Als Aschkenasim (, Plural von ), oder aschkenasische Juden (, ), bezeichnen sich mittel-, nord- und osteuropäische Juden und ihre Nachfahren. Sie bilden die größte ethno-religiöse Gruppe im heutigen Judentum. 1939 waren 94 % aller Juden aschkenasischer Abstammung, und im 21. Jahrhundert machen sie etwa 70 % aus.

Die Bezeichnung stammt vom biblischen Personen- und Gebietsnamen Aschkenas. Eingewanderte Juden übertrugen ihn im 9. Jahrhundert auf das deutschsprachige Gebiet und die dort lebenden Juden. Mit deren zunehmender Verbreitung ging der Name auf alle europäischen Juden über, mit Ausnahme der in Portugal und Spanien ansässigen Sepharden. Die beiden Bezeichnungen stehen denn auch für verschiedene Halacha- und Sittenkreise im Judentum. Die aschkenasische halachisch-juristische Tradition geht bis auf Rabbeinu Gerschom zurück und ist vor allem in den Rema-Glossen epitomisiert. Die einst am weitesten verbreitete Alltagssprache unter den Aschkenasim war Jiddisch; heute wird es fast nur in ultraorthodoxen Kreisen als Muttersprache gesprochen. mini|hochkant=1.3|Jüdische Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa gemäß Richard Andree, Zur Volkskunde der Juden, 1881. Die Gebiete mit den höchsten Bevölkerungsanteilen sind schwarzbraun (13–18 %), rot (9–13 %) und rosa (4–9 %) eingefärbt

Herkunft Seit etwa 200 v. Chr. bestand eine jüdische Gemeinde in Rom. Infolge der Niederlagen im Jüdischen Krieg (70 n. Chr.) und im Bar-Kochba-Aufstand (130 n. Chr.) gelangten viele weitere Juden als Sklaven nach Italien.Frank Kolb: Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-46988-4, Viele ihrer Nachfahren wanderten später in Gebiete nördlich der Alpen aus, andere kehrten nach der islamischen Eroberung Jerusalems im 7. Jahrhundert in das Siedlungsgebiet ihrer Vorväter zurück. Bis etwa 1000 n. Chr. lebten die meisten Juden unter islamischer Herrschaft.Ingke Brodersen: Judentum: Eine Einführung. 2012, ISBN 978-3-10-400897-4,

Die Gemeinde von Köln ist im Jahre 321 n. Chr. die erste belegte jüdische Gemeinde im deutschsprachigen Raum. In Paris und Orléans sind vor 500 erstmals Synagogen belegt. Ob diese Gemeinden durchgehend bestanden, ist ungewiss. Im Jahre 825 gewährte der fränkische König Ludwig der Fromme gegen kirchlichen Widerstand jüdischen Händlern seines Reichs Lebensschutz, Steuerbefreiung, freie Religionsausübung, rabbinische Gerichte und den Schutz ihrer Sklaven vor Zwangstaufen.Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57668-3, Nach der Familienchronik (1220) von Rabbi Eleasar ben Juda ben Kalonymos brachte „König Karl“ die Kalonymiden von Lucca nach Mainz.Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte. München 2008, Damit könnte entweder Karl der Große oder Karl der Kahle gemeint sein. Eine Quelle des 16. Jahrhunderts nennt als Zeitpunkt der Ansiedlung das Jahr 917, in dem aber weder der eine noch der andere regierte.Ursula Reuter: Jerusalem am Rhein. Die SchUM-Gemeinden Speyer, Worms und Mainz. In: Beträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte. Heft 3 (2013), S. 11. Die Erzählung gilt daher als legendarisch.

Die drei SchUM-Gemeinden Mainz (belegt ab 917), Speyer und Worms (ab 980) gelten als Geburtsorte des aschkenasischen Judentums. Ihre Talmudschulen (Jeschiwot) wurden im 10. Jahrhundert für die jüdische Rechtsprechung in Aschkenas zuständig.Susanne Galley: Das Judentum. Campus, 2006, ISBN 3-593-37977-5,

