mini|hochkant=1.4|Auf der Weltausstellung 1894 in Antwerpen wurden 114 Personen aus dem Kongo zur Schau gestellt.Jean-Pierre Jacquemin: Kongolesen im „imperialen“ Belgien. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 346–352. Im Hintergrund sind einige Zuschauer zu erkennen. Auflagenstark veröffentlichte Fotografien und Postkarten der Völkerschauen zeigten vielfach die „Fremden“ in ihrer vorgeblich „natürlichen Umgebung“ in hierarchisch-rassistischer Abgrenzung zu den „zivilisierten“ Zuschauern.Bilddokumente – Menschenzoos und Völkerschauen. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 264–293. (Foto von 1894„Exposition Universelle d’Anvers 1894 – Groupe de Congolaise“ (Weltausstellung in Antwerpen – Gruppe von Kongolesen), Foto von Charles Bernhoeft, 1894.) Völkerschau ( oder human zoo, ) bezeichnet die kommerzielle Zurschaustellung indigener Menschen in Zoos, Panoptiken oder auf Kolonial- und Weltausstellungen. Die Hochphase der besonders in Europa und den USA populären, heute auch als „Menschenzoos“ bezeichneten Vorführungen dauerte von den 1870er bis Anfang der 1930er Jahre. Die als „exotisch“ oder „Wilde“ in Szene gesetzten Menschen zogen viele Millionen zahlender Besucher an. Sie stießen auch auf großes Interesse bei Wissenschaftlern, vor allem in der biologischen Anthropologie sowie bei Anhängern der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verbreitenden Rassentheorien. Völkerschauen gelten in der heutigen Forschung daher als ein wesentlicher Faktor bei der Verbreitung und Ausprägung rassistischer Stereotype und Denkmuster.

Den Völkerschauen gingen verschiedene, weit in die Vergangenheit zurückreichende Formen der Zurschaustellung als „fremdartig“ wahrgenommener Menschen voraus. Sie entwickelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten und in Freak Shows zu einer zunehmend erfolgreichen Gattung der Schaustellerei. Völkerschauen grenzen sich von diesen früheren Formaten durch weit größere und um mehr Authentizität und Immersion bemühte Inszenierungen ab, beispielsweise die Nachbildung ganzer „Eingeborenendörfer“. Sie erwiesen sich für die Veranstalter, die sogenannten Impresarios, als lukratives Unterhaltungsgeschäft. Seit der zweiten Hälfte der 1870er Jahre verbreiteten sich die Völkerschauen ausgehend von Hamburg in nur wenigen Jahren über viele Staaten Europas bis in die USA, Japan und Australien. Sie wurden meist als Tourneen geplant, die in unterschiedlichen Staaten, Metropolen und auch in vielen Kleinstädten Station machten. Seit den 1880er Jahren wurden sie zunehmend auch in Welt- und Kolonialausstellungen integriert.

Einzelne Völkerschau-Tourneen haben in der Forschung besondere Beachtung gefunden – wie die „Lappländer“ (1875), die „Eskimos“ (1880/81), die „Feuerländer“ (1881/82), die „Aborigines“ (1883–1888), die „Bella Coola“ (1885/86), die „Amazonen von Dahomey“ (1888–1903), die Samoaner (1895–1911) oder die Sara-Kaba (1930–1932). Zu den gemessen an der Zahl der zur Schau gestellten Personen größten Völkerschauen im Deutschen Reich zählte 1896 die Berliner Kairo-Ausstellung mit über vierhundert Darstellern, die zeitgleich zur ersten Kolonial-Ausstellung mit über einhundert Personen aus den verschiedenen deutschen Kolonien stattfand. Bei der größten Völkerschau weltweit, der Weltausstellung 1904 in St. Louis, wurden etwa zweitausend Personen zur Schau gestellt.

