Die Alpendohle (Pyrrhocorax graculus) ist eine Vogelart aus der Familie der Rabenvögel (Corvidae). Der 34 bis 38 cm große Vogel ist ein mittelgroßer Vertreter seiner Familie und zeichnet sich durch schwarzes Gefieder, rote Beine und einen gelben Schnabel aus. Im Feld ist die Art daneben auch durch ihren akrobatischen Segelflug und ihre pfeifenden Rufe zu erkennen. Ihr lückenhaftes Verbreitungsgebiet umfasst die Hochgebirge der südlichen Paläarktis, wo sie montane Höhenlagen mit freiliegenden Felsen bewohnt. Die Nahrung der Tiere besteht zum Großteil aus Beeren und Wirbellosen, bei Gelegenheit fressen sie aber auch kleine Wirbeltiere, Vogeleier oder menschliche Abfälle. Alpendohlen leben sehr gesellig, sie bewegen sich in Schwärmen und brüten gelegentlich in Kolonien. Ihr Nest errichten sie zwischen April und Juni in Felsnischen.

Die Alpendohle wurde 1766 von Carl von Linné als Corvus graculus erstbeschrieben und von Marmaduke Tunstall in die Gattung der Bergkrähen (Pyrrhocorax) gestellt. Zusammen mit ihrer Schwesterart, der Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax), bildet sie eine frühe Entwicklungslinie der Rabenvögel, die nah mit südasiatischen Elstern verwandt ist. Die Art wird in zwei bis drei Unterarten geteilt, deren Abgrenzung allerdings nicht klar ist. Der weltweite Bestand der Alpendohle gilt mit einer geschätzten sechs- bis siebenstelligen Zahl von Tieren als stabil und nicht gefährdet.

Merkmale Körperbau und Farbgebung mini|hochkant=1.5|Alpendohle auf einer Sitzwarte. Die Art hat proportional kürzere Beine und einen kleineren Kopf als die nahe verwandte Alpenkrähe (P. pyrrhocorax); ihr Schwanz ist dagegen relativ lang.|alt=Auf einem Geländer sitzende Alpendohle Die Alpendohle liegt mit 34–38 cm Körperlänge, einer Spannweite von 75–85 cm und einem Gewicht von 160–277 g im Mittelfeld ausgewachsener Rabenvögel. Sie zeichnen sich durch einen gebogenen Schnabel aus, der im Vergleich mit der Alpenkrähe (P. pyrrhocorax) deutlich kürzer und schmäler ausfällt. Seine Basis ist mit einem kurzen, dichten Büschel aus Nasalborsten bedeckt. Die Beine und Zehen der Art sind kräftig und, wie für Bergkrähen typisch, geschient statt getäfelt. Sie sind proportional kürzer als die der Alpenkrähe. Zwischen Männchen und Weibchen besteht ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus: Männchen werden im Mittel größer und schwerer als Weibchen, beide Geschlechter überlappen sich aber in ihren Maßen. Adulte Männchen wiegen 188–280 g und erreichen eine Flügellänge von 270–284 mm. Ihr Schwanz misst 161–179 mm, ihr Laufknochen 45–49 mm. Der männliche Schnabel misst von der Spitze bis zum Schädel zwischen 33 und 37 mm. Die Flügellänge ausgewachsener Weibchen liegt demgegenüber lediglich bei 251–267 mm, ihr Gewicht bei 160–265 g. Der Schwanz weiblicher Alpendohlen wird 157–165 mm lang, ihr Schnabel 32–36 mm. Der Lauf weiblicher Tiere misst 43–47 mm. Es wird angenommen, dass die durchschnittliche Größe von Alpendohlen von Westen nach Osten zunimmt. Allerdings zeichnen Messungen hier ein differenziertes Bild. So sind etwa chinesische Alpendohlen zwar im Schnitt größer als europäische, haben aber kürzere Läufe und Schnäbel.

mini|links|Kopfstudie einer Alpendohle. Die Vögel zeichnen sich durch einen relativ schlanken Schnabel und sehr kurze Nasalborsten aus.|alt=Porträt einer Alpendohle Das Gefieder der Art ist einheitlich schwarz und zeigt anders als das der Alpenkrähe nur einen schwachen Glanz. Er zeigt sich vor allem auf dem Kopf als bläulicher Metallschimmer, den Konturfedern und den kleinen Armdecken. Der Rest des Federkleides ist eher matt schwarz. Je länger die Federn der Sonne ausgesetzt sind, desto blasser werden sie. Gegen Ende der Brutzeit, kurz vor der Mauser, scheinen oft die grauen Federbasen des Mantels an Brust, Bauch und Mantel durch. Die Vögel wirken dann eher dunkel schiefergrau. Die Farbe der Beine bewegt sich zwischen hell- und orangerot, gelegentlich sind sie auch tiefrot oder hellgelb gefärbt. Der Schnabel adulter Individuen ist äußerlich gelb und innen schwarz. Ihre Iris ist dunkelbraun oder dunkel graubraun. Männchen und Weibchen lassen sich in der Farbgebung nicht unterscheiden. Juvenile Alpendohlen zeichnen sich gegenüber Altvögeln vor allem durch ihren rosafarbenen Rachen, ihren eher hornfarbenen Schnabel und anfangs schwärzliche, leicht getäfelte Beine aus. Darüber hinaus ist ihr Gefieder matter, heller und lockerer als das ausgewachsener Individuen und ihre Iris zeigt ein helleres Braun.

