mini|Die Reformierte Kirche Rüti, links das Amthaus Die Reformierte Kirche Rüti ist eine evangelisch-reformierte Kirche in der Schweizer Gemeinde Rüti im Kanton Zürich. Von der ehemaligen Klosterkirche des im Juni 1525 aufgehobenen Prämonstratenserklosters Rüti sind der Kirchturm und das Kirchenschiff erhalten.
Lage mini|Das ehemalige Klostergelände, Ansicht von Nordwesten (Dorfstrasse) mini|Die ehemalige Klosterkirche, heute die Reformierte Kirche Rüti, rechts das Amthaus, Ansicht vom Pfarrhaus (Nordosten) Die Kirche steht im Zentrum der Gemeinde Rüti am Standort der ehemaligen Klosterkirche, in einem Areal, das Klosterhof respektive Amthof genannt wird. Nordwestlich der Pfarrkirche liegt das Pfarrhaus, westlich die sogenannte Spitzerliegenschaft, beides ehemalige Gebäude des einstigen Klosters respektive des Rütiamts. Das westlich liegende Amthaus ist in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche nach der Brandkatastrophe von 1706 neu aufgebaut worden. Zwei ausgebrannte Klostergebäude sowie der unversehrte Kreuzgang wurden abgebrochen und an deren Stelle das heutige Amthaus erbaut, das den Amtmännern als Wohnung und Verwaltungsräume diente und heute unter anderem die Chronik Rüti und das Ortsmuseum beherbergt.
Geschichte
Klosterkirche 1214 legten die Chorherren des Prämonstratenserklosters Rüti den Grundstein zu einer steinernen Kirche; sie bauten zuerst das Presbyterium und zwei Apsiden.Bernard Andenmatten und Brigitte Degler-Spengler (Red.): Die Prämonstratenser und Prämonstratenserinnen in der Schweiz. In: Helvetia Sacra IV/3, Basel 2002. ISBN 978-3-7965-1218-6Mit grossem Dank an Pater Dr. Ludger Horstkötter, Prämonstratenser-Abtei Hamborn. Mit der ehemaligen Klosteranlage war die Kirche mit dem Kreuzgang zusammengebunden. Auf Abt Berchtold (1226–1237) soll der Bau der Klostermauer zurückgehen. In der Abtei waren ab 1282 ein Spital und ab 1351 ein Pfrundhaus belegt.Emil Wüst: Kunst in der Reformierten Kirche Rüti ZH. Hrsg. Kirchenpflege Rüti, 1989.Mit grossem Dank an die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Rüti, Frau Marianna Serena und Herrn Roman Disch. Der Turm der heutigen Kirche bildet zusammen mit dem Chor und der nördlichen Seitenkapelle den im Spätmittelalter zwar umgebauten, aber dennoch ursprünglichen Teil der ehemaligen, in den Jahren 1214 bis 1219 bzw. 1250 bis 1283 errichteten Klosterkirche.Kdm. Kt. Zürich, Band II, Basel 1943, S. 209 und 213 ff. Die Bauarbeiten an der Kirche müssen weitgehend abgeschlossen worden sein, als im Jahr 1250 Papst Innozenz IV. anlässlich des Kirchweihfests einen Ablass gewährte. Ein weiterer Ablassbrief, der «zur Förderung und zum Unterhalt des kostbaren Baues der Marienkirche» beitragen sollte, lässt vermuten, dass der Bau der Kirche im Jahr 1283 abgeschlossen war. In den nachfolgenden 200 Jahren füllten sich vor allem die Seitenschiffe mit Gräbern und Denkmälern von Verstorbenen aus niederem und höherem Adel aus dem Gebiet der heutigen Nordostschweiz.
