Teuro ist ein 1997 vom Satiremagazin Titanic geprägtes Kofferwort im deutschen Sprachraum, zusammengesetzt aus teuer und Euro, das umgangssprachlich für die Währung Euro verwendet wird. Da es nach der Euro-Bargeldeinführung am 1. Januar 2002 eine weit verbreitete Wahrnehmung gab, dass sich die Preise von Waren und Dienstleistung deutlich verteuert hätten, konnte sich der Begriff durch verschiedene Medien im Sprachgebrauch manifestieren.

Erhebungen der gefühlten Inflation zeigten für den gesamten neugeschaffenen Euroraum, aber insbesondere in Deutschland einen sprunghaften Anstieg seit 2001/02, der erst um 2005 langsam wieder abflaute. Demgegenüber stehen zahlreiche Untersuchungen über die reale Preisentwicklung, die zwar teilweise erhebliche Preissteigerungen in der Zeit unmittelbar nach der Euro-Einführung zeigen, aber über längere Zeiträume keine ungewöhnlichen Preissteigerungen feststellen können. Auf den gesamten Euroraum bezogen blieb die Inflation annähernd konstant, in Deutschland und Österreich war sie im Jahr 2002 sogar niedriger als 2001.Inflationsraten berechnet auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex von Eurostat

Gefühlte Inflation und Reaktionen

mini|Gefühlte Inflation in der Eurozone von Januar 2000 bis Mai 2012 (Quelle: Business and Consumer Survey der Europäischen Kommission)

Direkt nach der Euro-Einführung war in den Euroländern die Wahrnehmung verbreitet, die Preise seien durch die Währungsumstellung erheblich gestiegen. Die monatlich mit 21.000 Befragten durchgeführten Untersuchungen der Europäischen Kommission zeigen einen starken Meinungsumschwung in diesen Staaten. Während im Dezember 2001 nur 17 % angaben, die Preise stiegen schneller als zuvor, waren es im September 2002 schon 44 %.Business and Consumer Survey der Europäischen Kommission Zwar liegt die wahrgenommene Inflation häufig höher als die statistisch gemessene, aber die Diskrepanz wuchs in diesem Zeitraum erheblich. Erst um 2005 pendelten sich die Werte wieder langsam ein.Die Zeiten der hohen gefühlten Inflation sind vorbei. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Mai 2005.

Deutschland

In Deutschland war die Stimmung schon vor Einführung des Euro sehr kritisch gegenüber der neuen Währung. Eine im März 1992, also kurz nach der Verabschiedung des Vertrags von Maastricht, der unter anderem auch die Einführung des Euro festlegte, durchgeführte Befragung ergab, dass 42 % den Vertrag ablehnten, wobei zwischen Ost- und Westdeutschland kein signifikanter Unterschied bestand. Eine weitere Umfrage aus dem Januar 1992 zeigte auch eine große Skepsis gegenüber der Stabilität der Währung. So waren 62 % der Meinung, die zukünftige Währung lasse sich nicht stabil halten. Unter Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung war diese Meinung sogar zu 69 % verbreitet.Elisabeth Noelle-Neumann: Die öffentliche Meinung. In: Jahrbuch der Europäischen Integration 1991/1992 (PDF).

Die kritische Haltung war auch zum Zeitpunkt der Bargeldeinführung präsent. Nach einer Umfrage des Nachrichtenmagazins Focus unter 2004 Deutschen im Jahr 2001 waren 56,4 % der Befragten gegen die neue Währung. 65 % der Frauen waren gegen den Euro, die Männer nur zu 45 %. In Ostdeutschland waren rund 70 % für den Verbleib bei der Mark. Nach Berufsgruppen aufgeschlüsselt waren Beamte und Selbständige zu 54 % für den Euro, Arbeiter und Rentner hingegen in zwei Dritteln der Fälle dagegen. Nur in Schweden, Finnland, Dänemark und Großbritannien waren die Menschen negativer zum Euro eingestellt. Dieselbe Umfrage ergab auch, dass eine deutliche Mehrheit vermutete, die Unternehmen würden die Währungsumstellung für Preiserhöhungen nutzen.Vorsicht, Teuro! Focus, Nr. 19/2001.

Die damalige deutsche Bundesregierung verkündete bereits im Vorfeld der Euro-Einführung, niemand müsse „durch die Einführung des Euro mehr bezahlen als vorher“. Schon früh nach der Bargeldeinführung wurde in den Medien über die neue Währung als Preistreiber berichtet.Eva Traut-Mattausch, Tobias Greitemeyer, Dieter Frey, Stefan Schulz-Hardt: Illusory Price Increases after the Euro Changeover in Germany: An Expectancy-Consistent Bias. J Consum Policy (2007), 30, S. 421–434, doi:10.1007/s10603-007-9049-y (englisch). Das Nachrichtenmagazin Focus führte im Frühjahr 2002 eine sogenannte „Teuro-Denkzettel-Aktion“ durch, bei der die Leser dazu aufgefordert wurden, Beispiele für extreme Preissteigerungen einzusenden. Über 600 Meldungen gingen ein.Dem Teuro auf der Spur. Focus Magazin, Ausgabe 22/2002, 27. Mai 2002.

