mini|Jüri Reinvere, 2011 Jüri Reinvere (* 2. Dezember 1971 in Tallinn) ist ein estnischer Komponist, Lyriker und Essayist, der seit 2005 in Deutschland lebt. Reinveres polystilistische Kunst folgt keinen Dogmen von Material oder Technik und widmet sich oft existentiellen Themen in der Geschichte, der Natur, der Politik sowie der Poetik menschlicher Wahrnehmung. Seine Lyrik und Dramatik fußen auf genauer psychologischer Beobachtung und gehen oft einher mit untergründig theologischen Anspielungen. Seine Essays in der Postimees und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung greifen in Estland und Deutschland in aktuelle Debatten des Zeitgeschehens ein und sind in Estland mit wichtigen Preisen für Publizistik ausgezeichnet worden. Seine Musik hat durch Dirigenten wie Andris Nelsons, Paavo Järvi,Paafo Järvi & estonian festival orchestra auf parnumusicfestival.tv Franz Welser-Möst,Jüri Reinvere orkestriteosed kõlasid Ameerikas ja Saksamaal, auf kultuur.postimees.ee Pablo Heras-Casado,Vom Sterben der Sterne: Symphonische Notizen, auf boosey.com Pietari Inkinen oder Juraj ValčuhaUsedomer Musikfestival: Abschluss mit viel Applaus und positiver Bilanz, auf ndr.de und durch Orchester wie die Berliner Philharmoniker, das Cleveland Orchestra, das Leipziger Gewandhausorchester und das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks internationale Aufmerksamkeit gefunden.
Leben Jüri Reinvere wuchs in der estnischen Hauptstadt Tallinn auf. Er besuchte von 1979 bis 1990 das Tallinner Musikgymnasium (Tallinna Muusikakeskkool). Sein erster Lehrer in Komposition war Lepo Sumera. Die dortige Klavierausbildung führte ihn bis zur Konzertreife, was ihm später eine Nebentätigkeit als Pianist und Organist ermöglichte.
Das Leben in Estnischen SSR war zu jener Zeit von starkem Russifizierungsdruck geprägt. Davon unberührt blieb Reinveres Aufgeschlossenheit für die Kultur Russlands, die ihm frühzeitig vertraut war.
Von 1990 bis 1992 studierte Reinvere Komposition an der Fryderyk-Chopin-Musikakademie in Warschau. Von 1992 bis 2005 lebte er in Finnland. Ab 1994 begann er, begleitet von Studien in Theologie, ein Kompositionsstudium an der Sibelius-Akademie in Helsinki, das er bei Veli-Matti Puumala und Tapio Nevanlinna 2004 abschloss. Daneben arbeitete er als Organist, als Radio-Essayist, schrieb gelegentlich Drehbücher für Dokumentarfilme und war beim Fernsehen als Produzent tätig.
1993 lernte er die estnisch-schwedische Pianistin und Schriftstellerin Käbi Laretei kennen, die Reinvere selbst als seine wichtigste Mentorin bezeichnet. Anderthalb Jahrzehnte stand er mit ihr und ihrem früheren Ehemann, dem schwedischen Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman, in enger Verbindung. Durch Bergman wurde Reinvere in die Tradition der nordeuropäischen Dramatik von Henrik Ibsen und August Strindberg sowie in die psychologische Durcharbeitung dramatischer Figuren eingeführt. (PDF), auf reinvere.de
Laretei und Bergman waren es auch, die Reinvere zum literarischen Schreiben ermutigten. Nach erster Prosa folgte bald eigene Lyrik in englischer Sprache.Livonian Lament [Liivi itk], auf emic.ee Diese Arbeit war Voraussetzung dafür, dass Reinvere für seine Opern die Libretti selbst verfasst hat: Puhdistus auf Finnisch, Peer Gynt auf Deutsch.
Im Jahr 2000 gewann er den International Rostrum of Composers, den Kompositionspreis des Internationalen Musikrates der UNESCO, und wurde vom selben Gremium 2006 erneut ausgezeichnet.Estonian composers Toivo Tulev and Jüri Reinvere successful at the 2006 Rostrum in Paris, auf emic.ee Von 2000 bis 2001 gehörte er zu den Stipendiaten der Berliner Akademie der Künste. , auf fuenfhausen.net Reinvere ist heute finnischer Staatsbürger.Käbi Laretei võttis eluülesandeks mitte kunagi kibestuda. See lasi tal olla vaba., auf maaleht.delfi.ee Im Jahre 2005 siedelte er nach Berlin über, seit 2017 lebt er in Frankfurt am Main.
