Reutlingen (schwäbisch Reitlenga) ist eine Großstadt im zentralen Baden-Württemberg und dessen neuntgrößte Stadt.Größte Städte in Baden-Württemberg 2020 – Statista Die Hochschulstadt und frühere Reichsstadt ist die größte Stadt und zugleich Kreisstadt des Landkreises Reutlingen, in dessen Nordwesten gelegen. Sie gehört zum Regionalverband Neckar-Alb und zur Metropolregion Stuttgart. Nahebei befindet sich die Mittelstadt Tübingen (12 Kilometer westlich), die nächsten Großstädte sind Stuttgart (31 Kilometer nördlich) und Ulm (57 Kilometer östlich).

Reutlingen ist seit 1989 eine der neun Großstädte Baden-Württembergs und von diesen die einzige kreisangehörige. Mit gut 118.000 Einwohnern ist sie, nach Ulm, die zweitgrößte Stadt im Regierungsbezirk Tübingen. In der Agglomeration Reutlingen-Tübingen leben etwa 280.000 Einwohner.Agglomeration Reutlingen in der Auflistung der Agglomerationen 2018 auf 278.300 Einwohner geschätzt

17,5 Prozent der Gemarkung Reutlingens gehören zum Biosphärengebiet Schwäbische Alb, das sich auch als „das Tor zur Schwäbischen Alb“ bezeichnet.

Geographie Lage 300px|mini|Blick von der Achalm in südwestlicher Richtung auf die Reutlinger Altstadt (April 2012) mini|300px|Blick auf Reutlingen-Mitte vom südlich gelegenen Georgenberg mini|Katharinenstraße in der Innenstadt mit Blickrichtung Süden auf das Tübinger Tor Reutlingen liegt auf einer bis zu zwölf Meter starken, von Süden nach Norden geneigten Schotterterrasse an den Ufern der Echaz, die das Altstadtzentrum in einem leichten Bogen in tendenziell nordwestlicher Richtung umfließt. Das mittlere Vorland der Schwäbischen Alb rings um die Stadt erhebt sich westlich und östlich des von Achalm () und Georgenberg () flankierten Echaztales bis zu einer Höhe von 450 m. Der tiefste Punkt Reutlingens liegt mit 290 m im Stadtteil Mittelstadt, die höchste Erhebung mit ist der zur Schwäbischen Alb gehörende Roßberg im südlichsten Stadtteil Gönningen.

Reutlingen gehört mit dem näheren Umland zum südlichen Bereich der Metropolregion Stuttgart. Innerhalb des Regionalverbands Neckar-Alb bildet Reutlingen zusammen mit der westlichen Nachbarstadt Tübingen eines von derzeit 14 Oberzentren Baden-Württembergs.

Nachbargemeinden Folgende zum Landkreis Reutlingen, zum Landkreis Esslingen¹ bzw. zum Landkreis Tübingen² gehörende Städte und Gemeinden grenzen an die Stadt Reutlingen (von Norden im Uhrzeigersinn):

Pliezhausen, Neckartenzlingen¹, Bempflingen¹, Riederich, Metzingen, Eningen unter Achalm, Pfullingen, Sonnenbühl, Mössingen², Gomaringen², Kusterdingen², Wannweil und Kirchentellinsfurt²

Stadtgliederung Reutlingen gliedert sich in die Kernstadt (Reutlingen-Mitte) und 12 Stadtteile. Bei diesen handelt es sich um ehemals selbständige Gemeinden, die zwischen 1907 und 1975 nach Reutlingen eingemeindet wurden. Für sie ist in der Hauptsatzung der Stadt Ortschaftsrecht festgeschrieben. Jede Ortschaft (auch Bezirk genannt) hat eine örtliche Verwaltungsstelle, das „Bezirksamt“ sowie einen Ortschaftsrat, der von den Bürgern der Ortschaft gleichzeitig mit dem Gemeinderat der Stadt gewählt wird. Diese Gremien sind zu wichtigen den entsprechenden Stadtteil betreffenden Angelegenheiten zu hören und wählen einen Bezirksbürgermeister. Endgültig werden jedoch alle Entscheidungen vom Gemeinderat gefällt.

Die zwölf Ortschaften beziehungsweise Bezirke der Stadt Reutlingen mit ihren Wappen:

„Reutlingen-Mitte“ ist zu statistischen Zwecken weiter in Stadtteile gegliedert, deren Bezeichnungen sich aus der geschichtlichen Entwicklung beziehungsweise von der Bebauung her ergeben. Eine verwaltungsrechtliche Bedeutung haben sie nicht. Hier ihre Namen (sie stimmen teilweise nicht mit den amtlichen Bezeichnungen überein): Betzenried, Burgholz, Efeu, Georgenberg, Gmindersdorf, Hohbuch, Innenstadt, Katzensteg, Lerchenbuckel, Orschel-Hagen, Oststadt (Honauer Bahn), Ringelbach, Römerschanze, Schafstall, Storlach, Weststadt (Tübinger Vorstadt), Voller Brunnen.

