mini|Ortschaft von Süden aus gesehen mini|Ortsmitte
Nida (Nehrungskurisch Nīde, ) ist eine Ortschaft in Litauen und Sitz der Gemeindeverwaltung der Gemeinde Neringa auf der Kurischen Nehrung an der Ostsee. Der Ort befindet sich auf der Haffseite der Nehrung und ist heute das wichtigste touristische Zentrum der Kurischen Nehrung.
Name Nach übereinstimmenden Hypothesen von Kazimieras Būga, Vilnius Peteraitis und Wolfgang P. Schmid geht der Ortsname nehrungskurisch Nīde (Betonung im Nehrungskurischen und nahestehenden Lettischen generell auf der ersten, hier lang gesprochenen Silbe), (Betonung hier auf der letzten Silbe), wohl auf den rekonstruierten urindogermanischen Wortstamm *neid- / *nid- zurück, der „fließen / strömen“ bedeutet und noch als altindisch nḗdati (Fluss, Strom) erhalten ist. Sie begründen das mit dem Auftreten vieler Ortsnamen dieser Herkunft in Altpreußen, wie Nidzica / dt. Neidenburg, Nida / dt. Nieden und dem Flussnamen Nida / dt. Neide, daneben auch im weiteren baltischen Sprachgebiet, wie dem historisch überlieferten altpreußischen / prußischen Flussnamen Neida, dem altkurischen Flussnamen Nida, oder dem litauischen Flussnamen Nieda (früher *Neida / Rajongemeinde Lazdijai) und auch weit darüber hinaus allgemein im Sprachgebiet indogermanischer Sprachen, wie Nida (ursprünglich keltischer Name) oder Nidda mit dem Fluss Nidda im Maingebiet, dem Fluss Nida in Südpolen und viele weitere Namen in Polen, England, Deutschland und vielen anderen Ländern.
Unklar ist aber, wie dieser eigentlich auf Flüsse hinweisende Name auf die flusslose Kurische Nehrung zwischen Ostsee und Kurischem Haff kam. Möglicherweise spielt er auf Meeresströmungen an. Wolfgang P. Schmid hält es aber für möglich, dass er mit der Expansion der Nehrungskuren seit dem 15. Jahrhundert aus ihrem Herkunftsgebiet Kurland eingeführt wurde. Indizien dafür sind die Existenz eines Dorfnamens Nida bei Rucava im lettischen Kurland und die Tatsache, dass in den lettischen Dialekten Kurlands, von denen sich das Nehrungskurische abspaltete, die Wortstämme Neid- und Nid- alternativ gebraucht werden. Der Ortsname von Nida/Nidden ist in älteren Quellen auch alternativ mit dem Wortstamm Neid- überliefert.
Dass für den Ortsnamen parallel die baltischen oder verdeutschten Formen Nida, Nide, Nidden verwendet wurden, war nicht ungewöhnlich. Bei insgesamt 18 Orten verwendeten die Nehrungsbewohner seit Jahrhunderten verschiedene Namensformen nebeneinander.
Bis 1918 innerhalb des Deutschen Reiches Teil von Ostpreußen, stand der Ort anschließend als Teil des Memellandes bis 1923 unter französischem Mandat, wurde anschließend von Litauen besetzt, 1939 dem Dritten Reich zugeschlagen, 1945 der Sowjetunion unterstellt und ist seit 1990 wieder litauisch. Da sich unabhängig von der staatlichen Zugehörigkeit die lokale, ethnisch kurische Bevölkerung Nidas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als deutsch betrachtete, flüchtete nahezu die gesamte Dorfbevölkerung Ende 1944 in Richtung Westen, was „einen radikalen Bevölkerungsaustausch am Ende des Zweiten Weltkrieges“ zur Folge hatte. Seither, spätestens aber seit 1990, wurde und wird die Bezeichnung Nidden fast nur noch von den geflüchteten Dorfbewohnern und deren Nachfahren gebraucht, während der Ort amtlich nur noch unter Nida geführt wird.Anja Peleikis: Recht und die Konstruktion von Kulturerbe: Das Fallbeispiel Kurische Nehrung (Litauen), In: Jahrbuch 2005/2006 der Max-Planck-Gesellschaft, 2006, PDF, 6 Seiten, online unter mpg.de.
Lage Nida liegt auf der Kurischen Nehrung 48 Kilometer von Klaipėda und vier Kilometer von der Grenze zur Russischen Föderation entfernt.
