Ingo Elbe (* 1972 in Dortmund) ist ein Philosoph und Sozialwissenschaftler.

Leben Ingo Elbe hat Philosophie, Geschichte und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum studiert und promovierte 2008 an der Freien Universität Berlin zur Marx-Rezeption in der Bundesrepublik. Von 2007 bis 2012 war er Lehrbeauftragter am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig und von 2011 bis 2014 an der Fachhochschule Düsseldorf. 2015 habilitierte er sich am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit einer Arbeit über Paradigmen anonymer Herrschaft.Vgl.: Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt, Würzburg 2015, S. 11. Elbe war im Wintersemester 2017/18 Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und war Vorsitzender des Bochumer gemeinnützigen Vereins Institut für Sozialtheorie. .

Elbe war zeitweise Mitherausgeber des Oldenburger Jahrbuchs für Philosophie und der Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie sowie Mitbetreiber des 1995 gegründeten Arbeitskreises Rote-Ruhr-Uni, der unter anderem Vortragsreihen, Lesegruppen sowie einen jährlichen Kongress an der Ruhr-Universität Bochum veranstaltete. Er ist Mitglied der Gesellschaft für kritische Bildung e.V.

Schwerpunkte und Positionen Zu den Forschungsschwerpunkten von Elbe gehören unter anderem Marx und Marxrezeption, Kritische Theorie, Politische Philosophie sowie Rechts- und Sozialphilosophie.

In seinen Arbeiten lehnt er die traditionellen Auffassungen des Marxismus ab, die auf einer logisch-historischen Interpretation der Marxschen Theoriedarstellung beruhen. Er bemüht sich um eine kritische Rekonstruktion der seit Mitte der 1960er Jahre besonders in der Bundesrepublik Deutschland entstandenen Neuen Marx-Lektüre und ihrer Analyse abstrakter gesellschaftlicher Formen wie Arbeit, Wert, Geld, Staat und Kapital.

Bereits 2000 untersuchte er die Grundlinien einer Theorie politischer Öffentlichkeit im Werk von Jürgen Habermas, insbesondere in dessen Studie Faktizität und Geltung.Ingo Elbe: Diskurse herrschen nicht. Auf dem im März 2012 in Wuppertal stattgefundenen Kongress Habermas und der historische Materialismus hat Elbe eine grundsätzliche Kritik an Habermas’ Marxrezeption und Gesellschaftstheorie vorgetragen,Süddeutsche Zeitung vom 27. März 2012, S. 13.Micha Brumlik: Sich im Unbehaglichen einrichten, Die Tageszeitung vom 26. März 2012.Peter Leusch: Kapitalismuskritik in der Diskussion, Deutschlandfunk vom 29. März 2012. die jedoch von Habermas selbst und anderen Tagungsteilnehmern zum Teil scharf kritisiert wurde.Smail Rapic (Hg.): Habermas und der Historische Materialismus, Freiburg/München 2014, S. 151–153, 219–228.

Seine 2008 erschienene Dissertation Marx im Westen behandelt die „Grundzüge der Debatte um ein adäquates Gegenstands- und Methodenverständnis der Marxschen Ökonomiekritik sowie ihrer staats- und revolutionstheoretischen Implikationen“,Ingo Elbe: Marx im Westen, München 2008, S. 8. dabei möchte er „die in der Bundesrepublik geleistete Erörterung der Grundfragen der ersten Kapitel des Kapital und der damit verbundenen Thematiken anderer Marxscher Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie“ im Hinblick auf den „Begriff der Form und ihrer angemessenen Erkenntnis“ nachzeichnen. Unter dem Aspekt einer Staats- und Revolutionstheorie interessieren ihn „die wissenschaftlichen Ressourcen der Marxschen Texte zur Erfassung der spezifisch kapitalistischen Organisationsform gewaltmonopolisierter, öffentlicher Herrschaft und der Möglichkeit ihrer revolutionären Infragestellung“.Vgl. Elbe 2008, S. 9. Er kritisiert dabei insbesondere die autoritären Konsequenzen marxistischer Revolutionsvorstellungen, die dem Konzept der "Diktatur des Proletariats" folgen.

