mini|Hermann Göring in der Luftwaffenuniform eines Reichsmarschalls. In Augsburg-Bärenkeller nach seiner Verhaftung, 11. Mai 1945 rahmenlos|hochkant|zentriert|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Hermann Göring

Hermann Wilhelm Göring (* 12. Januar 1893 in Rosenheim; † 15. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein deutscher nationalsozialistischer Politiker und Kriegsverbrecher. Mitte 1933 wurde er Reichsluftfahrtminister ohne offizielles Ministerium, ab Mai 1935 war er Oberbefehlshaber der Luftwaffe. 1936 bzw. 1937 übernahm er die Führung der deutschen Wirtschaft und des Reichswirtschaftsministeriums.

Göring hatte im Ersten Weltkrieg als mit dem Pour le Mérite dekorierter Jagdflieger einige Bekanntheit erlangt. Er nahm im November 1923 in München am Hitlerputsch teil und trug maßgeblich zum Aufstieg der NSDAP bei. Im August 1932 wurde er zum Reichstagspräsidenten gewählt. Am Tag der Machtergreifung ernannte Adolf Hitler ihn zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich, zum Reichskommissar für den Luftverkehr und zum Reichskommissar für das preußische Innenministerium. Am 11. April 1933 wurde Göring auch Ministerpräsident Preußens.

In den beiden letzten Positionen war Göring maßgeblich an der Gleichschaltung und der Verfolgung der Opposition beteiligt, die er mit äußerster Brutalität betreiben ließ. Er war für die Gründung der Gestapo sowie die Einrichtung der ersten Konzentrationslager ab 1933 verantwortlich. Ab Oktober 1936 betrieb er als Beauftragter für den Vierjahresplan die weitere Aufrüstung der Wehrmacht zur Vorbereitung eines Angriffskrieges. Er leitete Maßnahmen im Zusammenhang mit dem „Anschluss“ Österreichs, mit denen österreichische und deutsche Nationalsozialisten im März 1938 die Eingliederung Österreichs in den NS-Staat veranlassten. In der Nacht auf den 12. März 1938 lösten – nach seinen telefonischen Drohungen, noch vor dem Einmarsch deutscher Einheiten – österreichische Nationalsozialisten das austrofaschistische Ständestaatsregime ab.

Er organisierte systematisch Wirtschaftsmaßnahmen gegen Juden und erließ am 12. November 1938 die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.

In der Öffentlichkeit des In- und Auslands galt Göring bis zum Kriegsende als einer der einflussreichsten NS-Politiker. Tatsächlich verlor er, wie die historische Forschung später zeigte, vor und während des Krieges trotz einer Häufung von Ämtern und Titeln Schlüsselbefugnisse an konkurrierende NS-Funktionäre wie Heinrich Himmler und Joseph Goebbels. Als Chef der Luftwaffe geriet Göring wegen der Niederlage in der Luftschlacht um England (Mitte 1940 bis Anfang 1941), der beginnenden verheerenden Bombardierung des Reichsgebiets durch die Alliierten und des Scheiterns einer Luftbrücke bei der Schlacht von Stalingrad (Ende 1942) in Misskredit.

Am 31. Juli 1941 beauftragte er Reinhard Heydrich mit der Organisation des Völkermordes an den europäischen Juden (Holocaust), in der Sprache des Nationalsozialismus euphemistisch „Endlösung der Judenfrage“ genannt.

Ab 1942/43 (Zeit der Kriegswende) zog sich Göring – auf parteiinternen Druck hin wie auch aus eigenem Antrieb – zunehmend ins Privatleben zurück und pflegte einen dekadent-luxuriösen Lebensstil. Viele Ämter führte er seitdem – wenn überhaupt – nur noch in repräsentativer Weise aus.

Göring war einer der 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Angeklagten. Er wurde am 1. Oktober 1946 in allen vier Anklagepunkten (Verschwörung gegen den Weltfrieden; Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges; Verbrechen gegen das Kriegsrecht; Verbrechen gegen die Menschlichkeit) schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. Durch Suizid am Vorabend der Hinrichtung entzog er sich der Vollstreckung des Urteils.

