Cublai, gran kan de’ Tartari (deutsch: Kublai, Großkhan der Tartaren) ist ein „dramma eroicomico“ in zwei Akten von Antonio Salieri auf einen Text von Giambattista Casti, das zu Salieris Lebzeiten nicht aufgeführt wurde.
Handlung
Erster Akt Am Hofe Cublais bereitet man sich auf die Ankunft der bengalischen Prinzessin Alzima vor, die der Khan der Tataren als Gattin seines Sohnes und Thronerben Lipi auserwählt hat. Den Minister Posega, den Erzieher Lipis, bringt die bevorstehende Hochzeit in Bedrängnis, denn er hat Cublai verschwiegen, dass dessen Sohn für die Übernahme der Regierung völlig ungeeignet ist. Posega hat seine Stellung dagegen dazu ausgenutzt, selbst auf die Übernahme der Macht hinzuarbeiten.
Der Zeremonienmeister Orcano, der für die bevorstehende Feier auf Einhaltung der höfischen Etikette pocht, liegt im Dauerstreit mit den beiden europäischen Gästen am Hof, dem intriganten Paar Memma und Bozzone, die Cublai nicht nur italienischen Wein liefern, sondern ihm, dem ständig Betrunkenen, meist auch sagen, was er zu tun hat.
Auch den Prinzen Lipi, Cublais Neffen, der Alzima auf der Reise an den Hof begleitet hat, plagt der Gedanke an die bevorstehende Hochzeit: Er hat sich selbst in die Prinzessin verliebt.
Vor dem Beginn des Festes verlangt Memma von Cublai, alle männlichen Tataren sollen sich rasieren und ihre Vollbärte ablegen. Posega ist empört.
Die Begegnung des vermeintlichen Hochzeitspaares Alzima und Lipi wird zum Desaster; Alzima weigert sich, den offensichtlich geistesschwachen Prinzen zu heiraten. Dieser ist allerdings der einzige, der sich von all den Aufregungen nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Zweiter Akt Nachdem Lipi als Ehemann nun offensichtlich ausfällt und die Thronfolge ungeklärt ist, werden verschiedene Intrigen gesponnen. Memma und Bozzone schlagen sich auf die Seite Timurs und wollen Cublai dazu bringen, dem jungen Prinzen sein Erbe zu überlassen. Posega redet dagegen Alzima ein, Timur und Memma seien ein Paar. Alzima, mittlerweile selbst von Liebe zu Timur ergriffen, kann von Memma überzeugt werden, dass sie weder die Macht noch eine Verbindung mit Timur anstrebt.
Zeremonienmeister Orcano muss derweil den Unmut Cublais über seinen Sohn und den Betrüger Posega über sich ergehen lassen. Doch Memma kann den Khan beruhigen und ihm mit dem Versprechen, eine große Menge an Wein zu liefern, sogar die Einwilligung in die Hochzeit Alzimas mit Timur und die Übertragung des Erbes an den jungen Prinzen abringen. Posega und sein Schützling werden in ein Kloster verbannt. Doch Lipi ist glücklich, solange er über seine Zinnsoldaten regieren kann. Mit einer Feier des Siegs der Liebe über die Intrige endet die Oper, wie sie begonnen hat: mit einem Huldigungschor an Cublai, der aber nur noch durch eine hilflos-autoritäre Geste den Schein der Macht wahren kann.
Werkgeschichte Entstehung Cublai, gran kan de‘ Tartari war die dritte Zusammenarbeit von Antonio Salieri mit dem Librettisten Giambattista Casti; vorausgegangen waren La grotta di Trofonio (1785) und Prima la musica, poi le parole (1786). Es ist wahrscheinlich, dass beide Autoren nach dem Erfolg dieser beiden Werke bald eine dritte Zusammenarbeit anstrebten und sich auf den Cublai-Stoff als eine Satire auf den russischen Zarenhof einigten. Da Casti im Mai 1786 Wien für mehrere Jahre verließ und Salieri ab August 1786 für ein Jahr in Paris weilte, um seine Opern Les Horaces und Tarare zu komponieren und aufzuführen, konnte die Zusammenarbeit an Cublai nur brieflich erfolgen. Nur einer dieser Briefe hat sich erhalten: Am 19. Mai 1787 schreibt Casti aus Neapel an Salieri und mahnt ihn zur Eile bei der Komposition. Der Konflikt zwischen Russland und der Türkei spitzte sich zu; Kaiser Joseph II. und Zarin Katharina II. hatten ihr Bündnis erneuert – und so entwickelte sich die politische Lage ungünstig für eine Oper, die den russischen Hof karikiert und in Wien aufgeführt werden sollte. Doch auch nach dem Ausbruch des Russisch-türkischen Kriegs im August 1787 und dem Eintritt Österreichs in den Krieg im Februar 1788 scheint der mittlerweile zum Hofkapellmeister avancierte Salieri an der Oper weitergearbeitet zu haben. Seine Arbeit an der Komposition, die er im Sommer 1786 begonnen hatte, hat er vor dem September 1788 abgeschlossen.
Rezeption Aus politischen Gründen kam es zu Lebzeiten der Autoren nicht zu einer Aufführung des Cublai. Die Zensur hatte eine Aufführung untersagt. Nach seiner Rückkehr nach Wien hat Casti sich mehrfach erfolglos um eine Aufführung bemüht, indem er sich brieflich gegen die Zensur wehrte, Änderungen vorschlug und sogar eine Verteidigungsschrift drucken ließ, die nachweisen sollte, dass die Handlung der Oper nichts mit dem russischen Zarenhof zu tun habe.
