mini|hochkant|Pontosgriechische Tracht im Hellenischen Kriegsmuseum Die Pontosgriechen (auch Pontusgriechen) oder Pontier (, ) sind die Nachfahren jener Griechen, die im Altertum die historische Landschaft Pontos besiedelten. Ihr Sprachraum erstreckte sich über die heutige östliche türkische Schwarzmeerküste bis hin zu angrenzenden Teilen Georgiens und verbreitete sich bei Wanderungsbewegungen über die Kaukasusregion hinaus bis nach Russland. Christopher Moseley: Encyclopedia of the world's endangered languages. 2007, S. 265. Die christlichen Pontosgriechen lebten an der türkischen Schwarzmeerküste, wurden jedoch im Osmanischen Reich verfolgt und im Jahr 1923 in Folge des Bevölkerungsaustauschs zwischen Griechenland und der Türkei zwangsdeportiert. Die Pontosgriechen, die unter staatlichem oder kulturellem Druck muslimisch wurden, leben noch dort, sind türkische Staatsbürger und haben türkische Namen angenommen. Charakteristisch für die pontischen Griechen ist das pontische Griechisch, das viele von ihnen noch sprechen. Die Bezeichnung Pontosgriechen lässt sich von der antiken Bezeichnung des Schwarzen Meeres ableiten: Pontos Euxeinos.

Begriffsanwendung Der ehemalige Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg Loukas Lymperopoulos spricht in Die Pontosgriechen in Geschichte und Gegenwart (2019) von „überlebenden Pontosgriechen der ersten Generation“. Diese „erste Generation“ bestand aus Menschen, die die Gräuel der Zeit bis 1923 selbst erlebt haben; von diesen Menschen lebt fast niemand mehr. Aussagen über Pontosgriechen im Präsens beziehen sich fast immer auf die zweite und folgende Generationen, von denen fast alle nicht mehr in der Schwarzmeerregion leben. In dem Buch besteht die „erste Generation“ von Pontosgriechen aus Menschen, die selbst nach Deutschland eingewandert sind (also Migranten). Alle weiteren Generationen sind deren Kinder, Enkel usw. (also Menschen mit Migrationshintergrund). Über die Pontosgriechen in Hamburg schreibt Lymperopoulos: „Viele Kinder der zweiten oder dritten Generation haben sowohl die griechische als auch die deutsche Staatsangehörigkeit oder nur die letztere. Sie werden in der Statistik der Bundesbehörde nicht als Griechen geführt. Die pontosstämmigen Griechen in Hamburg sind sowohl ein Teil der Pontosgriechen in ganz Deutschland als auch ein Teil der griechischen Community in der Hansestadt. Ihre Lebensläufe sind ähnlich wie bei den anderen Griechen.“ Der Anteil der Pontosgriechen unter allen Griechen in Deutschland beträgt zwischen 30 und 35 Prozent.

Pontische Sprache

Die Pontosgriechen sprechen meist noch ihren griechischen Dialekt, das Pontische, der sich in anderer Art und Weise als das Standardgriechische (Dimotiki, Δημοτική, siehe auch Griechische Sprache) aus dem Altgriechischen (insbesondere der Koine) entwickelt hat und sich folglich merklich davon unterscheidet.

Die Anzahl der Sprecher des Pontischen geht in Griechenland generationenweise zurück, da es an öffentlichen Schulen nicht gelehrt wird und bestenfalls nur mündlich weitergegeben wird. Am ehesten erhalten wird die Sprache noch in einigen Teilen Nordgriechenlands, was damit zusammenhängt, dass in Städten wie Thessaloniki oder Kilkis, aber auch in der nordgriechischen Provinz die meisten Pontier angesiedelt wurden. Außerdem wird er noch von in der Türkei gebliebenen muslimischen Griechen gesprochen, die zum größten Teil in den Dörfern um Çaykara in der Provinz Trabzon leben. Die Sprecheranzahl geht auch dort zurück.

Geschichte Antike Vorchristliche Zeit mini|Das Königreich Pontos erlangte seine größte Ausdehnung unter Mithridates VI. mini|Pontische Münze aus Sinope mit der Abbildung des Pontischen Adlers, dem heutigen Symbol der Pontosgriechen (4. Jhd. v. Chr.).

