mini|250px|Entwicklung der Europäischen Union 1973 bis 2020
Die Geschichte der Europäischen Union umfasst die Entwicklung des Staatenverbundes Europäische Union vom Vertrag von Maastricht vom 1. November 1993 bis zur Gegenwart, die Entwicklung ihrer Vorgängerorganisationen und den Prozess der Europäischen Einigung. Sie ist durch ein Geflecht konkurrierender Motive und Entwicklungstendenzen charakterisiert, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten jeweils richtungsgebend auf die Entwicklung der Gemeinschaft eingewirkt haben. Bezeichnend ist daher die Umsetzung des Möglichen und Machbaren in der jeweils gegebenen zeitgeschichtlichen Lage, nicht die geradlinige Verwirklichung einer genau umrissenen Planung.
Die Strukturen der Europäischen Union sind einem langzeitig bestimmenden unübersichtlichen Vertragskonglomerat unterworfen. Aus diesem strukturellen Defizit erwuchs seit ihrem Bestehen ein hohes Maß an Komplexität, welches von Kompromiss zu Kompromiss und von Erweiterung zu Erweiterung der Gemeinschaft erheblich gestiegen ist. Für die Union resultiert daraus sowohl ein Akzeptanzproblem bei den EU-Bürgern, denen „Brüssel“ immer undurchsichtiger erscheint, als auch die mit dem Mitgliederwachstum verbundene Schwierigkeit, im bestehenden Institutionengefüge die Arbeits- und Handlungsfähigkeit der einzelnen Organe zu gewährleisten.
Der durch das Ende des Ost-West-Konflikts bedingte tiefgreifende Wandlungsprozess hat zur Europäischen Union geführt, die mit dem Euro über eine gemeinsame Währung verfügt und nun auch die Staaten Mittel- und Osteuropas großteils einschließt. Die Ausgestaltung und Fortführung des europäischen Integrationsprozesses bleibt auch unter den Bedingungen des Reformvertrags von Lissabon eine außerordentliche Bewährungsprobe. Neuere Zuspitzungen diesbezüglich resultieren aus der Eurokrise seit 2010, der Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016 und dem Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union im Januar 2020.
Schematische Übersicht
Frühe Pläne einer europäischen Einigung
Erste annähernd konkrete Vorstellungen von einem geeinten Europa aus Anlass des Abwehrkampfs gegen das Osmanische Reich kamen im 17. Jahrhundert auf. Es war Maximilien de Béthune Herzog von Sully, der in seinen 1662 posthum veröffentlichten Mémoires ou Oeconomies royales d’Estat mit seinem Grand Dessin eine überstaatliche Struktur entwarf, die die europäischen Republiken (einschließlich einer neu zu gründenden italienischen Republik sowie Venedig, die Alte Eidgenossenschaft, die Vereinigten Niederlande), Erb- (England, Frankreich, Spanien, Schweden, Dänemark, Lombardei) und Wahlmonarchien (Kirchenstaat, Heiliges Römisches Reich, Böhmen, Polen, Ungarn) umfassen sollte. Dieses Konzept einer europäischen Einigung basierte wesentlich auf den mittelalterlichen Voraussetzungen der christlichen Religion und der lateinischen Sprache, die wiederum für die Heiratspolitik des europäischen Hochadels, aber auch für die großräumige Wanderschaft von Handwerksgesellen und Künstlern sowie für den Gedankenaustausch von Gelehrten einen gemeinsamen Orientierungsrahmen boten. Diesen auszuweiten und nachhaltig zu verankern war schon Jahrhunderte zuvor ein wesentliches Merkmal der Herrschaftsausübung Karls des Großen (*747 oder 748; † 814, König ab 768, Kaiser ab 800) des Charlemagne der Franken (siehe Reichsidee).
Noch über das Grand Dessin hinaus ging der Entwurf von William Penn (* 1644; † 1718) für eine Zusammenführung der europäischen Staatenwelt. In seinem Essay toward the Present and Future Peace of Europe (1691–1693 verfasst) wurden auch Russland und die Türkei als potentiell zugehörig behandelt, eine deutlich über die territoriale Ausdehnung der heutigen EU hinausreichende Vorstellung.
Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden (1795) kann im weiteren Sinne ebenfalls unter die Vorläufer einer europäischen Einigung gerechnet werden, da sie einen föderalen Zusammenschluss republikanischer Staaten als Voraussetzung des Weltfriedens ansah.
