zu Beginn des 8. Jahrhunderts finden Jali-Fenster Eingang in südindische Tempel. Vor allem die Baumeister der in Badami ansässigen Chalukyas übernahmen die in Nordindien entwickelten Formen, wandelten sie nur geringfügig ab und verwendeten sie für ihre Tempelbauten: Hierzu gehören der Kumara-Brahma-Tempel und der Vira-Brahma-Tempel in Alampur, der Sivanandisvara-Tempel in Kadamarakalava sowie der Sangamesvara-Tempel in Kudaveli. Um diese Zeit traten Jalis als Spiel mit Licht und Schatten an den Cella-Außenwänden und auch an den Vorhallen (mandapas) der frühen Chalukya-Tempel von Aihole, Pattadakal und Mahakuta auf.Michael W. Meister u. a. (Hrsg.) Encyclopaedia of Indian Temple Architecture. North India - Foundations of North Indian Style. Princeton University Press, Princeton 1988. Abb. 604, 611, 625, 635, 637, 644, 645, 649 ISBN 0-691-04053-2
Vor der Höhle 15, der Dasavatara-Höhle in Ellora aus dem zweiten Viertel des 8. Jahrhunderts steht ein megalithischer Pavillon mit großformatigen geometrischen Jali-Mustern. Auf dem Hügel oberhalb von Shravanabelagola wurden ab dem 8. Jahrhundert eine Reihe von kleinen Jain-Tempeln (Basti, Basadi) mit dravidischem Dachaufbau errichtet. Der Chandragupta-Basti enthält zwei Jalis mit plastischen figürlichen Reliefs, die Szenen aus dem Leben des Jain-Heiligen Acharya Bhadrabahu (433 – um 357 v. Chr.) und des Maurya-Herrschers Chandragupta Maurya darstellen. Foto Jali am Chandragupta Basti, Shravanabelagola. Entspricht Fischer 1959, Abb. 187
Jalis an indischen Tempeln erfüllen nicht nur eine dekorative Aufgabe und sorgen für einen gewissen Lichteinfall, der die mystische Erfahrung der Dunkelheit nicht beeinträchtigt, sie sollen auch die innere sakrale Sphäre des Tempels von der äußeren Welt trennen. Beim Gang durch die Portale der Vorhalle und der Cella geht der Gläubige an seitlichen Wächterfiguren vorbei, die symbolisch dieselbe abschirmende Funktion übernehmen. Mit der Ausbreitung der indischen Kultur nach Südostasien blieb die Baukunst der indischen Tempel im Prinzip erhalten und wurde regional weiterentwickelt. Bei den Khmer-Tempeln, die überwiegend im heutigen Kambodscha liegen, und den Cham-Tempeln in Vietnam übernahmen meist in die Fensterrahmen gestellte, gedrechselte Steinsäulen die Funktion der Jalis. Dagegen erlebten Jalis an Mandapas und den äußeren Umgängen der zahlreichen burmesischen Tempel von Bagan eine landestypische Gestaltung. Die aus dicken Ziegelwänden bestehenden Bagan-Tempel datieren in das 11. bis Anfang 13. Jahrhundert. Die dunklen Umgänge um die Cella mit Kraggewölbe und Nischen für Buddhafiguren erhalten wie beim Abeyadana- und beim Nagayon-Tempel durch steinerne Jalis etwas Licht.
Jalis aus Stein an islamischen Kultbauten und Palästen mini|Akbar-Mausoleum in Sikandra, Kenotaph von Akbars Tochter und Jali-Trennwand aus Marmor
Zwischen den mittelalterlichen Hindutempeln und den Bauten der islamischen Herrscher gab es in der Konstruktion und Ornamentierung auf beiden Seiten architektonische Übernahmen. Von den Profanbauten der indo-islamischen Architektur in dieser Zeit ist wenig erhalten. Am etwa 1450 erbauten Badal Mahal-Tor in Chanderi im damaligen Sultanat Malwa ist ein für islamische Spitzbögen sehr ungewöhnlicher Einsatz eines Jalis zu sehen. Am oberen der beiden Bögen hängt ein vierteiliges Jali in der Form eines aufklappbaren Fensters und füllt die gesamte Bogenfläche aus.
