Das Groteske (von zu ‚Höhle‘) ist ein künstlerisches Stilmittel, das auch als Genre- beziehungsweise Gattungsbegriff (die Groteske) in der Bildenden Kunst, der Literatur, der Musik und den Darstellenden Künsten je nach Epoche in sehr unterschiedlicher Bedeutung Verwendung findet. mini|hochkant=1.3|Kopfloser und Kopffüßler an einer Miserikordie im Chorgestühl der Kathedrale von Ripon
Begriff Umstritten waren Grotesken seit ihrem ersten Auftreten. Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) hat schon früh das Ausufernde der pompejanischen Wandmalereien (zu deren 4. Stil die Malereien im Goldenen Haus Neros (Domus Aurea) gerechnet werden) kritisiert:
Das Zedler-Lexikon definiert im Jahr 1735 das Groteske, in Anlehnung an die unzulässigen Freiheiten der Maler und Dichter laut Horaz (Ars poetica, ca. 15 v. Chr.), als Nichteinhalten von Ordnungen oder Gestaltungsprinzipien: „Grotesque ist eine Freyheit derer Mahler oder Bildhauer, etwas wiedersinniges und lächerliches, oder ungeschickte Bildungen von Thieren, Vögeln, halben Menschen, Waffen, Laubwerk und dergleichen künstlich durch einander geflochten vorzustellen.“Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Zedler, Halle und Leipzig 1735, Bd. 11, Sp. 1083. Der Begriff unterscheidet ursprünglich nicht, ob das Groteske den „geschickten“ Darstellungsweisen nicht genügen kann, nicht genügen will oder deren Wertmaßstäbe gar nicht kennt.
Ihren Ursprung hat die Groteske in der Kunst der Renaissance, als Bezeichnung für bestimmte antike und von ihnen abgeleitete neuzeitliche Ornamentformen. Pietro Luzzi (auch als Morto da Feltre bekannt), ein Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts, gilt als der Entdecker der antiken Vorlagen. Er „erhielt von seinen Zeitgenossen den Namen der Tote. Tagelang hatte er sich in den Überresten des ehemaligen Palastes Neros aufgehalten und gearbeitet. Das Goldene Haus Neros war im Jahr 104 durch einen Brand zerstört, von Trajan zugeschüttet und mit Thermen überbaut worden. So geriet es in Vergessenheit, bis sich etwa um 1490 Maler für den nun unter der Erde liegenden Palast interessierten. Von ihren Exkursionen in die Unterwelt brachten sie Aufzeichnungen mit – seltsam anmutende Malereien, die sie in den dunklen Gängen kopiert hatten. Das Grottenartige des ehemaligen Palastes gab diesen Malereien ihren Namen: Grotesken werden sie seither genannt. Dieser belanglos wirkende Vorgang hatte weit reichende Konsequenzen. Grotesken galten in der Renaissance als das Kennzeichen für italienische Zeichnungen all’antica überhaupt.“
Als Ornamente werden die Groteske, die Arabeske und die Maureske oft miteinander in Beziehung gesetzt oder für synonym gehalten. Sie sind gleichermaßen Ausdruck des Exotischen und des Regellosen, nach den Maßstäben einer christlich geprägten Kultur. Dieses Bizarre und Phantasievolle faszinierte, ohne sich über die religiösen Konventionen jener Zeit erheben zu können und zu wollen, die es als Karnevaleskes oder Dämonisches verstanden.Vgl. James Luther Adams, Wilson Yates (Hg.): The Grotesque in Art & Literature. Theological Reflections, Eerdmans, Cambridge 1997, ISBN 0-8028-4267-4
Vom 17. Jahrhundert an umfasst das Groteske das Volkstümliche, Ungehobelte, zum Teil auch das Altertümliche im Sinn des Veralteten („Schwulststil“), im Unterschied zu den formellen, stark reglementierten höfischen Kunstformen, wie sie die französische Klassik propagierte. Die „Vertreibung Harlekins“ in Gestalt des Tabarin oder später im sogenannten Hanswurststreit steht etwa für die Abkehr einer neuzeitlichen Hochkultur vom Grotesken. Im 20. Jahrhundert, nach dem Ende der adligen Vorherrschaft in Europa, löst sich der Begriff des Grotesken vom Volkstümlichen und von seiner Geringschätzung (im Unterschied zum umgangssprachlichen Adjektiv grotesk). Er dient als Stilbegriff für drastische Komik und monströse Übertreibung, zum Beispiel für den übersteigerten Ausdruck des Expressionismus.