Die Kirchweihe wurde ursprünglich am Sonntag nach Conversio sancti Pauli (25. Januar) gefeiert; Bischof Eberhard von Regensberg verschob sie 1254 auf den Sonntag nach dem Gedenktag der Heiligen Philipp und Jakob (1. Mai), damit sie nicht mehr mit einem anderen Feiertag zusammenfiel. 1298 wurde das Kirchweihfest auf den Marcellustag (16. Januar) verschoben, da «sich die jungen Leute in der Blütezeit, statt fromm mit Pilgerstab, ausgelassen und streitlustig mit Spiess, Schwert und Schild bewaffnet, einfanden». Um 1439/42 wurde die Toggenburger Kapelle an die Klosterkirche angebaut. Die Äbte Markus Wiler und Felix Klauser liessen die Kirche und die Klostergebäude grundlegend erneuern (Jahreszahl 1499 am Portal der Kirche). Das Gotteshaus war damals eine romanische, dreischiffige Anlage von stattlichem Ausmass. Der barocke Wiederaufbau der Kirche nach dem Brand von 1706 übernahm den spätromanischen Chor, war aber in den Dimensionen bescheiden.Zürcher Denkmalpflege: 3. Bericht 1962/3, S. 76 ff.
Reformierte Kirche mini|Stich von Johann Melchior Füssli, um 1700 mini|Das Kloster Rüti vor dem Brand von 1706 mini|Das Kloster Rüti nach dem Brand mini|Die Kirche nach Ludwig Schulthess um 1840 Mit Beschluss des Rats von Zürich am 17. Juni 1525 wurde das Kloster Rüti aufgehoben und das Amt Rüti geschaffen; es verwaltete dessen Güter und Einkünfte, und die Klosterkirche ging in Staatsbesitz über. Ein Grossbrand am 3. Dezember 1706 führte zu schweren Schäden an der mittelalterlichen Bausubstanz. Aufgrund von gefundenen Brandspuren scheinen die brennenden Dachbalken durch ein Gewölbe im Mittelschiff oder durch die Dächer der Seitenschiffe ins Kircheninnere gestürzt zu sein und beschädigten dabei das Chorgestühl. Die Turmuhr wurde zerstört, die Glocken schmolzen in der Brandhitze und fielen durch den ausgebrannten Turm. Die Kirche wurde bis 1710 wieder instand gestellt, neue Glocken und ein neues Uhrwerk angeschafft. Beim Neubau wurde die Trennmauer zwischen der bisherigen Laien- und der Mönchskirche abgetragen und die Gottesdienste fortan im gotischen Mittelschiff und Chor abgehalten, da sich die Bevölkerung auf 700 Personen verdoppelt hatte.
1770 zeigten sich schadhafte Stellen am Kirchengebäude, und die tragenden Säulen begannen sich zu senken. Nach erfolglosen Stützversuchen entschloss sich der Stadtzürcher Rat, die dreischiffige Basilika einzureissen und eine Hallenkirche in spätbarock–frühklassizistischem Baustil zu erstellen. Erhalten blieben die Längsmauern der Seitenschiffe; dazu wurde eine neue Westmauer erstellt und gleichzeitig das Langhaus um 12 Meter verkürzt. Die Aussenmauern der Seitenschiffe sind bis auf Dachhöhe erhöht, dann die einst tragenden Säulen abgetragen worden, ebenso alle alten Gebäudeteile ausserhalb dieser Mauer: Die Toggenburger Begräbniskapelle und die Nebenräume mit Aufgang zur Empore, wo die Äbte ihre Privatstühle hatten.Emil Wüst: Die Rütner Kirche mit ihren baulichen Veränderungen und ihre jeweiligen Sigristen und Organisten seit der Reformation. Reformierte Kirche Rüti 1984.
Im Jahr 1800 erfolgte der Einbau von je zwei eisernen Öfen an den Längswänden, die später durch eine Bodenheizung ersetzt worden sind. 1872 wurde die Westempore errichtet, auf der ein Jahr später die erste Orgel von der Firma Speich in Rapperswil ihren Platz fand. Die Kosten von Fr. 12'500.- übernahm Caspar Honegger, der Besitzer der gleichnamigen Maschinenfabrik. Seine Erben überwiesen der Kirchenpflege später weitere Fr. 13'000.-- in einen Orgelfonds. Primarlehrer Caspar Zuppinger wurde zum Organisten gewählt und mit jährlich Fr. 300.-- besoldet. Ein Kalkant (Orgeltreter) erhielt jährlich Fr. 80.--, da die Orgel noch nicht elektrisch betrieben war.
