Hor-pa-chered (auch Har-pa-chered) ist als altägyptische Gottheit eine Bezeichnung des Gottes Horus als Kind. Bei der seit der dritten Zwischenzeit belegten Gottheit Hor-pa-chered handelt es sich um den in der griechisch-römischen Zeit benannten ptolemäischen Gott Harpokrates.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 23.

Früherer Gattungsname „Harpokrates“ für Hor-pa-chered Der Begriff Harpokrates bezeichnete als griechische Entsprechung des altägyptischen Horuskindes (Ḥr-p3-ẖrd – Hor-pa-chered) mehrere Kindgötter, ohne jedoch eine spezielle Erscheinungsform zu meinen. Die Übersetzung aus dem ägyptischen bedeutet Horus, das Kind. In älterer Literatur zur ägyptischen Mythologie wird der altägyptische Kindgott Hor-pa-chered auch mit Hor-pe-chrod oder Hor-pa-chrod wiedergegeben.

Plutarch (45 bis 125 n. Chr.) prägte zunächst die Beschreibungen von Hor-pa-chered als „Harpokrates“.Plutarchs Werk De Iside et Osiride: Kapitel 19, 65 und 68. Danach war Hor-pa-chered durch seine postume Geburt an den Beinen behindert und galt als „Herr des Schweigens“, da Plutarch die Darstellung des am Mund befindlichen Fingers fehlinterpretierte:

Andere antike griechische und römische Autoren deuteten die ikonografischen Attribute ebenfalls in ähnlicher Weise. In den Jahren 1881 bis 1884 veröffentlichte Ridolfo di Lanzone das mehrbändige Werk Dizionario, in welchem er Hor-pa-chered als Sammelbegriff für sieben verschiedene Horus-Kindgötter verwendete.Ridolfo Vittorio di Lanzone: Dizionario di mitologia egizia. Band 1 bis 4. Torino 1881–1884, Tafel 227. Rückblickend war Lanzones Analyse des zugehörigen Reliefs aus Armant fehlerhaft, da zwischenzeitlich belegt werden konnte, dass es sich um sieben eigenständige Kindgottheiten handelt.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 2–3.

Die Ansichten von Lanzone fanden 1913 Eingang in Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, wobei Hor-pa-chered dort die Personifikation des „idealen Kindes“ war. Hans Bonnet definierte 1952 unter „Harpokrates“ alle jugendlichen Götter mit dem Namensbestandteil „Horus“. Die in der Vergangenheit für Kindgötter öfter bis in das Alte Reich zurückreichende Sammelbezeichnung „Harpokrates“ führte das Lexikon der Ägyptologie im Jahr 1975 ein, ohne jedoch die Tempelbelege zu berücksichtigen. Aufgrund einer neuen Studie aus 1988 wurde der Begriff „Harpokrates“ im weiteren Verlauf bis zum Jahr 2002 geändert. Nun galten alle ägyptischen Kindgötter der Spätzeit und griechisch-römischen Zeit als „Harpokrates“. Andere Ägyptologen gingen wie Hellmut Brunner noch einen Schritt weiter, der im Lexikon der Ägyptologie alle Gottheiten unter dem Gattungsnamen „Harpokrates“ aufführte, die als Kindgottheit vor- und dargestellt werden.

Nach einer eingehenden Studie im Jahr 2006 und den damit verbundenen Untersuchungen aller verfügbaren altägyptischen Quellen, kann der Gattungsname „Harpokrates“ nicht mehr als Nachweis für die frühe Existenz eines „ursprünglichen Harpokrates“ oder für eine übereinstimmende Genealogie herangezogen werden, da es sich bei den Horus-Kindgöttern nicht um lokale „Harpokrates-Formen“ handelte, sondern jeder Horus-Kindgott als eigenständige Gottheit angesehen und verehrt wurde. Insofern kann auch der Kindgott Hor-pa-chered nicht mehr als „Harpokrates“ definiert werden; zudem existierte zeitgleich insbesondere in der Region Alexandria neben Hor-pa-chered der hellenisierte eigenständige Kindgott „Harpokrates“. Außerdem weist Harpokrates mit seinem Vater Serapis eine andere Genealogie, einen veränderten Kult und eine Ikonografie auf, die sich von der des Hor-pa-chered deutlich unterscheidet.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 3–4.

Belege Im Alten Reich wird Horus mit dem Namensanhang „pa-chered“ („das Kind“) nur in den Pyramidentexten 663b–c, 664a, 1214b–c, 1215a–b und 1320c genannt; im Mittleren Reich nur einmal in einem Hymnus. Dagegen ist im Neuen Reich ein Anstieg gegenüber dem Mittleren Reich festzustellen; im Totenbuch, Inschriften, Stelen sowie Papyri sind fünf Kind-Namensanhänge in Verbindung mit Horus belegt. Die vom Alten bis zum Ende des Neuen Reiches insgesamt elf Erwähnungen des Horuskindes lehnten sich zumeist an den kindlichen König im Osirismythos an, ohne dass jedoch eine spezielle theologische Ausrichtung und Verehrung festzustellen ist.

