Der („Kanal des Südens“) verbindet Toulouse mit dem Mittelmeer bei Sète. Seine ursprüngliche Bezeichnung lautete Canal Royal de Languedoc („Königlicher Kanal des Languedoc“).
Der Kanal ist 240 km lang und verläuft über den Bergsattel zwischen den Pyrenäen und dem französischen Zentralmassiv. Von Toulouse aus führt er in südöstlicher Richtung zunächst aufwärts bis zur Scheitelhaltung von Naurouze (Seuil oder Col de Naurouze, ) im Lauragais, dann abwärts in Richtung Mittelmeer nach Carcassonne. Hier ändert er seinen Verlauf auf Nordost bis Ost, erreicht Béziers, den Heimatort seines Erbauers Pierre-Paul Riquet, passiert danach die Stadt Agde und mündet schließlich in den Étang de Thau. Nach Überquerung der Lagune erreichen die Schiffe, die den Kanal benutzen, die Stadt Sète am Mittelmeer.
Der Kanal wurde 1681 fertiggestellt. (Beschreibung und Verlauf mit Fotos und Landkarten.) Seine damalige Fortsetzung über Bordeaux zum Atlantik war der Fluss Garonne; später wurde der Canal latéral à la Garonne () erbaut. Ebenfalls später entstand eine direktere Verbindung zum Mittelmeer. Sie zweigt bei etwa zwei Dritteln des Weges zwischen Carcassonne und Béziers in den Canal de Jonction ab und führt weiter durch den Canal de la Robine, an dem Narbonne liegt.
Seit 1996Michel Cotte: Le Canal du Midi – “Merveille de l'Europe”, Belin-Herscher, 2003, ISBN 2-7011-2933-8, S. 171–178 gehört der Canal du Midi zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Geschichte Allgemeines mini|hochkant=2.2|Karte des Kanalverlaufs: Der Zweig über Narbonne zum Mittelmeer wurde erst nach Riquet erbaut. Ein Wasserweg zwischen der Atlantikküste und der französischen Mittelmeerküste wurde schon lange vor dem Bau als wünschenswert angesehen, um den langen und beschwerlichen Weg rund um die Iberische Halbinsel zu vermeiden. Die Entfernung zwischen der Gironde am Atlantik und dem Mittelmeer beträgt in Luftlinie nur etwa 500 Kilometer. Davon waren rund zwei Drittel, die Garonne und ihr Mündungstrichter Gironde zwischen Toulouse und Atlantik, bereits schiffbar. Der Seeweg rund um die Iberische Halbinsel beträgt mehr als 3.000 Kilometer. Diese Reise erforderte hochseetaugliche Schiffe. Vor der spanischen und portugiesischen Küste war man oftmals der Piraterie ausgesetzt. Und schließlich musste die von Spanien kontrollierte Straße von Gibraltar passiert werden, was unter Umständen – je nach politischer Lage – schwierig oder kostspielig war.
Vorgeschichte Schon in der Antike, zur Zeit des Kaisers Augustus, hatten die Römer den Bau eines Kanals in Südfrankreich zwischen Mittelmeer und Atlantik erwogen. Um ihre Provinz Gallia Narbonensis zu erreichen, legten sie bereits ein etwa 20 km langes, vom Mittelmeer ausgehendes Stück als Meereskanal an, Teil des heutigen Canal de la Robine. Auch im Mittelalter wurden Überlegungen angestellt, an denen auch Leonardo da Vinci beteiligt war.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 16 Diese Projekte wurden vor allem deshalb nicht in Angriff genommen, weil die Versorgung des Kanals mit Wasser nicht möglich schien. Die Scheitelstelle eines möglichen Kanals im Languedoc läge in einem Gebiet, in dem keine ausreichende Menge natürlicher Gewässer vorhanden wäre, um den Wasserverbrauch bei den Schleusenvorgängen und durch natürliche Wasserverluste auszugleichen. Die vom Scheitel wegfließenden Flüsse Hers und Fresquel sind auch in ihren Unterläufen im Sommer nicht schiffbar, was den Kanal erheblich verlängern würde.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 18/19 Erst im 17. Jahrhundert erkannte man, dass sich genug Wasser aus dem regenreichen, nicht allzu weit entfernten Gebiet der Montagne Noire zur Scheitelstelle heranführen ließe. Und man war auch in der Lage, die hohen Kosten für einen relativ langen Kanal, der zudem noch Kreuzungsbauwerke mit Hers und Fresquel benötigte, aufzubringen.