Auf Reutlinger Stadtgebiet befinden sich des Weiteren folgende historische Stätten: die abgegangene, vermutlich nach 1100 erbaute Burg Hugenberg im Stadtteil Bronnweiler, die Wüstungen Blauhof, Breitenbach, Kappishäuser und Rappertshofen, die in die Kernstadt aufgegangene ehemals königlich-württembergische Domäne Achalm und das Gehöft Gaisbühl.

Schutzgebiete mini|Naturschutzgebiet Listhof

In Reutlingen gibt es vier Naturschutzgebiete. Das Naturschutzgebiet Listhof liegt zwischen Ohmenhausen und Hohbuch und ist mit 123 ha das größte Naturschutzgebiet in Reutlingen. Die Naturschutzgebiete Unter Lauhern, Einwinkel und Taubenäcker liegen alle südlich von Gönningen am Albtrauf.

Die fünf Landschaftsschutzgebiete auf der Reutlinger Stadtfläche sind die Kohlengrube bei Bronnweiler, Härten bei Ohmenhausen und Wannweil, die Achalm östlich der Kernstadt und das Mittlere Neckartal an der nördlichen Stadtgrenze bei Oferdingen. Außerdem hat die Stadt mit dem Degerschlachter Gemeindewald geringe Anteile am Landschaftsschutzgebiet Schönbuch.

Reutlingen hat Anteil an zwei FFH-Gebieten, nämlich dem Albtrauf zwischen Mössingen und Gönningen und dem Albvorland bei Mössingen und Reutlingen. Die Landschaft um Gönningen gehört größtenteils zum Vogelschutzgebiet Mittlere Schwäbische Alb. Die unbewohnte Reutlinger Exklave am Dürrenberg gehört zum Vogelschutzgebiet Schönbuch sowie zum gleichnamigen Naturpark.

Im Süden hat die Stadt zudem Anteile am Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Der Albtrauf am Stöffelsberg östlich von Gönningen ist als Kernzone des Biosphärengebiets ausgewiesen.Daten- und Kartendienst der LUBW

Geschichte Frühzeit Die ältesten Siedlungsspuren auf dem Stadtgebiet (Reutlingen-Mittelstadt) stammen aus der Spätsteinzeit. Archäologische Funde auf der Achalm, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg, wo seit den 1970er Jahren gegraben wird, deuten auf eine dauerhafte Besiedelung in vorrömischer Zeit hin. Ausgrabungen beim Rappenplatz am Südhang des Berges ergaben, dass dort insbesondere während der späten Urnenfelderzeit (10./9. Jahrhundert v. Chr.) sowie in keltischer Zeit (zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr.) gesiedelt wurde. Funde keltischer Gräber im Stadtgebiet (Bereich Seestraße und Nikolaikirche) bestätigen die jüngere Siedlungsperiode. Ausgrabungen in Betzingen und Sickenhausen bezeugen die Anwesenheit der Römer zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. Darüber hinaus fand man Spuren – vor allem Gräber – aus der Bronzezeit in Gönningen und aus der Hallstattzeit in Betzingen, Rommelsbach und Ohmenhausen.

Mehrere alemannische Siedlungen im 4. und 5. Jahrhundert auf dem heutigen Stadtgebiet lassen sich ebenfalls durch Grabfunde belegen. Eine dieser Siedlungen hat vermutlich beim heutigen Friedhof Unter den Linden gelegen. Der Name Reutlingen weist mit der typischen Endung -ingen auf eine alemannische Gründung hin.

Mittelalter mini|links|Reutlingen in der Kieserschen Forstkarte Um das Jahr 1030 begann Graf Egino mit dem Bau einer Burg auf dem Gipfel der Achalm (.), die sein Bruder Rudolf fertigstellte. Von diesem Bauwerk, das im 15. Jahrhundert zu zerfallen begann und während des Dreißigjährigen Krieges vollends geschleift wurde, existieren heute nur noch rudimentäre Fundamente. Um 1650 wurde es abgerissen. Sehr viele Steine wurden als Baumaterial für Stadthäuser verwendet. 1822 ließ der württembergische König Wilhelm I. einen Bergfried als Aussichtsturm auf den Grundmauern des alten Turmes errichten, von dem man einen weiten Blick über die Stadt und den Rand der Schwäbischen Alb sowie das Albvorland hat. Bei Altenburg gab es eine weitere Burg, die Altenburg, die im Besitz des Grafen Werner von Achalm war. Diese wurde bereits um 1070 abgerissen. mini|Der Marktplatz von Reutlingen, mit den wenigen frühmittelalterlichen Steinhäusern der Stadt (späteres Bürgerhaus, Kanzleigebäude u. Königsbronner Hof) mini|„Reütlingen“, Kupferstich von Matthäus Merian aus der 1643 entstandenen und 1656 veröffentlichten Topographia Sueviae Der Ort Reutlingen wird erstmals im Bempflinger Vertrag urkundlich erwähnt, der auf 1089/1090 datiert wird. Dieser Erbvergleich zwischen den Achalmgrafen Kuno und Liutold und ihrem Neffen Graf Werner von Grüningen ist in den Zwiefalter Chroniken des Mönchs Ortlieb (1135/37) erstmals dokumentiert. Dort wird ein „Ruodolfus de Rutelingin“ als Zeuge genannt.Zwiefalter Chronik Ortliebs. MGH SS 10, S. 76. Zeile 47.