Hor-pa-chered ist erstmals in der 22. Dynastie im Titel einer Chenmet-Priesterin sicher belegt.Christian Leitz u. a.: LGG. Band 5, Leuven 2002, S. 281. Erst mit Beginn der 26. Dynastie ist eine deutliche Zunahme der Quellenbelege zu bemerken.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 38. Als Sohn von Osiris und Isis gehört er zum Osirismythos. Auffällig ist der Umstand, dass die Zunahme der kultischen Verehrung des Hor-pa-chered mit den Fremdherrschaften der Libyer-, Kuschiten- und schließlich mit der Ptolemäerdynastie einherging.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 73.

Hor-pa-chered trat unter anderem in der Erscheinungsform als Anubis, Sohn des Osiris, Horus als Sohn der Isis oder Sohn der Mehit auf. Daneben wird Isis auch als Amme des Hor-pa-chered genannt. Er wurde in der sechsten Stunde des Stundenbuches angerufen. Daneben ist Hor-pa-chered seit der Spätzeit in weiteren Nebenformen bezeugt, beispielsweise als Hor-pa-chered-en-Setech („Horus, das Kind des Seth-Tier-Gaues“); in der griechisch-römischen Zeit als Hor-chered („Horus, das Kind“) und Hor-pa-chered-en-Bat („Horus, das Kind der Bat“) sowie als Hor-nechen („Horus, das Kind in/von Nechen“) in seiner Funktion als Tempelgott des 22. oberägyptischen Gaues in Erscheinung.

Hor-pa-chereds Kult verbreitete sich über ganz Ägypten. Unter den Ptolemäern entstand in der griechisch-römischen Zeit ein neues theologisches Konzept, verbunden mit einem starken Anstieg der Bildprogramme in den Mammisi und Tempeln. Allein im Tempel von Philae fanden sich 126 Belege im Zusammenhang mit Hor-pa-chered.

Mythologische Verbindungen

Hor-pa-chered und Harsiese Die Gemeinsamkeit beider Horus-Kindgötter besteht darin, dass sie Horus als Kind darstellen. Hor-pa-chered ist die Bezeichnung für Horus in seiner Rolle als schutzbedürftiges Kind, das zum erwachsenen Mann heranwächst. Bei Harsiese wird dagegen die Abstammung von Isis als zentrales Motiv herausgestellt. Beide werden auf ihren bevorstehenden Kampf gegen Seth vorbereitet.

In griechisch-römischer Zeit In dieser Zeit zählt Hor-pa-chered zu den volkstümlichsten Göttern des Landes, was durch zahlreiche Figuren aus Bronze, Fayence und Ton belegt ist. Durch weitere Abspaltungen in Sonderformen des Gottes entstehen Bezüge zu weiteren Göttern, die schließlich ihre Steigerung in griechisch-römischen Terrakotten findet.

In römischer Zeit Die Verehrung von Hor-pa-chered verbreitete sich im gesamten Mittelmeerraum, auch im karthagischen Reich, bis in den Fernen Osten. Die Kopten setzten Isis und Hor-pa-chered mit Maria und dem Jesuskind gleich.

Darstellungen des Hor-pa-chered Vom Alten Reich bis zum Ende des Neuen Reiches sind nur in der 20. Dynastie ikonografische Darstellungen von Horus, das Kind belegt. Es fehlt eine gemeinsame göttliche Ebene, da die jeweiligen Kindgottheiten in den Texten unterschiedliche Attribute zugeordnet bekamen. Private Verehrungen konnten für jenen Zeitraum ebenfalls nicht nachgewiesen werden.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 16. Die Gottheit Hor-pa-chered trat seit der dritten Zwischenzeit gegenüber den Vorformen der 20. Dynastie ausschließlich in menschlicher Erscheinungsform auf.

