mini|Buddha als Verkünder der Kālacakra-Lehren, der Lehren vom Rad der Zeit
Die Geschichte der tibetischen Astronomie ist die Darstellung der Entwicklung einer im historischen Tibet verbreiteten Wissenschaft (tib.: rig gnas; „Ort des Wissens“) über den Aufbau der Erde und des Weltalls, über die Errechnung der Struktur und der Bestandteile des tibetischen astronomischen Kalenders, über die Berechnung der Bewegung der in Tibet bekannten zehn Planeten einschließlich Sonne und Mond sowie des Kometen Encke und über die Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen. Durchgeführt wurden die astronomischen Berechnungen mit dem tibetischen Sandabakus.
Die Tibetische Astronomie ist indischen Ursprungs, da sie auf den astronomischen Lehren des ersten Kapitels des Kalachakra beruht, eines indischen tantrischen Lehrtexts, dessen Sanskrit-Textversion nicht vor 1027 entstanden sein kann und der in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts erstmals ins Tibetische übersetzt wurde.
Ursprung nach mythologischer buddhistischer Tradition
mini|links|hochkant|Die tantrische Gottheit vom Rad der Zeit mini|Sucandra, König von Shambhala, empfängt die Kālacakra-Unterweisungen mini|links|Jamyang Drag, König von Shambhala und Verfasser des Kālacakratantra mini|Pema Karpo, König von Shambhala und Verfasser des Kommentarwerks Vimalaprabhā Nach tibetischer Überlieferung wurde das tantrische Lehrsystem Kālacakra, „Rad der Zeit“, vom historischen Buddha kurz vor oder nach seinem Tod an dem südindischen Stūpa von Dhānyakaṭaka vor einer mythischen Zuhörerschaft auf Bitten von Sucandra (tib.: zla ba bzang po), einem König des sagenhaften Königreiches Shambhala, gelehrt. Sucandra soll diese Lehren in einem 12.000 Verse umfassenden, Wurzel-Tantra (Mūlatantra) genannten Werk niedergeschrieben haben, das jedoch, bis auf einige Zitate in späteren Werken, verloren gegangen sein soll.
Der für die Entwicklung der tibetischen Astronomie maßgebliche Text ist das erste Kapitel des als Kālacakratantra bekannten Werkes, das einem anderen mythischen König von Shambhala, nämlich Jamyang Dragpa (tib.: 'jam dbyangs grags pa), zugeschrieben wird und eine verkürzte Version des verlorengegangenen Wurzel-Tantra sein soll. Der tibetische Titel dieses Werkes lautet: mChog gi dang po sangs rgyas las phyung ba rgyud kyi rgyal-po dus kyi 'khor lo („Der von Buddha, dem ersten der Allerhöchsten, offenbarte König der Tantras, das Rad der Zeit“).
Das erste Kapitel dieses Werkes enthält eine Beschreibung der Kosmografie und der Durchführung astronomischer Berechnungen, wie sie in zahlreichen praktischen Rechenbüchern der indischen Astronomie und Kalenderrechnung üblicherweise dargestellt werden. In Sanskrit werden solche Rechenbücher Karaņa bzw. später im Tibetischen byed rtsis („Praktisches Rechnen“) genannt.
Die verwendeten Rechengrößen zur Erleichterung der praktischen Durchführung der Rechnungen sind in solch einem Werk verkürzt bzw. aufgerundet. So wird beispielsweise zur Vereinfachung der Rechnungen mit weniger Zahlen hinter dem Komma gerechnet als exakt erforderlich wäre. Die praktischen Rechenbücher sind vor dem Hintergrund großer systematischer indischer Abhandlungen über astronomische Rechnungen entstanden die Siddhānta genannt werden, und in denen mit komplizierteren Zahlenwerten und langen Zeitperioden gerechnet wird. Für den täglichen Gebrauch wurde dies nicht als notwendig erachtet.
Innerhalb der indischen Astronomie hat der astronomische Inhalt des Kālacakratantra deshalb keine herausragende Bedeutung. Das erste Kapitel des Kālacakratantra diente jedoch dazu, einen Großteil des sehr weit entwickelten astronomischen Wissens der Inder nach Tibet zu exportieren, wo es als autoritative Verkündung des historischen Buddha eine hohe Wertschätzung und eine eigentümliche Weiterentwicklung erfuhr.
Astrologische Inhalte finden sich im ersten Kapitel des Kālacakratantra so gut wie gar nicht.
