Die Grauammer (Emberiza calandra, Syn.: Miliaria calandra) ist eine Vogelart aus der Familie der Ammern (Emberizidae). Diese Ammer besiedelt große Teile der südwestlichen Paläarktis von den Kanarischen Inseln, dem Nordwesten Afrikas, Portugal und Irland nach Osten bis in den Südwesten des Iran und Kasachstan. Die Grauammer bewohnt offene Landschaften mit einzelnen Bäumen oder Büschen und zumindest teilweise dichter Bodenvegetation, in Mitteleuropa vor allem extensiv genutztes Grünland, Ackerränder und Brachen. Die Art ist je nach Verbreitung Teilzieher, Kurzstrecken- oder Mittelstreckenzieher.
Der Bestand ist in Nordwest- und Mitteleuropa in den 1960er bis 1980er Jahren zum Teil dramatisch eingebrochen, nach 1990 wurde in Teilen Europas eine Zunahme, in anderen Teilen jedoch eine weitere Abnahme beobachtet, die Gründe liegen wohl vor allem in Änderungen der landwirtschaftlichen Nutzung. Insgesamt gilt der Weltbestand als rückläufig, weltweit wird die Grauammer von der IUCN aber noch als ungefährdet („least concern“) eingestuft. In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands von 2015 wird die Art auf der Vorwarnliste geführt.
2024 ist die Art „Vogel des Jahres“ in Österreich.
mini|Grauammer mini|Grauammer im Nationalpark Unteres Odertal
Beschreibung
Grauammern sind sehr große, kräftig gebaute Ammern mit eher großem Kopf, kräftigem Schnabel und mittellangem Schwanz. Sie sind insgesamt recht einfarbig bräunlich und haben keine auffallenden Zeichnungen. Die Geschlechter sind gleich gefärbt, Männchen sind im Mittel jedoch deutlich größer und schwerer als Weibchen.
Mit einer Körperlänge von 16 bis 19 cm und einem Gewicht zwischen 32 und 67 gUrs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1864 ist die Art die größte Ammer der westlichen Paläarktis und größer und erheblich schwerer als eine Goldammer. Im Schweizer Mittelland zwischen März und Oktober gefangene Männchen hatten Flügellängen von 96,0 bis 106,0 mm, im Mittel 101,5 mm und Gewichte von 45,0 bis 62,0 g, Weibchen erreichten Flügellängen von 87,0 bis 95,0 mm, im Mittel 91,6 mm und Gewichte von 38,0 bis 55,5 g.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1862–1863
Bei adulten Vögeln sind Rücken, Schulterfedern, Bürzel und Oberschwanzdecken graubraun bis mittelbraun. Auf diesem Grund sind vorderer Rücken und Schulterfedern kräftig schwarzbraun gestrichelt. Hinterer Rücken und Bürzel können ebenso kräftig gestrichelt sein wie der vordere Rücken, die Strichelung kann aber auch schwach braun sein und fällt dann kaum auf. Im frischen Gefieder können vor allem die seitlichen Oberschwanzdecken weißliche Spitzensäume aufweisen.
Auch die Flügeloberseite ist überwiegend mittelbraun. Die mittleren und großen Armdecken zeigen im frischen Gefieder breite hellbraune Säume, die zunehmend verblassen und hierdurch auffälliger werden. Die Handschwingen haben an der Außenfahne einen schmalen, hellbeigen Saum, die Armschwingenaußenfahnen sind breiter und wärmer braun gesäumt. Die Grauammer zeigt kein Weiß an den Schwanzaußenkanten. Die mittelbraunen Steuerfedern sind außen und innen schmal hellbeige gesäumt, diese Säume werden zur Federspitze hin breiter. Die Unterseite des Rumpfes ist hellbeige bis düster graubeige und in variablem Umfang dunkel gestrichelt.