Die griechische Präsenz am Schwarzen Meer geht zurück bis in die Zeit der Antike. Die Forschung belegt die ersten Aktivitäten freier Händler und Abenteurer in der Zeit um 1000 v. Chr. Sie waren dort hauptsächlich auf der Suche nach Gold und Erzen.

Die überlieferte Argonautensage über die Reise Iasons und der 50 Helden nach Kolchis, die Reise des Herakles auf dem Schwarzen Meer, die in der Odyssee beschriebenen Abenteuer des Odysseus im Lande der Kimmerier, die Bestrafung des Prometheus durch Zeus am Kaukasus und andere griechische Mythen mit Bezug auf diese Region belegen die Existenz antiker Handelsrouten.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen sich griechische Handelsposten an der pontischen Küste zu permanenten Siedlungen zu entwickeln. Die Stadt Milet gründete mit Sinope die erste griechische Kolonie am Schwarzen Meer. Auf Grund seines Hafens und des guten Zugangs zum Hinterland entwickelte Sinope sich rasch zu einem bedeutenden Handelszentrum. In der Folge wurden entlang der pontischen Südküste nach ähnlichem Muster zahlreiche Städte gegründet, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu bevölkerungsreichen Zentren für Seehandel und Kultur entwickelten. So brachte der Pontos Persönlichkeiten wie Herakleides Pontikos oder Diogenes von Sinope hervor.

Archäologische Funde und zahlreiche schriftliche Quellen der Antike und Postantike dokumentieren die wirtschaftliche Aktivität der pontischen Städte, ihr Verhältnis zu den Mutterstädten (Metropolen) und ihre Beziehungen untereinander wie zu den indigenen Völkern.

Die politische und kulturelle Dominanz der griechischen Städte am Pontos wird vor allem durch die Betrachtung der weiteren Entwicklung der indigenen Völker der Region offenbar, die im Laufe der Jahrhunderte zu großen Teilen griechische Kultur und griechisches Denken annahmen. In seiner Anabasis beschreibt Xenophon seine Erlebnisse im „Zug der Zehntausend“ – dem strapazen- und verlustreichen Rückzug griechischer Söldner nach der Schlacht bei Kunaxa – durch das ganze Perserreich hindurch bis zum Erreichen der griechischen Städte des Schwarzen Meeres, wie beispielsweise Herakleia Pontike, „“, einer griechischen Stadt von Kolonisten aus Megara.Xenophon, Κύρου Ανάβασις, 6.2.1 Xenophon liefert hierin ausführliche Berichte über Land und Leute, Sitten und Gebräuche.

In der Zeit Alexanders des Großen und seiner Nachfolger war die wirtschaftliche Macht der griechischen Städte auf ihrem Höhepunkt. Die Auswirkung der hellenistischen Kultur auf die eingeborenen Völker war enorm und hatte sie grundlegend in ihrer sozialen und kulturellen Entwicklung beeinflusst. Im 1. Jahrhundert v. Chr. erhob der pontische König Mithridates Eupator die griechische Sprache zur offiziellen Amtssprache seines Reiches und somit zur offiziellen allgemeinen Verkehrssprache der zahlreichen – und dadurch vielsprachigen – indigenen Völker Kleinasiens, was deren Hellenisierung spätestens jetzt nach sich zog. (Siehe auch: Pontos (Königreich))

Christianisierung Die Apostel Andreas und Petrus brachten das Christentum bereits sehr früh in die Region des Pontos. Dabei war der Status des Griechischen als allgemeine Verkehrssprache der Region bei der Christianisierung vor allem auch der hellenisierten indigenen Gemeinschaften eine willkommene Hilfestellung – sowohl anfangs für die Apostel als auch später für die Kirchenväter. Auf der anderen Seite führte die Christianisierung der hellenisierten indigenen Bevölkerung zur endgültigen Annahme der griechischen Identität und Kultur. So verschmolzen sie mit den Griechen zu einer einheitlichen Kultur, die auf der gemeinsamen Basis des Christentums gründete.

