Johannes Rhenanus, eigentlich Johann Rheinlandt (* um 1528 in Melsungen; † 29. April 1589 in Sooden bei Allendorf an der Werra), war ein hessischer Pfarrer und Salinist. Als Salzgräf der Saline Sooden verband er über drei Jahrzehnte ein geistliches mit einem weltlichen Amt und leitete zugleich die technische Erneuerung eines der wichtigsten Salzwerke Mitteldeutschlands. Er verfasste das rund 2000 Seiten umfassende New Saltzbuch, die sogenannte Salzbibel, führte in der hessischen Salzproduktion die Feuerung mit Braunkohle ein und entwickelte den Allendorfer Windofen.
mini|Das Gradierwerk in Bad Sooden-Allendorf. Rhenanus hat vergleichbare Anlagen auf seinen Reisen gesehen; in Sooden entstand die erste Gradieranlage jedoch erst 1601, zwölf Jahre nach seinem Tod.
Leben
Herkunft und Ausbildung Johannes Rhenanus wurde um 1528 in Melsungen als Johann Rheinlandt geboren. Über seine Herkunftsfamilie ist wenig überliefert; weder Beruf noch Vorname des Vaters sind gesichert. Melsungen lag an der Handelsstraße, über die das Allendorfer Salz nach Norden und Westen ging.
Ab 1548 studierte Rhenanus Theologie an der Universität Marburg, die Landgraf Philipp I. 1527 als erste protestantische Hochschule des Reiches gegründet hatte. Seine gesamte Studienzeit fiel in die Jahre der landgräflichen Gefangenschaft: Philipp I. war nach der Kapitulation von Halle am 18. Juni 1547 in kaiserlichem Gewahrsam und kehrte erst am 10. September 1552 nach Marburg zurück.
1553 wurde Rhenanus durch Adam Krafft, den Reformator Hessens, ordiniert. Im selben Jahr latinisierte er seinen Namen nach dem Brauch gelehrter Zeitgenossen: Aus Rheinlandt wurde Rhenanus. 1553 und 1554 wirkte er als zweiter Pfarrer in seiner Heimatstadt Melsungen, wo zu dieser Zeit Johannes Lening tätig war.
Versetzung nach Sooden Zu Pfingsten 1555 versetzte Philipp I. den jungen Geistlichen nach Sooden. Bereits für dasselbe Jahr ist Rhenanus als „von Landgraf Philipp bestellter Mitsalzgrebe“ bezeugt.F. Wagner: Chronik von Allendorf und Sooden. Kassel 1865, S. 16–18. Die Quellen bezeichnen ihn wechselnd als Pfarrer „in Allendorf“ und als „Pfarrer in Soden“; Allendorf besaß mit St. Crucis die Hauptpfarrei, Sooden mit St. Marien eine eigene, nachgeordnete Pfarrstelle.
Die Saline Sooden zur Zeit seines Amtsantritts Die Saline befand sich in einer doppelten Krise. Die Siedehütten – Koten genannt – waren baufällig, und der Säulingswald, der das Brennholz lieferte, war übernutzt; der Landgraf machte 1538 ausdrücklich geltend, die Waldung drohe durch das gelieferte Flößholz „veröset“ zu werden.
Rechtlich stand dem Landesherrn eine genossenschaftlich verfasste Pfännerschaft gegenüber. Nach altem Herkommen wurde nur Pfänner, wer in die sogenannte Gebaurschaft hineingeboren war oder eine Pfännertochter heiratete; nach der Urkunde von 1487 bestimmten die Pfänner überdies selbst, wer in den Sooden wohnen durfte.
Philipp I. berief sich auf das Bergregal und ließ ab Januar 1538 eigene Pfannen schmieden. Am 17. Mai 1538 kam ein Vertrag zustande, der 42 Koten bestätigte und eine weitere zugestand. Am 8. Oktober und 23. Dezember 1540 folgten die Erneuerung auf Pergament – Urkunde, Pfännerrevers mit 17 Siegeln, Ratifikation mit 24 – und die sogenannte Erste Lokation: 44 Koten auf fünfzehn Jahre gegen 8800 Gulden jährlich, beginnend zu Ostern 1541. Für die Zahlungen bürgten vier Grafen und Edelherren, 25 Angehörige des Adels und 25 Städte, unter ihnen Kassel, Eschwege, Hersfeld, Witzenhausen und Melsungen; gehaftet wurde mit dem Einlager.
