mini|Ernst Röhm bei einem SS-Appell, Deutsches Stadion Berlin, August 1933 mini|Das Grab von Ernst Röhm im Familiengrab auf dem Westfriedhof (München)
Ernst Julius Günther Röhm (* 28. November 1887 in München; † 1. Juli 1934 in München-Stadelheim) war ein deutscher Offizier, Führer der Sturmabteilung (SA) und Politiker der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Im Kabinett Hitler fungierte er 1933/34 als Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Unter dem Vorwand, einem von ihm angezettelten Putsch zuvorgekommen zu sein, ließ Adolf Hitler Röhm 1934 ermorden.
Leben und Wirken Frühe Jahre (1887–1914) Ernst Röhm war das jüngste von drei Kindern des bayerischen Eisenbahnoberinspektors Guido Julius Josef Röhm (* 8. Juli 1847 in Langenzenn; † 3. März 1926) und dessen Ehefrau Sofia Emilie Röhm (* 15. Dezember 1857 in Wunsiedel; † 6. Januar 1935), geb. Baltheiser. Er hatte einen älteren Bruder, Robert (* 29. April 1879; † 31. Mai 1974), der wie der Vater in den Eisenbahndienst ging, und eine ältere Schwester, Meta Eleonore Sofie (* 14. Mai 1880; † ?), verheiratete Lippert. Seine Neffen, die Söhne seiner Schwester, waren der Diplomat Bernhard Lippert und der Rechtsanwalt Robert Lippert.
Im Elternhaus wurde Röhm eine strenge Anhänglichkeit an das bayerische Königshaus mit auf den Weg gegeben, die er sich mindestens bis 1930 bewahrte. Als Protestanten gehörten die Mitglieder der Familie Röhm in Bayern einer Minderheit an.
Von Herbst 1897 bis Frühling 1906 besuchte Röhm das Maximiliansgymnasium in München, wo er das Abitur ablegte. Anschließend trat er – seinem Jugendwunsch, Soldat zu werden, folgend – als Fahnenjunker in die Bayerische Armee ein. Nach dem Besuch der Kriegsschule in München und der Ernennung zum Leutnant (9. März 1908) wurde er dem 10. Infanterie-Regiment „König Ludwig“ in Ingolstadt zugewiesen. Dort galt er in den Vorkriegsjahren als Dandy und Lebemann. In Hinblick auf seine spätere politische Tätigkeit als Wehrverbandsführer in den 1920er und 1930er (Reichskriegsflagge, Frontbann, SA) Jahren erwiesen sich die persönlichen Beziehungen zu einer Anzahl von Regimentskameraden als nützlich, die er in diesen Jahren knüpfte. Diese baute er später immer wieder als persönliche Vertrauensleute in leitenden Positionen in die von ihm geführten Organisationen ein.
Ab 1913 wurde Röhm zum Adjutanten ausgebildet und im Winter 1913/1914 wurde ihm die Aktualisierung des Mobilisierungszeitplans seines Regiments übertragen.
Erster Weltkrieg (1914 bis 1918) Zu Beginn des Ersten Weltkrieges rückte das 10. bayerische Infanterie-Regiment, dem Röhm angehörte, in Richtung Westen vor. Nach der deutschen Niederlage in der Marne-Schlacht beteiligte das Regiment sich am Vormarsch auf die Côtes-Lorraines. Am 24. September 1914, während der Kampfhandlungen um die Ortschaft Spada, erlitt Röhm einen Gesichtsschuss, der ihn dauerhaft zeichnete: Er wurde in ein Heimatlazarett verlegt, wo sein abgerissenes Nasenbein durch eine Plastik ersetzt wurde, was nur unvollkommen gelang. Er musste in der Folge lernen, durch seine neue Nase zu atmen, und sich aufgrund von Atembeschwerden weiteren Operationen unterziehen. Da die Wunde immer wieder neu vereiterte, hatte er für den Rest seines Lebens mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.Hancock: Ernst Röhm, 2008, S. 18 f.
Am 19. Oktober 1914 wurde Röhm das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen; am 3. Dezember 1914 erfolgte die Beförderung zum Oberleutnant.
Am 17. April 1915 kehrte Röhm in der Stellung eines Regimentsadjutanten zur Fronttruppe des 10. Infanterie-Regiments in Spada zurück, wo er am 2. Juni 1915 das Kommando über die 10. Kompanie erhielt.Hancock: Ernst Röhm, 2008, S. 20. Er nannte diese Zeit später das „schönste [Jahr] meines soldatischen Lebens“. Am 18. April 1916 erhielt Röhm die Beförderung zum Hauptmann.