Schaffen Reinveres Ästhetik kennt zwei Richtungen, eine entschiedene Modernität mit allen klanglichen Härten und zugleich einen ungebrochenen Mut zur Romantik, weshalb seine Musik sehr unterschiedlich klingen kann. Seine Großwerke, besonders die Opern, vermitteln zwischen beiden Richtungen. Sie halten an einem psychologischen Verständnis des Dramas fest, erweitern aber die Mittel der Darstellung über die bisherige Tradition hinaus. Häufig verbindet Reinvere in seiner Musik avancierte Verfahren der Klangerzeugung mit klassischen Erzählstrukturen. Die strenge Durcharbeitung der Werkgestalt geht dabei einher mit einer inhaltlichen Öffnung für andere Künste, für Fragen der Theologie, der Politik, der allgemeinen Geschichte und der alltäglichen Lebenswelt. Jedoch liegt das Gewicht auf der unmittelbar sinnlichen Präsenz der Kunst.Puhdistus (Purge), Finnish National Opera, Helsinki, auf ft.com
Orchesterwerke Eine große Öffentlichkeit erreichte Reinvere durch seine Orchesterwerke, die das Orchester im Sinne der symphonischen Tradition als integralen Klangkörper begreifen und Techniken eines wortlosen Erzählens weiterentwickeln. Eine große Rolle spielt dabei die Arbeit mit dem zielgerichteten, aber nicht mehr funktional verankerten Spannungsgefälle einer eigenständigen Harmonik. Die poetischen Titel eröffnen dabei eher Assoziationsräume, als dass sie ein Programm liefern. Sie stellen manchmal Bezüge zu konkreten Personen (Maria Anna, wach im Nebenzimmerhttps://www.youtube.com/watch?v=ypDegEgEl6g zu Maria Anna Mozart), zu Landschaften (Das innere MeerInkinen | Brahms, auf drp-orchester.d) oder zu kosmischen Phänomenen wie die Bootes-Leere (Vom Sterben der Sterne)https://www.youtube.com/watch?v=ycnCzAi6j2Q her. In Estland sind die Stücke Ehe Leviathan erwacht Before Leviathan Awakes (Ehe Leviathan erwacht), auf boosey.com und Auf dem Narrenschiff nach deren Uraufführungen auch als politische Gleichnisse gehört und diskutiert worden.
Bühnenwerke: Opern und Ballette Nach frühen Balletten, vor allem mit der Choreografin Michaela Fünfhausen, und der Radio-Oper Auf der anderen Seite, arbeitete Reinvere den Roman Puhdistus von Sofi Oksanen zu einem Opernlibretto um: Es war Reinveres erste dramatische Arbeit als Dichter und zugleich ein politisches Werk, dessen Bedeutung international registriert wurde. Die Uraufführung fand 2012 an der Finnischen Nationaloper Helsinki statt.Estnische Tragödie, auf der-theaterverlag.de
Peer Gynt ist ein Auftragswerk für Den Norske Opera & Ballett Oslo unter dem Intendanten Per Boye Hansen. Im Anschluss an das Drama von Henrik Ibsen, das durch die Musik von Edvard Grieg zu einem Nationalsymbol Norwegens wurde, fragt Reinvere danach, was nationale Symbole heute bedeuten. Zugleich stellt er die Geschichte in den Horizont einer Theologie der Gnade im Anschluss an Søren Kierkegaard. Die Uraufführung fand am 29. November 2014 statt. Die Oper löste europaweit große Medienresonanz aus, zum einen wegen ihrer Konnotationen mit dem Attentat von Anders Breivik, zum anderen, weil sie Themen wie Sterbehilfe und westliche Kulturmüdigkeit aufgreift. Reinvere erhielt im Februar 2015 für Peer Gynt den estnischen Staatspreis.Eesti Vabariigi kultuuripreemiad, auf .kul.ee
Zum Beethoven-Jahr 2020 schuf Reinvere seine dritte Oper Minonahttps://www.youtube.com/watch?v=_D1edSiXlhk. Sie widmet sich der historischen Person Minona von Stackelberg (1813–1897), die offiziell die Tochter von Josephine von Stackelberg, geborene von Brunswick, und deren zweitem Ehemann Christoph von Stackelberg war. Jedoch gilt es in der wissenschaftlichen Biografik als sehr wahrscheinlich, dass Ludwig van Beethoven der Vater Minonas sein könnte. Minona von Stackelberg wuchs in Reinveres Heimatstadt Tallinn (damals Reval) auf. Reinvere selbst unternahm für das Libretto eigene Forschungen am Archiv der Baltischen Ritterschaft in Tartu, wo ein Teil des Familiennachlasses der Stackelbergs aufbewahrt wird. Die Uraufführung fand 2020 am Theater Regensburg statt.Flirrende Wahrheit, auf sueddeutsche.de
Werke nach eigener Lyrik Seit t.i.m.e (2005) für Soloflöte und Sprecher folgen auch die nicht-theatralischen Werke Reinveres häufig eigenen Texten. Dichterisch finden sich bei ihm überwiegend freie Verse, zugleich auch komplexe Metren und Reimformen. Seine Sprache arbeitet mit mehrschichtigen Symbolen und literaturgeschichtlichen Anspielungen, besonders in einer Reihe von Gedichten, die Autoren der englischen Romantik folgen. So bezieht sich Norilsk, the Daffodils (für Orchester und Sprecherin) auf William Wordsworth, The Empire of May (für Kammerensemble und Stimme) auf John Keats oder The Arrival at the Ligurian Sea (für Soloflöte und Kammerensemble) auf Percy Bysshe Shelley.
