mini|Theodor Billroth, Photographie, 1887 Christian Albert Theodor Billroth (* 26. April 1829 in Bergen auf Rügen; † 6. Februar 1894 in Abbazia, heute Opatija/Istrien) war ein deutsch-österreichischer Mediziner. Er wirkte vor allem in Zürich und Wien als Professor der Chirurgie.
Theodor Billroth war einer der bedeutendsten Chirurgen des 19. Jahrhunderts, dessen Errungenschaften bis in die heutige Zeit hineinwirken.Ernst Kern: Die Fernwirkungen Theodor Billroths bis zur heutigen Zeit. Zum Gedenken an den 100. Todestag am 6. Februar 1994. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 12, 1994, S. 287–298. Er wurde vor allem durch seine Leistungen auf dem Gebiet der Magenchirurgie bekannt (er führte 1881 die erste Magenteilentfernung durch) und wird allgemein als Begründer der modernen Bauchchirurgie sowie Pionier der Kehlkopfchirurgie, der pathologischen Anatomie und der Bakteriologie angesehen.
Leben und Wirken mini|Gedenktafel für Theodor Billroth in der Domstraße 22 in Greifswald mini|Theodor Billroth malte das „Staatszimmer“ des Großvaters Johann Christian Billroth mini|Lebenslauf für die Promotion (1852) mini|hochkant|Christel Michaelis mini|hochkant|Tochter Else, gemalt von Franz von Lenbach (1888) Theodor Billroth war der Sohn des Pastors Karl Theodor Billroth (1800–1834) und dessen Ehefrau Christina („Christl“) Nagel (1808–1851). Sein Großvater Johann Christian Billroth war Bürgermeister in Greifswald. Seine Großmutter mütterlicherseits war die Sängerin Sophie Dorothea Willich; ein Onkel väterlicherseits war der Theologe Gustav Billroth (1808–1836).
Er wurde als erstes von fünf Kindern geboren. Als er fünf Jahre alt war, starb der Vater an Tuberkulose, später auch Geschwister. Die Familie zog nach Greifswald, wo er seine Schulzeit absolvierte und 1848 die Reifeprüfung ablegte. Danach begann er, durch die Mutter von seinem Wunsch, Musiker zu werden, abgebracht, an der medizinischen Fakultät der Universität Greifswald sein Studium. Später wechselte er an die Universitäten von Göttingen, wo Wilhelm Baum Billroths ersterErnst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 28. chirurgischer Lehrer war, und Berlin; weitere seiner Lehrer waren Johannes Müller, Moritz Heinrich Romberg, Johann Lukas Schönlein und Ludwig Traube.
Nach seiner Promotion 1852 ging Billroth für ein knappes Jahr nach Wien, um dort Vorlesungen von Ferdinand von Hebra, Richard Heschl und Johann von Oppolzer zu besuchen. In dieser Zeit wurde er Mitglied des Akademischen Gesangvereins Wien, der heutigen Universitätssängerschaft Barden zu Wien. Vor seiner Rückkehr nach Berlin hielt sich Billroth zu Studienzwecken für kurze Zeit auch in Paris auf.
Als Assistent von Bernhard von Langenbeck wirkte Billroth zwischen 1853 und 1860 an der Charité, wo er die Grundlagen plastischer Chirurgie und die Konstruktion chirurgischer Instrumente erlernte. Bei Langenbeck konnte er sich in den Fächern Chirurgie und pathologische Anatomie 1856 habilitieren. 1858 heiratete Billroth in Berlin Christel Michaelis, eine Tochter des Hofmedikus Edgar Michaelis (1807–1848). Mit ihr hatte er drei Töchter und einen Sohn. Durch seine Ehefrau war Billroth mit dem Schauspieler und Sänger Fritz Eunike verwandt.
1858 lehnte er einen Ruf der pathologischen Anatomie nach Greifswald ab, sondern nahm zwei Jahre später die Berufung auf den Chirurgischen Lehrstuhl nach Zürich an, wo er dann seine bekannten pathologisch-anatomischen Arbeiten schrieb – als eigentlicher Begründer der Qualitätskontrolle in der Medizin. So schuf er in Zürich die Grundlagen für die „wissenschaftliche Chirurgie“ (später nannte man ihn „Naturforscher im Kittel des Chirurgen“) und hob damit sein Fach auf jene Höhe, auf der er später dann mit Ernst von Bergmann, August Bier, Ferdinand Sauerbruch und anderen seine großen Triumphe feiern konnte. mini|Theodor Billroth im Kreise seiner ehemaligen Assistenten 1862 lehnte Billroth ein Angebot der Universität Rostock ab und 1864 ein ebensolches aus Heidelberg. Von Zürich aus wechselte er 1867 nach Wien und übernahm dort 1868 die 2. chirurgische Lehrkanzel (= II. Chirurgische Universitäts-KlinikHans Rudolf Berndorff: Ein Leben für die Chirurgie. Nachruf auf Ferdinand Sauerbruch. In: Ferdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe Bertelsmann, München 1956, S. 456–478, hier: S. 458.), welcher er bis an sein Lebensende vorstand. Den Ruf als Langenbecks Nachfolger nach Berlin lehnte er ab. Unterbrochen wurde seine Tätigkeit in Wien 1870/71 durch den Deutsch-Französischen Krieg, während dessen er überwiegend als Chirurg in den Lazaretten von Weißenburg und Mannheim tätig war.
Sofort nach Kriegsende kehrte Billroth nach Wien zurück und widmete sich wieder seiner universitären Berufung. Neben seiner Tätigkeit im Allgemeinen Krankenhaus in Wien wirkte er in Lehre und Forschung an der Universität Wien. Die Wiener Medizinische Schule hatte in Billroth einen herausragenden Vertreter gefunden. Theodor Billroth war 1872 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.