Es zeigte sich bald, dass die gefühlte verstärkte Inflation in Deutschland eines der größten Ausmaße in ganz Europa hatte. Nur in den Niederlanden war das Gefühl ähnlich stark verbreitet. Bundesfinanzminister Hans Eichel rief im Frühjahr 2002 zu einem Boykott auf.Wie Boykott-Hans den Volksaufstand inszenierte. Spiegel Online, 17. Mai 2002. Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast veranstaltete einen „Anti-Teuro-Gipfel“ und Bundeskanzler Schröder äußerte sich ebenso.Hans-Werner Sinn: Der Seelen-Teuro. Süddeutsche Zeitung, 2. Juli 2002 (online im Archiv des Autors).

Die Debatte war begleitet von Klagen verschiedener Branchen über die schwierige Situation, insbesondere über Umsatzrückgänge und Konsumzurückhaltung. In der Taxibranche wurde von 15 bis 30 % Umsatzrückgang berichtet.„Der Teuro hat uns den Rest gegeben“. Spiegel Online, 19. Juni 2002. Im Bereich der Elektronik fielen die Umsätze um 10 %, bei Möbeln und Schuhen um 7 %.

Österreich

In Österreich wurden Behörden und Privatwirtschaft gesetzlich zur Rundung zugunsten des Kunden verpflichtet. Eine Kommission beobachtete die Preisentwicklung, und der Wirtschaftsminister wäre bei Bedarf berechtigt gewesen, die Preise bis zu sechs Monate lang festzulegen.

Dennoch gibt es in Österreich eine ähnliche Wahrnehmung von Preissteigerungen. Eine Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) ergab, dass fast 60 % der Befragten einen negativen Währungseinfluss wahrnahmen. 45 % gaben an, die Euro-Einführung habe sich sehr auf Preissteigerungen ausgewirkt.Anita Staudacher: Warum der Euro kein „Teuro“ ist. kurier.at, 27. Dezember 2011, abgerufen am 13. Oktober 2021.

Ausbreitung des Kunstworts

„Teuro“ ist eine Wortschöpfung des Satiremagazins Titanic, das bereits im Februar 1997, also kurz nach der Entscheidung für den endgültigen Namen der neuen Währung, den Begriff verwendete.Peter Littger: Die Teuroristen. Zeit Online, 6. Juni 2002.

Das Kunstwort ist sowohl in Deutschland als auch in Österreich zum Wort des Jahres für 2002 gewählt worden und wurde in den Duden wie auch den Wahrig aufgenommen.

Das spanische Äquivalent für Teuro ist Redondeuro und stammt von redondear = aufrunden.

Entwicklung der tatsächlichen Teuerung

+ Teuerungsraten vor und nach der Bargeldeinführung des Euros zum 1. Januar 2002 in den deutschsprachigen Euroländern laut den jeweiligen nationalen Statistikbehörden (auf das Jahr gerechnete (per annum) Veränderung zum Vorjahresmonat im jeweiligen nationalen Preisindex)Preisindex des Statistischen BundesamtesPreisindex von Statistik AustriaPreisindex der Luxemburgischen StatistikbehördeMonat Deutschland Österreich Luxemburg Belgien Jan. 2001 1,4 % 3,0 % 2,9 % 2,2 % Feb. 2001 1,8 % 2,6 % 2,9 % 2,3 % Mär. 2001 1,8 % 2,7 % 2,9 % 2,1 % Apr. 2001 2,2 % 3,0 % 2,8 % 2,8 % Mai 2001 2,7 % 3,4 % 3,3 % 3,1 % Jun. 2001 2,5 % 2,8 % 2,9 % 2,9 % Jul. 2001 2,2 % 2,8 % 3,0 % 2,7 % Aug. 2001 2,2 % 2,5 % 2,8 % 2,7 % Sep. 2001 2,0 % 2,6 % 2,4 % 2,3 % Okt. 2001 1,8 % 2,5 % 2,3 % 2,4 % Nov. 2001 1,5 % 2,1 % 2,1 % 2,1 % Dez. 2001 1,6 % 1,9 % 1,7 % 2,2 % Jan. 2002 2,1 % 2,1 % 2,3 % 2,9 % Feb. 2002 1,8 % 1,9 % 2,3 % 2,6 % Mär. 2002 2,0 % 1,9 % 2,1 % 2,7 % Apr. 2002 1,5 % 1,8 % 2,1 % 1,8 % Mai 2002 1,2 % 1,9 % 1,9 % 1,3 % Jun. 2002 1,0 % 1,7 % 1,7 % 0,9 % Jul. 2002 1,2 % 1,6 % 2,0 % 1,3 % Aug. 2002 1,2 % 1,9 % 1,8 % 1,3 % Sep. 2002 1,1 % 1,6 % 2,0 % 1,3 % Okt. 2002 1,3 % 1,7 % 2,2 % 1,3 % Nov. 2002 1,2 % 1,7 % 2,2 % 1,1 % Dez. 2002 1,2 % 1,8 % 2,2 % 1,4 %

