Die Tannhäuser-Ballade oder das Tannhäuserlied ist eine frühneuzeitliche Volksballade, die in verschiedenen Fassungen die mittelalterliche Tannhäuser-Sage erzählt, deren Hauptfigur der Minnesänger Tannhäuser ist.

Der typische Aufbau dieser Ballade ist folgender: Es beginnt mit den Eingangstrophen, in denen Tannhäuser in den Venusberg zieht, gefolgt von dem als Dialog wiedergegebenen Streit zwischen Venus und Tannhäuser, der in die Welt zurückkehren will. Tannhäuser verlässt schließlich den Berg und zieht nach Rom, um vom Papst Vergebung zu erbitten. Der weist ihn aber ab, weist auf einen dürren Stecken und sagt, so wenig dieser je grünen wird, so wenig wird Tannhäuser jemals Vergebung finden. Niedergeschmettert zieht Tannhäuser zurück in den Venusberg. Nach 3 Tagen beginnt der Stab zu grünen, der Papst lässt Tannhäuser suchen, aber es ist zu spät.

Die von der Ballade verwendete Strophenform ist der kreuzgereimte Vierzeiler.

Text Die folgende Textfassung stammt aus der von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegebenen Sammlung Des Knaben Wunderhorn von 1806.Achim von Arnim, Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Kohlhammer, Stuttgart 1979, ISBN 3-17-005431-7, S. 80–83. Nun will ich aber heben an, Vom Tannhäuser wollen wir singen, Und was er wunders hat gethan, Mit Frau Venussinnen.

Der Tannhäuser war ein Ritter gut, Er wollt groß Wunder schauen, Da zog er in Frau Venus Berg, Zu andern schönen Frauen.

„Herr Tannhäuser, Ihr seyd mir lieb, Daran sollt Ihr gedenken, Ihr habt mir einen Eid geschworen, Ihr wollt nicht von mir wanken.“

„Frau Venus, ich hab’ es nicht gethan, Ich will dem widersprechen, Denn niemand spricht das mehr, als Ihr, Gott helf mir zu den Rechten.“

„Herr Tannhäuser, wie saget ihr mir! Ihr sollet bey uns bleiben, Ich geb Euch meiner Gespielen ein, Zu einem eh’lichen Weibe.“

„Nehme ich dann ein ander Weib, Als ich hab in meinem Sinne, So muß ich in der Höllen-Gluth, Da ewiglich verbrennen.“

„Du sagst mir viel von der Höllengluth, Du hast es doch nicht befunden, Gedenk an meinen rothen Mund, Der lacht zu allen Stunden.“

„Was hilft mich Euer rother Mund, Er ist mir gar unmehre, Nun gib mir Urlaub Frau Venus zart, Durch aller Frauen Ehre.“

„Herr Tannhäuser, wollt Ihr Urlaub han, Ich will Euch keinen geben, Nun bleibet edler Tannhäuser zart, Und frischet Euer Leben.“

„Mein Leben ist schon worden krank, Ich kann nicht länger bleiben, Gebt mir Urlaub Fraue zart, Von Eurem stolzen Leibe.“

„Herr Tannhäuser nicht sprecht also, Ihr seyd nicht wohl bey Sinnen, Nun laßt uns in die Kammer gehn, Und spielen der heimlichen Minnen.“

„Eure Minne ist mir worden leid, Ich hab in meinem Sinne, O Venus, edle Jungfrau zart, Ihr seyd ein Teufelinne.“

„Tannhäuser ach, wie sprecht Ihr so, Bestehet Ihr mich zu schelten? Sollt ihr noch länger bei uns seyn, Des Worts müßt Ihr entgelten. Tannhäuser wollt Ihr Urlaub han, Nehmt Urlaub von den Greisen, Und wo Ihr in dem Land umbfahrt, Mein Lob das sollt Ihr preisen.“

Der Tannhäuser zog wieder aus dem Berg, In Jammer und in Reuen: „Ich will gen Rom in die fromme Stadt, All auf den Pabst vertrauen.

Nun fahr ich fröhlich auf die Bahn, Gott muß es immer walten, Zu einem Pabst, der heißt Urban, Ob er mich wolle behalten.

Herr Pabst Ihr geistlicher Vater mein, Ich klag Euch meine Sünde, Die ich mein Tag begangen hab, Als ich Euch will verkünden.