In seinen Publikationen der 2010er Jahre bemühte er sich darum, die neue Marx-Lektüre für eine Kritik der bürgerlichen Legitimationsmodelle von Privateigentum, Recht und Staat fruchtbar zu machen. Ferner hat er mehrere Debatten innerhalb der antideutschen Linken angestoßen und dabei teilweise erhebliche Kritik an deren Positionen formuliert. Er kritisierte beispielsweise die für ihn irrationalistischen Marx-Deutungen von Joachim Bruhn und anderen InterpretenIngo Elbe: Marxismus-Mystizismus, in: Gesellschaftliche Praxis und ihre wissenschaftliche Darstellung, Hamburg 2008, S. 193ff. und hat eine abwägende Kritik an Jean-Paul Sartres Antisemitismustheorie vorgelegt,Ingo Elbe: Angst vor der Freiheit, Prodomo Nr. 14, S. 46ff. die als Anstoß für eine Diskussion über das Verhältnis von freiem Willen und gesellschaftlichen Strukturen genommen wurde.Redaktion Prodomo: Die Falle des Nominalismus, Prodomo Nr. 17, S. 56.

Sein Buch Paradigmen anonymer Herrschaft (eine Sammlung überarbeiteter veröffentlichter und bisher unveröffentlichter Aufsätze) thematisiert „die Spezifik kapitalistischer Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse in Auseinandersetzung mit Positionen des neuzeitlichen Kontraktualismus, der antiliberalen politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Kritischen Theorie“. Elbe zufolge „wird dabei erkennbar, wie zentral der Topos anonymer Herrschaft in diesen Ansätzen ist, die wahlweise kritisch oder affirmativ die Herrschaft des Gesetzes, der Norm, der Sache oder des Niemand als modernetypisch deklarieren. Zugleich wird gefragt, welchen Stellenwert personale, unvermittelte Herrschaft im staatlich regulierten Kapitalismus hat und welche Potentiale dieser für Fluchtbewegungen in autoritäre oder faschistische Verhältnisse erzeugt.“ Elbe meint dabei einerseits, dass diese Ansätze sämtlich ein Konzept unpersönlicher Herrschaft entwickeln, dieses Konzept aber häufig den realen Gegenstand anonymer Herrschaft im Kapitalismus ideologisch verfehlt. Seine besondere Kritik bezieht sich auf sogenannte „politexistentialistische“ Positionen Hannah ArendtsVgl. auch Ingo Elbe: „das Böse, das von Niemanden begangen wurde“. Hannah Arendts Konzept der „Herrschaft des Niemand“ Vortrag als Audio-Datei. und Carl Schmitts.Vgl. auch Ingo Elbe: Der Zweck des Politischen. Carl Schmitts faschistischer Begriff der ernsthaften Existenz. In seinen letzten Publikationen kritisiert Elbe zunehmend postmoderne beziehungsweise postmarxistische Ansätze, wie den von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, und deren (links-)populistische Politikkonzeptionen.Vgl. Ingo Elbe: Die postmoderne Querfront. Anmerkungen zu Chantal Mouffes Theorie des Politischen.Vgl. Ingo Elbe: Politische Macht, Faschismus und Ideologie. Ernesto Laclaus Auseinandersetzung mit Nicos Poulantzas. Er vertritt die These, dass diese, bei allen Differenzen, auf gesellschaftstheoretischer Ebene eine „Querfront“ mit faschistischen Positionen bilden. Er wurde dafür in der neurechten Zeitschrift „Sezession“ stark kritisiert.Vgl. Benedikt Kaiser: Querfrontpotential? Populismus bei Mouffe und Laclau. In: Sezession Nr. 79, August 2017 S. 26ff.

Elbe forscht derzeit vor allem zu den Themen Vergangenheitspolitik und Antisemitismus in der Linken und in antirassistischen Kontexten.Vgl. FAZ, Studentenkonferenz: „Widersprecht euren Professoren“ . Er wirft der „hegemonialen Tendenz“ des postmodernen Antirassismus vor, israelfeindiche Positionen zu vertreten und „die für bestimmte Zusammenhänge gültigen Erkenntnisse des Antirassismus unzulässig auf qualitativ andere Sachverhalte auszudehnen, theoretische Konzepte schablonenhaft und stereotypisierend zu verwenden, ohne empirische Gehalte zu prüfen, eine kulturrelativistische und machtreduktionistische Wissenskonzeption zugrunde zu legen und die Beschreibung der Realität von politischen Ressentiments oder volkspädagogischen Absichten leiten zu lassen.“Ingo Elbe: „it’s not systemic“. Antisemitismus im akademischen Antirassismus. In: Till Amelung (Hrsg.): Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik, Berlin 2020, S. 250 In der Debatte um den kamerunischen postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe bescheinigt Elbe nicht nur diesem, sondern „prominenten Vertretern des Faches“ der postkolonialen Studien einen „systematischen Zusammenhang zwischen begrifflicher Einebnung der Spezifik des Antisemitismus, der Relativierung der Schoah und einer Dämonisierung Israels.“Ingo Elbe, Die postkoloniale Schablone. In: taz, 14. Mai 2020

