Die Task Force 47 (abgekürzt TF 47) war ein militärischer Einsatzverband mit nachrichtendienstlicher Unterstützung, bestehend aus Spezialkräften der Bundeswehr sowie Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes (BND) mit den Einsatzschwerpunkten Aufklärung und Terrorismusbekämpfung.vgl. die Antwort des parlamentarischen Staatssekretärs im BMVg, Thomas Kossendey vom 23. April 2010 auf eine schriftliche Frage des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele (online) Sie sollte vorrangig den Schutz des deutschen Einsatzkontingentes im Rahmen der ISAF-Mission in Afghanistan (2001–2014) sicherstellen und agierte unter dem Mandat der Schutztruppe.KSK unterstützte Oberst Klein in der Bombennacht bei spiegel.de, 10. Dezember 2010 (abgerufen am 11. Juni 2011).
Aufstellung, Zusammensetzung und Stärke Der Einsatzverband, welcher bei ISAF die operationelle Bezeichnung Task Force 47 trug und im deutschen Militärjargon häufig auch als Verstärkerkräfte (VerstKr) bezeichnet wurde,Ulrike Demmer, Markus Feldenkirchen, Ullrich Fichtner et al.: Ein deutsches Verbrechen. In: Der Spiegel, 1. Februar 2010 (online) wurde im Oktober 2007 im Feldlager Kundus aufgestellt.KSK-Task-Force seit zwei Jahren in Kundus bei faz.net, 17. Dezember 2009 (abgerufen am 11. Juni 2011) Er setzte sich aus Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) und der Division Schnelle Kräfte (DSK) (unter anderem Fernspäher) der Bundeswehr zusammen und wurde durch Kräfte des Militärischen Nachrichtenwesens (MilNW) sowie durch Mitarbeiter des BND unterstützt.Michael Schmidt: Geheimtrupp 47 - fast ganz normale Soldaten. In: Der Tagesspiegel, 13. August 2010 (online) Im Dezember 2009 hatte die Task Force 47 eine Mannschaftsstärke von 120 Mann, wovon etwa die Hälfte dem KSK angehörte. Nach anderen Angaben umfasste sie im Februar 2010 circa 200 Mann.Matthias Gebauer: Die dunklen Geheimnisse der KSK-Krieger. In: Der Spiegel, 10. Februar 2010 (online) Die Bundesregierung gab im September 2010 an, dass seit 2009 eine Stärke von bis zu 120 Soldaten vorgesehen war.Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode - Drs. 17/2884: Antwort der Bundesregierung vom 8. September 2010 auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Schmidt, Nouripour, Keul et al. und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN betr. Informationspolitik zum Afghanistan-Einsatz (Drs. 17/2757) (online; PDF; 189 kB) Das Ärmelabzeichen der Task Force 47 entsprach bis auf die zusätzlich angebrachte Nummer 47 dem des KSK. Die Bedeutung der Nummerierung ist nicht bekannt. Allerdings operierten in anderen Regionen Afghanistans vergleichbare Spezialkräfte der ISAF-Truppensteller unter ähnlichen Bezeichnungen (so die italienische Task Force 45 im WestenGianandrea Gaiani: Forze speciali italiane all’attacco in Afghanistan. In: Blog der Zeitschrift Panorama, 19. Juli 2010 () und die polnische Task Force 49 in der Provinz Ghazni sowie anderen Gebieten im Osten und Süden des Landes).Institute for the Study of War (Wesley Morgan): Coalition Combat Forces in Afghanistan. Afghanistan Order of Battle (November 2011)., Anm. 7 (online; PDF; 154 kB)
Auftrag Die Bundesregierung äußerte sich im September 2010 folgendermaßen: „Auftrag der Task Force 47 ist es, das Bild über die Lage der gegnerischen Netzwerke im Einsatzraum des Deutschen Einsatzkontingentes zu verdichten und Informationen über Personen, die mit Anschlägen gegen die Sicherheitskräfte und die afghanische Staatsgewalt in Verbindung stehen, zu verifizieren.“ Bei Vorliegen der ISAF-Kriterien gehe man auch gemeinsam mit den afghanischen Partnern gegen jene Personen zum Zwecke ihrer Festsetzung – keinesfalls jedoch ihrer gezielten Tötung – vor. Weiterhin leistete die Task Force 47 „militärische Unterstützung für ausgewählte Einheiten der afghanischen Sicherheitskräfte, um sie mittelfristig zur eigenständigen Wahrnehmung ihrer Sicherungsaufgaben zu befähigen.“ Im Vergleich zu den anderen Kräften des deutschen Einsatzkontingentes verfüge der Verband jedoch über keinerlei Sonderbefugnisse. Er operiere auf der Grundlage des Mandats der Vereinten Nationen für die internationale Schutztruppe (ISAF), des Mandats des Bundestages und der Einsatzregeln (Rules of Engagement). Die Mitarbeiter des BND agierten auf der Grundlage des BND-Gesetzes.