Die Uraufführung in einer deutschen Textfassung von Cornelia Boese erfolgte erst im Juni 1998 im Mainfranken Theater Würzburg in einer Inszenierung von Ulrich Peters unter der musikalischen Leitung von Johan van Slageren. Die postume Uraufführung fand überregional Beachtung. Die virtuose Partie der bengalischen Prinzessin Alzima übernahm die Koloratursopranistin Diana Damrau. Die Ouvertüre zu Cublai findet sich mittlerweile auch auf Konzertprogrammen wieder, so zum Beispiel gespielt vom Freiburger Barockorchester und den London Mozart Players.
2024 brachte das Musiktheater an der Wien das Werk erstmals in italienischer Sprache auf die Bühne, bearbeitet und inszeniert von Martin G. Berger. Christoph Wagner-Trenkwitz trat als Antonio Salieri auf; die Titelrolle sang Carlo Lepore. Kublais Sohn Lipi wurde von Lauranne Olivia gesungen, Marie Lys war Prinzessin Alzima und Alasdair Kent sang Kublai Khans Neffen Timur. Im Rahmen der International Opera Awards 2024 wurde die Inszenierung in der Kategorie Wiederentdeckung ausgezeichnet.
Hintergrund Dem Libretto des Cublai liegt der elfte Canto aus Castis Poema Tartaro zugrunde, einem Langgedicht, in dem er seine Erfahrungen am russischen Hof satirisch verarbeitet hat. Bereits in diesem Text verlegt er die Handlung an den Tatarenhof, fügt dem Werk aber ein Personenverzeichnis bei, in dem er aufschlüsselt, welchen realen Personen aus der russischen Geschichte die handelnden Figuren zuzuordnen sind. Übertragen auf die Oper, kann man in Cublai den Zaren Peter den Großen erkennen, der an der Wende zum 18. Jahrhundert Russland „europäisieren“ wollte und unter anderem eine Bartsteuer einführte. In Lipis Unfähigkeit, in Kontakt mit Frauen zu treten, spiegelt sich wohl der Ehemann Zarin Katharinas II., Zar Peter III. Auch in Lipis Freude an seinen Zinnsoldaten (von Salieri charakterisiert durch die „Marcia Zuccamaluc“) erkennt man Peters Begeisterung für das Militär. Für das europäische Paar Memma und Bozzone lassen sich die Vorbilder wieder in der Umgebung Peters I. finden. Entweder sind der deutsche Schuhmacher Josef Bergler und seine Frau Lisa, eine Favoritin des Zaren gemeint, oder Anna Mons und ihr Vater, ein westfälischer Schankwirt und Weinhändler.
Für Timur lässt sich mit Timur Khan, einem Enkel des historischen Kublai Khan, tatsächlich ein Vorbild aus der mongolischen Geschichte finden. Er ist allerdings auch, zusammen mit Alzima, die einzige Figur der Oper, die nicht ironisch behandelt wird.
Eine außergewöhnliche Quelle zur Geschichte der Oper sind die Selbstkommentare Salieris zu seiner Komposition, die er am Ende seines Lebens für Cublai – und mehrere seiner Opern – verfasst hat. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass er die Komposition des Werks, das er nie zur Aufführung bringen konnte, dennoch als abgeschlossen ansah.
Aufnahmen Antonio Salieri, Cublai, gran kan de’ Tartari (Mirco Palazzi, Anicio Zorzi Giustiniani, Marie Lys, Äneas Humm, Fabio Capitanucci, Ana Quintans, Lauranne Oliva, Giorgio Caoduro Kammerchor Namur, Les Talens Lyriques, Christophe Rousset), Aparté/Bertus AP 379
Literatur
Rudolph Angermüller: Cublai (Fassung Casti). In: ders. u. Elena Biggi Parodi (Hrsg.): Antonio Salieri (1750–1825) e il teatro musicale a Vienna. Convenzioni, innovazioni, contaminazioni stilistiche. Lucca 2012, S. 153–256. Maurice Chales de Beaulieu: „Un genere affatto nuovo“? Das Wiener Dramma eroicomico (1772–1800) (= Dissertation Universität Wien), Online-Publikation. Wien 2021, doi:10.25365/thesis.70268. Antonio Salieri: Cublai, gran kan de’ Tartari. Opera eroicomica in due atti. Libretto von Giambattista Casti, Erstausgabe, herausgegeben von Udo Wessiepe. Edition Stretta 2025, ISMN: 979-0-50291-025-9 (Partitur). Antonio Salieri: Cublai, gran kan de’ Tartari. Opera eroicomica in due atti. Libretto von Giambattista Casti, Erstausgabe, herausgegeben und Klavierauszug von Udo Wessiepe, Edition Stretta 2025, ISMN: 979-0-50291-026-6 (Klavierauszug).
Weblinks
Sammlung von Interviews und Informationen zu Werk und Handlung
Einzelnachweise
Kategorie:Operntitel Kategorie:Oper in italienischer Sprache Kategorie:Oper von Antonio Salieri Kategorie:Oper aus dem 18. Jahrhundert Kategorie:Kublai Khan Kategorie:Musik 1788