Während der Schlacht um Verdun erlitt Röhm am 23. Juni 1916 bei der Erstürmung eines Bunkers zwischen der Ouvrage de Thiaumont und der Ouvrage de Froideterre durch Eigenbeschuss erneut schwere Verwundungen, als er von vierzehn Granatsplittern an Kopf, Rücken, Oberarmen und am linken Oberschenkel getroffen wurde.Hancock: Ernst Röhm, 2008, S. 22. Reichsarchiv (Hrsg.): Die Tragödie von Verdun 1916. 3. und 4. Teil: Die Zermürbungsschlacht. Reihe Schlachten des Weltkrieges, Band 15. Oldenburg, Berlin 1929, S. 144 f. Die folgenden sechs Monate bis Dezember 1916 verbrachte er in diversen Lazaretten in Frankfurt, München und Hohenaschau, bis er am 2. Dezember 1916 als garnisonsdiensttauglich entlassen wurde. Während seiner Lazarettzeit erhielt er am 12. August 1916 das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen. Die folgenden Monate der Genesung verbrachte er als Mitarbeiter im bayerischen Kriegsministerium in München, wo er von Dezember 1916 bis zum 29. Mai 1917 als Adjutant des Chefs der Armeeabteilung des Ministeriums, Gustav Kreß von Kressenstein, verwendet wurde.
Nach Wiedererlangung der Frontverwendungsfähigkeit wurde Röhm am 29. Mai 1917 zum Ordonnanzoffizier im Stab der 12. Bayerischen Infanterie-Division unter Hugo von Huller bzw. (ab 6. Juni 1917) Karl von Nagel zu Aichberg ernannt. Diese Division wurde bis Mitte April 1918 in Rumänien und dann in den letzten Kriegsmonaten an der Westfront eingesetzt. Nach dem Ausscheiden des 2. Generalstabsoffiziers der Division (Ib) wurde Röhm mit der Ausübung von dessen Aufgaben betraut. In dieser Stellung war er für Nachschub, Unterkunft, Versorgung und Verpflegung sowie das Sanitätswesen der Division zuständig. In dieser Eigenschaft erwies er sich besonders während des deutschen Rückzugs aus Flandern 1918 als hervorragender Organisator.
Nachkriegszeit Nach der Demobilisierung 1919 schloss er sich dem Freikorps Epp unter Franz von Epp an. Dieses Freikorps war an der gewaltsamen Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt und wurde im Juli 1919 in die 7. (Bayerische) Division der Reichswehr eingegliedert. Gemeinsam mit anderen völkisch-nationalistischen Reichswehroffizieren, darunter Karl Mayr und Beppo Römer, gründete Röhm die informelle Offiziersvereinigung „Eiserne Faust“. Hier traf er im Frühherbst 1919 Adolf Hitler, der zunächst V-Mann in der von Mayr geführten Politischen Abteilung des Nachrichtendienstes des Gruppenkommandos der Reichswehr war und anschließend politische Schulungen für die Reichswehr geleitet hatte. Hitler war bereits Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) und noch im selben Jahr trat auch Ernst Röhm der Partei bei.
Röhm leitete das Waffenreferat der Reichswehr in Bayern und übernahm die nach der Auflösung der Einwohnerwehren 1921 neu eingerichtete sogenannte Feldzeugmeisterei der Reichswehr. Aufgabe dieser illegalen Einrichtung war es, nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages verbotene Bestände an Waffen und Munition vor der interalliierten Kontrollkommission zu verstecken. Mit der Verfügungsgewalt über diese geheimen Waffenlager gewann der weitreichend vernetzte Röhm eine außerordentlich einflussreiche Position innerhalb der rechtsnationalen bayerischen Wehrverbände. Röhm galt deshalb als „Maschinengewehrkönig von Bayern“.Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Böhlau, Wien 2008, S. 75.
Röhm und die NSDAP mini|Röhm (2. v. r.) nach der Urteilsverkündung im Hitlerprozess am 1. April 1924
Ein Jahr nach dem Eintritt in die DAP wurde Ernst Röhm eines der ersten Mitglieder der NSDAP (Mitgliedsnummer 623),Bundesarchiv NS 26/230 bzw. 2099, Mitgliederverzeichnis, die Zählung wurde bei 501 begonnenJoachim C. Fest: Hitler. Eine Biographie. 7. Auflage. Ullstein Tb, 2005, ISBN 3-548-26514-6, S. 204. welche unter Hitlers Führung aus der DAP hervorgegangen war. Hitler knüpfte mit der Hilfe Röhms erste Kontakte zu bayerischen Militärs und Politikern, von denen Röhm viele überzeugen konnte, der NSDAP beizutreten; auch beim weiteren organisatorischen Aufbau der Partei spielte Röhm eine wichtige Rolle.