1903 hatte Rüti dem Kanton Zürich einen Antrag auf den Bau einer neuen Kirche gestellt, erhielt anstelle dessen aber einen neuen Friedhof, über dessen Baukosten seit 1883 mit dem Kanton prozessiert werden war, ebenso die Kosten für die Erneuerung der Kirche unter anderem mit einer Bodenheizung. Baumeister Honegger stiftete einen gotischen Taufstein aus weissem Sandstein, der heute in der Johannes-Kapelle steht; der frühere kam in die Kirche von Tamins (GR). Anlässlich der Erneuerungsarbeiten kamen die 1492 vom Winterthurer Künstler Hans Haggenberg geschaffenen Chormalereien wieder zum Vorschein, die 1962/3 restauriert wurden, nachdem sie stellenweise abblätterten. Kleinere Renovationen erfolgten 1935/6, archäologische Untersuchungen 1962 und 1971/2 sowie 1982. Bereits 1930 wurde der alte Friedhof bei der Kirche bis auf die ursprüngliche Höhe aus der Klosterzeit abgetragen und die mit den Jahrhunderten wiederholt erhöhte Einfassungsmauer durch eine Umfassungsmauer mit Steinen aus dem Hüllisteinbruch ersetzt, von der Strasse etwas zurückgesetzt und mit einer Treppe gegen die Dorfstrasse, obwohl der an dieser Stelle geplante Kirchenausgang nicht gebaut wurde. Kirche und Turm erhielten einen weissen Aussenanstrich, die Westseite ein auf Säulen errichtetes kleines Vordach und das Mittelschiff bequemere Bänke. Nach einer Sammlung erfolgte für Fr. 65'000.-- der Kauf einer neuen Orgel und der Verkauf der alten nach Moutier im Jura. Das Gehäuse der heutigen Kuhnorgel stammt von der Schreinerei Fischbacher aus Rüti und die Schnitzereien vom Künstler Berchtold in Mönchaltorf. Der neu eingesetzte Denkmalpfleger ordnete 1962 die Aufstellung von letztendlich sechs Grabplatten von den Längswänden des Kirchenschiffes in den Chor an: Das beim Umbau von 1770/1 demontierte Klingenberger Tischgrab kam wieder an seinen alten Standort. Im Chor ausgeräumt wurden die Bestuhlung, Täfer- und Holzboden und gut erhaltene Teile im Kirchenmuseum ausgestellt.
1980 bis 1982 wurde eine umfassende Restauration des Kirchenschiffes durchgeführt, die den ursprünglichen, dreischiffigen Bau konservieren, die Räumlichkeiten aber auch besser zugänglich machen sollte. Die fünfmonatigen archäologischen Ausgrabungen umfassten das gesamte Kirchenschiff sowie die Gräber der Adligen, Amtmänner und deren Frauen und Kindern in Schiff und Chor. Untersucht wurden ebenfalls die Fundamente der mächtigen Säulen und der Lettnermauer, und die Chronik Tschudis wurde bestätigt, dass Abt Bilgeri von Wagenberg die gefallenen Habsburger, die nach der Schlacht bei Näfels dort in Massengräbern verscharrt worden waren, exhumieren und in Rüti in einem Sammelgrab neben ihren zwei Anführern bestatten liess. Das Kirchenschiff wurde auf das Bodenniveau der ursprünglichen Klosterkirche abgesenkt, um die Sicht auf das liturgische Zentrum mit dem Abendmahlstisch und den gotischen Chorbogen zu verbessern. Ausserdem konnte die Kirche auf diese Weise rollstuhlgängig gemacht werden. Die Seitenkapellen erhielten Türen, und die Denkmalpflege bewilligte einen westlichen Anbau, in dem Nebenräume, eine WC-Anlage und ein Gemeinschaftsraum Platz fanden. Die Fenster erhielten eine Doppelverglasung, Boden- und Bankheizung sollten für mehr Komfort sorgen. Die Aussenumgebung wurde ebenfalls neu gestaltet, südlich der Kirchgarten (ehemaliger Friedhof), und zwischen Amthaus, Gemeindehaus und Kirche als Gemeinschaftsprojekt von Kirch- und politischer Gemeinde der neue Vorplatz gestaltet. In der Bodenpflästerung zwischen Kirche und Amthaus ist der Verlauf der vor 1770 um zwölf Meter längeren Kirche und das ehemals angebaute Klostergebäude markiert. 1982 wurde für den Chorraum eine Kleinorgel von der Firma Felsberg erbaut.
Architektur
Innenausstattung mini|Ansicht von Westen mit dem 1982 erstellten Vorbau