Die herrschende Klasse (italienisch Elementi di scienza politica) ist das literarische Hauptwerk des italienischen Politikwissenschaftlers Gaetano Mosca. Die 1895 erschienene Schrift gilt als bedeutendes Werk der Politiksoziologie und begründete die klassische Elitesoziologie. Mosca will mit dem Buch zeigen, dass jede Gesellschaft von einer Minderheit beherrscht wird und Demokratie im Sinne einer direkten Herrschaft des Volkes prinzipiell nicht möglich ist.
Inhalt Moscas Buch ist in 17 Kapitel untergliedert, wovon die ersten elf ein in sich geschlossenes Werk darstellen, das 1895 erstmals publiziert wurde. Hierin legt der Autor die Grundzüge seiner Gesellschaftstheorie dar, wie er sie auch schon in seinem Vorwerk, der Sulla teorica dei governi e sul governo parlamentare (1884), skizzierte. Die übrigen sechs Kapitel, hier Kapitel 12 bis 17, wurden erst 1923 mitveröffentlicht. Sie greifen die wichtigsten Aspekte der Urform nochmals auf, ergänzen und relativieren sie insbesondere aufgrund von Moscas Erfahrung mit dem Faschismus und seiner aus dieser resultierenden Neubewertung der repräsentativen Demokratie.
Das erste Kapitel stellt den politiktheoretischen Forschungs-Ansatz dar, das zweite den Kern seiner Herrschaftstheorie. In den folgenden neun Kapiteln (Kap. 3–11) analysiert Mosca Implikationen seiner im zweiten Abschnitt dargelegten Theorie.
Kapitel 1: Die Wissenschaft von der Politik Im ersten Kapitel begründet Mosca die Notwendigkeit einer politischen Wissenschaft. Die Erforschung von Herrschafts- und Sozialstrukturen erscheint insofern von großer Bedeutung, als das kulturelle Niveau einer Gesellschaft nicht in erster Linie auf natürliche Ursachen (wie etwa Topographie, Klima oder Rasse), sondern vielmehr auf soziale Kräfte (wie etwa Religionen, technischer Fortschritt, wirtschaftliche Organisationsformen) zurückgeführt werden kann. Um allgemeingültige Aussagen über den Zusammenhang von Herrschafts- und Sozialstruktur auf der einen Seite und kulturellem Niveau auf der anderen wissenschaftlich zu begründen, favorisiert Mosca eine historische Methode, die alle wesentlichen politischen Entwicklungen großer Zivilisationen in der Vergangenheit für eine empirische Verifikation der theoretischen Zusammenhänge heranzieht. Bei einem solchen Vorgehen darf sich ein Wissenschaftler nicht auf die Betrachtung kulturell homogener Zeitabschnitte beschränken, sondern sollte vielmehr unterschiedliche Perioden heranziehen, die eine von Kulturspezifitäten unverzerrte Bewertung politologischer Hypothesen ermöglichen.
Kapitel 2: Die politische Klasse Das zweite Kapitel enthält den zentralen Kern von Moscas Herrschaftstheorie. „Unter den beständigen Tatsachen und Tendenzen des Staatslebens liegt eine auf der Hand: In allen Gesellschaften, von den primitivsten im Aufgang der Zivilisation bis zu den fortgeschrittensten und mächtigsten, gibt es zwei Klassen, eine, die herrscht, und eine, die beherrscht wird. Die erste ist immer die weniger zahlreiche, sie [...] monopolisiert die Macht und genießt deren Vorteile, während die zweite, zahlreichere Klasse von der ersten befehligt und geleitet wird.“Ausgehend von der Annahme, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nur durch organisierte Herrschaft möglich ist und nur Minderheiten sich organisieren können, muss in jeder Gesellschaft eine Minderheit die Mehrheit einer Bevölkerung regieren. Die Organisationsfähigkeit dieser ‚politischen Klasse’ führt Mosca auf ihre materielle, intellektuelle und moralische Überlegenheit zurück, welche ihre Angehörigen kraft natürlicher Begabung oder Abstammung aufweisen. Politik besteht aus dem Versuch der Herrschenden, ihre Macht zu erhalten, indem sie ihren Einfluss erblich machen und dabei in Konflikt mit aufstiegswilligen Individuen aus der Masse geraten, denen der Aufstieg unter günstigen Bedingungen gelingt, etwa beim Aufkommen neuer Ideale und Interessen in der Bevölkerung, welche die Überlegenheit der bisherigen politische Klasse untergraben. „Man könnte die gesamte Geschichte der Kulturmenschheit auf den Konflikt zwischen dem Bestreben der Herrschenden nach Monopolisierung und Vererbung der politischen Macht und dem Bestreben neuer Kräfte nach einer Änderung der Machtverhältnisse erklären.“Mosca betont, dass Machtkämpfe zwar die Zusammensetzung der herrschenden Klasse ändern können, niemals jedoch zur Abschaffung der Minderheitenherrschaft führen.
