mini|362x362px|Gewöhnlicher Löwenzahn in Mauerritze mini|Löwenzahn der Gattung Taraxacum Der Gewöhnliche Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia; früher Taraxacum officinale ) stellt eine Gruppe sehr ähnlicher und nah verwandter Pflanzenarten in der Gattung Löwenzahn (Taraxacum) aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae) dar. Meist werden diese Pflanzen einfach als Löwenzahn bezeichnet, wodurch eine Verwechslung mit der Gattung Löwenzahn (Leontodon) möglich ist.

Beschreibung Der Löwenzahn ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die eine Wuchshöhe von (5) 10 – 30 (40) cm erreicht und in allen Teilen einen weißen Milchsaft enthält. Seine bis zu 1 Meter (selten auch bis 2 Meter) lange, fleischige Pfahlwurzel ist außen dunkelbraun bis schwarz. Sie geht in eine kurze, stark gestauchte Sprossachse über, auf der die Blätter dicht in einer grundständigen Rosette stehen. Nach einer Verletzung des Vegetationspunktes regeneriert sich die Pflanze aus der Wurzel und bildet dann meist mehrere Blattrosetten. Die 10 bis 30 cm langen Blätter sind eiförmig bis eilanzettlich, unregelmäßig stark gelappt und tief eingeschnitten und gezahnt (auch schrotsägeförmig genannt). Einschnitte und Zähne sind von der Basis bis zu etwa zwei Drittel der Länge stark, weiter zur Blattspitze häufig geringer ausgeprägt.

mini|Löwenzahn mini|Übergangsstadium: aufgetrennter Blütenstand kurz vor Fruchtreife; li. nativ, re. verblühte Blütenhüllen aus noch unreifen Flugschirmen gezupft mini|Detailaufnahme einer reifen Löwenzahnpflanze (Pusteblume) mini|Löwenzahnpflanze in voller Fruchtreife Den Blattachseln entspringen meist mehrere, bis zu 60 cm lange Blütenstandsstiele. Jeder ist eine blattlose, außen schwach befilzte, hohle Röhre. An ihrem oberen Ende stehen dicht spiralig verteilt 30 bis 40 abstehende Hochblätter, die bald austrocknen. Darüber bildet ein Wirtel aus Hüllblättern einen anfangs geschlossenen Schutz um die Blütenstandsknospe. Die Hüllblätter öffnen und schließen sich schützend mit dem Blütenstand und bleiben bis zur Fruchtreife grün. Der Blütenstand ist eine Scheinblüte, in der viele gelbe Zungenblüten zu einem tellerförmigen Körbchen von etwa drei bis fünf Zentimeter Durchmesser zusammengefasst sind. In ihm öffnen sich die Einzelblüten ringförmig von außen nach innen. In der mehrere Tage währenden Blütezeit schließt sich der Blütenstand jeweils bei Nacht, Regen oder Trockenheit und schließlich beim Verblühen. Nach mehreren Tagen öffnen sich die Hüllblätter letztmals bei Fruchtreife und entlassen zuerst die eingetrockneten und abgestoßenen Blütenhüllen der Zungenblüten. Die Früchte – schlank tonnenförmige, mit haarigen Flugschirmen (Pappus) ausgestattete Achänen – werden durch den Wind verbreitet (Schirmflieger). Im Volksmund trägt die Pflanze daher auch den Namen Pusteblume.

In Mitteleuropa ist die Hauptblütezeit von April bis Mai. In deutlich geringerer Anzahl erscheinen Blüten auch schon früher und noch bis in den Herbst.

Da einige Merkmale sehr plastisch sind, können sich die einzelnen Pflanzen stark den jeweiligen Standorten anpassen. So produzieren Pflanzen an ungestörten Standorten lange, schräg aufrecht gehaltene Blätter und bis zu 50 cm lange, aufrechte Blütenstandstiele. Pflanzen auf begangenen Wegen oder häufig gemähten Wiesen haben dagegen viel kürzere, dicht dem Boden aufliegende Blätter und niederliegende, manchmal nur wenige Millimeter lange Blütenstandstiele.