Auch am Kopf fehlen auffallende Zeichnungen, der Kopf ist wie der Rücken grau- bis mittelbraun. Der Oberkopf ist fein dunkel gestrichelt, der undeutliche Überaugenstreif ist hellbeige. Kehle und Halsseiten sind ebenfalls hellbeige, der Kinnstreif ist graubraun bis mittelbraun.
Die Iris ist tief dunkelbraun. Der Schnabel ist gelblich hornfarben, der Schnabelfirst dunkel hornbraun. Die Beine sind gelblich rosa.
Im Jugendkleid ist die Oberseite heller warm beigebraun ohne Grautöne. Die Scheitelseiten sind dunkel, der mittlere Oberkopf ist meist spärlich dunkel gestreift, wodurch ein 2 bis 3 mm breiter, heller Streifen über die Kopfmitte entsteht. Schulterfedern und Oberflügeldecken sind tiefbraun mit scharf abgesetzten hellbeigen Säumen. Nach der herbstlichen Vollmauser sind die jungen Vögel nicht mehr von adulten Vögeln zu unterscheiden.
Lautäußerungen
Der ausschließlich vom Männchen geäußerte und fast ganzjährig zu hörende Gesang ist recht monoton. Er besteht aus einer einzelnen, kurzen und häufig wiederholten Strophe ohne melodische Elemente, die 1,3 bis 2,5 Sekunden dauert. Die Strophe ist deutlich dreiteilig. Der erste Teil besteht aus drei bis zehn sehr kurzen, harten Elementen, die mit steigender Geschwindigkeit vorgetragen werden. Danach folgt ein trillerartiger Teil mit einem bis acht Blöcken aus jeweils um die zehn gleichartigen Elementen. Die Strophe endet mit einem knirschenden, rasselnden Triller aus drei bis sechs Elementfolgen, die vom menschlichen Ohr nicht mehr als Einzellaute wahrgenommen werden können. Der Klang dieses Trillers wird mit dem Klirren eines Schlüsselbundes verglichen.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1865–1876 Die Strophe lässt sich lautmalerisch etwa wie „tück tück-zick-zik-zkzkzkrissrisss“ wiedergeben.Lars Svensson, Killian Mullarney, Dan Zetterström: Der Kosmos Vogelführer. Kosmos, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-440-12384-3: S. 402.
Der Gesang wird von einer erhöhten Singwarte mit freiem Rundblick vorgetragen, sehr gerne von Telefon- oder niedrigen Stromleitungen, aber auch von den Spitzen einzelner Büsche oder Bäume, von Zäunen, Heuballen und ähnlichen Strukturen.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1902–1903
Systematik
Die systematische Stellung der Grauammer war lange umstritten. Karel Voous trennte die Grauammer im Jahr 1977 von der Gattung Emberiza ab und stellte sie als einzige Art in die damit monotypische Gattung Miliaria 1928. Voous begründete diese Abtrennung mit der Größe, dem von allen anderen Arten der Gattung Emberiza abweichenden Schnabelbau, der vollständigen Jugendmauser und dem abweichenden Verhalten.Voous, K. H.: List of Recent Holarctic Bird Species, second ed. British Ornithologists Union, London 1977. zitiert In: P. L. M. Lee, L. J. Richardson & R. B. Bradbury: The phylogenetic status of the Corn Bunting Milaria calandra based on mitochondrial control-region DNA sequences. Ibis 143, 2001: S. 299–303 Glutz von Blotzheim & Bauer schlossen sich dieser Auffassung an und gaben als weitere allein bei der Grauammer auftretende Merkmale das fehlende Prachtkleid des Männchens, die fehlenden weißen Schwanzaußenkanten, den tief gegabelten Schwanz, die kurzen Flügel und den sehr einfachen Gesang an.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1857