Der Ort lag ursprünglich bis 1675 gut fünf Kilometer weiter südlich jenseits der Hohen Düne / Parnidis-Düne am Grabscher Haken (wohl von altlitauisch *Grābštas/Grābštus / nehrungskurisch grãpšķa / altlettisch *Grābst= „Dieb“ bzw. zugehöriges Verb „greifen/schnappen“-womöglich der Spitzname eines historischen Bewohners), schon im heute russischen Teil der Nehrung . Verursacht durch Versandung ergab sich die zweite Dorflage von Nida/Nīde/Nidden, das sich von etwa 1675 bis in die 1730er Jahre direkt am Haffstrand befand, etwas nördlich des Grabscher Hakens, etwa an der heutigen russisch-litauischen Grenze . Somit lag das Fischerdorf damals an der (später versandeten) Poststraße, die über die Kurische Nehrung von Klaipėda (dt.: Memel) nach Königsberg führte. Durch nochmalige Versandung war man 1730 erneut gezwungen, den Ort deutlich nördlicher, nördlich von der Parnidis-Düne ein drittes Mal aufzubauen.Vgl. diese ältere historisch-geografische Karte der nördlichen Hälfte der Kurischen Nehrung (rechte Seite, im Süden) aus dem Druckhaus Adolph Wilutzky, Königsberg i. Pr. (z. T. handschriftlich redigiert, aus einem nicht genannten Archiv), Fotokopie bei GenWiki.
Geschichte Die Umgebung ist seit der Jungsteinzeit besiedelt, südwestlich des Ortes wurden die Überreste einer Siedlung aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. ausgegraben.Kuršių nerija (= Kurische Nehrung) in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch)Nida in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch) Erstmals wurde Nida 1385 in Dokumenten des Deutschen Ordens als mittelniederdeutsch Noyden / Noyken erwähnt.Nida in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch) Die Umgebung des Dorfes war im Hochmittelalter vermutlich von prußischen Semba (Samländern / baltischen Samen) und von alten Kuren besiedelt, zu denen deutsche, germanisiert-prußische Siedler und nehrungskurische Siedler aus Kurland kamen, deren letztere Sprache sich durchsetzte.Kuršių nerija (= Kurische Nehrung) in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch)
Seit dem 15. Jahrhundert siedelten sich Nehrungskuren an, deren Sprache Nehrungskurisch dem Lettischen nahesteht. Deutsch und Litauisch waren seit dem 16., endgültig seit dem 18. Jahrhundert aber dagegen gleichberechtigt die Kirchensprachen der lokalen evangelisch-lutherischen Gemeinde. Deutsch war seit dem 18. Jahrhundert auch Amtssprache.
Um 1709 starben Teile der Dorfbevölkerung durch die sich über das Gebiet des Königreichs Preußen verbreitende Große Pest. Der von Agnes Miegel in ihrem Gedicht Die Frauen von Nidden geschilderte Pestfriedhof liegt etwas südlich der zweiten Ortslage. Dem Dorf wurden im 19. Jahrhundert, zwischen 1849 und 1871 die kleinen Dörfer Skruzdynė (nehrungskurisch skruzde Ameise) und Purwin (von prußisch purwins schmutziger Ort, Sumpf; litauisch Purvynė) angegliedert.Nida in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch)
Ab 1872 wurde Deutsch alleinige Schulsprache (siehe Nehrungskuren#Assimilation des Kurischen zur Fischersprache und Sprache der Kurischen Nehrung und folgendes Kapitel). Als Teil des Deutschen Kaiserreichs (1871–1918) entwickelte sich die Ortschaft zu einem Seebad und zog zahlreiche neue Bewohner an, 1871 hatte das Dorf insgesamt (mit den beiden eingemeindeten Dörfern) noch 515 Einwohner, 1905 dagegen schon 803.Nida in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch)
Nach einer Volkszählung vom März 1897 sahen sich 564 Einwohner des Dorfes als Letten bzw. Nehrungskuren und sprachen auch im Alltag Lettisch bzw. Nehrungskurisch. Im Fischereigewerbe sprachen insgesamt 614 Einwohner Lettisch / Nehrungskurisch als Fachsprache, so dass trotz deutscher Amts- und Schulsprache damals noch die Mehrheit der Dorfbewohner nehrungskurisch / lettisch sprach.Karte von Franz Tetzner mit Tabelle aus: Franz Tetzner: Die Slaven in Deutschland : Beiträge zur Volkskunde der Preussen, Litauer und Letten, der Masuren und Philipponen, der Tschechen, Mährer und Sorben, Polaben und Slowinzen, Kaschuben und Polen. Braunschweig 1902, Kartenteil „Zu Seite 127.“ Nur kleinere Bevölkerungsgruppen, meistens Zuwanderer, Beamte, Lehrer u. a. sprachen Deutsch oder Litauisch, weshalb die Bewohner meistens mehrsprachig waren.
Bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts erlangte das Dorf Bekanntheit durch eine Bewegung bedeutender Bildender Künstler wie Lovis Corinth, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein, die in der Abgeschiedenheit des Ortes Ruhe und Inspiration suchten und sich im Gasthaus von Hermann Blode trafen. Bis in die 1930er Jahre vergab zudem die Kunstakademie Königsberg ihren Schülern und Lehrern sogenannte „Blode-Stipendien“, die mit einem kostenlosen Aufenthalt im Dorfgasthof Blode verbunden waren. Daneben fanden sich hier alsbald auch namhafte Schriftsteller wie Carl Zuckmayer und Thomas Mann ein. Thomas Mann erwarb 1929 mit Hilfe seiner Schwiegereltern ein Grundstück, auf dem er sich ein Sommerhaus bauen ließ, das er im Juli 1930 beziehen konnte und in dem er 1932 letztmals den Sommer verbrachte.Sandra Kegel: ... Unterwegs auf der Kurischen Nehrung, die ein Sehnsuchtsort deutscher Maler und Schriftsteller war. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juli 2026, S. 11. Es dient heute als Thomas-Mann-Kulturzentrum.
Mit Abschluss des Vertrages von Versailles 1919 wurde Nidden bzw. Nida dem Völkerbund-Mandatsgebiet Memelland zugeteilt, wobei die Grenze zum bei Deutschland verbliebenen Ostpreußen nur wenige Kilometer südlich, etwa an der heutigen Grenze zur russischen Oblast Kaliningrad im Bereich der Hohen Düne / Parnidis-Düne / Parnidžio Kopa, lag.Nida in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch) Von 1923 bis 1939 gehörte der Ort dann zum unabhängigen Litauen, von dem der NS-Staat das Memelgebiet mit Nida vom März 1939 bis 1944/1945 annektierte.
1944/45 flüchteten fast alle Einwohner des Dorfes – wie überhaupt der gesamten Kurischen Nehrung – vor der anrückenden Roten Armee nach Westen oder wurden ausgewiesen, nachdem die sowjetischen Truppen das Dorf im Februar 1945 besetzt hatten. Nach deren Einmarsch wurde die Evangelisch-Lutherische Kirche geplündert, der Fischerfriedhof mit seinen hölzernen Grabdenkmälern, den Kurenbrettern, verwüstet sowie die Bilder und die Bildersammlung von Ernst Mollenhauer von sowjetischen Soldaten verheizt und die schweren hölzernen Fischerkähne, die Kurenkähne mit ihren charakteristischen Kurenwimpeln, im Haff versenkt.Frido Mann: Mein Nidden. Auf der Kurischen Nehrung. mare-Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86648-148-0, S. 136–137
Die Kurische Nehrung wurde insgesamt zu militärischem Sperrgebiet, hermetisch abgeriegelt bis 1961. Die Neubesiedlung erfolgte danach vorrangig mit Litauern.Nida in der Mažosios Lietuvos enciklopedija (Kleinlitauische Enzyklopädie) (litauisch) Nach der Besetzung von 1945 war das Dorf bis 1990 Teil der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik innerhalb der Sowjetunion.
Ab den 1960er Jahren siedelten sich in Nida wieder schrittweise litauische Künstler an. Wegbereiter war der ehemals stalinistisch verfolgte Maler und Bildhauer Eduardas Jonušas, der sich auch um die Wiederbelebung der Volkstraditionen der Kurischen Nehrung verdient machte. Im Jahr 1965 verbrachte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre mit Simone de Beauvoir den Sommerurlaub in Nida, wobei ein bekanntes Bild Sartres beim Strandspaziergang in den Dünen von dem litauischen Fotografen Antanas Sutkus entstand.Johanna Müller: Wie Antanas Sutkus Jean-Paul Sartre fotografierte. Oder das Verhältnis von Kunst und Philosophie. Veröffentlichungen der Universität Frankfurt/M. (22. Dezember 2018, aktualisiert am 19. Juli 2019).
Ab 1990 bzw. Litauens erneuter Erlangung der Unabhängigkeit wurde verstärkt der Wieder- und Neuaufbau des Dorfes betrieben, beflügelt nicht zuletzt durch den Tourismus. Heute ist Nida mit 1500 ständigen Einwohnern die größte Ortschaft der Kurischen Nehrung.
Kirchen mini|Die evangelische Kirche in Nida von 1888 mini|Innenraum der Evangelischen Kirche
Evangelisch Kirchengemeinde