Der Bau des Kanals durch Riquet
Planung und Bauantrag an den König
mini|hochkant=2.2|Karte des Kanals, Streckenverlauf und einige Detailskizzen mini|Pierre-Paul Riquet mini|Das Speicherbecken Naurouze (Druckgrafik, 1697) mini|Die Kanalbrücke Pont de Répudre (Druckgrafik, 1697) mini|Die runde Schleuse von Agde, oben der dritte Kanalanschluss (Druckgrafik, 1697)
Heinrich IV. und sein Minister Sully hatten wegen der baulichen und geografischen Schwierigkeiten einem Kanal zwischen Mittelmeer und Atlantik keine Priorität eingeräumt, sondern einen Kanal zwischen Loire und Seine favorisiert. Durch den Bau dieses Canal de Briare 1642 wurde auch der Nachweis erbracht, dass der Übergang von einem Tal in ein anderes mittels eines Kanals grundsätzlich möglich ist.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 24 Der 1609 in Béziers geborene Salzsteuereinnehmer Pierre-Paul Riquet interessierte sich seit seiner Jugend für den Bau eines Kanals durch das Languedoc. Er studierte den Canal de Briare gründlich. Vor allem aber war er es, der das notwendige Wasser für „seinen Kanal“ im südwestlichen Teil der Montagne Noire fand und schließlich zum Seuil de Naurouze, der sich als tiefste Stelle im Übergang zwischen Mittelmeer und Atlantik für die Scheitelhaltung des zukünftigen Kanals anbot, heranführte. Alle für das Vorhaben notwendigen technischen und wissenschaftlichen Kenntnisse eignete er sich im Selbststudium an. In langjähriger Arbeit entwarf er den Kanal und alle notwendigen technischen Bauwerke. Auf seinem Landsitz Bonrepos östlich von Toulouse fertigte er ein nahezu vollständiges und funktionierendes Modell des Kanals und aller Bauwerke an.Michel Cotte: Le Canal du Midi – “Merveille de l'Europe”, Belin-Herscher, 2003, ISBN 2-7011-2933-8, S. 44/45L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 37/38 Im Jahr 1662 präsentierte er seine Pläne dem französischen Finanzminister Jean-Baptiste Colbert.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 38–41 Dieser berief eine Expertenkommission ein, die den Kanalbau unter der Einschränkung befürwortete, dass der für den Kanalbetrieb notwendige Wasserzufluss aus der Montagne Noire zum vorgesehenen Kanalscheitel bei Naurouze erst praktisch bewiesen werden müsse.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 47 Riquet bewies im Jahr 1665 durch den Bau einer schmalen Proberinne aus der Gegend von Revel nach Naurouze die Funktionsfähigkeit der Idee. Die Kosten hierfür trug er aus eigenem Vermögen.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 49Michel Cotte: Le Canal du Midi – “Merveille de l'Europe”, Belin-Herscher, 2003, ISBN 2-7011-2933-8, S. 25–29 Ein weiteres Jahr verging, bis die Verteilung der Baukosten und die künftigen Eigentumsverhältnisse geklärt waren. Am 7. Oktober 1666 erließ der französische König Ludwig XIV. das Edikt über den Bau eines Kanals zwischen den beiden Meeren, der damals als Canal Royal bekannt wurde.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 50 und Appendix A
In der Präambel diese Edikts erklärte Ludwig XIV., warum er vom Erfolg diese Projekts überzeugt war:
Bau der Wasserversorgung Im Januar 1667 begannen die ausgedehnteren Arbeiten an der Wasserversorgung für die Scheitelhaltung.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 52 Das Wasser wurde aus den etwa 30 Kilometer entfernten Hügeln der Montagne Noire herangeholt. Einige nach Süden fließende Bäche – beginnend mit der Alzeau – wurden gestaut und ihr Wasser gemeinsam in einem höhenlinienparallelen, die Bäche kreuzenden Graben (Rigole de la Montagne Noire) in den nach Westen fließenden Sor eingeleitet.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 58 Bei Revel wurde es dem Sor wieder entnommen und durch einen Kanal (Rigole de la Plaine) bis zum Scheitel von Naurouze geführt. Dort wurde mit dem Wasser ein achteckiges Bassin gefüllt.
