Joseph Greissing, auch Joseph Greißing und fälschlich Josef Greising oder Joseph Greising (* 9. Januar 1664 in der Pfarre Hohenweiler, einem Dorf im heutigen Bezirk Bregenz, Vorarlberg; † 12. Dezember 1721 in Würzburg), war ein deutscher Architekt. Er war Hofbaumeister in Würzburg sowie Lehrmeister und als fürstlicher Stadt- und Landbaumeister der Amtsvorgänger von Balthasar Neumann.
Schreibweise Die Originalautographe zeigen ausschließlich Greissing und selten (nur vor 1705) Greißing. Die Schreibweise Greising ist die Schöpfung eines Würzburger Lokalhistorikers des 19. Jahrhunderts.
Leben Joseph Greissing wurde auf einem Bergbauernhof in der Nähe von Bregenz im damaligen Vorderösterreich geboren. Er absolvierte eine Lehre als Zimmermann und arbeitete nicht nur im Bodenseeraum und Oberschwaben, sondern vermutlich auch in der Schweiz. Wichtige Impulse dürfte sein Aufbruch 1694 nach Brünn in Mähren gegeben haben, führte doch der natürliche Reiseweg über Wien. Seit den späten 1690er Jahren in Würzburg als Palier des dortigen Stadtzimmermeisters Johann Adam Nick belegt, setzte er sich nach Nicks 1698 unerwartet eingetretenem Tod erfolgreich gegen die einheimische Zunft durch und wurde im März 1699 Stadtzimmermeister. Als Würzburger Meisterstück – auswärts war er bereits als Bauleiter aufgetreten – trug der Rat der Stadt ihm die Turmkuppel samt Laterne der Neubaukirche auf, eine weit über das übliche Maß hinausgehende Aufgabe, die Greissing mit Bravour löste. Gleichzeitig erwarb er das Bürgerrecht und heiratete 1699 die Würzburger Bürgerstochter Anna Dorothea Margaretha Füsser. Mit ihr hatte er fünf Söhne und fünf Töchter, darunter der spätere Hofzimmermeister Johann Leonhard Greissing (1711–1782).
Ab 1700 wird Greissing bei Kloster- wie auch Staatsbauten explizit als Baumeister (baw meister) bezeichnet. Unter der Protektion des Fürstbischofs Johann Philipp II. von Greiffenclau (reg. 1699–1719) stehend, löste Greissing spätestens nach dem Tod von Antonio Petrini 1701 diesen als Hofbaumeister ab. Dieses Amt hatte er bis 1719 inne. Daneben betrieb er sehr erfolgreich ein stetig wachsendes Großbauunternehmen mit Fachkräften aller Gewerke. Damit war er der erste Bauunternehmer in Mainfranken, der Baukörper „schlüsselfertig“ übergeben hat. Er schloss Verträge, laut denen er den schlüssel über Jedes Lieffern soll, kein Handwerckhs arbeith ausgenohmen und setzte damit im Bausektor Standards, die bis in die heutige Zeit reichen.
Den Kuppelbau optimierte Greissing, indem er die Kuppel mit einem Eisengerüst in Form von statisch besonders günstig platzierten Ringankern stützte und damit den Seitenschub besser auf die Grundmauern ableitete. So wurden eine filigranere Bauweise und größere Spannweiten möglich. Zu diesem Zweck führte er auch eine in Würzburg bis dahin nicht bekannte Mischmauertechnik ein, bei der die statisch stärker belasteten Teile z. B. in hartem, aber schwerem Werkstein oder Ziegelstein ausgeführt werden, während die reinen Gewölbeflächen aus leichtem, jedoch sehr weichem Tuffstein bestehen. Dieses Wissen – samt der unter Greissing geschulten, ausführenden Fachkräfte – nutzte sein Amtsnachfolger Balthasar Neumann als noch junger Baumeister beim Bau der kühnen Gewölbe der Würzburger Residenz. Sogar das wegen seines reduzierten Seitenschubs besonders günstige Hufeisengewölbe, das erst im 19. Jahrhundert durch den Tunnelbau größere Verbreitung fand und den bis dahin in Süddeutschland führenden italienischen Baumeistern nicht geläufig war, wendet Greissing bereits 1710 – in Tuffstein gemauert – bei der Comburger Stiftskirche an.