Analytik der Inhaltsstoffe Zur Bestimmung der Inhaltsstoffe – speziell des Milchsafts – kommen sowohl spektroskopische als auch chromatographische Verfahren auch in Kopplung mit der Massenspektrometrie zum Einsatz. Als Hauptbestandteile konnten phenolische Inositolester, Triterpenacetate und Sesquiterpenoide nachgewiesen werden.M. Huber, D. Triebwasser-Freese, M. Reichelt, S. Heiling, C. Paetz, J. N. Chandran, S. Bartram, B. Schneider, J. Gershenzon, M. Erb: Identification, quantification, spatiotemporal distribution and genetic variation of major latex secondary metabolites in the common dandelion (Taraxacum officinale agg.). In: Phytochemistry. 115, Jul 2015, S. 89–98, PMID 25682510. In den Wurzeln und im Kraut wurden phenolische Säuren und Flavonoide gefunden.K. Schütz, D. R. Kammerer, R. Carle, A. Schieber: Characterization of phenolic acids and flavonoids in dandelion (Taraxacum officinale WEB. ex WIGG.) root and herb by high-performance liquid chromatography/electrospray ionization mass spectrometry. In: Rapid Commun Mass Spectrom. 19(2), 2005, S. 179–186, PMID 15593267. Antimikrobiell wirksame Substanzen konnten aus den Wurzeln durch chromatographische Verfahren isoliert werden.O. Kenny, N. P. Brunton, D. Walsh, C. M. Hewage, P. McLoughlin, T. J. Smyth: Characterisation of antimicrobial extracts from dandelion root (Taraxacum officinale) using LC-SPE-NMR. In: Phytother Res. 29(4), Apr 2015, S. 526–532, PMID 25644491. Auch für die Bestimmung charakteristischer Substanzen in Honigen des Löwenzahns und für forensische Fragen kommen die oben genannten Methoden nach adäquater Probenvorbereitung zum Einsatz.I. Jerković, Z. Marijanović, M. Kranjac, A. Radonić: Comparison of different methodologies for detailed screening of Taraxacum officinale honey volatiles. In: Nat Prod Commun. 10(2), Feb 2015, S. 357–360, PMID 25920283.E. J. Lee, S. C. Kim, I. K. Hwang, H. J. Yang, Y. S. Kim, M. S. Han, M. S. Yang, Y. H. Lee: The identification of ingested dandelion juice in gastric contents of a deceased person by direct sequencing and GC-MS methods. In: J Forensic Sci. 54(3), Mai 2009, S. 721–727, PMID 19432748.

Krankheiten Der Gewöhnliche Löwenzahn wird von den Rostpilzen Puccinia variabilis, Puccinia silvatica und Puccinia taraxaci befallen.Peter Zwetko: [ Die Rostpilze Österreichs.] Supplement und Wirt-Parasit-Verzeichnis zur 2. Auflage des Catalogus Florae Austriae, III. Teil, Heft 1, Uredinales. (PDF; 1,8 MB). Der weit verbreitete Pilz Sclerotium rolfsii besiedelt ebenfalls den Löwenzahn.H. E. Flores-Moctezuma, R. Montes-Belmont, A. Jiménez-Pérez, R. Nava-Juárez: Pathogenic diversity of Sclerotium rolfsii isolates from Mexico, and potential control of southern blight through solarization and organic amendments. In: Crop Prot. 25, 2006, S. 195–201 (Volltext).José J. Severino, Cláudia R. Dias-Arieira, Vinícius H. F. Abe, Miria Roldi, Cleiltan N. Da Silva, Dauri J. Tessmann: First Report of Sclerotium rolfsii in Dandelion in Parana, Brazil. In: J Phytopathol. 162, 2014, S. 553–555, doi:10.1111/jph.12224.

Systematik und Verbreitung Der Gewöhnliche Löwenzahn stammt ursprünglich aus dem westlichen Asien und Europa, ist aber, auch durch menschliches Zutun, weit auf der Nordhalbkugel verbreitet. Auf der Südhalbkugel kommt er nur sporadisch und dann ausschließlich infolge einer Verschleppung vor. Löwenzahn kommt in großen Mengen auf Grünland in der Landwirtschaft vor, welches stark gedüngt wurde mit Tiergülle, also auf Böden mit sehr viel Nitrat, das andere Pflanzen nicht vertragen.Wenn der Löwenzahn überall blüht BR24, Bayerischer Rundfunk, 20. Mai 2016 (OLewt_P9FAw YouTube). In Mitteleuropa ist er ein häufiges Wildkraut auf Wiesen, an Wegrändern und in Gärten. Als Ruderalpflanze besiedelt er schnell Brachflächen, Schutthalden und Mauerritzen. Er wächst in Gebieten mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von 5 bis 26 °C und einem jährlichen Durchschnittsniederschlag von 0,3 bis 2,7 m auf Böden mit einem pH-Wert von 4,2 bis 8,3. Im Gebirge kommt er bis in Höhenlagen von 2800 m ü. NN vor, bleibt dort aber deutlich kleiner als im Flachland.