Flugbild und Fortbewegung mini|thumbtime=116|Alpendohlen im Flug an der Bürglen, 2165 m ü. M., Schweiz, Berner Oberland mini|Alpendohlen im Flug auf der großen Cirsspitze, Dolomiten Alpendohlen verbringen einen Großteil des Tages feldernd auf dem Erdboden oder segelnd in der Luft. Auf dem Boden bewegen sich die Vögel hüpfend, schreitend oder rennend fort. Im Geäst von Bäumen oder Sträuchern erreichen sie unter Flügelschlagen auch dünne äußere Äste. Gerne setzen sie sich auf hochgelegene Sitzwarten wie Hausdächer, Antennen oder Stromleitungen. Der Flug der Art zeichnet sich durch große Wendigkeit und geschickte Nutzung von Aufwinden aus. An warmen Tagen steigen die Vögel oft mühelos und unter wenigen Flügelschlägen in große Höhen auf. Im Flug folgen Einzeltiere und Schwärme häufig den Landschaftskonturen, etwa Hängen und Steilwänden, an denen sie in geringem Abstand entlang gleiten. Nicht selten lassen sie sich dabei beobachten, wie sie trudelnd in die Tiefe stürzen, um sich später wieder zu fangen. Im Streckenflug erreicht die Art Geschwindigkeiten von 70–80 km/h, im direkten Sturzflug rund 200 km/h. Ihre Schlafquartiere fliegen die Tiere abends bevorzugt im kreisenden Segelflug unter Ausnutzung der Thermik an. Nur bei starken Winden oder fehlender Thermik verfallen sie in aktiven Streckenflug. In der Luft unterscheidet sie sich von der Alpenkrähe durch ihren gerundeten Schwanz, ihre geschwungenen, schmäleren Flügel und die Spitzen der Flügel, die weniger stark gefingert sind.

Lautäußerungen Die Rufe der Alpendohle zeichnen sich durch ihren zirpenden, hellen Charakter aus. Sie klingen melodiöser und sanfter als die der Alpenkrähe oder anderer Rabenvogelarten und bestehen meist aus kurzen Silben. Raue, krächzende Laute kommen zwar auch vor, sind aber deutlich seltener als beim Rest der Familie. Studien an Volierenvögeln unterscheiden zwei grundsätzliche Stimmfühlungslaute: Einerseits griig, das als „Komm her!“ interpretiert wird, und andererseits Zijag, das von den Autoren als „Geh weg!“ übersetzt wird. Diese Botschaften können durch veränderte Lautstärke und Betonung verstärkt oder abgeschwächt werden oder etwa durch schnelle Wiederholung oder eine andere Tonhöhe eine gänzlich andere Bedeutung erhalten. Keine besondere Bedeutung kann dem „“ der Art zugewiesen werden. Er ist vor allem im Frühjahr zu hören und besteht vor allem aus Serien variierender griig-Silben. Das Vokabular der Alpendohle gilt als stark situationsspezifisch und als vielseitiger als das der Alpenkrähe.

Verbreitung mini|hochkant=2|Das rezente Verbreitungsgebiet der Alpendohle erstreckt sich lückig über die Hochgebirge der südlichen Paläarktis. Im Plio- und Pleistozän reichte es weit in die nördlich gelegenen Mammutsteppen und umfasste auch die Kanaren.|alt=Eurasienkarte mit grün eingezeichneter Verbreitung Das Verbreitungsgebiet der Alpendohle umfasst heute ein relativ schmales Band, das sich über die Gebirge der südlichen Paläarktis zieht. Seinen östlichsten Punkt hat es im Südwesten des Tibetischen Plateaus. Von dort aus reicht es nordwestwärts wahrscheinlich über das gesamte Hochland bis an die Takla Makan und die Lop Nor. Im Süden bildet die Gebirgskette des Himalaya die Grenze des Artareals. Weiter westlich erstreckt es sich über den Tian Shan und seine Ausläufer sowie über den Hindukusch. Ob diese Populationen mit denen im iranischen Zāgros und Elburs verbunden sind, ist unklar, wahrscheinlich besteht eine Verbreitungslücke zwischen dem Iranischen Hochland und dem Hindukusch. Vom Iran aus erstreckt sich das Verbreitungsgebiet der Alpendohle über den Kaukasus und die südlichen Gebirgsketten Kleinasiens. Weiter südlich existieren kleinere, versprengte Populationen im Libanon und am Hermon. Das europäische Areal der Art umfasst Kreta, den Westen der Rhodopen und des Balkangebirges sowie die Dinariden. Von dort aus erstreckt sich das Verbreitungsgebiet über die gesamten Alpen und den nördlichen und mittleren Apennin. Im westlichen Mittelmeer wird nur Korsika besiedelt. Auf der Iberischen Halbinsel umfassen die Vorkommen die Pyrenäen, das Kantabrische Gebirge und die Sierra de Guadarrama. In Marokko schließt sich ein Vorkommen im westlichen Atlas an.