Der französische Schriftsteller Victor Hugo forderte als Vorsitzender des zweiten internationalen Friedenskongresses 1849 die „Vereinigten Staaten von Europa“. Verwirklichungschancen hatte allerdings im gegebenen historischen Umfeld keine dieser Vorstellungen. Hugos Vorstoß richtete sich sogar direkt gegen die vorherrschende politische Tendenz der Zeit, die den souveränen Nationalstaat verherrlichte und Europa alsbald in die Konkurrenz imperialistischer Mächte trieb.
Die europäische Einigungsbewegung als Folgewirkung zweier Weltkriege mini|Erinnerungstafel an Churchills Rede in der Aula der Universität Zürich
Die verhängnisvollen Entstehungsmechanismen des Ersten Weltkriegs, das Massensterben in den Materialschlachten des Stellungskriegs und der Schwächezustand des Kontinents als Kriegsfolge haben in den 1920er Jahren erstmals breiter fundierte europäische Einigungsbewegungen hervorgebracht. Ein ausgeprägtes inhaltliches Profil hatte insbesondere die Paneuropa-Union, gegründet und geführt von Richard Coudenhove-Kalergi, der aus der untergegangenen Österreichisch-Ungarischen Monarchie stammte. Im Paneuropäischen Manifest vom 1. Mai 1924 beschwor er drei Gefahren herauf: einen weiteren europäischen Krieg, die Eroberung Europas durch ein zur Weltmacht aufsteigendes, diktatorisch geführtes Russland und den wirtschaftlichen Ruin Europas, verbunden mit der Perspektive, als amerikanische Wirtschaftskolonie fortzuexistieren.
Trotz der Unterstützung, die die Paneuropa-Union durch ihren Ehrenpräsidenten, den mehrmaligen französischen Außen- und Premierminister Aristide Briand erhielt, gelang es nicht, die wirtschaftlichen Interessenverbände und andere internationale Friedensbewegungen in das Boot der Paneuropa-Union zu holen. Nationale und nationalistische Strömungen behielten – zumal in den Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise – die Oberhand. In Deutschland forderte die Sozialdemokratische Partei (SPD) 1925 in ihrem Heidelberger Programm die „Vereinigten Staaten von Europa“ und erntete den Vorwurf, die nationalen Interessen zu verraten. Erst nach 1945 beziehungsweise 1972 entwickelte sich die Paneuropa-Union unter Otto von Habsburg zu einer Organisation, die neben den Einigungsbestrebungen das im Ost-West-Konflikt „vergessene“ Mitteleuropa zum Thema machte.
Das von Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg verfolgte Ziel, Europa in ein „Großgermanisches Reich“ unter nationalsozialistischer Führung zu verwandeln, in dem nach rassistischer NS-Doktrin arische „Herrenmenschen“ über zu „Untermenschen“ degradierte Nichtarier hätten herrschen sollen, löste unmittelbar nach dem Kriegsende neuerliche Aktivitäten für einen gleichberechtigten Zusammenschluss europäischer Staaten aus. Daran wirkten die in der Nachkriegszeit gegründete Union Europäischer Föderalisten seit 1946 und die Europäische Bewegung International seit 1948 wesentlich mit. Winston Churchill hielt am 19. September 1946 an der Universität Zürich eine Rede, in der er – wie schon Victor Hugo – von den „United States of Europe“ nach dem Vorbild der „United States of America“ sprach.
mini|Niederländische Kino-Nachrichten über den europäischen Kongress 1948 in Den Haag Das American Committee on United Europe unterstützte die European Conference on Federation, die erstmals am 7. Mai 1948 unter dem Vorsitz von Winston Churchill in Den Haag tagte und an der Parlamentsmitglieder der 16 Empfängerländer des Marshallplans teilnahmen. Es wurde an einem Entwurf für eine Verfassung der Vereinigten Staaten von Europa gearbeitet und im Jahr 1949 der Europarat in Straßburg gegründet. Zunächst berührte dieser die Souveränität der Mitgliedstaaten kaum (mit Ausnahme des in Verbindung damit geschaffenen Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte). Die ursprüngliche Hoffnung, der Europarat könne zum Kern eines vereinigten Europas werden, erstarb aber bald an den Intentionen Großbritanniens, welches seine Zukunft nach wie vor eher im weltweiten Commonwealth of Nations sah als in Europa.