Röhm war seit Ende 1921 Leiter der Münchner Ortsgruppe der Reichsflagge, eines Wehrverbandes unter Röhms Freund, dem Reichswehrhauptmann Adolf Heiß. Auf Röhms Initiative hin schloss sich die Reichsflagge am 4. Februar 1923 mit dem Bund Oberland, dem Bund Wiking und der SA zur Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände zusammen.; Als Befehle Röhms an die Reichsflagge, in denen aktive Offiziere als Leiter militärischer Übungen namentlich genannt wurden, an die Öffentlichkeit gelangten, zog sich Röhm zwar offiziell aus der Führung des Bundes zurück, betätigte sich dort aber inoffiziell weiter. Bei einem Aufmarsch der Arbeitsgemeinschaft am 1. Mai 1923 erhielten die Teilnehmer trotz ausdrücklichen Verbots der Reichswehr Waffen aus deren Beständen. Röhm wurde dafür verantwortlich gemacht und aus dem Divisionsstab entfernt.Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. C.H. Beck, München 1989, S. 35 f. Einer angekündigten Versetzung nach Bayreuth begegnete er mit einem Abschiedsgesuch in der Hoffnung, in München bleiben zu können. Tatsächlich wurde die Entlassung zurückgenommen und Röhm bis auf Weiteres beurlaubt.Hans Fenske: Konservatismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918. Bad Homburg v. d. Höhe 1969, S. 196. Nach der Gründung des Deutschen Kampfbundes am Deutschen Tag am 1. und 2. September 1923 sorgte Röhm dafür, dass Hitler am 25. September die politische Führung des Bundes übernehmen konnte. Der selbstbewusste Röhm sah Hitler als öffentlichkeitswirksamen „Trommler“ an, ging aber selbst vom „Primat des Soldaten vor dem Politiker“ aus.Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. C.H. Beck, München 1989, S. 39.
Am 26. September 1923 ersuchte Röhm erneut um seinen Abschied aus der Reichswehr, um einer Versetzung nach Berlin zuvorzukommen. Weiterhin beurlaubt, konzentrierte er sich ganz auf seine Arbeit in der Reichsflagge. Da Heiß nicht bereit war, Röhms Kurs mitzumachen, und mit der Reichsflagge aus dem Kampfbund austrat, spaltete sich Röhm mit den südbayerischen Ortsgruppen im Oktober 1923 ab und gründete den Bund Reichskriegsflagge. Mit seinem Bund unterstützte er Hitlers und Erich Ludendorffs Initiative für eine Putsch-Aktion. Am 9. November 1923 war er maßgeblich am Hitlerputsch beteiligt, wofür er eine fünfmonatige Haftstrafe zu verbüßen hatte. Aus der Reichswehr war er noch vor dem Hitler-Prozess ausgeschieden.Harold J. Gordon: Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern 1923–1924. Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1971, S. 459. SA und NSDAP wurden in der Folge des Putschversuches verboten. In Anerkennung seiner prominenten Rolle bei diesem Putschversuch wurde ihm 1933 der Blutorden mit der Verleihungsnummer 1 verliehen. Röhm gehörte neben Dietrich Eckart, Hermann Esser, Julius Streicher und Christian Weber zu den ganz wenigen Duzfreunden Hitlers.Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland. Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. LIT Verlag, Berlin/Münster et al. 1998, ISBN 3-8258-3596-0, S. 65 f.
Führer des Frontbanns und Rückzug aus der Politik (1924 bis 1928) Nach seiner Freilassung aus der Festungshaft begann Röhm mit dem eigentlichen Aufbau der SA zu einer Vorstufe jener paramilitärischen Kampforganisation, die sie nach 1930 und wiederum unter seiner Anleitung endgültig wurde. Röhm konnte mit der von Hitler nach dem gescheiterten Putsch von 1923 proklamierten Legalitätstaktik, dem Arrangement innerhalb der parlamentarischen Struktur, nicht viel anfangen. Dennoch zog er 1924 auf Reichswahlvorschlag für die Nationalsozialistische Freiheitspartei in den Reichstag ein; im selben Jahr trat er der DVFP bei. Seine politische Einstellung blieb radikal antikapitalistisch und revolutionär. Für ihn gab es kein Arrangement mit für seine Begriffe korrupten Mächten wie der Großindustrie oder der Reichswehr. Die SA sollte eine autonome Macht darstellen, die nicht der Parteipolitik untergeordnet war. Röhm stand damit teilweise offen in Gegnerschaft zur Parteiführung der NSDAP.