Begriff Der Begriff Völkerschau etablierte sich in der Ethnologie und Geschichtswissenschaft seit den 1950er Jahren.Alfred Lehmann: Zeitgenössische Bilder der ersten Völkerschauen. Werner Lang u. a. (Hrsg.): Von fremden Völkern und Kulturen. Beiträge zur Völkerkunde. Hans Plischke zum 65. Geburtstage. Düsseldorf 1955, S. 31–38. Zeitgenössisch fand er erstmals 1904 bei „Marquardt’s afrikanischer Völkerschau“ Verwendung. Vorher wurden die seit den 1870er Jahren verbreiteten Schauen oft als „Menschenausstellungen“ oder „Menschenvorstellungen“ bezeichnet.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Frankfurt am Main 2005. Carl Hagenbeck nannte sie auch „Völkerausstellungen“Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen Berlin 1908 (1. Auflage). oder – wenn er Menschen zusammen mit Tieren inszenierte – „anthropologisch-zoologische Schaustellungen“. Die Impresarios gaben jeder der Schauen einen eigenen Titel, mit dem sie in Zeitungen und auf Plakaten beworben wurden. Die Bezeichnungen der Herkunft der zur Schau gestellten Menschen (beispielsweise „Lappländer“ oder „Nubier“; siehe hierzu den Abschnitt Herkunft und Stereotype) wurden dabei oft mit Begriffen wie „Karawane“, „Truppe“, „Gruppe“, „Dorf“ oder „Ausstellung“ kombiniert. Zudem finden sich in den Titeln der Völkerschauen auch abschätzige Begriffe wie „Wilde“ oder „Kannibalen“.

Forschungsstand Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch wenig rezipierten und erinnerten Völkerschauen setzte ab den 1980er Jahren ein und bewegt sich auf einem interdisziplinären Forschungsfeld der Kolonial- und Gesellschaftsgeschichte, der Ethnologie und des Postkolonialismus.Umfassend zum Forschungsstand (bis 2003) s. Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Frankfurt am Main 2005, S. 320–326. Zu den frühen Veröffentlichungen zählen Stefan Goldmanns Aufsatz Wilde in Europa. Aspekte und Orte ihrer Zurschaustellung von 1984Stefan Goldmann: Wilde in Europa. Aspekte und Orte ihrer Zurschaustellung. In: Thomas Heye (Hrsg.): Wir und die Wilden. Einblick in eine kannibalische Beziehung. Reinbek bei Hamburg 1984, S. 243–269. sowie die 1989 veröffentlichte Monografie Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen von Hilke Thode-Arora.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt am Main 1989. Der im Jahr 2000 in der Zeitschrift Le Monde diplomatique veröffentlichten Artikel Menschenzoos als Instrument der Kolonialpropaganda. Ein sozialdarwinistisches Disneyland des französischen Forscherteams Nicolas Bancel, Pascal Blanchard und Sandrine Lemaire verschaffte den zoos humaines große Aufmerksamkeit in der internationalen Geschichtsschreibung.Nicolas Bancel, Pascal Blanchard, Sandrine Lemaire: Menschenzoos als Instrument der Kolonialpropaganda. In: Le Monde diplomatique, 11. August 2000, S. 16 f., abgerufen am 3. Februar 2024. Ein Jahr später erschien von denselben Autoren der (erst 2012 in deutscher Übersetzung veröffentlichte) umfangreiche Sammelband Zoos Humains. Au temps des exhibitions humaines.Pascal Blanchard u. a.: Einleitung. MenschenZoos: Schaustellung „exotischer“ Menschen im Westen. In: Dies. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 10–64. Weitere grundlegende Studien verfassten Eric Ames,Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. University of Washington Press, Seattle 2009. Rea Brändle (2013Rea Brändle: Wildfremd, hautnah. Völkerschauen und ihre Schauplätze in Zürich 1880–1960. Zürich 2013. und posthum 2023Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023), Anne Dreesbach, Gabi Eissenberger,Gabi Eissenberger: Entführt, verspottet und gestorben – Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos. Frankfurt am Main 1996. Nigel Rothfels,Nigel Rothfels: Savages and Beasts. The Birth of modern Zoo. Baltimore 2025. Werner Michael Schwarz,Werner Michael Schwarz: Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung „exotischer“ Menschen, Wien 1870–1910. Wien 2001. Balthasar StaehelinBalthasar Staehelin: Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879–1935. Basler Afrika Bibliographien, Basel 1993. sowie Stefanie Wolter.Stefanie Wolter: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfänge des Massenkonsums. Frankfurt am Main 2005. Eine systematische Darstellung aller Völkerschauen, der Zahl der jeweils zur Schau gestellten Menschen oder der Besucherzahlen in nationalen Kontexten oder als Forschungsfeld der Globalgeschichte steht noch aus. Den bisher umfassendsten Überblick über Zahl und Umfang der Völkerschauen vorwiegend im deutschsprachigen Raum gibt eine von Rea Brändle recherchierte Liste von 2.800 Stationen von Menschenausstellungen (darunter sowohl große Völkerschauen als auch kleinere Zurschaustellungen indigener Menschen) in 327 Städten und Ortschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Die Liste erhebt aber nach eigenen Angaben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Daneben gibt es zahlreiche lokale Fallstudien oder solche zu einzelnen Völkerschau-Tourneen (siehe hierzu den Absatz Völkerschauen nach Ländern und Städten).

