Michael Metzeltin (* 8. Juli 1943 in Sorengo, Schweiz) ist ein in Österreich lebender romanistischer Philologe. Er ist emeritierter ordentlicher Universitätsprofessor für Romanistik an der Universität Wien und wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Metzeltin ist Verfasser von über 40 Monographien und über 300 Aufsätzen über romanistische, textwissenschaftliche und diskursanalytische Themen. Er ist Mitbegründer und Mitherausgeber des Romanistischen Kolloquiums, des Lexikons der Romanistischen Linguistik und der Cinderella-Buchreihen (19 Bände) sowie Herausgeber des romanistischen Handbuches Diskurs • Text • Sprache (2002, 2006, 2008). Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Sprachtypologie, in der Texttheorie und in der Diskursanalyse mit der Entwicklung neuer Ansätze.

Leben Der Großvater von Michael Metzeltin war der deutsche Eisenbahningenieur Erich Metzeltin.NDB Erich Metzeltin, abgerufen am 1. Dezember 2014 Nach dem Besuch des Ginnasio und Liceo Cantonale von Lugano im Schweizer Tessin begann Michael Metzeltin seine Studien an den Universitäten Zürich und Basel. Curricular gesehen war das Studium damals sehr frei, so dass er in den ersten Semestern ein sehr breites Spektrum an Veranstaltungen belegen und insbesondere seiner sprachwissenschaftlichen Neugierde nachgehen konnte. So besuchte er Veranstaltungen zu Latein, Altgriechisch und Neugriechisch, Sanskrit, Hethitisch, Akkadisch, Althochdeutsch, Altirisch, Altkirchenslawisch, Bulgarisch, Tschechisch, Spanisch, Niederländisch, aber auch zu Vergleichender Literaturwissenschaft, Rechtsgeschichte und Bibelexegese. Die Konzentration auf die Romanistik kristallisierte sich erst im Laufe des Studiums heraus. In der Folge befasste er sich intensiver mit Romanischer Sprachwissenschaft, Italienischer Literaturwissenschaft, Französischer Literaturwissenschaft und Iberoromanischer Philologie. Obwohl damals schon die Tendenz bestand, die Sprachen curricular zu trennen, schien es ihm wissenschaftlich wichtig, einerseits die systematisch vergleichende Komponente und andererseits die Zusammenarbeit von Sprach- und Literaturwissenschaft in Form einer allgemeinen Textwissenschaft in den Vordergrund zu stellen. Dank seiner Mobilität studierte er nicht nur an seiner Alma Mater Basel, sondern auch an den Universitäten Salamanca, Coimbra, Padua, und besuchte Sommerkurse in Sinaia bzw. Bukarest und in Sofia. 1969 promovierte er an der Universität Basel in Iberoromanischer Philologie, Französischer Sprachwissenschaft und Italienischer Literaturwissenschaft. 1972 habilitierte er sich an der Universität Basel mit der Venia legendi „Romanische Philologie“. Er war Assistent und Lektor an der Universität Basel sowie Professor an den Universitäten Trier, Groningen, Coimbra, Cosenza, Paderborn und Göttingen. Von 1989 bis zu seiner Emeritierung 2011 war Metzeltin ordentlicher Universitätsprofessor für Linguistik und Didaktik der romanischen Sprachen am Institut für Romanistik der Universität Wien.em. o. Univ.-Prof. Prof. h.c. mult. Dr. phil. Dr. h.c. mult., auf oeaw.ac.at, abgerufen am 23. März 2022

Wirken Die mehrsprachliche und vergleichende Komponente von Metzeltin schlug sich schon in den zwei ersteren größeren wissenschaftlichen Arbeiten nieder. In der Dissertation befasste er sich mit dem Kontakt zwischen Italien und Spanien auf dem Gebiet der Seemannssprache. So entstand die etymologisch ausgerichtete Studie Die Terminologie des Seekompasses in Italien und auf der Iberischen Halbinsel bis 1600 (publiziert 1970), in der die hervorragende Rolle der Italiener in der Entwicklung der Schifffahrt auch sprachhistorisch nachgewiesen wird. Seine Habilitationsschrift (Die Sprache der ältesten Fassungen des Libre de Amich e Amat, publiziert 1974) widmete er einer vergleichenden Untersuchung des Altkatalanischen und des Altokzitanischen, durch die er die enge sprachtypologische Verwandtschaft beider Sprachen wissenschaftlich belegt hat.

