Die Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg ist eine sächsische Schmalspurbahn in der Spurweite von 750 mm außerhalb der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Für die Strecke wird heute auch die offiziell 1998 vergebene Marketingbezeichnung Lößnitzgrundbahn verwendet, die auch von der Denkmalpflege als Bauwerksname der Sachgesamtheit verwendet wird. Umgangssprachlich wird sie dagegen meist als Lößnitzdackel (kurz auch Dackel) oder früher Grundwurm bezeichnet.

Überregional bekannt ist die Strecke vor allem aufgrund des 1974 eingeführten Traditionsverkehrs mit historischen Lokomotiven und Wagen aus der Frühzeit der sächsischen Schmalspurbahnen. Die gemeindeübergreifende Lößnitzgrundbahn ist, einschließlich der Gleisanlagen und der Fernmelde-Freileitung, als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal; neben Radebeul verzeichnen auch die Gemeinden Moritzburg und Radeburg zahlreiche Einzeldenkmale als Bestandteil dieses sächsischen technischen Denkmals.

Geschichte Vorgeschichte Radeburg war nach 1870 Mittelpunkt eines fast 300 Quadratkilometer großen Gebietes, welches noch nicht durch Eisenbahnen erschlossen war. Einziges öffentliches Verkehrsmittel war die Postkutsche, die zweimal täglich von Radeburg über Moritzburg nach Dresden verkehrte. Als 1871 die Bahnstrecke Berlin–Dresden projektiert wurde, prüfte man auch eine mögliche Streckenführung über Ortrand und Radeburg nach Dresden. Letztlich führte man die Strecke wegen der günstigeren Neigungsverhältnisse im Elbtal über Weinböhla und Cossebaude nach Dresden. Eröffnet wurde sie am 17. Juni 1875.

mini|links|Ein Reisezug in der Ortsdurchfahrt Radebeul (um 1910)

Ein weiteres Projekt sah eine Bahn von Dresden über Radeburg nach Schönfeld zum Anschluss an die Strecke der Cottbus-Großenhainer Eisenbahn-Gesellschaft vor. Auch diese Verbindung wurde nicht realisiert.

Die sächsische Regierung schlug schließlich den Bau einer Schmalspurbahn von Radebeul nach Radeburg vor. Die beiden Kammern des Sächsischen Landtags genehmigten den Plan am 17. Januar 1881. Streit gab es jedoch noch um die Linienführung. Neben der später realisierten Variante von Radebeul durch den Lößnitzgrund nach Moritzburg gab es auch Planungen für alternative Streckenführungen direkt von Dresden oder Klotzsche. Klotzsche war bereits als Ausgangspunkt der im Bau befindlichen Schmalspurbahn nach Königsbrück vorgesehen, sodass die dortigen Schmalspuranlagen kostengünstig hätten mitbenutzt werden können.

Letztlich entschied man sich für die Streckenführung durch den Lößnitzgrund, da so ein höherer verkehrlicher Nutzen erzielt werden konnte. Der Ausgangspunkt Dresden schied vor allem wegen der hohen Grunderwerbskosten für den separat anzulegenden Schmalspurbahnhof in der Dresdner Neustadt aus.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 12.

Bau und Eröffnung Die Vermessungsarbeiten an der neuen Bahn begannen im März 1882. Im Juni 1882 war die Trasse fertig vermessen und im Gelände markiert. Die Ausschreibung der Bauleistungen erfolgte in zwei Losen. Das erste Baulos von Radebeul bis zum Dippelsdorfer Teich erhielt die Firma Berndt aus Dippoldiswalde, das zweite Baulos vom Dippelsdorfer Teich bis Radeburg ging an die Firma Oskar Neumeister.

Am 20. September 1883 wurde mit dem Ersten Spatenstich am Felseinschnitt in Dippelsdorf mit dem Bau begonnen. Im Durchschnitt waren auf der Baustelle 380 Arbeiter beschäftigt, um Einschnitte, Dämme und Brücken herzustellen. Eine Besonderheit stellten die Dämme durch den Dippelsdorfer und den Großteich dar, für deren Schüttung beide Gewässer im Jahr 1884 abgelassen werden mussten. Am 21. Mai 1884 war das Planum einschließlich aller Brücken fertiggestellt, danach folgte der Gleisbau. Am 12. August 1884 erreichte erstmals ein Bauzug Radeburg.

mini|hochkant=2.5|links|Teichübergang bei Dippelsdorf

Am 11. September 1884 wurde die Strecke, deren Bau insgesamt 783.906,91 Mark gekostet hatte, mit einem Prüfungszug abgenommen. Die Feierlichkeiten zur Eröffnung der Strecke fanden schließlich am 15. September 1884 statt. Ein Festzug mit geladenen Gästen fuhr von Radebeul nach Radeburg und zurück.