Der Duden versucht, das Groteske an bestimmten Eigenschaften eines Werks der Bildenden Kunst oder der Literatur festzumachen: als Darstellung „einer verzerrten Wirklichkeit, die auf paradox erscheinende Weise Grauenvolles, Missgestaltetes mit komischen Zügen verbindet“.Duden: Die Groteske, online unter duden.de, abgerufen am 19. Sep. 2018. Aus heutiger Sicht ist dies nur sinnvoll, wenn solche Merkmale als Regelverstoß beabsichtigt sind und nicht bloß vom Urteil ihrer Kritiker abhängen.
Nach Michail Bachtin ist die Groteske in Literatur und bildender Kunst jedoch nicht nur eine in satirischer Absicht benutzte Hyperbel, sondern signalisiert eine grundlegende Ambivalenz: Einerseits erkennen wir in ihr die Realität wieder, andererseits empfinden wir moralische Befriedigung, indem wir das Dargestellte verhöhnen. Zugleich ist der groteske Körper keine individuelle Einheit, sondern nur ein Durchgangsstadium in einem dauernden Prozess der Verwandlung und Erneuerung.Michail Bachtin: Die groteske Körperkonzeption und ihre Quellen, in: Ders.: Rabelais und seine Welt: Volkskultur und Gegenkultur. Frankfurt 1995, S. 345 ff.
Die werkimmanente Interpretation, wie sie in der Literaturwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg üblich war, versuchte das Groteske als ahistorisch wertfreies Stilmittel zu bestimmen, wie etwa Wolfgang Kayser („Das Groteske ist eine Struktur“). Mit dieser Betrachtungsweise wurde die Tatsache ausgeblendet, dass mit dem Etikett des Grotesken das gesellschaftlich Niedere der jeweiligen Zeit festgelegt, aufgewertet, oder umgekehrt das Hochstehende zum Niederen abgewertet wird. Die Verbindung des Begriffs mit der Wertung des Betrachters war Kayser allerdings bewusst: „Wer mit der Kultur der Inka nicht vertraut ist, wird manche ihrer Bildsäulen für grotesk halten […]“.Wolfgang Kayser: Versuch einer Wesensbestimmung des Grotesken, in: Ulrich Weisstein: Literatur und bildende Kunst, Schmidt, Berlin 1992, S. 173–179, hier S. 174. ISBN 3-503-03012-3. Der Gestus der Aufwertung kann das Vorurteil stützen, dass es sich um etwas Niederes handle. Mit der zunehmenden Einsicht in die Relativität von Normen löste sich das Groteske von negativen Konnotationen. Zudem bezog sich das Groteske weniger auf das Fremde (mit dem Anspruch, dass der Exotismus das Fremde so wahrnehme, wie es sei) als auf die absichtliche Verfremdung oder Entfremdung eines Vertrauten. Wenn es nicht mehr nötig ist, einen Unterschied zu herrschenden Normen herauszustellen, verliert das Groteske als Stilbegriff seine Bedeutung.