Im Ergebnis mehrerer molekulargenetischer Untersuchungen der DNA konnte eine systematische Sonderstellung der Grauammer jedoch nicht bestätigt werden. Die Grauammer ist demnach eindeutig der – unter Einschluss weiterer bisher monotypischer Gattungen – monophyletischen Gattung Emberiza zuzuordnen.P. L. M. Lee, L. J. Richardson & R. B. Bradbury: The phylogenetic status of the Corn Bunting Milaria calandra based on mitochondrial control-region DNA sequences. Ibis 143, 2001: S. 299–303 Schwestertaxon der Grauammer ist offenbar die Bandammer (Emberiza fucata), dieses Schwestertaxonverhältnis ist jedoch noch nicht ausreichend gesichert.Per Alström, Urban Olsson, Fumin Lei, Hai-tao Wang, Wei Gao, Per Sundberg: Phylogeny and classification of the Old World Emberizini (Aves, Passeriformes). Molecular Phylogenetics and Evolution 47, 2008: S. 960–973
Neben der Nominatform wird heute meist nur noch eine weitere, wenig differenzierte Unterart anerkanntUrs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1859Alan P. Peterson: Birds of the World – current valid scientific avian names. (Version 9.025 (2011.10.09)) – Emberizidae. (Online, abgerufen am 17. Dezember 2011):
Emberiza calandra calandra – Größter Teil des Verbreitungsgebietes. Die Nominatform ist oben beschrieben. Emberiza calandra buturlini – Südosten des Verbreitungsgebietes vom Nahen Osten bis Zentralasien. Heller als Nominatform, Oberseite im frischen Gefieder mehr olivgrau, später mehr sandgrau mit helleren Federspitzen und -säumen, Unterseite weißer. Asiatische Grauammern sind außerdem an Kehle und Flanken weniger gestrichelt.
Verbreitung und Lebensraum
mini|Verbreitungsgebiete der Grauammer(grün = Brutgebiete, dunkelgrün = ganzjähriges Vorkommen, blau = Überwinterungsgebiete)
Die Grauammer besiedelt große Teile der südwestlichen Paläarktis von den Kanarischen Inseln, dem Nordwesten Afrikas, Portugal und Irland nach Osten bis zum Westrand des Kaspischen Meeres, weiter südlich bzw. östlich erstreckt sich das Areal dann in zwei relativ schmalen Zonen einerseits bis in den Südwesten des Iran und andererseits bis in das südöstliche Kasachstan. Die Nordgrenze der Verbreitung verläuft von den Shetlandinseln über die Nordspitze von Dänemark und dem äußersten Süden Schwedens bis Estland und Litauen und dann durch Südwest-Russland und die Ukraine bis zum Nordwestrand des Kaspischen Meeres bei etwa 43° N. Die Südgrenze des Areals wird im östlichen Mittelmeerraum auf Kreta, Rhodos und Zypern sowie im Nahen Osten in einer schmalen Zone entlang des Mittelmeeres im Süden Israels erreicht. Weiter östlich folgt die südliche Verbreitungsgrenze etwa der Südgrenze der Türkei und reicht dann im Westen des Iran etwa bis zur Straße von Hormus. Die Grauammer gilt als ursprünglich auf die mediterrane Zone und die Steppenzone beschränkter Brutvogel, der sich erst durch den Ackerbau des Menschen nach Norden und Westen in die gemäßigte und die boreale Zone ausbreiten konnte.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1857–1859
Die Art bewohnt offene Landschaften mit einzelnen Bäumen oder Büschen und zumindest teilweise dichter Bodenvegetation, in Mitteleuropa vor allem extensiv genutztes Grünland, Ackerränder und Brachen. Daneben werden auch Dünen und Heiden besiedelt. Im Mittelmeerraum kommt die Grauammer auch in aufgelassenen Olivenhainen und Weinbergen, in degradiertem, niedrigwüchsigem Buschland wie Macchie, Garrigue und Matorral, auf Brandflächen, in lichten Eichenwäldern sowie küstennah auch auf felsigen Trockenhängen und in Salicornia-Steppen vor.Urs N. Glutz von Blotzheim, Kurt M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 14/III, Passeriformes (5. Teil): Embrizidae – Icteridae. Aula, Wiesbaden 1997: S. 1891
Ernährung