mini|Kuppelbau und Westfassade der Neumünsterkirche in Würzburg Auch der Entwurf des Kuppelbaus für das Neumünster in Würzburg stammt höchstwahrscheinlich von Greissing, dessen Name, verbunden mit der Bezeichnung Bau= und Werckmeister, in der am 18. Juni 1711 in den Grundstein des Kuppelbaus eingelegten Urkunde explizit genannt wird. Zur Entwurfsgeschichte der Westfassade vor dem Kuppelbau gibt es heute grundsätzlich zwei Meinungen: nach einer Theorie, die seit den 1920er Jahren Verbreitung erfuhr, soll Greissing – dessen Formensprache bis in viele Details hinein unleugbar am Bau zu sehen ist und der unangefochten der Favorit des Fürsten Greiffenclau in Architekturfragen war – die Fassade auf der Basis von Entwürfen Johann Dientzenhofers realisiert haben.Nachdem Ende des 19./Anfang des 20. Jhs. kurz Valentino Pezzani - der ausführende Steinmetz - als Entwerfer in Betracht gezogen worden war, was in der Fachwissenschaft keinen Nachhall fand, begründete v. a. Fritz Knapp auf der Basis des ersten Dientzenhofer-Biographen Otto Albert Weigmann diese "Dientzenhofer-Theorie", welche Clemens Schenk - ohne neue Sachargumente, jedoch mit viel zeittypischer Rhetorik, u. a. das deutsche Element in der böhmischen Barockarchitektur verherrlichend - in Würzburg zementierte, während von auswärts immer auch kritische Stimmen kamen. Diese hochkomplexe Problematik ist nur zu entwirren, wenn auch die politischen Wurzeln offengelegt werden: sowohl die politische Situation des 18. Jhs. für die Entstehungsgeschichte (Dientzenhofer war Architekt der Schönborn, die in schärfster Opposition zum Stifter Greiffenclau standen!) wie auch die (Kunst-)Politik der Zwischenkriegszeit und ganz besonders die des NS-Staates für die Rezeptionsgeschichte. Diese drei Hauptwurzeln werden erstmals 2008 in der Greissing-Monographie von Johannes Mack als solche benannt und untersucht. In der Traditionslinie von Knapp steht z. B. Stefan Kummer, eine Synthese versucht Rudi Held (vgl. folgende Anm.).Rudi Held: Die Fassade der Neumünster-Kirche in Würzburg. Neuere Quellenforschung (Johannes Mack), die erstmals auch die politischen Verhältnisse aufarbeitet, sowie der erst in jüngster Zeit erbrachte Beweis direkter, persönlicher Kontakte des Stifters der Fassade Greiffenclau zu Künstlern in Rom erhärten die an sich bereits 1915Vgl. Felix Mader in den Kunstdenkmälern. Der weitere Diskussionsverlauf ausführlich bei Johannes Mack, 2008, v. a, S. 50–53, 62–66, 68–70, 85–87, 230–261. Zu den Kontakten Greiffenclaus nach Rom siehe Mack, 2009 und 2014. fundiert vorgetragene These von einer Kollektivplanung durch Würzburger HofkünstlerBalthasar Esterbauer und Jacob van der Auwera waren zweifelsfrei an der Ausführung beteiligt. Br. Kilian Stauffer und Andreas Müller erscheinen namentlich in der ersten Phase der Beratschlagung. Vgl. dazu Mack (2008), (2009) und (2014). nach römischen Vorbildern, wobei dem Hofbaumeister Joseph Greissing die Endredaktion zugefallen sein dürfte.
Wenngleich Antonio Petrini noch an den ersten Planungen zum Neubau des Juliusspital-Nordflügels in Würzburg beteiligt war, wurde – entgegen der älteren Literatur – mit den eigentlichen Bauarbeiten erst lange nach Petrinis Tod (8. April 1701) im Folgejahr 1702 durch Greissing begonnen und diese bis 1714 abgeschlossen.Vgl. auch Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 10. Nicht zufällig zeigen sich hier erstmals in Würzburg vom Wiener Frühbarock sowie besonders von dem seinerzeit in Wien und Mähren tätigen Domenico Martinelli angeregte Architekturformen, die Greissings eigene Prägung und die daraus erwachsenen Gestaltungsvorstellungen ausdrücken. Schon dieses erste in seiner Ausführung ganz von Greissing verantwortete größere Werk unterscheidet sich in seinen Fassaden wie auch dem modernen Mansarddach des Fürstenbau genannten Mittelpavillons deutlich von Petrinis oft etwas trockenem Monumentalstil. Parallel dazu errichtete Joseph Greissing für das Juliusspital zwischen 1705 und 1714 einen fantasievollen Gartenpavillon, der viele neue Architekturdetails nach Mainfranken brachte, die anschließend zum typischen Formenvokabular der nächsten Jahrzehnte gehörten. Überhaupt beginnt mit diesem Pavillon, der bereits Rokokotendenzen aufweist, durch Greissing vermittelt, eine neuartige Zierfreude in der Architektur des gesamten Hochstifts Würzburg, die bis in die Landstädte und sogar Dörfer ausstrahlte.