Peter Fuß in seiner neueren Überblicksdarstellung bezeichnet das Groteske als „Medium des kulturellen Wandels“.Peter Fuß: Das Groteske. Ein Medium des kulturellen Wandels, Böhlau, Köln 2001, ISBN 3-412-07901-4. Das Groteske im älteren, frühneuzeitlichen Sinn ist Ausdruck des nicht Normalen oder nicht Normierten, im modernen Sinn stellt es Normen in Frage. „Erst das harte Aufeinandertreffen von Vertrautem und Ungewohntem lässt das Groteske entstehen“, erklärt Petra Mayer mit Bezug auf E. T. A. Hoffmann.Petra Mayer: Hoffmanns poetischer Bullenbeißer – eine Ausgeburt des Grotesken, in: E.t.A. Hoffmann Jahrbuch, Bd. 15, Schmidt, Berlin 2007, S. 7–24, hier S. 8. ISBN 978-3-503-09834-7. Nach Dorothea Scholl bewegt sich der Mensch seit der Renaissance „zwischen dem Erhabenen und dem Grotesken“,Dorothea Scholl: Von den „Grottesken“ zum Grotesken: die Konstituierung einer Poetik des Grotesken in der italienischen Renaissance, Lit, Berlin 2004, ISBN 3-8258-5445-0, S. 579. wobei das Erhabene zunächst noch religiös geprägt war und seit dem 17. Jahrhundert von der Hofkultur definiert wurde (und die Hoffähigkeit zu den begehrtesten sozialen Eigenschaften gehörte).
Bildende Kunst mini|Die Loggien Raffaels In der Bildenden Kunst ist „die Groteske“ ein Ornament, verwandt mit der weniger figürlichen Arabeske und der Maureske. Sie besteht aus einem flächenfüllenden Geflecht, in dem sich Fabelwesen, Pflanzenelemente, Bänder oder Gefäße erkennen lassen, und führte in der Hochrenaissance zu charakteristischen Dekorationen wie dem Florisstil.
Als das bedeutendste Beispiel für Groteskenmalereien in der Renaissance gelten die Loggien Raffaels. 1512 hatte Raffael die von Bramante begonnenen Arbeiten an der Stadtfassade des ehemaligen Palastes von Nikolaus V. fortgesetzt. Er vollendete das zweite Stockwerk, das seitdem die Loggien Raffaels genannt wird und setzte noch eine dritte Loggia darauf. 1517 wurde mit der Ausschmückung der Loggien begonnen, dem Jahr, in dem Luther seine 95 Thesen über den Ablass in Wittenberg anschlug. In den 13 Gewölben befinden sich die Gemälde, die als die Bibel Raffaels bezeichnet werden und die das Konkurrenzunternehmen zu Michelangelos Sixtinischer Kapelle darstellen sollten.
In zwölf der Gewölbe sind jeweils vier Szenen aus dem Alten Testament und in dem 13. Gewölbe vier Szenen aus dem Neuen Testament dargestellt. Allerdings sind diese biblischen Darstellungen unbedeutend gegenüber der verwirrenden Vielfalt der mythologischen Szenen, den Landschaftsmalereien und Fruchtgirlanden, den Mischungen aus Menschen, Tieren, Pflanzen und architektonischen Gebäuden. In diesem Aufbau folgen die als das kleine domus aurea bezeichneten Loggien direkt ihrem großen Vorbild; zum Teil wurden Abbildungen aus dem Goldenen Haus direkt übernommen. Alfred Bouß geht davon aus, dass sich am Beispiel der Loggien Raffaels in exemplarischer Weise die Verbindung von Grotesken und ihrem architektonischen und gesellschaftlichen Rahmen anschaulich machen lässt.Siehe Alfred Bouß 1989, S. 60.
„Das Groteske“ wird zwar gelegentlich zum Stilmittel verallgemeinert, mit dem das Volkstümliche oder Populäre, das Hässliche, Obszöne, Komische oder Unproportionierte zu Kunst erhoben werde, es wird aber nicht zum Gattungsbegriff gemacht. Oft wird das Groteske in einen Zusammenhang mit der Karikatur gebracht, so von Christoph Martin Wieland (Unterredungen zwischen W* und dem Pfarrer zu *, 1775).Uwe Wirth (Hg.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch, Metzler, Stuttgart 2017, S. 313. ISBN 978-3-476-02349-0. Von einem Grotesken ist, manchmal abwertend und manchmal wertfrei, ohne kunstgeschichtliche Verortung die Rede: von den allegorischen Gestalten Hieronymus Boschs über die Fabelwesen von Johann Heinrich Füssli bis hin zu den „Kunstismen“ des beginnenden 20. Jahrhunderts.
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