Zur Stadterhebung Reutlingens sind keine zeitgenössischen Quellen erhalten. Stattdessen stehen nur spätere und teils widersprüchliche Chroniken zur Verfügung. Aus diesem Grunde ist lediglich gesichert, dass Reutlingen spätestens um 1240 zur Reichsstadt erhoben wurde.Bernd Breyvogel: Von den dörflichen Anfängen zur stolzen Reichsstadt. Reutlingen im Mittelalter. In: Wilhelm Borth, Bernd Breyvogel, Wolfgang Jung (Hrsg.): Reutlingen. Vergangenheit trifft Zukunft. Von der Reichsstadtherrlichkeit zur selbstbewussten Großstadt. Reutlingen 2013, ISBN 978-3-88627-339-3, S. 17–51, hier: S. 22.Peter Koblank: Reutlinger Markt- und Stadtrecht. auf stauferstelen.net. Abgerufen am 3. Oktober 2018. Die älteste dieser Chroniken wurde um 1292 von einem namentlich nicht bekannten Minoritenmönch unter dem Titel Flores temporum verfasst. In einer Fassung, in der er Hermannus Gygas genannt wird, berichtet er zum Jahr 1209, dass Reutlingen von Kaiser Otto IV. civiles libertates (bürgerliche/städtische Freiheiten) erhalten habe. Später habe Kaiser Friedrich II. die Stadt mit Mauer und Graben befestigt.Johann Gerhard Meuschen: Hermanni Gygantis Ordinis Fratrum Minorum Flores temporum. Leiden 1743, S. 123 (books.google.de).

Eine verschiedentlich behauptete Marktrechtsverleihung durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa, auf die auch eine im Jahre 1982 am Reutlinger Marktplatz aufgestellte Gedenksäule Bezug nimmt, lässt sich hingegen durch keinerlei Quellen belegen.Bernd Breyvogel, S. 24.

mini|Stauferstele Die Reutlinger hielten den Staufern die Treue, nachdem Papst Innozenz IV. Kaiser Friedrich II. für abgesetzt erklärt hatte. An Pfingsten 1247 belagerten deshalb Anhänger des zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Heinrich Raspe von Thüringen, Gegenkönig von Friedrichs Sohn König Konrad IV., die Stadt, allerdings ohne Erfolg.Bernd Breyvogel, S. 24 f. Zur Erinnerung an diese Belagerung wurde im September 2018 in der Zeughausstraße eine Stauferstele errichtet. Der Überlieferung zufolge begannen die Reutlinger nach der überstandenen Gefahr aus Dankbarkeit, dass ihre Gebete erhört wurden, mit dem Bau der Marienkirche. Die Belagerer hatten einen über dreißig Meter langen Rammbock zurückgelassen, an dem für die Länge des Kirchenschiffs Maß genommen wurde. Die 1343 fertiggestellte Kirche ist heute ein Wahrzeichen der Stadt und eines der bedeutendsten Bauwerke der Gotik in Württemberg. Eine Nachbildung des Rammbocks befindet sich heute außerhalb der Kirche neben dem Südturm.

Die Reutlingen zuerkannte Reichsfreiheit war zunächst eine äußerst beschränkte Freiheit. Rechtlich wie wirtschaftlich bestand eine enge Abhängigkeit zum Achalmvogt, dem die Stadt Zoll, Steuern und andere städtische Einkünfte zu entrichten hatte, der niedere und hohe Gerichtsbarkeit ausübte und den Schultheißen als Obersten der Stadt ernannte. 1262 verpfändete Konradin, der letzte Staufer, diese Rechte an Graf Ulrich I. von Württemberg.WUB, Band VI., Nr. 1686.

Im Jahr 1337 übertrug Kaiser Ludwig IV. mit dem sogenannten privilegium fori die Gerichtsbarkeit vom Rottweiler Hofgericht und den anderen Landgerichten auf die Stadt. Die niedere Gerichtsbarkeit unterlag fortan dem Reutlinger Schultheißen. Die Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit blieb aber zunächst beim Achalmvogt, sie ging erst im Laufe des 15. Jahrhunderts an die Reichsstadt über. Eine rechtliche Besonderheit ergibt sich aus dem vom Kaiser 1495 erteilten Privileg des Reutlinger Asyls, wonach Totschlägern, die ihre Tat ohne Vorsatz verübt hatten, ein Asylschutz in Reutlingen garantiert wurde. (Davon machten bis 1804 nahezu 2500 Menschen Gebrauch.)