Ikonografische Vorformen während des Neuen Reiches Aus der 20. Dynastie stammen im Tal der Königinnen drei Familiengräber, die Ramses III. zugeordnet werden konnten. In allen drei Gräbern ist auf den Abbildungen eine nackte männliche Gottheit mit Falkenkopf dargestellt. Die Jugendlocke und der Finger am Mund fehlen, was wahrscheinlich an der Unvereinbarkeit der Kombination mit einem Falkenkopf liegt. In den zugehörigen Beischriften wurde die Gottheit jedoch als Kind tituliert:

QV40, unbekannte Königin: „Horus in seiner Kindheit, der große Gott (Hor-em-nechenef-netjer-aa)“ QV44, Sohn Chaemwaset: „Horus als Kind (Hor-em-nechen)“ QV52, Königin Titi: „Horus als Kind (Hor-em-nechen)“

Ikonografie während der dritten Zwischenzeit und der Spätzeit mini|hochkant|Darstellung von Hor-pa-chered am Kiosk des Nektanebos I. vor dem Isis-Tempel von Philae

Auf einem Semataui-Zeichen stehender nackter Kindgott mit Doppelkrone, Jugendlocke, eine Hand ein Flagellum haltend, in der anderen erhobenen Hand die Segenszeichen Anch, Djed und WasFelszeichnung im Wadi Hammamat. (21. bis 26. Dynastie). Stehender nackter Kindgott mit Uräus-Kappe, Jugendlocke, eine Hand am Mund, die andere Hand herunterhängend,Bronzestatuetten, Herkunft unbekannt. wahlweise mit PodestStele aus Mendes, Regierungszeit Scheschonq III. (22. bis 26. Dynastie). Thronender oder stehender nackter Kindgott mit Doppelfederkrone, Jugendlocke, eine Hand am Mund, die andere Hand flach am Oberschenkel beziehungsweise am Körper (26. Dynastie).Theben und Athribis. Stehender nackter Kindgott mit Hemhem-Krone, Nemes-Kopftuch, Jugendlocke, eine Hand am Mund, die andere Hand am Körper,Bronzestatuette aus Athribis. wahlweise ergänzt mit DoppelknotenamulettBronzestatuetten aus Theben. (26. Dynastie). Kindgott mit Atef-Krone (26. Dynastie).Gruppenstatue aus Mendes, nur die Atef-Krone ist erhalten geblieben. Stehender nackter Kindgott mit Doppelkrone, Jugendlocke, eine Hand am Mund, in der anderen Hand ein Anch-Zeichen haltend,Tempelrelief unter Nektanebos I., Tempel von Philae. wahlweise ergänzt mit einem rechteckigen AmulettFelszeichnung unter Nektanebos II. im Wadi Hammamat. (30. Dynastie).

Ikonografie während der griechisch-römischen Zeit In der thebanischen Region sind erste Abbildungen des Hor-pa-chered in seiner Nebenform als Hor-pa-chered-wer-tepi-en-Amun erst in der Ptolemäerzeit im Hof des Amun-Tempels in Karnak unter Ptolemaios III. und Ptolemaios IV. belegt. Dort wurde er gemeinsam mit der Göttin Isis-weret unter deren rechten Arm mit Doppelkrone und Mantel abgebildet. Unklar bleibt, ob die ebenfalls vor Isis-weret und Hor-pa-chered dargestellte Gottheit Nefertem und der zugehörige Text vor den Beinen des Hor-pa-chered erst unter Ptolemaios IV. hinzugefügt wurde. Die Ikonografie des Hor-pa-chered war vielschichtig und nahm insbesondere seit der griechisch-römischen Zeit in verschiedensten Varianten stetig zu:

Nackter Kindgott mit Atef-Krone, Jugendlocke und Finger am Mund, wahlweise mit Krummstab oder mit Geißel in der Hand. Nackter Kindgott mit Was-Zepter und Anch-Zeichen. Nackter Kindgott mit blauer Krone, wahlweise mit Jugendlocke oder mit Sonnenscheibe zwischen zwei Straußenfedern auf einem Widdergehörn. Mit Doppelkrone als sitzender nackter Kindgott, beide Arme am Körper anliegend, dazu in einen Mantel gehüllt. Thronender ummantelter Kindgott mit Doppelkrone, Jugendlocke, was-Szepter und eine Geißel in den Händen haltend. Kindgott mit Doppelkrone, Hand am Mund, Jugendlocke. Der Körper ist durch den davorstehenden Thronsessel nicht zu sehen. Der Thronsessel befindet sich auf einem schreitenden Löwen. Thronender Gott mit Hemhem-Krone und Nemes-Kopftuch sowie Jugendlocke. Auf einem Nemes-Kopftuch stehender Gott mit Hemhem-Krone und Jugendlocke, wahlweise mit auf der Brust platzierten Armen. Gottheit mit Beskopf, Schilfkrone und einen Speer in den Händen haltend. Kindgott mit der Doppelfederkrone, wahlweise stehend mit Jugendlocke und Finger am Mund. Nackter stehender Kindgott mit Sonnenscheibe und Amunfederkrone auf dem Kopf. Mit der Doppelfederkrone und Finger am Mund auf einem semataui-Zeichen stehender Gott mit Mantel, Geißel und Krummstab.

Kultorte