Die ständige Beschäftigung mit Sprachvergleich einerseits und mit Texten als zentralem Gegenstand von Sprach- und Literaturwissenschaft andererseits haben im Laufe der wissenschaftlichen und didaktischen Karriere zu einigen Schwerpunktsetzungen geführt. Durch Hans Peter Althaus in Trier angeregt, einen der drei Herausgeber des Lexikons der Germanistischen Linguistik, begann Metzeltin Anfang der siebziger Jahre ein ähnliches gesamtromanistisches Werk zu entwerfen. Die Idee konnte dann in Zusammenarbeit mit Günter Holtus (Göttingen) und Christian Schmitt (Bonn) allmählich verwirklicht werden. So entstand das monumentale Lexikon der Romanistischen Linguistik in 12 Bänden (Tübingen 1988–2005), das gut hundert Jahre nach Gustav Gröbers Grundriss der romanischen Philologie eine neue Gesamtschau aller romanischen Groß- und Kleinsprachen aus sprachsystematischer wie auch aus soziolinguistischer Sicht bietet. Zum ersten Mal werden hier Sprachen wie das Rumänische oder das Galegische in all ihren Aspekten systematisch dargestellt. Das Werk ist für andere Unternehmen und weitere Untersuchungen, wie die Romanische Sprachgeschichte in der Reihe Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (Walter de Gruyter), richtungsweisend geworden. Eine sprachvergleichende und sprachtypologische Synthese liegt u. a. in seinem auf Spanisch verfassten Buch Las lenguas románicas estándar. Historia de su formación y de su uso vor, publiziert von der Academia de la Llingua Asturiana in Oviedo im Jahre 2004. Hier, wie in anderen Publikationen, erarbeitet Metzeltin u. a. eine konvergente Typologie der romanischen Sprachen.

Vor allem die Herausforderung, verschiedene romanische Sprachen, mit besonderer Fokussierung der Syntax und der Semantik, darzustellen, führte Metzeltin zur Ausarbeitung eines neuen Syntaxmodells auf semantischer Basis, das ein verfeinertes Instrument für jegliche Satzanalyse und daher auch als Grundlage für neue Sprachtypologien betrachtet werden kann. Stärker als in anderen Modellen werden hier Modus des Senders und propositionaler Inhalt des Gesagten explizit gemacht, sodass auf systematische Weise das nicht biunivoke Verhältnis von Sprache und Denken gezeigt werden kann. Das Modell wird u. a. in den Monographien Semântica e sintaxe do português (Coimbra 1982), Sprache und Denken. Eine romanistische Perspektive (Wien 2004), Gramática explicativa de la lengua castellana. De la sintaxis a la semántica (Wien 2009), Erklärende Grammatik der romanischen Sprachen (Wien 2010), Gramatică explicativă a limbilor romanice. Sintaxă și semantică (Iași 2011), Sintaxis, pragmática y semántica. Un modelo de análisis integrado (Santiago de Chile 2019; zusammen mit Hiram Vivanco Torres) und Lingvistica, artă a comprehensiunii și a comunicării. O gramatică propozițională (Timișoara 2020; zusammen mit Cristina Izabela Apostol) dargestellt.

Das Rumänische dürfte nach Metzeltin innerhalb der romanischen Sprachen eine besondere Position einnehmen, wie er mehrmals zu zeigen versuchte (siehe vor allem seine Monographien Das Rumänische im romanischen Kontrast. Eine sprachtypologische Betrachtung, Berlin 2016; Româna în contrast. O cercetare tipologică, Iași 2016). Die Besonderheiten des Rumänischen gehen einerseits auf den lateinischen Ursprung, andererseits auf die Einbettung in den balkanischen Sprachkontext zurück. So könnte man das heutige Rumänisch als das Ergebnis der Verschmelzung von romanischem und balkanischem Sprachtypus sehen, was diese Sprache für eine wichtige Vermittlerrolle zwischen europäischem Okzident und europäischem Orient prädestiniert. Die Besonderheiten des Rumänischen innerhalb der romanischen Sprachen führen den Blick auf andere Balkansprachen und auf die Sprachtypologie. Dank dem Vergleich der romanischen Sprachen und der Sprachen des Balkans hat so Metzeltin zusammen mit Thede Kahl (Friedrich-Schiller-Universität Jena) ein Methodenbuch über Sprachtypologie auf morphosyntaktischer Basis ausgearbeitet (Sprachtypologie. Ein Methoden- und Arbeitsbuch für Balkanologen, Romanisten und allgemeine Sprachwissenschaftler, Wiesbaden 2015).

