Die epische Formel ist ein typisches, sprachliches Gestaltungsmerkmal der Volksballade. Die Volksballade verwendet einzelne vorgeprägte Wortfolgen, das sind Formelzeilen, Formelstrophen und ganze Formelfolgen in der erzählerischen Funktion, eine Handlung knapp, übersichtlich und verständlich zu gestalten. Klassische Beispiele finden sich in: „Bernauerin (Volksballade)“ mit der Überraschungsformel, „Graf und Nonne“ mit der Formelfolge: schwere Träume, Sattelstrophe und Treffen vor dem Tor, „Mädchenmörder“ mit der Entführungsformel und „Schloss in Österreich“ mit der Formelfolge Sattelstrophe (Pferd satteln) und Treffen vor dem Tor (vor dem Schloss) [an den angemerkten Stellen wird auf diese epischen Formeln hingewiesen].

Begriff und literarische Einordnung Die ältere Forschung betrachtete die Formelhaftigkeit des Volksliedes eher als eine stilistische Verarmung. Heute sehen wir in dem System epischer Formelhaftigkeit eine qualitativ hohe dichterische Gestaltungskomponente. Auf die stereotype Ausdrucksweise des Volksliedes (und der älteren Epik) ist man lange aufmerksam gewesen (Richard M. Meyer, 1889; Alfred Wirth, 1897; Albert Daur, 1909; Max Ittenbach, 1944; und andere). Die epische Formel ist in der Volksballade eine relativ festgefügte, nur begrenzt variierte und unter den Bedingungen mündlicher Überlieferung entstandene Wendung. Sie wird auch mehrzeilig gebraucht in der typischen vierzeiligen Volksliedstrophe und aneinandergereiht als Folge mehrerer Formeln. Die epische Formel, formal konzentriert und inhaltlich leicht zu merken, ist ein die mündliche Überlieferung stabilisierender Faktor. Dagegen ist Variabilität an sich ein Hauptmerkmal der Gattung Volkslied und der Volksdichtung überhaupt. Engführung durch die stereotype Sprache einerseits, begrenzte Ausweitung durch die Variabilität andererseits bilden den Spannungsbogen, in dem Volksballadentexte überliefert werden und eine Sprachebene besonderer Tradition bilden.

Das Konzept der Analyse von Volksballadentexten anhand epischer Formeln ist auf die englisch-schottische Balladenüberlieferung ausgeweitet worden, wobei verschiedene Sprachebenen von Oberflächen- (formale Verwendung stereotyper Elemente) und Tiefenstruktur (zu analysierende inhaltliche Bedeutung) unterschieden werden (Flemming G. Andersen, 1985 [mit weiterführenden Hinweisen]). In einer zusätzlichen Erweiterung wird der kulturelle Hintergrund einer Blütezeit der dänischen und schwedischen Volksballade (folkevise) während der Renaissance einbezogen (Vibeke A. Pedersen, 1996 [mit weiterführenden Hinweisen]).

In einer Folge von epischen Formeln, die für die gesamte Liedüberlieferung bei gleichen und ähnlichen Szenen immer wieder verwendet wird, entsteht ein stabiles, narratives Gerüst für die Volksballade, die damit gut memorierbar ist, ja sogar scheinbar improvisierbar (memorierende, regelgebundene Improvisation). Darüber hinaus liefert die epische Formel mit einem abgegrenzten, tradierten Verständnishorizont und damit weitgehend festgelegter, inhaltlicher Bedeutung einen Interpretationsrahmen für den Text. Dieser setzt allerdings tradiertes Verständnis für das kulturelle Milieu der Volksballade voraus, und das muss für heutige Leser verständlich gemacht werden.

Parallelen in anderen literarischen Gattungen lassen erkennen, dass die epische Formel ein in der Volksdichtung (und in der davon beeinflussten Hochliteratur) allgemein verbreitetes Element ist. Ähnliche balladeske Strukturen sind derart in der europäischen Dichtung seit dem Mittelalter nachweisbar. Besonders in der dänischen Volksballade (folkevise) mit mittelalterlichen Wurzeln ist ein hochentwickelter Gebrauch epischer Formeln festzustellen.