Eine weitere Hypothese führt die osteuropäischen Aschkenasim überwiegend auf Zuwanderung von Konvertiten oder ihren Nachfahren aus dem ehemaligen Reich der Chasaren in Südosteuropa und der Kaukasusregion zurück. Die Chasarentheorie gilt in der Geschichtswissenschaft als „mehr als fragwürdig“.Frank Golczewski: Ukraine. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 1: Länder und Regionen. De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-023137-3, S. 379 (abgerufen über De Gruyter Online). Heute wird sie vor allem von Antisemiten wie der Christian-Identity-Bewegung oder dem rechtsesoterischen Verschwörungstheoretiker David Icke verbreitet, weil sie erlaubt, zwischen vermeintlich „guten“ und „bösen“ Juden, nämlich den angeblich von den Israeliten abstammenden Sephardim und den chasarischen, also eigentlich kaukasischen Aschkenasim zu unterscheiden.Michael Barkun: Religion and the Racist Right. The Origins of the Christian Identity Movement. UNC Press. University of North Carolina Press, Chapel Hill 1997, S. 136–142; derselbe: A Culture of Conspiracy. Apocalyptic Visions in Contemporary America. University of California Press, Berkeley 2013, S. 145.

Genetische Studien Mehrere wissenschaftliche Studien über die genetische Abstammung und Entwicklung der heute lebenden Juden kommen zu dem Schluss, dass heutige Juden viele Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe geerbt haben, die vor rund 3000 Jahren in dem als Levante bezeichneten östlichen Mittelmeerraum lebte.Genetische Abstammung. Abrahams Kinder Der Tagesspiegel am 16. Juni 2010, zuletzt gesehen am 21. Mai 2016.Teilen alle Juden wirklich ein bestimmtes Gen? Die Welt, zuletzt gesehen am 21. Mai 2016.Israel und die Suche nach dem „jüdischen Gen“ Die Welt am 1. September 2010, zuletzt gesehen am 21. Mai 2016. Eine Arbeitsgruppe um den US-amerikanischen Genetiker Harry Ostrer untersuchte hierfür die DNA von 237 Menschen, deren Familien seit Generationen jüdisch sind und die die großen Gruppen der Diaspora repräsentieren (die Aschkenasim, die Sephardim und die Mizrachim), und verglich ihre Erbinformation mit der von 2800 Nichtjuden. Laut dieser Studie sind sich die drei Diaspora-Gruppen genetisch näher als Nichtjuden aus der jeweils selben Region. Innerhalb jeder Gruppe seien die Personen so verwandt wie Cousins zweiten bis fünften Grades. Insbesondere die Verwandtschaft zwischen Aschkenasim und Sephardim sei überzeugend nachgewiesen worden. Anhand der Studie sei auch sehr gut die Vermischung mit der europäischen Bevölkerung nachvollziehbar, so Ostrer. Die oben genannte Hypothese, die Aschkenasim stammten hauptsächlich von den Chasaren ab, sei durch die Genetiker auf diese Weise widerlegt worden. Zwar gebe es Hinweise auf eine „genetische Vermischung“ mit den Chasaren, doch sei dieser Einfluss aus wissenschaftlicher Sicht sehr begrenzt.Genetische Abstammung. Abrahams Kinder Der Tagesspiegel am 16. Juni 2010, zuletzt gesehen am 21. Mai 2016.Israel und die Suche nach dem „jüdischen Gen“ Die Welt am 1. September 2010, zuletzt gesehen am 21. Mai 2016.

Der israelische Genetiker Eran Elhaik schätzt die Verwandtschaft zwischen Kaukasiern und Aschkenasim hingegen als deutlich enger ein. Das Genom der europäischen Juden ist laut Elhaik allerdings „ein Flickenteppich aus antiken Volksgruppen wie judaisierten Chasaren, griechisch-römischen Juden, mesopotamischen Juden und Bewohnern Judäas“. Die Arbeit Elhaiks wurde teilweise harsch kritisiert. Der israelische Nahostwissenschaftler Seth Frantzman warf dem Genetiker mangelnde Seriosität vor. So hatte Elhaik nachweislich falsche statistische Werte in seiner Studie angegeben.Ingo Way: Genetik: Rheinland oder Kaukasus? In: Jüdische Allgemeine. 24. Januar 2013.

Ein internationales Team von Genetikern studierte Überreste von Juden, die im 14. Jahrhundert in Erfurt bestattet wurden, und fand heraus, dass sie aus zwei populationsgenetischen Clustern bestanden, deren einer sich stark mit Slawen vermischt hatte und der andere („Erfurt-ME“) einen sehr hohen Anteil an Vorfahren aus dem Mittelmeerraum und dem Nahen Osten aufwies, aber möglicherweise 3 Prozent ethnisch deutsche Vorfahren hatte.