Während des Plio- und Pleistozäns gehörte die Alpendohle zusammen mit der damals selteneren Alpenkrähe zu den Leitarten der Mammutsteppe. Da sie dort einen ähnlichen Lebensraum wie im Hochgebirge vorfand, konnte sie weit nach Norden und Süden vordringen. Wahrscheinlich waren beide Arten ursprünglich auf das Tibetische Hochland und den Himalaya beschränkt, bevor sie sich im Pliozän zunächst über die alpidischen Gebirge ausbreiteten und infolge des Klimawandels im Pleistozän auch das Tiefland und die Inseln des Mittelmeers besiedelten. Nach dem Ende der Kaltzeiten schrumpfte das Artareal wieder auf die paläarktischen Hochgebirge zusammen. Die Alpendohle ist ein Standvogel und bleibt ausgewachsen das ganze Jahr über am Niststandort. Lediglich Jungvögel und immature Tiere verstreichen im Herbst zwischen einzelnen Brutvorkommen.

Lebensraum mini|alt=Foto einer Alpendohle am Rand eines Gletschertals|Alpendohle über dem Tacul-Gletscher in der Mont-Blanc-Gruppe. Die Art ist auf offene Flächen als Nahrungshabitat und Felswände als Brutplatz angewiesen, allerdings müssen beide nicht in nächster Nähe zueinander liegen. Das bevorzugte Habitat der Alpendohle bilden weitläufige, freie Flächen in montaner und alpiner Umgebung. Als Nahrungshabitat nutzt sie Bergwiesen, gemähte Weiden oder Geröllfelder, die sie oft mit der Alpenkrähe teilt. Das Angebot an unzugänglichen Felsnischen, die als Bruthabitat fungieren, bindet die Alpendohle nur bedingt. Oft legen die Vögel jeden Tag mehrere Kilometer von den Schlaf- und Brutplätzen zu den Nahrungsgründen zurück und überwinden dabei auch Hindernisse wie Bergkämme oder Wälder. Auch beweidete Karstgebiete (etwa auf der westlichen Balkanhalbinsel) werden von den Vögeln besiedelt. In Teilen ihres Verbreitungsgebiets, vor allem in den Alpen, ist die Art auch in urbanen Habitaten zu finden, wohin sie vor allem reichhaltige Futterquellen ziehen. Schneebedeckte Flächen werden weitgehend gemieden und im Winter aufgegeben. Wäldern oder größeren Baumbeständen bleibt die Art in der Regel fern.

Grundsätzlich ist die Alpendohle oberhalb der Waldgrenze anzutreffen, kommt aber vereinzelt und vor allem im Winter auch in tieferen Lagen vor. Wenige Vogelarten brüten in ähnlich großen Höhen: Die Brutgebiete reichen in den Schweizer Alpen bis auf 3800 m, im Atlas bis auf 3900 m. In Kaschmir bewegen sich die Vorkommen im Sommer zwischen 3500 und 5000 m. Eine Ausnahme stellt in dieser Hinsicht der Balkan dar, wo die Vögel vielerorts zwischen 500 und 1400 m brüten. Auf Nahrungssuche sind Alpendohlen am Mount Everest auch schon auf über 8200 m beobachtet worden. Ebenfalls von Everest-Expeditionen stammen Berichte von Sichtungen in Flughöhen über 9500 m.David Holyoak: Behaviour and Ecology of the Chough and the Alpine Chough. In: Bird Study Band 19, Nummer 4, S. 215–227. doi:10.1080/00063657209476345

Lebensweise Nahrung mini|Anders als die Alpenkrähe frisst die Alpendohle mit Vorliebe menschliche Nahrung und sucht die Nähe von Siedlungen und touristischen Einrichtungen wie etwa Wandersteigen|alt=Alpendohlen auf dem Geländer eines Bergwanderwegs mini|Alpendohlen auf der Zugspitze