Der reguläre Betrieb durch die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen begann einen Tag später, am 16. September 1884. Der erste Fahrplan wies insgesamt drei gemischte Zugpaare aus, die etwa 90 Minuten Reisezeit für die Gesamtstrecke benötigten. Der Betrieb wurde nach den Vorschriften der „Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung“ durchgeführt.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 13 ff.

Die Streckenerweiterung nach Radeburg Nord

Eines der letzten großen Eisenbahnprojekte in Sachsen war die „Sächsische Nordostbahn“, die in der Oberlausitz parallel zur preußischen Grenze verlaufen sollte. Der Bau des Abschnittes zwischen Priestewitz und Radeburg wurde 1914 beschlossen, der Baubeginn war für das Jahr 1916 avisiert. Tatsächlich begann der Streckenbau dann am 1. Februar 1919 mit der Einrichtung des Neubauamtes Radeburg. Um die geplante Weiterführung der Strecke in Richtung Kamenz zu ermöglichen, wurde der neue Radeburger Normalspurbahnhof nördlich der Stadt geplant. Die bislang südlich der Stadt endende Schmalspurbahn sollte bis dorthin weitergeführt werden.

Die Arbeiten zur Verlängerung der Schmalspurbahn begannen schließlich im Jahr 1920. Die neue Trasse zweigte kurz vor dem Endbahnhof Radeburg aus der bisherigen Streckenführung ab, überquerte das Promnitztal und die Große Röder und erreichte den geplanten Bahnhof Radeburg Nord schließlich in einem Rechtsbogen. Im Endausbau sollte der bisherige Radeburger Bahnhof aufgelassen werden und der neue Bahnhof Radeburg Nord hätte dessen Aufgaben übernommen. Am 20. Dezember 1922 nahm man die neue Strecke provisorisch für den Bauzugverkehr nach Radeburg Nord in Betrieb.

Letztlich kamen die Bauarbeiten an der neuen Bahnstrecke schon im November 1923 zum Erliegen. Als im Januar 1927 der endgültige Abbruch des Neubauprojektes beschlossen wurde, baute man kurz darauf die Gleise der Schmalspurbahn wieder ab.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 146 ff.

Der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Zugverkehr auf der Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg wurde nach Kriegsende bereits Ende Mai / Anfang Juni 1945 wieder aufgenommen. Bedingt durch das Fehlen von hochwertiger Lokomotivkohle kam es oft zu Zugausfällen. Im November 1947 ruhte der Verkehr aus diesem Grund einige Tage ganz. Die Züge wurden nun vor allem zu Hamsterfahrten, aber auch von Berufspendlern genutzt. An einen Ausflugsverkehr war vorerst nicht zu denken.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 35.

Mit der Stabilisierung der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse erlangte die Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg ab 1950 ihre alte Bedeutung zurück. Der Fahrplan von 1955 sah insgesamt acht werktägliche Reisezugpaare vor. An Sonn- und Feiertagen im Sommerhalbjahr wurden nun auch wieder drei zusätzliche Züge zwischen Radebeul und Moritzburg gefahren, die insbesondere dem Ausflugsverkehr dienten.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 38.

Stilllegungspläne

Anfang der 1960er Jahre fanden auf allen Nebenstrecken der Deutschen Reichsbahn Untersuchungen über deren Wirtschaftlichkeit statt. Angesichts des europaweiten Trends zur Verlagerung der Transporte von der Schiene auf die Straße beschloss 1964 der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik die Stilllegung aller Schmalspurbahnen in der DDR bis 1975. Für die Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg bedeutete dieser Beschluss, dass fortan keinerlei Investitionen mehr in die Infrastruktur erfolgten. In den Folgejahren wurden an Gleisen und Anlagen nur noch die notwendigsten Erhaltungsarbeiten durchgeführt. Zur Personaleinsparung galten ab 26. Mai 1963 die Vorschriften des vereinfachten Nebenbahnbetriebs.