Die Publikationen Billroths zeigen nicht nur seine Erfolge auf, sondern rückhaltlos veröffentlichte er – laut seinem Biografen Kern als erster von einigen wenigen Operateuren – auch alle chirurgischen Misserfolge.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 40.
Billroths Fähigkeiten als Chirurg wurden international bekannt. So wurde er im April 1877 in Sankt Petersburg als Operateur zu einer Darmoperation bei dem schwer erkrankten russischen Dichter Nikolai Alexejewitsch Nekrassow von dessen behandelnden Ärzten hinzugezogen.Igor Telitschkin: Theodor Billroth (1829–1894) in Rußland. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 23, 2004, S. 385–392. Von der russischen Regierung erhielt Billroth den Orden des Heiligen Stanislaus 2. Grades.Karel Bedrich Absolon: The Surgeon’s Surgeon: Theodor Billroth 1829–1894. Coronado Press, Lawrence KS 1987, Band III, S. 35, 51, 121 und 140. Im Dezember 1881 amputierte Billroth in Sankt Petersburg General Tschertkow ein Bein.Igor Telitschkin: Theodor Billroth (1829–1894) in Rußland. 2004, S. 390–391.
Billroth sind direkt eine Reihe von Meilensteinen der Chirurgie zu verdanken, darunter 1871 die erste Ösophagektomie (Entfernung der Speiseröhre, wie Billroth 1872 berichtete, bei einem Karzinom im Halsteil der Speiseröhre, wobei über das Behandlungsergebnis der bei einem HundPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 43. gelungenen Resektion nichts überliefert istFriedrich Wilhelm Gierhake: Speiseröhre. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 186–191, hier: S. 186.) und am 31. Dezember 1873 die erste Laryngektomie (Entfernung des Kehlkopfs). Eine Operation am Herzen hielt Billroth 1881Christoph Weißer: Herzchirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 583–584, hier: S. 583. allerdings noch für eine Schimäre.
Am bekanntesten ist seine – nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen – erste erfolgreiche Magenresektion (teilweise Entfernung des Magens), die ihm am 29. Januar 1881 bei einer Magenkrebspatientin mit PyloruskarzinomMax Raab, Federico Gutiérrez: Übersicht über die Entwicklung des Magenersatzes nach Gastrektomie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 271–310, hier: S. 271. gelang und womit er als Begründer der modernen Magendarmchirurgie gilt.Helmut Wyklicky: Magenresektion. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 880 f., hier: S. 880.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 39. Es handelte sich um eine distale Magenresektion (Pylorusresektion) mit (End-zu-End-)Gastroduodenostomie.Theodor Billroth: Offenes Schreiben an Herrn Dr. L. Wittelshöfer. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. Band 31, 1881, S. 161–165. Die Patientin überlebte vier Monate.Franz Xaver Sailer: Pylorektomie, BI und BII. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 50–53. Im Jahr 1885 veröffentlichte sein Assistent Viktor von Hacker dann ein weiteres von Billroth entwickeltes Verfahren zur Magenresektion,Viktor Ritter von Hacker: Zur Casuistik und Statistik der Magenresectionen und Gastroenterostomien. In: Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Band 14, Nr. 2, Berlin 1885, S. 62–71. die am 15. Januar 1885 durchgeführte „atypische Pylorusresektion“ (Der Patient starb vier Monate später an einer Peritonealkarzinose).Franz Xaver Sailer: Pylorektomie, BI und BII. 1973, S. 52 f. In der Folge wurden die zwei Formen der Magenresektion, Billrothresektion (Billroth I und Billroth II) nach ihm benannt. Auch ein wasserdichter Verbandstoff trägt nach ihm den Namen Billroth-Batist. Billroths Schüler Adolf Lorenz beschreibt ihn als RivalenAdolf Lorenz: Ich durfte helfen. Mein Leben und Wirken. (Von Lorenz besorgte Übers. und Bearbeitung von My Life and Work. Charles Scribner’s Sons, New York) L. Staackmann Verlag, Leipzig 1936; 2. Auflage ebenda 1937, S. 97 f. des ebenfalls an der Wiener Klinik tätigen Eduard Albert, der auf Lorenz auch einen nachhaltigen Eindruck als Lehrer gemacht hatte.
mini|hochkant|links|Theodor Billroth im Hörsaal, Gemälde von Adalbert Seligmann, 1888/90 Am 21. März 1884 entnahm Billroth dem 34-jährigen Theaterdichter und Lyriker Carl Caro in Wien eine Niere mit Geschwulst, die einige Monate vorher diagnostiziert worden war. Die schwierige Operation gelang, leider ohne endgültigen Erfolg, da das Übel rezidivierte. Der Patient verschied am 4. September 1884.Nachruf. In: Provinzial-Zeitung. Breslau, 6. September 1884.
Neben seiner Tätigkeit als Chirurg forschte Billroth auch medizinhistorisch sowie auf dem Gebiet der Mikrobiologie. So beschrieb er Kugelbakterien in Eiterpräparaten, die er allerdings als „Vegetationsformen“ ineinander übergehender Kugel- und Stäbchenformen pleomorpher Algen auffasste, von ihm als „Coccobacteria septica“ bezeichnet. Allerdings hielt er diese nicht für die Ursache der Infektionen. In einigen Kulturen fand Billroth in Ketten angeordnete Kugelbakterien, die er als Streptokokken bezeichnete. Bereits 1874 hatte er in Wien den das Wachstum von Bakterien hemmenden Effekt des Pilzes Penicillium erkanntErnst Kern: Echter und vermeintlicher Fortschritt in der Chirurgie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 417–429, hier: S. 418. und kann somit als Erstentdecker des Penicillins gelten.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 93.