Ich bin gewesen ein ganzes Jahr, Bey Venus einer Frauen, Nun will ich Beicht und Buß empfahn, Ob ich möcht Gott anschauen.“

Der Pabst hat einen Stecken weiß, Der war vom dürren Zweige: „Wann dieser Stecken Blätter trägt, Sind dir deine Sünden verziehen.“

„Sollt ich leben nicht mehr denn ein Jahr, Ein Jahr auf dieser Erden, So wollt ich Reu und Buß empfahn, Und Gottes Gnad erwerben.“

Da zog er wieder aus der Stadt, In Jammer und in Leiden: „Maria Mutter, reine Magd, Muß ich mich von dir scheiden,

So zieh ich wieder in den Berg, Ewiglich und ohn Ende, Zu Venus meiner Frauen zart, Wohin mich Gott will senden.“

„Seyd willkommen Tannhäuser gut, Ich hab Euch lang entbehret, Willkommen seyd mein liebster Herr, Du Held, mir treu bekehret.“

Darnach wohl auf den dritten Tag, Der Stecken hub an zu grünen, Da sandt man Boten in alle Land, Wohin der Tannhäuser kommen.

Da war er wieder in den Berg, Darinnen sollt er nun bleiben, So lang bis an den jüngsten Tag, Wo ihn Gott will hinweisen.

Das soll nimmer kein Priester thun, Dem Menschen Mistrost geben, Will er denn Buß und Reu empfahn, Die Sünde sey ihm vergeben.

Überlieferung Zur Entstehung der Sage, zur Stoffgeschichte und Adaptionen des Stoffes in Literatur, Musik und Bildender Kunst siehe Tannhäuser-Sage.

mini|Tannhäuserlied aus dem Essener Liederheft (um 1450) Die Tannhäuser-Ballade ist ab der Mitte des 15. Jahrhunderts sowohl in hoch- als auch niederdeutschen und niederländischen Fassungen in zahlreichen Handschriften und Drucken überliefert. Philip Stephan Barto druckt im Anhang seiner Tannhäuser-Monographie 32 dieser verschiedene Versionen ab, darunter auch einige nur thematisch verwandte.

Burghart Wachinger ordnet im Verfasserlexikon die diversen Fassungen nach Sprache und Strophenzahl chronologisch in 4 Gruppen. Die Beispiele geben jeweils die erste Strophe eines der Zeugnisse wieder: Fassung A Ältere niederdeutsche Fassung mit 23 Strophen. Beispiel: Essener Liederheft, vermutlich um 1450 vom Essener Stadtschreiber Johann von Horle verfasst.Essener Stadtarchiv Rep. 100 Nr. 2593 (Eintrag im Handschriftencensus). Vgl. Manuskripte und Drucke aus dem Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv, abgerufen am 21. Juli 2026. Aver wyl yck heven aen van Danuser tho syngen wat hye wunderss heyfft gedaen myt (sy) hoefschen mynnen. Fassung B Hochdeutsche Fassung mit 26 Strophen. Beispiel: Flugblatt von 1515, Jobst Gutknecht, Nürnberg Nun wil ichs aber heben an Von dem Danheuser zu singen Vnd was er hat wunders gethan Mit seiner fraw Venussinnen Fassung C Jüngere niederdeutsche Fassung mit 29 Strophen. Beispiel: Fliegendes Blatt, ca. 1550 Aver wil ick heven an van einem Danhüser singen und wat he wunders hefft gedaen mit Venus der duvelinnen. Fassung D Niederländische Fassung mit 21 Strophen, in denen der Held Herr Daniel heißt. Beispiel: Jan Roulans: Liedekens-Boeck. Antwerpen 1544. Wildi horen een goet nieu liet? ende dat sal ic ons singhen, wat heer Danielken is gheschiet al met vrou Venus minne.

Neben diesen Gruppen mit kreuzreimendem Vierzeilern, gibt es weitere Beispiele von Überlieferungen mit abweichenden Strophenformen bzw. mehr oder minder stark abweichendem Inhalt.