Eine Studie des US-Genetikers Kevin Brook ergab, dass Aschkenasim mehrere mitochondriale Haplogruppen mit nichtjüdischen Menschen aus Deutschland teilen, darunter H2a1e1a, H7e, H7j, H26c und J1c7a, und dass diese möglicherweise mittelalterliche deutsche Vorfahren teilen.Kevin Alan Brook: The Maternal Genetic Lineages of Ashkenazic Jews. Academic Studies Press, Boston 2022, ISBN 978-1-64469-984-3, S. 28, 43–45, 51, 67. In Bayern wurde ein alter nichtjüdischer Träger von J1c7a gefunden.

Geschichte Hochmittelalter Ab dem 11. Jahrhundert stellten diverse Reichsstädte den aschkenasischen Judengemeinden Schutzbriefe aus, um von der regen Handelstätigkeit der aschkenasischen Juden und einem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung zu profitieren.Ivan G. Marcus: Ashkenaz (YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe) Trotz dieses Protektionsversprechens der Reichsstädte für die aschkenasischen Juden zerstörten im Jahre 1096 im ersten Kreuzzug christliche Kreuzfahrer die Judengemeinden des Rheinlands, ermordeten die meisten Mitglieder oder versuchten, sie zwangszutaufen. Dem kamen manche aschkenasischen Gemeinden durch Gruppenselbsttötung zuvor, die sie als Heiligung Gottes (Kiddusch Haschem) verstanden.

Die Kalonymiden begründeten eine einflussreiche Schule zur jüdischen Dichtkunst, zu Werken des Saadia Gaon und zur vorkabbalistischen Merkaba-Literatur. Sie prägten die aschkenasische Mystik, aus der seit etwa 1150 der mittelalterliche Chassidismus entstand.Theologische Realenzyklopädie, Band 7 (Chassidismus), Susanne Galley: Das Judentum. Campus, 2006, ISBN 3-593-37977-5,

Ab etwa 1200 entstand Jiddisch, eine Art mittelhochdeutscher, mit vielen Hebraismen und Aramaismen angereicherter und in hebräischer Schrift geschriebener Dialekt. Diese Sprache breitete sich mit den Aschkenasim zunächst nach Osteuropa, später in weitere Teile der Welt aus, trug entscheidend zu ihrer eigenen Kultur bei und ist bis heute, wenn auch nur noch sehr selten gesprochen, erhalten.Marion Aptroot, Roland Gruschka: Jiddisch: Geschichte und Kultur einer Weltsprache. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-52791-3, und 173.

Während der Pestepidemie von 1349 kam es im französischen und deutschen Sprachraum zu zahlreichen Pogromen (siehe Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes). Viele Überlebende flohen, vor allem nach Polen-Litauen, wo sie willkommen waren und beim Aufbau der Wirtschaft mitwirkten.

Frühe Neuzeit Im 13. bis 15. Jahrhundert waren die aschkenasischen Juden bis auf eine in Deutschland, Böhmen und Italien verbliebene Minderheit aus West- und Mitteleuropa infolge von Restriktionen und Vertreibung nach Osteuropa abgewandert und siedelten sich in der Ukraine, Rumänien, Russland, Ungarn und vor allem in Polen-Litauen an (siehe Juden in Mittel- und Osteuropa). Die daraus entstandenen jüdischen Gemeinden behielten bis zum Holocaust im 20. Jahrhundert ihren ausgeprägt aschkenasisch-rabbinischen Charakter. Die Liturgie und die religiösen Traditionen der Juden aus Polen-Litauen stützten sich auf mittelalterliche Überlieferungen. Bis zum 16. Jahrhundert hatten die meisten führenden polnischen Rabbiner ihre Ausbildung in Talmudschulen in Deutschland und Böhmen erhalten und waren erst danach in die osteuropäischen Gemeinden emigriert.

Im Gegensatz zu den sephardischen Juden, die im relativ toleranten und kulturell offenen islamischen Herrschaftsbereich zahlreiche philosophische und literarische Traditionen entwickelten, die von der umgebenden Kultur beeinflusst waren, sonderten sich die aschkenasischen Juden in Osteuropa von der ihnen zunehmend feindlich gesinnten christlichen Umwelt ab. Ihr geistiges Interesse beschränkte sich lange Zeit ausschließlich auf die rabbinische Literatur.