In der Nähe von Revel entstand das als Talsperre angelegte Reservoir von Saint-Ferréol, das mit einem Volumen von sieben Millionen Kubikmetern Wasser das damals größte Ingenieurbauwerk Europas war.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 57 Es staut den Bach Laudot, dessen Wasser nur zum Ausgleich in trockenen Sommern vorgesehen war. Sein Wasser kann die Rigole de la Plaine speisen.
Erste Bauetappe zwischen Toulouse und Trèbes Im Herbst 1667 begannen bei Toulouse die Arbeiten am eigentlichen Kanal.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 70 Bereits vier Jahre später ging der 52 Kilometer lange westliche Teil des Kanals zwischen Toulouse und dem Scheitel bei Naurouze in Betrieb. 1674 führte der Kanal bis Castelnaudary.
Der erste Bauabschnitt, für den Riquet autorisiert war, reichte von Toulouse über Naurouze bis Trèbes. Bei Trèbes trifft der Kanal direkt auf die Aude, die man anfangs schiffbar machen wollte. Riquet hatte jedoch diese Möglichkeit schon verworfen, bevor der Kanal Trèbes erreichte. Zudem erhielt er auch schon 1668 den Auftrag für einen weiteren Kanalabschnitt von Trèbes bis zum Étang de Thau.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 82
Zweite Bauetappe zwischen Trèbes und Étang de Thau mini|Mündung des Canal du Midi in den Étang de Thau bei Marseillan Eine kürzere Verbindung zum Mittelmeer hätte über Narbonne oder zur Mündung der Aude geführt; diese wurde von Riquet selbst dann noch erwogen, als Narbonne schon wegen der Errichtung eines neuen Seehafens durch den Staat („Port Royal“, etwa 1664) bereits verworfen worden war.Michel Cotte: Le Canal du Midi – “Merveille de l'Europe”, Belin-Herscher, 2003, ISBN 2-7011-2933-8, S. 60/61L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 84/85 Der genaue Zeitpunkt und die genauen Gründe, warum Riquet davon abkam, sind nicht bekannt. Die noch offene Wahl für Sète oder Agde als Ort des neuen Seehafens beeinflusste er für Sète mit dem Angebot, „seinen“ Kanal in der Nähe von Agde in den Étang de Thau zu leiten, an dessen nördlichem Ende Sète liegt. Der neue Hafen konnte somit nördlicher liegen, was einen künftigen Küstenkanal bis zur Rhône-Mündung verkürzen würde. Städte im Hinterland, wie Beziers, wären von Norden her über den Canal du Midi zu erreichen.
Riquet musste seinerzeit schon mehrere Nachtragskredite beim Staat wegen Baukostenüberschreitungen beantragen. Er kam deshalb, außer bei Colbert, auch in der Region Languedoc in Misskredit. Zu denjenigen, die ihm Verschwendung öffentlicher Gelder vorwarfen, kamen heftige Kritiker aus Narbonne, als feststand, dass der Kanal diese Stadt meiden würde. In ihrer Enttäuschung beschimpften sie Riquet und hofften, dass er die technischen Schwierigkeiten, wie zum Beispiel die Passage zwischen der Aude und der Steilflanke des Berges Pechlaurier, den Tunnel durch den Hügel Ensérune (Tunnel de Malpas) oder die Schleusentreppe bei Béziers (Fonserannes), nicht meistern würde.L.T.C. Rolt: From sea to sea. The Canal du midi. London: Allen Lane, 1973. ISBN 0-7139-0471-2. S. 86/87 u. 91