Seine Texte sind bisher ins Englische, Koreanische, Serbokroatische, Portugiesische, Spanische, Chinesische, Italienische, Türkische, Persische und Polnische übersetzt worden.

Publikationen (Auswahl) Bücher und Herausgeberschaften Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der »progressive« Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung, Berlin 2024, ISBN 978-3-89320-314-7. Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik , Berlin 2022, ISBN 978-3-89320-296-6 (Mitherausgeber). Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-7121-8 (2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2021). Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt, Würzburg 2015, ISBN 978-3-8260-5737-3.Rezension auf literaturkritik.de: Herrschaft ohne Namen und Gesicht. Oldenburger Jahrbuch für Philosophie 2012. Oldenburg 2014. (Hrsg. zusammen mit Philip Hogh und Christine Zunke) Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie. Berlin 2013ff. . (Hrsg. zusammen mit Sven Ellmers, Christoph Hesse, Falko Schmieder und Hendrik Wallat) Oldenburger Jahrbuch für Philosophie 2011. Oldenburg 2012. (Hrsg. zusammen mit Christine Zunke) Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse. Münster 2012. ISBN 978-3-89691-896-3. (Hrsg. zusammen mit Sven Ellmers und Jan Eufinger) Die Moral in der Kritik. Ethik als Grundlage und Gegenstand kritischer Gesellschaftstheorie. Würzburg 2011. ISBN 978-3-8260-4560-8. (Hrsg. zusammen mit Sven Ellmers) Kritik der politischen Philosophie. Eigentum, Gesellschaftsvertrag, Staat II. Münster 2010. ISBN 978-3-89691-789-8. (zusammen mit Devi Dumbadze und Sven Ellmers) Eigentum - Gesellschaftsvertrag - Staat. Begründungskonstellationen der Moderne. Münster 2009. ISBN 978-3-89691-756-0. (Hrsg. zusammen mit Sven Ellmers) Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik. Berlin 2010. ISBN 978-3-05-004470-5. Rezension durch Hendrik Wallat: Theoriegeschichte der neuen Marx-Lektüre. Rezension durch Christoph Henning: I. Elbe: Marx im Westen. Rezension durch Ingo Stützle: "Marx im Westen". Auch die Marx-Blase platzt. Gesellschaftliche Praxis und ihre wissenschaftliche Darstellung. Beiträge zur Kapital-Diskussion. Berlin und Hamburg 2008. ISBN 978-3-88619-655-5. (zusammen mit Tobias Reichardt und Dieter Wolf)

Aufsätze “By Any Means Necessary” - Authoritarianism and the Potential for Violence in Anti-Zionist Postcolonial Discourse. In: Israel Journal of Foreign Affairs 3.7.2025 Postcolonialism, Antisemitism, and Israel: The ‘Progressive’ Attack on the Jewish State and Holocaust Memory. In: Ivo Ritzer (Hg.): On the Critique of Identity. Stuttgart 2024, p. 155–185 Hannah Arendts Bild des Holocaust – mit einem Ausblick auf seine postkolonialen Erben. In: S. Grigat/J. Hoffmann/M. Seul/A. Stahl (Hg.): Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-) Deutungen des Holocaust und der „Historikerstreit 2.0“, Berlin 2023 Liberalismo autoritario o estetización de la política? Notas sobre el concepto de lo politico de Carl Schmitt. In: Constelaciones. Revista de teoria critica Vol 13/2021 The Anguish of Freedom. Is Sartre’s existentialism an appropriate foundation for a theory of antisemitism? In: Antisemitism Studies Vol. 4, No. 1/2020 Die postmoderne Querfront. Anmerkungen zu Chantal Mouffes Begriff des Politischen. In: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, Heft 12, Frühjahr 2018.