Deutungen mini|hochkant|Im „Amtlichen Bericht“ der Berliner Kolonialausstellung 1896 wurden die Völkerschau-Darsteller in als Mugshots anmutenden Fotoserien abgebildet (Buchseite von 1897)Gustav Meinecke (Red.): Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896. Amtlicher Bericht über d. 1. deutsche Kolonial-Ausstellung. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1897.

Völkerschauen weisen große Spannbreiten auf – sowohl hinsichtlich der Zahl, Herkunft, Behandlung und Inszenierung der Darsteller als auch der Wahrnehmung durch Presse und Publikum, die zwischen Abschätzigkeit, respektvoller Anerkennung und Bewunderung schwankte. In der Forschung werden sie entsprechend kontrovers beurteilt. Laut Stefanie Wolter stehen sich dabei zwei Positionen „unversöhnlich“ gegenüber: Die eine Seite prangert den Rassismus der Völkerschauen vehement an, während die andere sie eher als Ausdruck ihrer Zeit verstehen möchte. Völkerschauen erfuhren im Zuge der postkolonialen Forschungen verstärkte Aufmerksamkeit mit Blick auf das im Kolonialismus begangene Unrecht, auf die Verflechtungsgeschichte der kolonisierten Gesellschaften und die der Kolonialmächte sowie die Spuren des kolonialen Erbes. Die postkolonialistische Forschung betont die „Idee weißer Überlegenheit“ und deutet die Schauen „als ein Mittel zur Rechtfertigung von Eroberung, Ausbeutung und in manchem Fall auch von Auslöschung“.Vanessa Toulmin: Abnormitäten und Exotik. Ein Überblick über die Präsenz von Völkerschauen im Europa und Amerika des 19. Jahrhunderts. In: Frank Kessler, Sabine Lenk, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Grüße aus Viktoria. Film-Ansichten aus der Ferne. Frankfurt am Main 2002, S. 34–59. Hilke Thode-Arora erklärt die Schauen vielschichtiger – als eine „enge Verzahnung von kolonialer Politik, kolonialzeitlicher Wissenschaft und Unterhaltungsgeschäft“, […] bei der „europäische Blickregimes und koloniale Machtstrukturen […] mit indigenen Perspektiven und Strategien“ zusammengetroffen seien – und will mit dieser Deutung die Wechselbeziehung zwischen europäischen Zuschauern und zur Schau gestellten Menschen stärker einbeziehen.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Völkerschauen zwischen Schaugeschäft, Wissenschaft und Kolonialpolitik. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Bd. 38 (2017), S. 143–166. Die Schauen waren allerdings „selbst bei größtmöglicher Beteiligung der Völkerschau-Teilnehmer an der Rekrutierung und Inszenierung immer eine europäische Konstruktion des Fremden, gemacht für den europäischen Blick und Konsum“. Der US-amerikanische Historiker Eric Ames legt den Fokus auf wirtschaftliche Aspekte: „the show’s reason to exist was fundamentally commercial“ – oder wie auch Anne Dreesbach formuliert: „Es ging bei den Zurschaustellungen nicht um die Verbreitung von Ideologien oder Kolonialpropaganda, sondern darum, Geld zu verdienen“.

Quellen