Leben Herkunft Hermann Göring wurde während eines gezielten Deutschlandaufenthaltes seiner Mutter Franziska Göring (geborene Tiefenbrunn) im Sanatorium Marienbad im oberbayerischen Rosenheim zur Welt gebracht.Ingeborg Armbrüster: Das Marienbad um 1900. In: Stadtarchiv Rosenheim. Stadt Rosenheim, abgerufen am 3. Oktober 2024. Der Vater Heinrich Ernst Göring war promovierter Jurist und diente zwischen 1885 und 1890 als erster Reichskommissar für Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) sowie zwischen 1892 und 1895 als Ministerresident für Haiti und die Dominikanische Republik. Die schwangere Mutter war unter dem Namen Fanny Göhring von Port-au-Prince auf Haiti nach Rosenheim mit der Absicht gereist, ihren Säugling nicht dem tropischen Klima auszusetzen.Edwin Palmer Hoyt: Goering’s War. Hale, London 1990, ISBN 0-7090-3928-X, S. 13 (englisch). Mit Datum vom 8. Februar 1893 wurde Göring in das Taufbuch der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Rosenheim eingetragen.Freiheit und Glaube. Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land. Ausstellung des Dekanats Rosenheim und der Stadt Rosenheim. In: Michael Grabow (Hrsg.): Freiheit und Glaube. Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land. Dokumentation. Evangelisch-Lutherisches Dekanat Rosenheim, Rosenheim 2008, S. 151–185, hier S. 164. Sein Taufpate war der königlich-preußische Stabsarzt Hermann Epenstein.

Göring hatte vier Vollgeschwister: einen älteren Bruder, Karl Ernst Göring, zwei ältere Schwestern, Olga Therese Sophie Rigele und Paula Elisabeth Rosa Hueber (die beide in Österreich mit promovierten Notaren verheiratet waren, letztere mit dem Politiker und Nationalsozialisten Franz Hueber),Heinz-Dietmar Schimanko: Der Fall Reinthaller. Das Strafverfahren gegen Anton Reinthaller vor dem Volksgericht. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2019, ISBN 978-3-205-23187-5, S. 151 f. sowie einen jüngeren Bruder, Albert Göring, der die nationalsozialistische Ideologie ablehnte. Außerdem besaß er vier Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters (für Details siehe den Artikel Heinrich Ernst Göring#Ehen und Kinder).Ilse Müller, Günther Schweizer, Peter Werth: Die Familie Remy. Kannenbäcker und Unternehmer. Eine genealogische Bestandsaufnahme. Legat, Tübingen 2009, ISBN 978-3-932942-36-5, S. 275.

Kindheit und Jugend Seine Mutter gab ihn die ersten 1½ Jahre zur Pflege an die Familie Graf in Fürth, während sie mit ihrem Mann in Haiti war. Sie selbst kehrte im August 1894 nach Deutschland zurück und nahm ihren Sohn zu sich. Erst 1896 kehrte sein Vater nach Deutschland zurück. Die Familie wohnte in den folgenden Jahren in dem Haus Fregestraße 19 in Berlin-Friedenau, das dem Patenonkel Epenstein (ab 1910 mit dem Adelsprädikat „Ritter von“), gehörte.Volker Knopf, Stefan Martens: Görings Reich. Berlin 1999, S. 167. Danach lebte die Familie Göring auf den Ländereien Epensteins, eines Arztes jüdischer Herkunft, mit dem sich Görings Vater in Deutsch-Südwestafrika angefreundet hatte. Epenstein stellte der Familie Göring die Burg Veldenstein (ca. 50 Kilometer nordöstlich von Nürnberg) als Wohnsitz zur Verfügung.Guido Knopp: Göring – eine Karriere. Gütersloh 2006, S. 15 ff. Manche Sommer verbrachte die Familie als Epensteins Gäste auf dessen Burg Mauterndorf im Land Salzburg.Gerald Hirtner: Zwischen Tradition und Fortschritt. Der Lungau 1900–1945. In: Christian Blinzer (Hrsg.): Unentwegt bewegt. Margit Gräfin Szápáry (1871–1943). Pfeifenberger, Tamsweg 2007, ISBN 978-3-901496-12-7, S. 21. Görings Mutter pflegte offen ein Verhältnis mit Epenstein. Bei Besuchen wohnte sie bei ihm, während der über 20 Jahre ältere Vater außerhalb der Burg logierte.Arno Gruen: Der Fremde in uns. dtv, München 2002, S. 164.

Göring wurde 1900 in Fürth in eine Privatschule eingeschult und besuchte ebendort von 1902 bis 1904 mit mäßigem Erfolg das Humanistische Gymnasium.Bernd Noack: Pressecamp im Schloss. Eindrücke aus Fürth zur Zeit der Nürnberger Prozesse. In: nordbayern.de. Fürther Nachrichten, 30. November 2010, abgerufen am 6. Juni 2021. Von 1904 bis 1905 war er ein Jahr Alumne des Gymnasiums Carolinum in Ansbach.Thomas Greif: Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich. Historischer Verein für Mittelfranken, Ansbach 2007, ISBN 978-3-87707-698-9, S. 194. In seinen „Kinderspielen ging es ständig um Krieg“.Arno Gruen: Der Fremde in uns. dtv, München 2002, S. 168.