mini|Inflation im Euroraum im Vergleich zur gesamten EU (15 Länder) und dem EWR-Mitglied Norwegen für die Jahre 2001 und 2002, monatlich im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat, berechnet mittels des Harmonisierten VerbraucherpreisindexHVPI-Daten von Eurostat mini|Inflation im Euroraum im Vergleich zu den EU-Ländern, die 2002 nicht dem Euro beitraten: Dänemark, Schweden und das Vereinigte Königreich. Daten für die Jahre 2001 und 2002, monatlich im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat, berechnet mittels des Harmonisierten Verbraucherpreisindex

Deutschland

mini|Jährliche Preisveränderungsraten in Deutschland seit 1965

Der allgemeinen Stimmung in Deutschland gegenüber stehen verschiedene Untersuchungen zur Preisentwicklung, sowohl von offizieller Seite als auch von unabhängigen Instituten. Diese zeigen mittelfristig keine starken Preissteigerungen. Einige Erhebungen zeigen jedoch einen beträchtlichen Preisanstieg im ersten Halbjahr 2002, der in den folgenden Monaten weitgehend wieder ausgeglichen wurde. Eine vom Nachrichtenmagazin Focus im Auftrag gegebene Untersuchung kam zudem zum Schluss, dass der Handel die Preise schon im Vorfeld der Währungsumstellung erhöht hatte.

Daten des Statistischen Bundesamtes

In Deutschland betrug die offizielle Inflationsrate im Jahr der Bargeld-Euro-Einführung (2002) 1,4 %. Für Waren und Dienstleistungen des täglichen Gebrauchs führte das Institut der Deutschen Wirtschaft im Jahr 2002 eine detaillierte Untersuchung der Daten des Statistischen Bundesamtes durch und ermittelte einen Preisanstieg im ersten Quartal von 4,8 %. Bei einzelnen Produktgruppen wie Gemüse und Flugreisen konnten stark überdurchschnittliche Preisanstiege festgestellt werden.Das Geheimnis der gefühlten Inflation. Spiegel Online, 30. Mai 2002.Liste des Instituts der Deutschen Wirtschaft von überdurchschnittlich verteuerten Warengruppen im Frühjahr 2002. Spiegel Online, 30. Mai 2002.

Nach dem Verbraucherpreisindex des deutschen Statistischen Bundesamtes betrug die Teuerung in Deutschland für die ersten zweieinhalb Jahre seit Einführung des Euro-Bargelds im Januar 2002 insgesamt 3,3 %. In den zweieinhalb Jahren zuvor – den letzten der DM – stiegen die Verbraucherpreise um insgesamt 4,3 %.

Mitte des Jahres 2001 verzeichnete der Verbraucherpreisindex einen deutlicheren Anstieg der Preise in Deutschland im Vergleich zu den Vormonaten. Dieser lag jedoch weit unter den Steigerungsraten, die Anfang der 1990er Jahre verzeichnet wurden (bis zu 6,3 % Anstieg des Preisindexes im Vergleich zum Vorjahresmonat). Am häufigsten waren inflationäre Tendenzen bei Frischwaren, bei Kino-Eintrittskarten, Dienstleistungen und in Gaststätten festzustellen.

Untersuchungen des Nachrichtenmagazins Focus

Das Nachrichtenmagazin Focus widmete sich schon im Jahr 2001 mit einer Titelgeschichte „Vorsicht, Teuro!“Heft Nr. 19/2001 dem Thema eventueller verstärkter Teuerungen infolge der Euro-Einführung. Es beauftragte den Marktforscher Wolfgang Steinle mit der Beobachtung der Preise. Dieser kam zu dem Schluss, dass die Händler schon Monate vor der Euro-Einführung die Preise zahlreicher Produkte erhöhten, mutmaßlich um beim Währungswechsel nicht als Preistreiber zu gelten.

Zehn Jahre später ließ das Magazin erneut Steinle 10.000 Preisinformationen im Vergleich zwischen September 2001 mit September 2011 auswerten. Er konstatiert, dass das erste Euro-Jahrzehnt mit Ausnahme der Umstellungsphase 2001/02 von einer hohen Preisstabilität geprägt gewesen sei. Freizeitaktivitäten und Energie seien teurer geworden.

Das Magazin kritisiert die offizielle Statistik deutlich. So enthalte der Warenkorb zahlreiche Produkte, die die meisten Deutschen innerhalb eines Jahres nicht kauften. Zudem würden verschiedene Preissteigerungsquellen wie Einkommensteuern und andere staatliche Abgaben in der offiziellen Statistik gar nicht erfasst.Zehn Jahre Teuro. Focus, 28. November 2011.

Andere Untersuchungen