An der von 1705 bis 1709 ausgeführten evangelischen Patronats- und Pfarrkirche in Wilhermsdorf bei Fürth arbeitete er erstmals mit dem Motiv einer Freipfeiler-Emporenhalle, das er an der zwischen 1706 und 1715 entstandenen Ritterstiftskirche St. Nikolaus auf der Comburg bei Schwäbisch Hall vervollkommnete, einem lichtdurchfluteten Bau, der mit seiner offensichtlich an der Renaissance orientierten Architektur bewusst Alter und Herkommen des Ritterstifts betont. Waren in Wilhermsdorf zwischen sämtliche Freipfeiler der Seitenschiffe Emporen eingezogen, beschränken die Emporen sich auf der Comburg auf den Chorbereich sowie den Westteil der Stiftskirche, wodurch im Lang- und Querhaus eine noch größere Lichtfülle erzielt wird. Eine Hängekuppel überspannt die Vierung, die somit zwar optisch betont ist, jedoch nicht zu sehr aus dem renaissancehaften Ebenmaß der Pfeilerfolge heraussticht. In vollendeten Proportionen zeigt das Langhaus der Würzburger Pfarrkirche St. Peter und Paul, 1717 bis 1720 ausgeführt, letztmals das Motiv der Freipfeiler-Emporenhalle im Œuvre des Architekten. Leider ist nur dieser Mittelteil von Greissing ganz neu geplant und errichtet worden, während der auf Wunsch der Bauherrschaft zu erhaltende gotische Chor im Osten, wie auch zwei wiederverwendete romanische Westtürme in jenen Bereichen zu Kompromisslösungen zwangen.
Als Schlüsselbau für die große Tradition der mainfränkischen Einturmfassaden gilt die katholische Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt in Friesenhausen, Kreis Haßberge, die er von 1713 bis 1715 errichtete. Diese erste ganz barock durchgeformte Einturmfassadenkirche Frankens bildet zusammen mit den ebenso vornehmen Pfarrkirchen in Gereuth, 1713 begonnen, und der Pfarrkirche in Steinbach bei Lohr am Main, 1718/1719 bis 1721 ausgeführt, den Ausgangspunkt für die zahlreichen Nachfolgebauten dieses Typs, den anschließend auch Balthasar Neumann pflegte. In der Literatur wurden Greissings Einturmfassaden wegen ihrer stilbildenden Kraft bisweilen als „Markenzeichen“ des ehemaligen Hochstifts Würzburg bezeichnet. Joseph Greissing gab damit ein Leitmotiv für das gesamte 18. Jahrhundert in diesem Raum, das, über Neumann und dessen Schüler vermittelt, bis ins Rheinfränkische und an die Mosel strahlen sollte. Auch Greissing selbst schuf noch mehrere Einturmfassadenkirchen. Seine monumentalste Umsetzung, die ab 1716 errichtete und kurz vor seinem Tod 1721 fertig eingewölbte Abteikirche in Theres am Main, fiel nach der Säkularisation der Spitzhacke zum Opfer, ist jedoch in Plänen und Zeichnungen überliefert. Mindestens zwei dieser Planrisse, eine Ansicht der Einturmfassade und ein Grundriss von Kirche und Kloster, befanden sich später im Besitz von Balthasar Neumann, dessen Schüler Johannes Seiz (Seitz) auch eine Kopie des Fassadenrisses anfertigte. Nicht zufällig errichteten Johann Georg Seitz aus Wiesentheid und sein Sohn Johannes später unter Beteiligung Neumanns die Stiftskirche St. Paulin in Trier als Einturmfassade Greissing’scher Prägung.