Kapitel 3: Feudale und bürokratische Systeme Im Vordergrund des dritten Kapitels stehen die Legitimation der Minderheitenherrschaft sowie die Differenzierung staatlicher Systeme. Die moralische Überlegenheit, mit der sich die Herrschaft einer kleinen Elite gegenüber der Masse rechtfertigen lässt, wird laut Mosca durch eine politische Formel gewährleistet. Diese enthält gesellschaftlich anerkannte Lehren und Glaubenssätze, welche die Macht der gegenwärtig Regierenden jedem Mitglied der Gesellschaft gerechtfertigt erscheinen lässt und zudem der Befriedigung des psychischen Bedürfnisses der Masse nach legitimer Beherrschung dient. „Keine politische Klasse“, urteilt Gaetano Mosca, „wie immer sie auch zusammengesetzt sei, wird unverblümt sagen, dass sie herrscht, weil [...] ihre Mitglieder dazu am geeignetsten seien. Sie wird vielmehr stets versuchen, ihre Macht durch eine Abstraktion zu rechtfertigen.“
Aufgrund der dichotomen Struktur jeder Gesellschaft erscheint die Einteilung von Staaten nach der Zahl der Herrschenden (wie etwa bei Aristoteles in Monarchie, Aristokratie und Demokratie) obsolet, weil diese nur die oberflächlichen Erscheinungsbilder politischer Herrschaft kategorisiert, ohne den jeder Herrschaftsform immanenten oligarchischen Kern zu berücksichtigen. Mosca schlägt daher eine Typologie in Abhängigkeit von der dem jeweiligen Staat inhärenten politischen Stabilität und dem zu erwartenden kulturellen Niveau vor. Staaten, in denen die Mitglieder der politischen Klasse keine funktionale Arbeitsteilung aufweisen, sondern alle ökonomischen, juristischen, administrativen und militärischen Kompetenzen auf sich vereinigen, bezeichnet Mosca als feudal. Wegen der hohen Belastung der Herrschenden mit politischen Entscheidungen auf allen Fachgebieten zeichnen sich feudale Staaten häufig durch politische Delegation aus, die eine regionale Zersplitterung großer Reiche und konfliktreiche Sezessionsbestrebungen mächtiger Regionaleliten zur Folge haben können. Der feudale Staat ist damit politisch instabil und typisch für Phasen kulturellen Verfalls. Der gegenteilige Idealtyp ist der bürokratische Staat. Er zeichnet sich durch einen hohen Grad an funktionaler Arbeitsteilung und die Professionalisierung politischer Funktionen aus. Zudem ist die Herrschaft in einem bürokratischen Staat zentralisiert und damit zumeist stabil. Mosca betont, dass durch die Gewaltenteilung des bürokratischen Staates dessen Herrschaft effektiver und weniger willkürlich ist als die des feudalen. Bürokratische Staaten sind typisch für Phasen kultureller Blüte. Ihr Verfall und der Übergang in den Feudalismus gehen meist mit einer überbordenden Bürokratisierung des Wirtschaftslebens einher, welche die ökonomischen Produktivkräfte erstickt.