Der westeuropäische Integrationsansatz (1951–1989) An die von Coudenhove-Kalergi genannten Motive einer europäischen Einigung konnte dennoch nahezu nahtlos angeknüpft werden. Die USA setzten mit den in den Jahren 1948 bis 1952 gegebenen Marshallplan-Geldern ein Signal, dass sie die kontinentaleuropäische Wirtschaft schnell wieder aufbauen wollten und damit positive Impulse für den Einigungsprozess. 1948 gründeten 18 westeuropäische Staaten die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC), durch die diese Staaten in den Entscheidungsprozess über die Verwendung der Mittel aus dem Marshallplan eingebunden wurden. Ausschlaggebend für den schließlich erfolgreichen Anlauf des europäischen Wiederaufbauprogramms war, dass sich nun die Regierungen der Gründerstaaten das Einigungsprojekt zu eigen machten. Die deutsche Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer konnte die internationale Isolierung durchbrechen und die gewünschte Westintegration einleiten; für Frankreich ergab sich die Chance, sich dauerhaft vor deutscher Wirtschaftsmacht und Revanchegelüsten zu schützen: Das Ende der „Erbfeindschaft“ zeichnete sich ab.
Das Fundament: „Montanunion“ (EGKS)
mini|Quai d’Orsay
Am 9. Mai 1950 gab der französische Außenminister Robert Schuman am Quai d’Orsay den nach ihm benannten, aber im Wesentlichen von Jean Monnet entwickelten Schuman-Plan bekannt, der die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, „Montanunion“) als Grundstein für die wirtschaftliche und politische Einigung westeuropäischer Staaten vorsah. Die Errichtung der Montan-Union wurde als sensationelle Wende der französischen Außenpolitik empfunden,John Gillingham: Die französische Ruhrpolitik und die Ursprünge des Schuman-Plans (PDF; 8,2 MB). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 1/1987. hatte Frankreich doch bis dahin auf Großbritannien als seinen wichtigsten europäischen Partner bei der Verhinderung eines deutschen Wiedererstarkens gesetzt. Dieser Gedanke trug noch die Westunion des Jahres 1948. Doch die Briten, die sich ihrem Commonwealth einstweilen näher fühlten, hatten alle supranational-europäischen Initiativen boykottiert. Um das Potenzial der deutschen Eisen- und Stahlindustrie als Ausgangspunkt einer Bedrohung der französischen Sicherheitsinteressen künftig auszuschalten (Ruhrfrage), setzte Monnet auf gemeinsame Produktionsbedingungen und Kontrolle unter dem Dach einer supranationalen Hohen Behörde.
Für die deutsche Seite, die die Fesseln des Ruhrstatuts, welches seit 1949 für die Montanindustrie des Ruhrgebiets eine Lenkung und Aufsicht durch eine Internationale Ruhrbehörde in Düsseldorf vorsah, überwinden wollte, und für Bundeskanzler Konrad Adenauer, der nach der Magnettheorie den Ausgleich mit Frankreich suchte, war die in Aussicht stehende Montanunion zum gegebenen Zeitpunkt eine unverhoffte und sofort zu ergreifende Chance. Die Benelux-Staaten und Italien schlossen sich trotz Bedenken hinsichtlich der Konkurrenzfähigkeit der eigenen Stahlindustrie aus politischen Gründen an; nicht an einem europäischen Einigungsprozess beteiligt zu sein, erschien ihnen als das größere Risiko.
mini|180px|Flagge der EGKS In den sich fast ein Jahr hinziehenden Verhandlungen wurden auf Initiative der kleineren Staaten neben der „Hohen Behörde“ ein Ministerrat aus Vertretern der beteiligten Staaten und eine Parlamentarische Versammlung zur Kontrolle der demokratischen Legitimation der Gemeinschaftsbehörde eingerichtet. Am 18. April 1951 unterzeichneten die Außenminister in Paris den Vertrag für die Montanunion, die nach der Ratifizierung in den Mitgliedstaaten am 10. August 1952 mit der Errichtung eines gemeinsamen Marktes für Kohle und Stahl beginnen konnte. Der am 24. Juli 1952 in Kraft getretene EGKS-Vertrag lief wie vereinbart nach 50 Jahren am 23. Juli 2002 aus.
Frankreichs Schwanken: Das Scheitern der EVG