Sein Requiem von 2009 (für Kammerchor, Soloflöte und Sprecherin) setzt sich mit dem Sterben in der heutigen Welt auseinander. Obwohl Reinvere nicht auf religiöse Begriffe und Formen zurückgreift, bleibt sein Requiem für eine Sinngebung des Todes in christlichem Glauben offen. Der Zyklus Four Quartets verbindet eigene Gedichte mit Streichquartetten und folgt dem gleichnamigen Werk von T. S. Eliot. Wie ihm geht es auch Reinvere darum, konkrete Lebensorte zu Symbolen menschlicher Existenz zu machen. Im Tonbandzuspiel zum ersten der Four Quartets nutzt Reinvere Originaldokumente von der Entbindungsstation des Zentralkrankenhauses in Tallinn. (PDF), auf reinvere.de
Reinveres Solo-Liedschaffen umfasst neben dem Zyklus Lieder bei schwindendem Licht für Sopran und Orchester auch den Zyklus Bleicher Karneval für Sopran und Klavier nach eigenen deutsch- und englischsprachigen Texten, entstanden für die Kissinger Liederwerkstatt 2018, und darüber hinaus zwei Gesänge für Bass und Klavier nach eigenen Gedichten zu Grafiken des estnischen Symbolisten Eduard Wiiralt, im Jahr 2023 komponiert für das Mozarteum Salzburg.
Chorwerke Reinveres bislang wichtigstes Chorwerk ist, neben dem frühen Stück Frost at Midnight, das dreiviertelstündige Oratorium Die Vertreibung des Ismaelhttps://www.youtube.com/watch?v=KCzwyaCYpN0 nach eigenem Text. Es entstand für den RIAS-Kammerchor Berlin und behandelt die Verstoßung der Magd Hagar und ihres Sohnes Ismael durch dessen Vater Abraham und damit die Trennung von Judentum und Islam nach dem Alten Testament der Bibel. Die Uraufführung fand im März 2022 mit dem RIAS-Kammerchor und dem Ensemble Resonanz unter der Leitung von Justin Doyle in Berlin statt. Wenige Wochen später folgte das Chorstück Im Verborgenen nach eigenem Text, das wiederum eine eigens entworfene, tonal nicht gebundene Harmonik mit vokal erzeugten Geräuschen verbindet.RIAS Kammerchor mit Uraufführung von Jüri Reinvere: „Die Vertreibung des Ismael“, auf deutschlandfunkkultur.de
Weitere Werke In Reinveres übrigen Werken findet man häufig die Überschreitung von Genregrenzen und die Kreuzung verschiedener Techniken, zum Beispiel die Bearbeitung dokumentarischen Materials und ästhetisch auskomponierter Musik durch die Mittel der Musique concrète. So verwendet sein Livionian Lament von 2003 Tonaufzeichnungen von der livländischen Küste und erinnert an das Aussterben der lange marginalisierten livischen Sprache. Harmonisch gibt es im frühen Doppelquartett mit Soloklavier von 1994 noch klare tonale Bezüge. In späteren Werken sind solche tonalen Konzeptionen zwar weiterhin vorhanden, aber weniger offenkundig. Oft kommt Reinvere gänzlich ohne tonale Bindungen aus und verlässt sich auf Instrumental-, Sprech- und Vokalklänge, die dem Geräusch näherstehen als der genau definierten Tonhöhe. Die klar ausgearbeiteten Texturen werden nach einem klassischen Verständnis von Polyphonie eingesetzt. Die dramaturgisch gestaltete Zeit macht den Aufbau von Hörerwartungen ebenso möglich, wie sie den Hörer mit Unvorhersehbarem konfrontiert.