Die systematische Verbindung von Sprach- und Literaturwissenschaft brachte Metzeltin auf die Idee und auf die Notwendigkeit, ein allgemeines Analyse- und Interpretationsmodell für alle möglichen Texttypen aufgrund von induktiv eruierten Makrostrukturen zu entwickeln. So entstand mit der Zeit in Zusammenarbeit mit dem Slawisten Harald Jaksche (Fribourg, dann Graz) die Textoidentheorie mit dem Vorschlag von verschiedenen deskriptiven, narrativen und argumentativen Makrostrukturen (Textsemantik. Ein Modell zur Analyse von Texten, Tübingen 1983). Zusammen mit der Romanistin Margit Thir hat Metzeltin diese Texttheorie mit rituellen Entstehungsgründen in Zusammenhang gebracht und so die Theorie um die zwei grundlegenden rituellen Makrostrukturen der Initiation und der Herrschereinsetzung erweitert. Diese globalisierende Texttheorie wird in den von Metzeltin und Thir gemeinsam redigierten Werken Erzählgenese. Ein Essai über Ursprung und Entwicklung der Textualität, (Wien 1998), El arte de contar. Un ensayo metodológico y antropológico acerca de la textualidad (Murcia 2002), Textanthropologie (Wien 2012) und Antropologia Textului (Iași 2014) dargestellt. Eine die verschiedenen Sprachebenen integrierende Semantiktheorie stellt Metzeltin im Werk Theoretische und angewandte Semantik. Vom Begriff zum Text (Wien 2007) dar.

Die ständige Beschäftigung mit verschiedenen Texttypen führt Metzeltin zur näheren Untersuchung von politischen und juridischen Texten sowohl aus diskursanalytischer als auch aus begriffsgeschichtlicher Perspektive. In den Büchern Nationalstaatlichkeit und Identität (Wien 2000), România: Stat – Națiune – Limbă (București 2002), und Wege zur europäischen Identität (Berlin 2010, zusammen mit Thomas Wallmann) schlägt er ein neues Modell für die Erklärung der europäischen und lateinamerikanischen Staatenbildung mit den Phasen „Bewusstwerdung“, „Territorialisierung“, „Historisierung“, „Standardisierung einer Sprache“, „Textkanonisierung“, „Institutionalisierung“, „Medialisierung“ und „Globalisierung“ vor. Im Buch Die Entwicklung des Zivilisationswortschatzes im südosteuropäischen Raum im 19. Jahrhundert. Der rumänische Verfassungswortschatz. Eine ideengeschichtliche und kulturhistorische Betrachtung (Wien 2005) hat Metzeltin, zusammen mit Petrea Lindenbauer und Holger Wochele, die Grundbegriffe der Menschenrechte und die staatstragenden Begriffsfelder aus semantischer Perspektive neu beleuchtet. Zusammen mit Margit Thir hat er das Buch El poder. Análisis del discurso político español e hispanoamericano (Wien 2004) herausgegeben, das u. a. Methoden aufzeigt, wie man die Vermittlung von Macht und Machtstrukturen in Texten und allgemeiner in semiotischen Produkten erfassen kann. Entsprechende diskursanalytische Anwendungen bietet Metzeltin in den Publikationen El Poder y su semiología. Discurso de ingreso en la Reial Acadèmia de Doctors (Barcelona 2015) und Machtbestrebungen im Europa des 17. Jahrhunderts. Ein europäisches Ballett der Mächte (Wien 2019).

Seine Überzeugung, dass Sprache nur im größeren Kontext von Diskurswelten zu verstehen und zu analysieren ist, und dass diese Analysearbeit nur im Team realisierbar ist, hat Metzeltin u. a. in dem von ihm herausgegebenen und von 16 Kollegen verfassten Buch Diskurs – Text – Sprache. Eine methodenorientierte Einführung in die Sprachwissenschaft für Romanistinnen und Romanisten (Wien 2002, 2006, 2008) und in dem von ihm und Javier Bru Peral herausgegebenen Buch Landeswissen. Ein Methodenbuch (Wien 2017, ²2018) gezeigt.

Auszeichnungen Korrespondierendes Mitglied im Inland (1994), wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 2004) „Grande Oficial da Ordem do Mérito da República Portuguesa“ (1998) Prof. h. c. der Universität Bukarest (1999) Träger der spanischen „Encomienda de la Orden del Mérito Civil“ (2000)