Kapitel 4: Politische Klasse und Kultur Im vierten Kapitel rückt Mosca die Kultur ins Zentrum der Betrachtung. Mit dieser bezeichnet er die spezifischen Lebensäußerungen der Menschen. Menschen tendieren dazu, sich unter einer gemeinsamen Herrschaft zusammenzuschließen und bringen dabei eine politische Klasse hervor. Für die Gesellschaft ist es wichtig kulturell homogen zu bleiben, weil sonst die Führer der jeweiligen Kultur versuchen, die politische Macht für sich und ihre Kultur zu monopolisieren. Entfremdet sich die politische Klasse durch soziale Isolation kulturell von der Masse, untergräbt dies die Legitimität ihrer Herrschaft, weil es den Untergebenen nicht möglich ist, sich mit der Elite kulturell zu identifizieren. Diese Entfremdung zerstört die Fähigkeit der politischen Klasse, mit Krisen umzugehen und provoziert die Bildung von Gegeneliten, die sich aus der Masse rekrutieren, ihr kulturell näherstehen und die herrschende Klasse bei der ersten Gelegenheit ersetzen.
Kapitel 5: Der Rechtsschutz Die Rolle der Moral für eine Gesellschaft und deren politische Klasse wird im fünften Kapitel thematisiert. Die Moral einer Gesellschaft, die ihren Ausdruck in der Qualität kodifizierter Rechtsnormen und implizit gültiger Werte findet, dient nach Mosca der Kontrolle destruktiver menschlicher Triebe und ist für ihn damit ein besonderer Ausdruck für das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Kulturvolkes. Ihr Niveau hängt maßgeblich von der politischen Klasse ab, weil bei amoralischen Führungsschichten die Verachtung von Sitten und Gesetzen schnell auf den gesamten Staatsapparat übergreift und letztlich die gesamte Gesellschaft erfasst. Die moralische „Überlegenheit“ einer Elite bietet in diesem Fall keine sinnvolle Richtgröße mehr für den sozialen Umgang und untergräbt damit die politische Formel. Aus dem Mangel an rechtlicher Sicherheit resultiert die Einschränkung der persönlichen Freiheit in einer Gesellschaft, wodurch die kulturelle Entwicklung gehemmt und durch die Aushöhlung der politischen Formel auch die staatliche Stabilität gefährdet wird. Die Angehörigen der politischen Klasse stehen damit in einem Zwiespalt, weil die Beachtung der gesellschaftlichen Moralcodices nicht der Anwendung notwendiger Mittel zur Machterhaltung und damit wiederum der politischen Stabilität im Wege stehen darf. Mosca betont schließlich, dass eine echte Moral auf der Trennung von weltlicher und religiöser Gewalt angewiesen ist, weil es keine unantastbaren Dogmen geben darf, ihre kritische Infragestellung darf nicht verhindert werden.
Kapitel 6: Das Wahlrecht und die sozialen Kräfte Die Wahlen
Moscas Einsicht von der dichotomen Struktur jeder Gesellschaft schlägt sich im sechsten Kapitel in einer Kritik gegenüber der repräsentativen Demokratie nieder. Da Wahlberechtigte in einem Repräsentativsystem nicht einen beliebigen Kandidaten wählen können, sondern nur zwischen den Kandidaten auswählen dürfen, die von der eigentlich herrschenden Minderheit nominiert wurden, wird die Demokratie im Sinne einer „Herrschaft des Volkes“ zur Farce. Immerhin fördert die öffentliche Diskussion bei Wahlen die Kritikfähigkeit der Masse, insbesondere bei Volksabstimmungen zu konkreten Fragen. Der Einfluss professioneller Propagandisten kann diese Kritikfähigkeit jedoch unterlaufen. Das Repräsentativsystem bietet mächtigen Gruppen („sozialen Kräften“) die Möglichkeit, sich durch die Nominierung von Kandidaten und Propaganda politischen Einfluss zu verschaffen. Eine besondere Gefahr sieht Mosca in der repräsentativen Demokratie, weil der Wettbewerb um Stimmen dazu führt, dass deren Kandidaten stets die Wünsche der Wähler zu erfüllen suchen und dabei unpopuläre, aber notwendige Maßnahmen meiden. Die Folge ist eine inkonsistente Politik, welche die Lösung echter Probleme ignoriert und damit die politische Stabilität aufs Spiel setzt.
Der Staat und die Beamtenschaft