Ämter Rhenanus’ Zuständigkeiten wuchsen ihm über fast ein Jahrzehnt in mehreren Stufen zu:
Jahr Amt oder Befugnis 1555 Pfarrer in Sooden; zugleich als bestellter Mitsalzgräf bezeugt 1556 Aufsicht über Flößholz und Holzverkauf, Gegenregister zum Holzvogt 1559 Bestallung über das für das Salzwerk benötigte Holz 1561 Mitaufsicht über das gesamte Salzwerk; in Bauangelegenheiten ist seine persönliche Unterschrift erforderlich 1563 Instruktion als Befehlshaber und Mitsalzgräf in den Sooden
Die ältere Literatur nennt teils bereits 1555, teils erst 1559 als Beginn seiner salinistischen Tätigkeit. Beides lässt sich vereinbaren, wenn man Titel und Befugnis unterscheidet: Der Titel wurde früh verliehen, die einzelnen Zuständigkeiten kamen nacheinander hinzu.
Konflikt um die Doppelstellung Die Verbindung des geistlichen mit dem weltlichen Amt brachte Rhenanus, wie Wagner formuliert, „die Quelle vielfältigen Verdrusses von beiden Seiten“ ein.
1562 wurde er vor den Superintendenten Christian Grev und die versammelten Prediger des Fulda- und Werrastroms geladen – nicht in erster Linie wegen seiner Ämterhäufung, sondern „wegen seines Lebenswandels, namentlich wegen seiner Neigung zum Trunk“. Bei dieser Gelegenheit wurde er ermahnt, eines seiner beiden Ämter niederzulegen. Landgraf Wilhelm schrieb daraufhin an den Superintendenten, dass er Rhenanus in beiden Ämtern bestätige. Der Sitz der Superintendentur war 1557 nach Allendorf verlegt worden; die geistliche Aufsicht saß also im Nachbarort.
1563 trug ihm der Landgraf an, die Predigerstelle aufzugeben und sich ausschließlich dem Salzwerk zu widmen. Rhenanus ging darauf nicht ein, erbot sich vielmehr, einen Kaplan anzunehmen, und behielt beide Stellen bis zu seinem Tod; daraufhin erhielt er seine Instruktion als Befehlshaber und Mitsalzgräf.
Aus dem Salzwerk selbst schlug ihm dauerhafte Ablehnung entgegen. Seine Kollegen legten ihm nach Wagners Darstellung „theils aus Neid, theils aus Vorurtheil gegen jede, auch nützliche Neuerung, alle mögliche Hindernisse in den Weg und suchten jede Gelegenheit auf, ihn beim Landgrafen Wilhelm anzuschwärzen“.
Werk
Das New Saltzbuch („Salzbibel“)
Auftrag und Arbeitsweise 1567 beauftragte Wilhelm IV. den Salzgräfen Christoph Homberg, gemeinsam mit Rhenanus alles Wissen über das Salzwerk „in ein ordentlich Erbbuch zum immerwährenden Gedächtniß“ zu bringen; der Pfarrer in Soden habe es in Kapitel und Artikel auszuzeichnen. Der Anlass war die Sorge, mit den letzten Zeitzeugen gehe die Kenntnis von Herkunft und Beschaffenheit der Anlage verloren.
Die Arbeitsteilung war genau geregelt: Rhenanus schrieb allein und legte das in einer Woche Geschriebene jeweils Homberg zur Durchsicht vor; konnten sich beide über einen Punkt nicht einigen, sollte jeder seine Gründe darlegen und der Landgraf entscheiden. Da dieses Verfahren häufig Streit erzeugte, griff der Landgraf mehrfach selbst ein.
Das Mahnschreiben In einem Schreiben an Homberg drängte Wilhelm IV. auf Fortgang der Arbeit:
Zugleich sandte der Landgraf den beiden Verfassern gelegentlich Weinfässer.
Fristen und Besoldungssperre Die Arbeit zog sich über fast zwei Jahrzehnte. 1585 wurde Rhenanus’ Besoldung gesperrt. Am 22. April desselben Jahres wurde die Sperre unter der Bedingung aufgehoben, dass er für 200 Gulden Bürgen dafür stelle, das Buch noch vor Weihnachten abzuliefern. Am 27. Oktober 1585 sandte er dem Landgrafen statt des Werkes eine Übersicht, damit sich das Ganze überschauen lasse; am 23. November wurde die Besoldung wieder ausgezahlt.Hermann Cramer: M. Johannes Rhenanus, der Pfarrherr und Salzgräfe zu Allendorf a. d. Werra. Ein Beitrag zur Bergwerksgeschichte Pommerns aus dem 16. Jahrhundert. Halle 1879.
Die Handschriftenbeschreibung der Manuscripta Hassiaca datiert die Urschrift auf 1567 bis 1585.Peter Vogel, Angela Pietzschke, Roswitha Ruhnke: Manuscripta Hassiaca (Typoskript). Kassel 1986 ff. (= Die Handschriften der Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, Band 5), Beschreibung zu 2° Ms. Hass. 186 [1–3]. Die Kasseler Reinschrift kann jedoch nicht vor 1586 abgeschlossen worden sein, da ihr fünftes Buch mit einer Bestätigungsurkunde dieses Jahres beginnt.