Mit zwölf Jahren schickte ihn sein Vater in das Kadettenhaus in Karlsruhe. 1909 wechselte er an die Hauptkadettenanstalt (Oberstufe) in Lichterfelde bei Berlin, wo er neben einer militärischen Ausbildung (Exerzieren und Gefechtsübungen) allgemeinbildenden Unterricht (unter anderem in Französisch und Englisch) erhielt.Peter M. Quadflieg: Gerhard Graf von Schwerin (1899–1980). Wehrmachtgeneral, Kanzlerberater, Lobbyist. Schöningh, Paderborn 2016, ISBN 978-3-506-78229-8, S. 28. 1911 absolvierte er das Fähnrichsexamen mit Auszeichnung und dem Prädikat „vorzüglich“. Seit März 1912 war er Fähnrich im 4. Badischen Infanterie-Regiment „Prinz Wilhelm“ Nr. 112. Im Januar 1913 bestand er das Abitur. Anschließend absolvierte er einen achtmonatigen Kriegsschulkurs, den er mit dem Offiziersexamen abschloss.Volker Knopf, Stefan Martens: Görings Reich. Selbstinszenierungen in Carinhall. Links Verlag, Berlin, 1999, ISBN 3-86153-176-3, S. 13.

Erster Weltkrieg mini|Video von Hermann Göring im Cockpit einer Fokker D.VII während des Ersten Weltkriegs mini|Göring im Jahr 1918 mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse, dem Militär-Flug­zeugführer-Abzeichen, dem Verwundetenabzeichen und dem Orden Pour le Mérite. Fotografie von Nicola Perscheid.

Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 erlebte Göring mit seinem Regiment im elsässischen Mülhausen. Dort nahm er an kleineren Gefechten teil. Nach wenigen Wochen im Einsatz erkrankte er an Gelenkrheumatismus und musste sich im September 1914 im Freiburger Krankenhaus behandeln lassen. In Freiburg lernte er den Piloten und Heeresoffizier Bruno Loerzer kennen, der ihn für das Fliegen begeisterte. Am 16. Oktober 1914 wurde Göring zur Ausbildung als Beobachter der Fliegerersatzabteilung 3 in Darmstadt abkommandiert und am 28. Oktober zur Feldfliegerabteilung 25 versetzt. Große Anerkennung erfuhr Göring, als er Fotos von den feindlichen Stellungen aufnahm und an den Gefechtsständen des Korps ablieferte. Für eine besonders wichtige Bildmeldung bekam Göring am 25. März 1915 das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen. Ab dem 1. Juli 1915 absolvierte Göring an der Freiburger Fliegerschule eine Ausbildung zum Piloten.

Er wurde im September zur 5. Armee abkommandiert. Am 16. November 1915 errang er seinen ersten Luftsieg. Anfangs eskortierte er Bomberverbände, später wurde er Jagdflieger.

Am 14. März 1916 schoss er den ersten feindlichen Bomber ab. Nach einer Bruchlandung verbrachte Göring die Zeit vom 2. November 1916 bis zum Februar 1917 in verschiedenen Lazaretten.

Am 17. Mai 1917 wurde ihm die Führung der Jagdstaffel 27 übertragen. Er stieg am 18. August 1917 zum Oberleutnant auf. Nach seinem 19. Abschuss wurde ihm am 2. Juni 1918 der Orden Pour le Mérite verliehen. Als der Kommandeur des Jagdgeschwaders Nr. 1, Hauptmann Wilhelm Reinhard, im Juli 1918 bei einem Testflug tödlich verunglückte, wurde Göring am 6. Juli 1918 Kommandeur dieses als Richthofens „Fliegender Zirkus“ bekannten Geschwaders. Er flog unter anderem eine weiße Fokker D.VII. In seiner neuen Position errang er schließlich seinen 22. und letzten Luftsieg.

Zeit der Weimarer Republik

Wechsel nach Schweden Nach dem Waffenstillstand 1918 verlegte Göring sein Geschwader noch nach Deutschland zurück. Bei einer öffentlichen Versammlung in Berlin fiel er durch heftige Kritik am preußischen Kriegsminister Walther Reinhardt wegen dessen Eintretens für die Republik auf.

Göring ging als Militärberater nach Dänemark und später nach Schweden. Dort führte er die Maschinen von Anton Herman Gerard Fokker vor. Am 2. August 1919 erwarb er eine schwedische Fluglizenz und übernahm Aufträge für die Svenska Lufttrafik Aktiebolag.