Da, wie weiter unten erklärt, die Populationen des Gewöhnlichen Löwenzahns nur schwer mit den herkömmlichen Konzepten einer Art zu erfassen sind, wurden sie zur Sammelart Taraxacum officinale agg. (G. H. Weber ex Wiggers) zusammengefasst. Da diese aber wiederum wegen vieler Übergangsformen nicht von anderen Sammelarten zu trennen ist, werden nun alle Pflanzen gemeinsam als Sektion Ruderalia der Gattung Taraxacum bzw. als Sektion Taraxacum bezeichnet. Je nach Autor wird die Anzahl der anzuerkennenden Arten dieser Sektion zwischen eins und mehreren tausend angegeben.

Ploidiestufen mini|Löwenzahnwiese im April Die Pflanzen kommen, geographisch unterschiedlich verteilt, in mehreren Ploidiestufen mit jeweils anderen Eigenschaften vor.

Diploide Pflanzen (2n = 16), die im südlichen Verbreitungsgebiet vorherrschen, sind fertil. Sie sind selbstinkompatibel und tauschen in der üblichen Weise ihre Gene mit anderen diploiden Pflanzen aus. Triploide Pflanzen, die im nördlichen Verbreitungsgebiet vorherrschen, sind apomiktisch: Sie produzieren mittels Agamospermie (d. h. ohne vorherige Befruchtung) Samen, aus denen anschließend genetisch identische Kopien (Klone) der Mutterpflanze entstehen. Da dabei keine Durchmischung der Gene stattfindet, können sich Mutationen, die sich z. B. in Länge und Form der Hochblätter oder Musterung der Blütenstandsstiele äußern, rasch durchsetzen und geographisch weit verbreiten. Da die triploiden Pflanzen von der sexuellen Fortpflanzung abgekoppelt sind, ihre Gene also nicht mit anderen Pflanzen austauschen, können alle ihre Mutationsformen nach dem biologischen und populationsgenetischen Artkonzept als eigenständige Arten verstanden werden. Die meisten, wenn nicht fast alle der beschriebenen Arten sind solche apomiktischen Mutanten. Tetraploide Pflanzen sind in geringer Anzahl vorwiegend im nördlichen Verbreitungsgebiet vertreten. Werden diploide Pflanzen mit ihren Pollen befruchtet, entstehen überwiegend triploide Nachkommen. Aneuploide Pflanzen kommen ebenfalls in geringer Anzahl vor. Sie sind meist apomiktisch und können bei geeigneter Genkonstellation fertil sein.

Eine Art der anderen Art mini|Taraxacum officinale Wie Untersuchungen verschiedener Populationen zeigen, enthalten sie niemals Pflanzen nur einer, sondern immer mehrerer Ploidiestufen. Bei einer näher untersuchten Population in den Niederlanden wurden beispielsweise 31 % diploide, 68 % triploide und knapp ein Prozent tetraploide Pflanzen gefunden. Zudem wurden große genetische Ähnlichkeiten zwischen diploiden und triploiden Pflanzen sowie viele Übergangsformen und natürliche Hybriden zwischen beschriebenen Arten beobachtet. Ungewöhnlich erscheint auch, dass triploide Pflanzen, obwohl sie keine Bestäuber benötigen, dennoch Nektar produzieren. Dieses spricht dafür, dass die triploiden Pflanzen erst vor so kurzer Zeit entstanden sind, dass die energieverschwendende Nektarproduktion im Laufe der Evolution noch nicht eingestellt werden konnte. Das gehört bei modernen Artkonzepten aber zur Verbesserung der Ausbreitungsbedingungen für Pflanzenpopulationen.

Die Gesamtheit dieser isoliert betrachtet seltsamen Phänomene erklärt sich dadurch, dass die Pflanzen ihre Ploidiestufen zyklisch wechseln: Diploide Pflanzen haben relativ häufig tetraploide Nachkommen. Mit Pollen tetraploider Pflanzen befruchtete diploide Pflanzen haben häufig triploide Nachkommen. Triploide Pflanzen vermehren sich zwar nicht sexuell, sammeln aber Mutationen an und verbreiten sich stark durch vegetative Vermehrung. Durch Genabbau, direkt über aneuploide Zwischenstufen, entstehen aus ihnen wieder diploide Pflanzen, die die angesammelten Mutationen im Genpool verteilen. Wird also die Gesamtheit aller Löwenzahnpflanzen in der Sektion Ruderalia betrachtet, kann sie als eine einzige Art verstanden werden, in der einige Mitglieder – zeitweise – nicht an der sexuellen Fortpflanzung beteiligt sind. Der für den Wechsel der Ploidiestufen verantwortliche „Schalter“, die Häufigkeit und Dauer der Zyklen sowie der Grund für das Nord-Süd-Gefälle in der Häufigkeitsverteilung der Ploidiestufen sind noch nicht bekannt. Diese Art von Fortpflanzung wird auch als r-Strategie bezeichnet (nach Grimes).

Verwechslungsmöglichkeiten