Der Vizekanzler der Republik Österreich vertritt den Bundeskanzler während dessen Abwesenheit. In Koalitionsregierungen erhob die mandatsschwächere Partei zumeist Anspruch auf die Funktion des Vizekanzlers.

Zum Amt Der Vizekanzler nach der Bundesverfassung Die Vertretungsbefugnis des Vizekanzlers wird seit 10. November 1920 durch die österreichische Bundesverfassung in Art. 69 Abs. 2 des Bundes-Verfassungsgesetzes (B-VG) geregelt:

Der Vizekanzler ist zur Vertretung des Bundeskanzlers in dessen gesamtem Wirkungsbereich berufen. Sind der Bundeskanzler und der Vizekanzler gleichzeitig verhindert, so wird der Bundeskanzler durch das dienstälteste, bei gleichem Dienstalter durch das an Jahren älteste, nicht verhinderte Mitglied der Bundesregierung vertreten.

Der Vizekanzler ist, wie der Bundeskanzler, den anderen Bundesministern rechtlich gleichgestellt beziehungsweise einer der ihren.Dies gilt, obwohl in der Bundesverfassung,  Abs 1 B-VG diese beiden Regierungsämter nicht eigens genannt sind:

Schon in der Ersten Republik und in den ersten 25 Jahren der Zweiten Republik leiteten die Vizekanzler oft gleichzeitig Ministerien, so zum Beispiel Ferdinand Hanusch das Sozialressort, Johann Schober das Innenministerium, Carl Vaugoin das Heeresressort und Fritz Bock das Handelsministerium. War dies in den Jahren der großen Koalition nicht der Fall, leitete der Vizekanzler Teile des Bundeskanzleramts. Seit 1991 war jeder Vizekanzler gleichzeitig Ressortchef.

Vizekanzler vor der Bundesverfassung 1918 bestand in der Staatsregierung Renner I, der ersten des neuen Staates, keine Vertretung für den Staatskanzler, da dieser anfangs als Hilfsorgan für das dreiköpfige Staatsratspräsidium fungierte; die drei Präsidenten wechselten einander wöchentlich ab, je einer führte im Haus (= Provisorische Nationalversammlung), im Rat (= Staatsrat) und im Kabinett (= Staatsregierung) den Vorsitz.

Für die Staatsregierungen Renner II und III sowie Mayr I, 1919/20, wurde von der Nationalversammlung, ihrem Gesetz über die Staatsregierung vom 14. März 1919 folgend,Staatsgesetzblatt (StGBl) Nr. 180/1919, S. 407 ff. jeweils auch ein Vizekanzler gewählt. Er konnte gleichzeitig Leiter eines Ressorts sein.

In der Provisorischen Staatsregierung Renner 1945, die ohne Parlament und vor Wiederinkraftsetzung der Bundesverfassung agierte, wurde der Staatskanzler von den drei politischen, der Staatskanzlei zugeordneten Staatssekretären (so wurden in dieser Regierung die Minister bezeichnet) vertreten; je einer kam von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) sowie der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Dieser Stellvertretungsfunktion entsprechend, die der eines Vizekanzlers entsprach, soll sich Johann Koplenig, 1945 KPÖ-Staatssekretär im Politischen Kabinettsrat, rückblickend als ehemaligen Vizekanzler bezeichnet haben. Ein formeller Titel Vizekanzler bestand 1945 jedoch nicht.

Vizekanzler der Republik Österreich

Erste Republik von bis Tage Name Partei Anmerkung 15.03.1919 26.04.1920 408 Jodok Fink CS Vizekanzler der Staatsregierung 07.07.1920 22.10.1920 107 Ferdinand Hanusch SDAPÖ Staatssekretär und „Stellvertreter im Vorsitze im Kabinett“ 22.10.1920 20.11.1920 29 Eduard Heinl CS Staatssekretär und „Stellvertreter im Vorsitze im Kabinett“, seit 10.11.1920 Vizekanzler 20.11.1920 31.05.1922 557 Walter Breisky CS 31.05.1922 20.11.1924 904 Felix Frank GDVP 20.11.1924 20.10.1926 699 Leopold Waber GDVP 20.10.1926 19.05.1927 211 Franz Dinghofer GDVP 19.05.1927 04.05.1929 716 Karl Hartleb Landbund 04.05.1929 26.09.1929 145 Vinzenz Schumy Landbund 26.09.1929 30.09.1930 369 Carl Vaugoin CS 30.09.1930 04.12.1930 65 Richard Schmitz CS 04.12.1930 29.01.1932 421 Johann Schober CS 29.01.1932 21.09.1933 601 Franz Winkler Landbund ab 05.03.1933 ohne Kontrolle durch den Nationalrat 21.09.1933 01.05.1934 222 Emil Fey Heimatblock ohne Kontrolle durch den Nationalrat, seit 12.02.1934 Diktatur (Ständestaat) 01.05.1934 14.05.1936 421 Ernst Rüdiger Starhemberg VF Diktatur (Ständestaat) 14.05.1936 03.11.1936 173 Eduard Baar-Baarenfels VF Diktatur (Ständestaat) 03.11.1936 11.03.1938 493 Ludwig Hülgerth VF Diktatur (Ständestaat) 11.03.1938 13.03.1938 2 Edmund Glaise-Horstenau NSDAP Diktatur („Anschluss“)