Dieses Jali kann in seiner Funktion, einen Zwischenraum dekorativ auszufüllen, als Vorstufe für das um 1591/92 erbaute Charminar in Hyderabad gesehen werden. Der Torbau mit vier Kielbögen im Zentrum sich kreuzender Straßenachsen erhält seine dominierende Erscheinung durch Minarette an den Ecken, die das zur Durchfahrt vorgesehene Gebäude weit überragen. Um die Höhe der schlanken Türme optisch zu reduzieren, wurden sie durch auskragende, überdachte Balkone (jharokhas) gegliedert. Der zentrale Baukörper wurde hingegen durch zwei Etagen einer Fensterwand erhöht, die einen Raum zwischen den Türmen ausfüllen und durch die eingefügten Jalis zugleich transparent erscheinen lassen. Am Charminar wurden erstmals Brüstungswände am Dach, die bisher mit Zinnen abschlossen, durch Jalis gestaltet. An nachfolgenden Gebäuden in Hyderabad finden sich Zinnen und bevorzugt Jalis, oft in Kombination. Die Mausoleen der Qutub-Schahi-Dynastie aus dem 16. Jahrhundert sind überkuppelte Zentralbauten. Einige haben von Zinnen bekrönte umlaufende Balkonbrüstungen mit Jali-Feldern darin,Qutub Shahi Tombs Hyderabad. hyderabad.org ebenso die im Laufe des 17. Jahrhunderts in Hyderabad fertiggestellte Mecca MasjidMecca Masjid Hyderabad. hyderabad.org (Mekka-Moschee). (PDF, 418 kB)
Einen Höhepunkt in der Gestaltung von Jalis kurz vor Beginn oder am Anfang des Mogulreichs stellt die Sidi-Saiyad-Moschee in Ahmedabad dar, die 1515Klaus Fischer, Michael Jansen, Jan Pieper: Architektur des indischen Subkontinents. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1987, S. 195 oder 1572James Micklem: beendet wurde. Die nach ihrem Erbauer Scheich Sayid Sultani benannte kleine Hofmoschee ist an drei Seiten von Sandsteinmauern umgeben, deren Spitzbogenfenster durch kunstvolle Jalis aus Marmor geschlossen sind. In dem filigranen Jali-Gitterwerk ranken sich Blumen und die Äste eines Baumes.
mini|Mausoleum des Salim Chishti in Fatehpur Sikri In der ehemaligen Hauptstadt des Mogulreichs Fatehpur Sikri sticht unter den aus rotbraunem Sandstein errichteten Palastanlagen das eingeschossige kleine Mausoleum des Salim Chishti im Innenhof der Jama Masjid hervor, das rein aus weißem Marmor besteht. Das pavillonartige quadratische Gebäude mit 15 Meter Seitenlänge ließ Akbar zu Ehren des Sufi-Heiligen Scheich Salim zwischen 1571 und 1580 errichten. Auf allen vier Seiten und durch einen ausladenden Dachvorsprung geschützt bestehen die Wände fast ausschließlich aus raumhohen Jali-Gittern, deren feinste Netzstruktur im Innern vom Tageslicht zu winzigen weißen Punkten aufgelöst wird.
Das Akbar-Mausoleum in Sikandra, einem Vorort von Agra, wurde um 1600 begonnen und inschriftlich 1612–1614 fertiggestellt. Im Mausoleum aus rotem Sandstein und am breiten, mehrstufigen Torbau sind große kielbogenförmige Fenster in einzelne Felder mit geometrischen Jali-Gittern aus Marmor gegliedert.
mini|hochkant|Itmad-ud-Daulah Mausoleum in Agra, Jali aus Marmor, Wandgestaltung mit Inkrustationen