Mittelalter Die Eroberung Konstantinopels durch die Franken, wie die römisch-katholischen Westeuropäer in Erinnerung an das Fränkische Reich im Osten genannt wurden, im Vierten Kreuzzug führte zur Errichtung des Lateinischen Kaiserreiches, das sich feudal in kleine fränkische Staaten zergliederte. In den Gebieten des Byzantinischen Reiches, die die Eroberer nicht besetzen konnten, entstanden auch kleinere griechische Staaten, deren Herrscher alsbald den Kaisertitel für sich beanspruchten. So kam es, dass Alexios Komnenos aus der Dynastie der Komnenen gemeinsam mit seinem Bruder David (beide waren vor der Eroberung der Hauptstadt geflohen) das Kaiserreich Trapezunt gründete. Dadurch wurde das bis dahin eher unbedeutende Trapezunt (das heutige Trabzon) Hauptstadt eines Staates, der durch geschickte Diplomatie und durch Anlehnung an regionale Mächte, wie Georgien oder das Mongolische Reich und seine Nachfolgestaaten, seine Unabhängigkeit bis zum Ausgang des Mittelalters behaupten konnte und durch Fernhandelsverbindungen zu Reichtum gelangte.

Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 und der Fall von Trapezunt acht Jahre später (1461) bildete für die pontischen Griechen eine Zäsur in ihrer Geschichte. Viele – insbesondere wohlhabende Einwohner der reichen Küstenstädte und der Dörfer – flohen in die umliegenden Gebirgsregionen des Pontus, in dem Versuch, fernab der Aufmerksamkeit der neuen Herrscher in neu gegründeten und freien griechischen Dörfern und Städten zu leben. Ein großer Teil wanderte in das Russische Reich bzw. in dessen südliche Küstengebiete nach Georgien, Armenien und in Folge ethnischer Deportationen unter Stalin auch nach Kasachstan (siehe auch: Griechen in Kasachstan) aus, wo sie neue griechische Gemeinden gründeten. So entstanden kulturelle Zentren, die auch in den Folgejahrzehnten vom nunmehr osmanischen Pontus geflohene Griechen aufnahmen.

Zu den bedeutenden pontischen Griechen des Mittelalters zählt der Humanist und Kardinal Bessarion.

Neuzeit Im Osmanischen Reich

mini|Pontosgriechische Soldaten

Ab dem 18. Jahrhundert wanderten weite Teile der Population insbesondere nach Russland und die Kaukasusregion ab. Umgekehrt ließen sich muslimische Tataren und Tscherkessen, deren Heimatgebiete unter russische Herrschaft geraten waren, im Osmanischen Reich nieder. In seinem 1845 herausgegebenen Werk Fragmente aus dem Orient erwähnt Jakob Philipp Fallmerayer christliche Pontosgriechen, denen er auf seinen Reisen im Osmanischen Reich begegnet war. Sie seien griechischsprachig und dienten der Schutzpatronin ihres Tales, der Panagia Sumela.Jakob Philipp Fallmerayer: Fragmente aus dem Orient. Zweiter Band. Stuttgart und Tübingen 1845, S. 155. Fallmerayer bezeichnet sie als „byzantinische Griechen“ und ihr Griechisch als „Matschuka-Griechisch“ (nach dem Ort Maçka, griech. Ματσούκα).Jakob Philipp Fallmerayer: Fragmente aus dem Orient. Zweiter Band, Stuttgart und Tübingen 1845, S. 102. Nach dem Aufstand der Griechen im Jahr 1821 gegen das Osmanische Reich aber insbesondere nach Anerkennung der Unabhängigkeit von Griechenland nach der Londoner Konferenz von 1832, hatte sich die Stimmung gegenüber der griechischen Bevölkerung im Osmanischen Reich weitgehend verschlechtert. Nationalistische Gedanken fanden immer mehr Anhänger auch unter der türkischen Bevölkerung im Vielvölkerstaat der Osmanen. Ein Miteinander wurde mit der Zeit und dem Zerfall des Reiches immer schwieriger.

Vorwurf des Völkermords