Ein Gutachten vom Januar 1966 sah jedoch größere Probleme bei einem kurzfristigen Verkehrsträgerwechsel. Problematisch war insbesondere der schlechte Straßenzustand im Umfeld der Bahn. Im Lößnitzgrund schien die Führung einer Buslinie auf der nur drei Meter breiten Straße unmöglich zu sein, zudem hätte man zwischen Friedewald und Moritzburg wegen einer fehlenden Straßenverbindung einen Umweg fahren müssen. Ähnlich gelagert waren die Probleme im Güterverkehr, wo eine Verlagerung nach den Wagenladungsknoten in Großenhain, Ottendorf-Okrilla und Radebeul Ost vorgesehen war. Das Gutachten empfahl schließlich weitere detaillierte Untersuchungen in den Jahren 1975 bis 1980.

Erste Ausdünnungen im Fahrplan verfügte die Reichsbahndirektion Dresden bereits Mitte der 1960er Jahre, als die zusätzlichen Ausflugszüge an Sonntagen gestrichen wurden. Im Vergleich mit den anderen Schmalspurbahnen in Sachsen blieb jedoch weiterhin eine dichte Zugfolge im Reisezugverkehr erhalten. Der Winterfahrplan 1965/66 verzeichnete neun täglich verkehrende Zugpaare über die Gesamtstrecke, Mitte der 1970er Jahre waren es noch acht.

Ende der 1960er Jahre entstand die Idee einer Schnellstraßenbahn auf dem Bahnkörper der Schmalspurbahn, die am Weißen Roß beginnend bis nach Moritzburg führen sollte. Der Weiterbetrieb der Schmalspurbahn und fehlende materielle Voraussetzungen ließen diesen mehrfach publizierten Plan jedoch schon bald obsolet werden.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 42ff.

Im August 1971 tagte in Dresden der 18. Internationale MOROP-Kongress der Modelleisenbahner. Am Bahnhof Radebeul Ost fand dazu eine vielbeachtete Fahrzeugausstellung statt, auf der erstmals auch die Schmalspurbahn im Mittelpunkt des Interesses der in- und ausländischen Besucher stand.Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Das große Buch der Lößnitzgrundbahn; Wilsdruffer Bahnbücher 2008, S. 46.

Entwicklung ab 1974 Anfang der 1970er Jahre mehrten sich die Stimmen, die eine Erhaltung einiger Schmalspurbahnen als touristische Attraktion forderten. So beschloss die Hauptverwaltung des Betriebs- und Verkehrsdienstes am 17. September 1973 die langfristige Erhaltung von sieben Schmalspurbahnen in der DDR, darunter auch die der Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg. Diese sollte nun vorrangig zu einer touristischen Attraktion unter Beibehaltung des regulären Reise- und Güterverkehrs entwickelt werden.

mini|links|Talwärts fahrender Zug kurz vor dem Haltepunkt Weißes Roß (1984) mini|hochkant|Fahrzeugausstellung anlässlich „150 Jahre Eisenbahn in Radebeul“ (1988)

Am 10. August 1974 verkehrte dank des Engagements von Eisenbahnfreunden erstmals ein Traditionszug. Zum Einsatz kamen innen im Ursprungszustand erhaltene Reisezugwagen der sächsischen Schmalspurbahnen zusammen mit einer Lokomotive der Gattung IV K. Diese Fahrten wurden in den nächsten Jahren regelmäßig durchgeführt. Damit war die Schmalspurbahn Radebeul Ost–Radeburg die erste Eisenbahnstrecke mit regelmäßigem musealen Betrieb in der DDR.

Der Zustand der Fahrzeuge war in den 1970er Jahren für den Regelbetrieb noch zufriedenstellend. Angesichts des teilweise sehr hohen Alters der Wagen sah die Deutsche Reichsbahn eine Neubeschaffung bulgarischer Reisezugwagen vor, die bis 1984 geliefert werden sollten. Aus finanziellen Gründen stornierte die DDR den Liefervertrag im Jahr 1982. Letztlich modernisierte die DR deshalb einen Großteil der vorhandenen Reisezugwagen.

Nach der Ölkrise in der DDR im Jahr 1981 stieg die Güterverkehrsleistung wegen der staatlich verordneten Verlagerung von Transporten von der Straße auf die Schiene wieder an. Teilweise mussten nun sogar Reisezüge durch Busse ersetzt werden, um zusätzliche Güterzüge für den Bedarf der Radeburger Industrie fahren zu können.