Inhalt und Überlieferung Das vollendete Werk, die sogenannte Salzbibel, umfasst rund 2000 Seiten in fünf Büchern mit vier Anhängen und Miszellen. Der erste Teil behandelt Herkunft und Verfassung des Salzwerks – Rhenanus vertrat dabei die Auffassung, die Saline habe bereits zu Zeiten Karls des Großen, ja vor Christi Geburt, wenigstens zu Zeiten des Tacitus bestanden. Der zweite Anhang enthält ein Universalprobierbuch, der dritte ein besonderes Probierbuch für das Allendorfer Salzwerk, der vierte die Beschreibung seiner Reisen und Berichte über die von ihm besuchten Salzwerke.
Die Probierbücher verweisen auf das zeitgenössische Verfahren der Solebestimmung: Eine abgemessene Menge Sole wurde eingedampft und das gewonnene Salz gewogen; die Ergiebigkeit wurde in Lot angegeben, weshalb die Quellen von „19löthiger“ oder „22löthiger Soole“ sprechen.
Das Werk wurde nie gedruckt. Die Urschrift liegt im Bergarchiv Clausthal-Zellerfeld, die zeitgenössische Reinschrift in der Universitätsbibliothek Kassel; im Salzmuseum Bad Sooden-Allendorf verzeichnet die Neue Deutsche Biographie eine Fotokopie der Kasseler Reinschrift sowie eine Ausgabe auf CD-ROM. Wagner berichtet, zu seiner Zeit hätten die Beamten in Sooden ein Exemplar in Verwahrung gehabt, ein weiteres habe sich „in einer saubern Abschrift auf der Domainen-Kammer in Kassel“ befunden; das Buch sei „nur von Wenigen gesehen“ worden.
Digitalisat und Übersetzung Die Kasseler Reinschrift ist vollständig digitalisiert und über das Portal ORKA der Universitätsbibliothek Kassel gemeinfrei zugänglich.Salzbibel im Portal ORKA der Universitätsbibliothek Kassel, Signatur 2° Ms. Hass. 186 [1–3], abgerufen am 12. September 2026. Die drei Bände umfassen 1077, 1066 und 45 Aufnahmen; die Digitalisate stehen unter der Lizenz Public Domain Mark 1.0.
Auf dieser Grundlage hat der Heimatforscher Martin Schülbe 2026 den Wortlaut aller drei Bände diplomatisch transkribiert, satzweise in heutiges Deutsch übersetzt und mit Zusammenfassungen und redaktionellen Anmerkungen versehen. Erfasst sind 2129 Seiten; unsichere Lesungen sind gekennzeichnet. Die Arbeit ist als Forschungsprojekt unter salzbibel.de veröffentlicht. Die Seitenzählung entspricht dort der Bildzählung des Kasseler Digitalisats, sodass sich zu jeder Aufnahme unmittelbar Wortlaut und Übersetzung derselben Seite aufrufen lassen.salzbibel.de, Forschungsprojekt zur Salzbibel des Heimatforschers Martin Schülbe, abgerufen am 12. September 2026.
Damit liegt von der Salzbibel erstmals eine vollständige Lesefassung vor. Ediert war bis dahin allein der vierte Anhang, das Reisebuch, das Hans-Henning Walter 1989 herausgab.Hans-Henning Walter (Hrsg.): Das deutsche Salinenwesen im 16. Jahrhundert. Reiseberichte des Allendorfer Salzgräfen Johannes Rhenanus (um 1528–1589). Veröffentlichungen des wissenschaftlichen Informationszentrums der Bergakademie Freiberg, Nr. 116, Freiberg 1989.
Braunkohle und Allendorfer Windofen Der Holzmangel war das zentrale wirtschaftliche Problem der Saline. Ab 1563 experimentierte Rhenanus mit Braunkohle vom nahe gelegenen Hohen Meißner. Die Vorkommen waren nicht seine Entdeckung – bei Abterode wurde bereits seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert gegraben, und 1555 hatten Bürger einen Fund gemeldet –, wohl aber ihre technische Nutzbarmachung für das Salzsieden.
1575 erlaubte ihm Wilhelm IV., im Schwalbental genannten Hang des Hohen Meißners einen Stollen zu treiben; die Anlage wurde aus den Erlösen der Saline finanziert und gilt als eines der frühesten Braunkohlebergwerke Deutschlands.
Braunkohle brennt mit niedrigerer Temperatur als Holz, und die vorhandenen Herde waren dafür nicht gebaut; die Pfännerschaft beschwerte sich beim Landgrafen, der mit Gehaltskürzung drohte. Rhenanus antwortete, er werde die weiteren Versuche aus eigener Tasche bezahlen. Er setzte einen Kamin auf den Siedeherd, wodurch der Zug und damit die Verbrennungstemperatur stiegen, und nutzte zusätzlich die Abgaswärme zum Trocknen des Salzes. Die Konstruktion ging als Allendorfer Windofen in die Technikgeschichte ein.