Abgrenzung der epischen Formel vom Motiv

Topos (Geisteswissenschaft) und Motiv (Literatur) sind thematisch orientierte Stilmerkmale eines Textes, das erstere bei wiederholtem, häufigem Gebrauch, das zweite bei gelegentlichem. Es sind vorgeprägte Sprachbilder, die stereotyp (immer, wenn ein solches Bild zur Sprache kommt) verwendet werden und damit mögliche individuelle und anderslautende Formulierungen sozusagen verdrängen. Die epische Formel dagegen ist eine funktionale Kategorie in der narrativen Gestaltung des Textes, ein strukturgebendes Textelement. Sie ist ein für ein Thema vorgefertigtes Satzmuster, welches den Erzählfluss in bestimmter Weise strukturiert und, immer wenn ein entsprechendes Handlungselement ansteht, traditionell übernommen wird. „Das Motiv ist von innerer (struktureller) Einheit, ohne jedoch eine Handlung […] zu konkretisieren.“ heißt es unter „Motiv (Literatur)“ in der Wikipedia.de.Motiv (Literatur) [Zugriff: November 2014] Gerade das tut aber die epische Formel; sie konkretisiert und charakterisiert einen Handlungsverlauf in stereotyper, vorgeprägter Weise.

Ein Erzählstoff setzt sich aus Motiven zusammen. Das Motiv ist die „kleinste individuelle Handlungseinheit“. Diese allgemeingültige Formulierung steht auch am Anfang der Überlegungen zur epischen Formel.Otto Holzapfel: Studien zur Formelhaftigkeit der mittelalterlichen dänischen Volksballade, Diss. Frankfurt am Main 1969, S. 59. Die epische Formel kann auch ein Motiv beinhalten, beschreibt aber einen Handlungsverlauf, nicht ein einzelnes Bild. Für die Volksballade sind nicht einzelne Motive von Interesse, sie fokussiert auf ein Thema, das sich an der Gesamthandlung orientiert, etwa in der Volksballade von Graf und Nonne das Thema „arm und reich“ als Gegensatz. Das wird konkretisiert im Bild vom reichen „Grafen“ und dem armen Mädchen, dem als Ausweg, da sie (ohne nähere Begründung) ihn nicht haben will, nur der Gang ins Kloster als „Nonne“ bleibt. Der soziale Gegensatz wird zudem im Bild von „Berg und Tal“ als Eingangsstrophe beschrieben.Otto Holzapfel: Deutsche Volkslieder: Balladen / Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien, Band 8 [DVldr Nr. 155 „Graf und Nonne“], Freiburg i. Br. 1988, S. 237 f., Kapitel Einzelthemen und Motive. ISBN 3-7806-0388-8. Der Verlauf der Handlung selbst bekommt seine Struktur durch eine Abfolge epischer Formeln.

Eine von mehreren Möglichkeiten (neben der formelhaften vor allem die individuelle Gestaltung in der Hochliteratur, die alles Stereotype grundsätzlich „verachtet“ – Übergänge gibt es jedoch), den Erzählstoff zu strukturieren, bedient sich der epischen Formel, die vor allem ein Kennzeichen der an Mündlichkeit orientierten Volksliteratur ist. (Die Bilder, welche dabei verwendet werden, stammen aus dem Repertoire des gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses (kulturelles GedächtnisGerade diese Charakterisierung gilt nicht für Topos und Motiv; besonders das literarische Motiv kann/möchte eine „genialische“ Einzelerfindung sein, wie sie im Rahmen der Hochliteratur geschätzt wird.); für einen heutigen Leser müssen sie häufig erläutert und interpretiert werden.) Das gilt jedoch nicht für die gesamte Volksliteratur mit ihren verschiedenen Gattungen in gleicher Weise; für die Volksballade mit ihren endreimenden Strophenformen ist die epische Formel charakteristisch; sie ist gattungstypisch, ja sie konstituiert diese Gattung. Für das Volksmärchen, das (abgesehen von eingestreuten Versen) eine Form der Prosaerzählung darstellt, ist das Motiv bestimmend; die Erforschung von tradierten Erzähl-Motiven (Aarne-Thompson-Index) aus mündlicher Überlieferung bedient sich der Volksmärchen, nicht der Volksballade.

Beispiele für epische Formeln Wir skizzieren eine Auswahl der auffälligsten epischen Formeln in der Volksballade. Der Struktur der Handlung entsprechend können sie folgenden Szenen zugeordnet werden: Situationsformeln, Begegnungsformeln, Überraschungsformeln, Formelfolge: schwere Träume, Sattelstrophe und Treffen vor dem Tor, Konfrontationsformeln, Entführungsformeln.