Von großer Bedeutung für die Entwicklung der tibetischen Astronomie war das Kommentarwerk Vimalaprabhā („Makelloser Glanz“) zum Kālacakratantra, das ebenfalls einem mythischen König von Shambhala, nämlich Pema Karpo (tib.: padma dkar po), dem Nachfolger Jamyang Dragpas, zugeschrieben wurde.
Dieses Kommentarwerk enthält zahlreiche Zitate aus dem Wurzel-Tantra, die für die spätere Entwicklung der tibetischen Astronomie bedeutsam waren. Dem Verfasser der Vimalaprabhā sind folgenschwere Fehleinschätzungen bei der Kommentierung zuzuschreiben, die aus einer offenkundigen Unkenntnis des Verhältnisses von Karaņa- und Siddhānta Werken der indischen Astronomie resultierten. So findet sich in der Vimalaprabhā der Hinweis, Ungläubige hätten die im Wurzel-Tantra enthaltene wahre, vom Buddha gelehrte Astronomie in böswilliger Absicht verfälscht und diese Verfälschungen im ersten Kapitel des Kālacakratantra verbreitet.
Diese Hinweise sowie die Angabe einiger für korrekt gehaltener abweichender Werte aus dem Wurzel-Tantra, waren ein wesentlicher Antrieb für die Entwicklung der tibetischen Astronomie, die sich letztendlich als 'Rekonstruktion der wahren, von Buddha gelehrten Siddhānta-Astronomie' verstand und im Tibetischen als Grub rtsis bezeichnet wurde.
Die Vimalaprabhā stellt insbesondere zwei Werte heraus, die für die Astronomie des Wurzel-Tantra wesentlich gewesen sein sollen. Der eine Wert ist der Faktor zur Umrechnung der Länge eines mittleren solaren Monats bzw. eines mittleren Zodiak-Tages in mittlere lunare Monate bzw. mittlere lunare Tage, der mit
A =
angegeben werden kann. Dieser Wert besagt, dass 67 mittleren synodischen bzw. lunaren Monaten 65 solare Monate entsprechen.
Der zweite Umrechnungsfaktor betrifft das Verhältnis der zeitlichen Länge eines mittleren lunaren Tages zu der zeitlichen Länge eines natürlichen Tages. Hiernach entspricht einem mittleren lunaren Tag
B =
natürliche Tage.
Übersetzung ins Tibetische mini|Drolo Sherab Drag
Das Kālacakratantra wie auch die Vimalaprabhā stammen in ihrer vorliegenden Fassung aus dem 11. Jahrhundert. Beide Werke wurden in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts von dem indischen Gelehrten Somanātha und dem tibetischen Übersetzer Drolo Sherab Drag (tib.: 'bro lo shes-rab grags) ins Tibetische übersetzt.
Anfänge der Herausbildung einer eigenen Wissenschaft der Astronomie in Tibet (12. Jahrhundert und Beginn des 13. Jahrhunderts) mini|links|hochkant|Sakya Paṇḍita, Schüler des Śākyaśrībhadra. Er war einer der ersten tibetischen Gelehrten, die eine gründliche praktische Ausbildung in Astronomie absolvierten. mini|Nyinphugpa Chökyi Dragpa, tibetischer Übersetzer des Kālacakrāvatāra
Die Überlieferung indischen astronomischen Wissens im Rahmen des tantrischen Meditationszyklus Kālacakratantra nach Tibet hatte zunächst weder irgendeine Bedeutung für den tibetischen Kalender noch bewirkte sie eine nennenswerte Beschäftigung von Tibetern mit Fragen der komplizierten Berechnungen der indischen Astronomie. Hierzu bedurfte es der Herauslösung des astronomischen Wissens aus dem Tantrazyklus Kālacakra und der Darstellung in eigenen astronomischen Texten.
Diese Aufgabe übernahmen im 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts wiederum zwei an der Astronomie interessierte indische buddhistische Gelehrte, die in Tibet an der Verbreitung des Buddhismus mitwirkten.
Der erste dieser beiden Gelehrten war Abhayākaragupta (1084–1130), in Tibet unter dem Namen Lobpön („Lehrmeister“) Abhaya bekannt, der unter dem Titel Kālacakrāvatāra die astronomischen Inhalte des Kālacakratantra in einer eigenständigen Abhandlung darstellte und anschließend an der Übersetzung dieses Werkes ins Tibetische durch den Nyinphugpa Chökyi Dragpa (tib.: nyin phug pa chos kyi grags pa) (1094–1186) mitwirkte.