Für die weitere Rezeption werden dann zwei Abdrucke wichtig, nämlich Heinrich Kornmanns Mons Veneris, Fraw Veneris Berg von 1644Heinrich Kornmann: Mons Veneris, Fraw Veneris Berg. Das ist, Wunderbare vnd eigentliche Beschreibung der alten Haydnischen vnd Newen Scribenten Meynung von der Göttin Venere, ihrem Vrsprung, Verehrung, vnd Königlicher Wohnung, vnd deren Gesellschaft, wie auch von den Wasser, Erd, Lufft vnd Fewer, Menschen, sampt vielen anderen wunderbaren Geschichten ; In vnd auff den Bergen vnd Hölen hin vnd wider in der Welt, so am folgenden Blat zu ersehen, ganz lustig vnd mit Verwunderung zulesen. Fischer, Frankfurt am Main 1644, Cap. XIV, S. 126–132 (). und davon abhängig die Blockes-Berges Verrichtung des Johannes Praetorius von 1668.Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland Jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen; Aus vielen Autoribus abgefasset und mit schönen Raritäten angeschmücket sampt zugehörigen Figuren; Nebenst einen Appendice vom Blockes-Berge wie auch des Alten Reinsteins und der Baumans Höle am Hartz. Scheibe, Leipzig; Arnst, Frankfurt am Main 1668, S. 19–25 ().

mini|hochkant|Der Tannhäuser in der Sagensammlung der Brüder Grimm (1816) Von Praetorius wurde die Ballade 1806 in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano übernommenAchim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Hrsg. von Heinz Rölleke. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1979, . und 1816 erschien der Inhalt der Tannhäuser-Ballade in Prosafassung in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm.Brüder Grimm: Der Tannhäuser. In: (dies.): Deutsche Sagen. Band 1. Nicolai, Berlin 1816, Nr. 170, S. 246f. 1837 hatte Heinrich Heine im zweiten Teil seiner Elementargeister die Frage behandelt, ob und wenn ja inwiefern Frau Venus eine Teufelin sei und dabei nicht nur den Text der Ballade wiedergegeben, sondern eine eigene, erweiterte und mit einem satirischen Schluss versehene Fassung geliefert.

Literatur Anton Anderluh: Kärntens Volksliedschaft, Band II/1, Klagenfurt 1966, Lied-Nr. 20. Deutsches Volksliedarchiv und einzelne Herausgeber: Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien. Balladen [DVldr], Band 1, Berlin 1935, Nr. 15. – Vgl. Otto Holzapfel u. a.: Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien: Balladen. Band 10. Peter Lang, Bern 1996 (zu DVldr Nr. 15 im Volksballaden-Index O 39). Gert Glaser: Die Kärntner Volksballade. Klagenfurt 1975, S. 149–167 (ausführliche Darstellung der Liedbelege aus Kärnten aufgrund der Edition von Anderluh; Melodie-Parallelen). Otto Holzapfel: Das große deutsche Volksballadenbuch. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2000, S. 343–346 (mit Kommentar). Otto Holzapfel: Liedverzeichnis. Band 1–2, Olms, Hildesheim 2006, ISBN 3-487-13100-5 (Eintrag zu „Nun will ich aber heben an...“ mit weiteren Hinweisen). Richard M. Meyer: Tannhäuser und Tannhäusersage. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 21 (1911), S. 1–31. Dietz-Rüdiger Moser: Die Tannhäuser-Legende. Eine Studie über Intentionalität und Rezeption katechetischer Volkserzählungen zum Buss-Sakrament. De Gruyter, Berlin und New York 1977, ISBN 3-11-005957-6. Hanno Rüther: Der Mythos von den Minnesängern. Die Entstehung der Moringer-, Tannhäuser- und Bremberger-Ballade (= Pictura et Poesis 23). Böhlau, Köln 2007, ISBN 978-3-412-23906-0, S. 140–266. Burghart Wachinger: Tannhäuser-Ballade. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Verfasserlexikon. Band 9. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 1995, Sp. 611–616.

Weblinks Drei Textfassungen: Flugblatt von 1515, Des Knaben Wunderhorn und Grimms Deutsche Sagen Tannhäuser-Lied von einem Fliegenden Blatt, ca. 1520 Otto Holzapfel Liedverzeichnis (Online-Version als PDF; hier Lieddatei unter „Nun will ich aber heben an…“ und Lexikon unter „Tannhauser“)

Einzelnachweise Philip Stephan Barto: Tannhäuser and the Mountain of Venus. A Study in the Legend of the Germanic Paradise. Oxford University Press, New York u. a. 1916. Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Verfasserlexikon. Band 9. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 1995, ISBN 978-3-11-022248-7.

Kategorie:Numinose Ballade Kategorie:Volkslied Kategorie:Sagenrezeption