Situationsformeln Situationsformeln sind epische Strukturelemente balladesker Handlungsführung zur Eröffnung und zur Schilderung der Ausgangssituation. Etwa mit „Der Tag verging, es kam die Nacht, die Braut ward in die Kammer gebracht“ wird ausgedrückt, dass nach dem glücklich verlaufenden Tag der Einbruch des Abends eine bedrohliche Situation ankündigt, die dem Handlungsverlauf eine dramatische Wendung gibt (in diesem Fall: in der „Bluthochzeit“ stirbt die Braut in dieser Nacht). Funktionsgleich sind Formeln wie „Es ritt ein Ritter wohl über den Rhein...“, „Es wollt einmal ein edler Herr ausreiten...“, welche die Gefahr der Entfernung vom gewohnten Umfeld signalisieren und zu einer Konfrontation (siehe dort) führen.

Die „Fremde“ ist gefährlich wie der Abend für den Tag. „Der englische König wohl über dem Rhein, der hatte...“ eine Tochter, die als Dienstmagd unwürdig ihr Leben zubringt („Dienende Schwester“). „Über den Rhein...“ ist eine epische Formel für die gefährliche Fremde. Sie wird etwa auch im slowenischen Volkslied allgemein gebraucht, um Trennung und Abschied zu signalisieren. Der Rhein ist (im Lied und in der historischen Realität auf weite Strecken) eine typische Schwelle zwischen verschiedenen Kulturlandschaften, die früher nicht ohne Not überschritten werden sollte. Auch Heiraten zwischen evangelischen und katholischen Landschaften, die durch den Rhein getrennt waren, sind bis in das 20. Jahrhundert hinein eher ungewöhnlich. Mit dem Bild vom Rhein wird historische Erfahrung verarbeitet, die allerdings nicht in jeder Region gleich war (am Oberrhein bildete der Fluss keine starre Grenze).

„Es ritt ein Herr und auch ein Knecht den breiten Weg, den schmalen Steg...“, „Es reitet... wohl über ein breite Haide, übern schmalen Steg, da [plötzlich]...“ und ähnlich verbindet vordergründiges Bild (schmaler Steg) mit inhaltlich drohender Gefahr.

Eine andere typische Ausgangssituation erzählt vom Mädchen, das „in den Wald“ gehen will. Mit „Ein Mädchen wollte früh aufstehn, wollt gehen in den Wald, wollt in den Wald spazieren gehn, halli, hallo, spazieren gehn, wollt Brombeern brocken [pflücken] ab. / Und als das Mädchen in den Wald nauskam, begegnet ihm der Jägersknecht...“ beginnt eine Variante der Volksballade von der „Brombeerpflückerin“, die vom Jäger vergewaltigt wird. Der Wald und die Heide (siehe: Begegnung auf der Heide) sind in der Volksballade „gefährliche“ Bereiche, die jenseits der Schwelle von Haus und Hof und außerhalb des gepflügten Ackers liegen.

Diese Schwelle wird in den skandinavischen Volksballaden, welche nicht nur in dieser Hinsicht archaischer als die deutschen erscheinen, sehr deutlich markiert. Tragisches Zusammentreffen findet am bzw. im Tor des Hofes und der Burg statt, ahnungsvolle Blicke gehen aus dem Fenster und über die Zinne hinaus (auch in der französischen Volksballade ist der Blick „von der Zinne“ eine weitverbreitete Formel, der eine Bildformel „Madame à sa tour“ entspricht). Der Wald hat als Formel zuweilen durchaus auch einen konkreten und realen Hintergrund wie etwa im Lied vom „Mädchenmörder“: Mitten im Wald findet das Mädchen Herrn Halewijn (Tauben und blutrotes Quellwasser warnen sie zuvor). Es kommt an den Galgenwald, wo Frauen erhängt sind. Das droht auch dem Mädchen.

Begegnungsformeln Mit „Als er nun über die Heide ritt und seiner Frau Schwieger entgegen sieht, da nahm...“ entwickelt eine Volksballade mit der epischen Formelfolge „über die Heide reiten... / (ihm) entgegen sehen...“ eine dramatische Handlung. Neben dem Wald, welcher im Märchen eine signifikante Rolle spielt und ebenso in den dänischen Volksballaden als typischer Ort der Gefährdung auftaucht, ist die Heide ein Ort der bedrohlichen Begegnung.