Der zweite dieser beiden Gelehrten war der berühmte kaschmirische Gelehrte Śākyaśrībhadra (1127–1225), der drei auf den Lehren des Kālacakratantra basierende Schriften zur Astronomie verfasste, in denen er die Kalenderrechnung, die Berechnung der Sonnen- und Mondfinsternisse und der Bewegung der fünf Planeten Merkur, Mars, Venus, Jupiter und Saturn behandelte. Śakyaśrībhadra besuchte Tibet im Jahre 1204 und hielt sich dort bis 1214 auf.
Er wurde einer der herausragenden Lehrer des Sakya Paṇḍita Künga Gyeltshen (1182–1251). Aus der Biographie Sakya Paṇḍita Künga Gyeltshens ist zu entnehmen, dass er eine gründliche praktische Ausbildung zur Kalenderrechnung und Astronomie des Kālacakratantra absolviert hat. Er war somit der erste der Sakya-Hierarchen, von dem wir wissen, dass er eine solche Ausbildung erhalten hatte.
Zu dieser Ausbildung gehörte unter anderem die praktische Durchführung der Addition, Subtraktion, Division und Multiplikation mittels des Sandabakus, die Berechnung der fünf Komponenten der Kalenderrechnung, die Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen, der Längen der 5 Planeten und der Position des Kometen Encke. Eigene Beiträge zur tibetischen Astronomie und Kalenderrechnung wurden von Sakya Paṇḍita nicht verfasst.
Erste astronomische Lehrbücher tibetischer Autoren (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts)
mini|links|Chögyel Phagpa, einer der ersten tibetischen Verfasser autochthoner tibetischer Schriften zur Astronomie und Kalenderrechnung. mini|Karmapa Rangjung Dorje, er verfasste 1318 sein erstes Lehrbuch zur tibetischen Astronomie.
Angesichts des zunehmenden Interesses an der rechnenden Astronomie entstanden bald erste Lehrbücher tibetischer Autoren zu diesem Thema. Der erste tibetische Autor, von dem uns solche Schriften vorliegen, war der berühmte tibetische Geistliche Chögyel Phagpa (1235–1280).
Chögyel Phagpa verfasste neun Abhandlungen zur Kalenderrechnung und Astronomie. In allen Fällen handelt es sich hierbei um praktische Rechenbücher. Die Abhandlungen Chögyel Phagpas sind die ältesten der uns bisher bekannten Darstellungen der Kālacakra-Astronomie in tibetischer Sprache, die keine Übersetzungen aus dem Indischen darstellen. Inhaltlich folgt Chögyel Phagpa noch weitgehend den Darlegungen des Kālacakratantra.
Der auf dem Kālacakratantra basierende Kalender wurde durch ihn in Tibet eingeführt und als der maßgebliche, von Buddha gelehrte Kalender etabliert. Insofern legte Chögyel Phagpa politisch die Basis für die spätere eigenständige Entwicklung der tibetischen Astronomie und Kalenderrechnung.
Ein weiterer bedeutender Geistlicher, der zur Verbreitung des astronomischen Wissens in Tibet beitrug, ist der 3. Karmapa Rangjung Dorje (1284–1339). Rangjung Dorje verfasste 1318 das erste von zwei Lehrbüchern, die die Astronomie und Kalenderrechnung sowie die Astrologie behandeln.
Auch die Lehrbücher des Rangjung Dorje sind praktische Rechenbücher, die voll in der Tradition des Kālacakratantra stehen und somit wissenschaftsgeschichtlich im Vergleich zu den Werken von Chögyel Phagpa bis auf eine Ausnahme wenig Neues bieten. Auf ca. 4 ½ Seiten erläutert er rechnerisch verkürzte Berechnungen zu der mittleren Bewegung von Sonne, Mond, der Planeten und der Mondknoten. Dies ist der früheste bisher bekannt gewordene Versuch, die Umlaufzeiten dieser Himmelskörper bzw. die mittlere Veränderung ihrer ekliptikalen Längen pro bestimmter Zeiteinheit zu berechnen. Außerdem etablierte er mit seinen beiden Abhandlungen die Kālacakra-Astronomie und Kalenderrechnung in der Kagyü-Schule. Zur inhaltlichen Weiterentwicklung der tibetischen Astronomie, leistete er noch keinen nennenswerten Beitrag.
Kommentierung der Programmtexte der praktischen Rechenbücher (14. Jahrhundert)
mini|Butön Rinchen Drub (links), der große Kommentator zur tibetischen Astronomie