Zweite Republik von bis Tage Name Partei Anmerkung 27.04.1945 20.12.1945 237 Leopold FiglJohann KoplenigAdolf Schärf ÖVPKPÖSPÖ StaatssekretäreBis 20.12.1945 wurden die Ressortchefs als Staatssekretäre bezeichnet, die heutigen Staatssekretäre als Unterstaatssekretäre. ohne Portefeuille im politischen Kabinettsrat der Provisorischen Staatsregierung von Staatskanzler Karl Renner (Renner IV) 20.12.1945 22.05.1957 3936 (4171) Adolf Schärf SPÖ 22.05.1957 19.04.1966 3254 Bruno Pittermann SPÖ ab dem 29.07.1959 betraut mit der Leitung der Agenden des Bundeskanzleramtes – Verstaatlichte Unternehmungen (Sektion IV) 19.04.1966 19.01.1968 640 Fritz Bock ÖVP Betraut mit der Leitung des Bundesministeriums für Handel, Gewerbe und Industrie 19.01.1968 21.04.1970 523 Hermann Withalm ÖVP kein Ministeramt, Obmann des ÖVP-Parlamentsklubs 21.04.1970 30.09.1976 2354 Rudolf Häuser SPÖ Bundesminister für soziale Verwaltung 01.10.1976 20.01.1981 1572 Hannes Androsch SPÖ Bundesminister für Finanzen 20.01.1981 24.05.1983 854 Fred Sinowatz SPÖ Bundesminister für Unterricht und Kunst 24.05.1983 21.01.1987 1338 Norbert Steger FPÖ Bundesminister für Handel, Gewerbe und Industrie 21.01.1987 24.04.1989 824 Alois Mock ÖVP Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten 24.04.1989 02.07.1991 799 Josef Riegler ÖVP Bundesminister für Föderalismus und Verwaltungsreform 02.07.1991 04.05.1995 1402 Erhard Busek ÖVP bis 1994: Bundesminister für Wissenschaft und Forschungab 1994: Bundesminister für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten 04.05.1995 04.02.2000 1737 Wolfgang Schüssel ÖVP Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten 04.02.2000 28.02.2003 1120 Susanne Riess-Passer FPÖ Bundesministerin für öffentliche Leistung und Sport 28.02.2003 21.10.2003 235 Herbert Haupt FPÖ Bundesminister für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz 21.10.2003 11.01.2007 1178 Hubert Gorbach FPÖ/BZÖ1) Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie1)bis 05.04.2005 FPÖ, ab 06.04.2005 BZÖ 11.01.2007 02.12.2008 691 Wilhelm Molterer ÖVP Bundesminister für Finanzen 02.12.2008 21.04.2011 870 Josef Pröll ÖVP Bundesminister für Finanzen 21.04.2011 01.09.2014 1230 Michael Spindelegger ÖVP bis 16.12.2013: Bundesminister für europäische und internationale Angelegenheitenab 16.12.2013: Bundesminister für Finanzen 01.09.2014 17.05.2017 989 Reinhold Mitterlehner ÖVP Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft 17.05.2017 18.12.2017 215 Wolfgang Brandstetter parteilos Bundesminister für Justiz 18.12.2017 22.05.2019 520 Heinz-Christian Strache FPÖ ab 08.01.2018: Bundesminister für öffentlichen Dienst und Sport 22.05.2019 28.05.2019 7 Hartwig Löger ÖVP Bundesminister für Finanzen 03.06.2019 01.10.2019Maria Sterkl: Warum es keinen Vizekanzler mehr gibt. Clemens Jabloner ist nur noch Justizminister, muss Kanzlerin Brigitte Bierlein aber weiterhin vertreten. In: derstandard.at, 7. Oktober 2020: 121 Clemens Jabloner parteilos Bundesminister für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz 07.01.2020 02.10.2024 1731 Werner Kogler Grüne bis 28.01.2020: Bundesminister für öffentlichen Dienst und Sportab 29.01.2020: Bundesminister für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport 03.03.2025 amtierend Andreas Babler SPÖ bis 01.04.2025: Bundesminister für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sportab 02.04.2025: Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport

Zeitleiste der Vizekanzler (seit 1945)

Siehe auch Liste der Bundeskanzler der Republik Österreich

Weblinks

Bundesregierungen seit 1918, parlament.gv.at

Einzelnachweise

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