Zur Erfüllung seines Auftrages unterhielt der Verband im Feldlager Kundus einen eigenen Befehlsstand (Tactical Operations Center, TOC). Dieser befand sich in einem circa 500 Quadratmeter großen, mittels einer zwei Meter hohen Betonmauer vom Rest des Feldlagers abgetrennten Bereich am nordwestlichen Ende des Camps. Das auf Karten als „Sonderbaufläche“ ausgewiesene Areal lag in unmittelbarer Nachbarschaft eines Hubschrauberlandeplatzes sowie der Abhöreinrichtungen des Kommandos Strategische Aufklärung (KdoStratAufkl bzw. KSA). Eine der Hauptaufgaben der Task Force 47 bestand hier darin, Angriffe auf das Camp durch Raketen- oder Mörserbeschuss ebenso wie andere mögliche Gefahrenquellen für deutsche Soldaten rechtzeitig aufzuklären und abzuwehren. Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes unterstützten vor Ort durch Informationsbeschaffung die Arbeit der Einheit und nutzten gleichzeitig die im TOC vorhandenen technischen Hilfsmittel zur Erledigung der eigenen Aufgaben, zu denen neben der Warnung der Bundeswehr vor Anschlägen auch die Analyse erfolgter Anschläge zählte.
Die Mitglieder der Task Force 47 wurden zum Schutz ihrer Identität mit Phantasienamen ausgestattet, welche nicht auf der Uniform angebracht waren. Innerhalb des Feldlagers Kundus hoben sich Berichten zufolge manche von ihnen durch ihre längeren Bärte und teils gegelten Haare bewusst von den anderen Soldaten ab, für die strengere Bekleidungsvorschriften galten.Fabian Löhe (DAPD): Deutsche Schattenkrieger in Afghanistan In: Tages-Anzeiger, 28. Juli 2010 (online)
Führung Bei der Ausübung ihrer multinationalen Einsatzaufgaben unterstand die Task Force 47 dem ISAF-Oberbefehlshaber (COM ISAF). Dieser hatte die entsprechende Führungsbefugnis (Operational Control, OPCON) auf den Kommandeur der ISAF Special Operations Forces (COM ISAF SOF) delegiert, der mittels des ISAF Special Operations Command and Control Element (SOCCE) agierte. Zudem war dem deutschen Kommandeur des Regionalkommandos Nord (COM RC-N) „zur Bewältigung konkreter taktischer Aufgaben“ in seinem Verantwortungsbereich eine eingeschränkte Befugnis (Tactical Control, TACON) zur Führung der Task Force 47 erteilt worden.vgl. Antwort des Parl. Staatssekretärs Thomas Kossendey, BMVg, vom 30. April 2010 auf die schriftliche Frage des Abgeordneten Omid Nouripour. In: Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode - Drucksache 17/1645 vom 7. Mai 2010: Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 3. Mai 2010 eingegangenen Antworten der Bundesregierung (online) In nationalen Angelegenheiten wurde der Verband als Teil des deutschen ISAF-Einsatzkontingentes sowohl operativ (entsprechend Operational Command, OPCOM) als auch truppendienstlich durch den Befehlshaber des Kommandos Führung Operationen von Spezialkräften (KdoFOSK) in Schwielowsee geführt.Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode - Drs. 17/7400 (25.10.2011): Beschlussempfehlung und Bericht des Verteidigungsausschusses als 1. Untersuchungsausschuss gemäß Artikel 45a Absatz 2 des Grundgesetzes (online; PDF; 9,4 MB)Das Kommando Führung Operationen von Spezialkräften. Internetauftritt auf der Homepage der Streitkräftebasis, 1. März 2011 (abgerufen am 6. Januar 2012) (online) Die strategische und militärpolitische Führung war bis zu dessen Auflösung im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr beim Einsatzführungsstab des Bundesministeriums der Verteidigung (EinsFüStab) (Referat 7: Grundlagen und Operationen Spezialkräfte/spezialisierte Kräfte; nationale Krisenvorsorge) angesiedeltvgl. Bundesministerium der Verteidigung – Referat ASUBw - Org 1: Organisationsplan des Bundesministeriums der Verteidigung. Neuauflage November 2010. (online; PDF; 590 kB) und ging mit Wirkung zum 1. April 2012 auf die neu geschaffene Abteilung Strategie und Einsatz des Bundesministeriums der Verteidigung (Referat Einsatz Spezialkräfte, Nationale Krisenvorsorge) über.vgl. Bundesministerium der Verteidigung: Sachstand zur Neuorganisation des Bundesministeriums der Verteidigung. Anlage 2: Zielstruktur BMVg. Stand: 4. Oktober 2011 (online; PDF; 5,0 MB) und den dazugehörigen Artikel von Thomas Wiegold: Die nächsten Puzzle-Steinchen: Das neue BMVg. Blogeintrag AugenGeradeaus.net vom 10. Oktober 2011 (online)
Einsätze Die Task Force wurde zur Unterstützung im ISAF-Regionalbereich Nord eingesetzt. Einsatzschwerpunkte waren die Provinzen Badachschan, Baghlan und Kundus. Nach offizieller Darstellung handelte es sich um die einzigen Spezialkräfte der Bundeswehr, welche in Afghanistan zum Einsatz kamen.
Neben weiteren deutschen Einheiten sicherte die Task Force 47 am 15. Juni 2009 unter anderem bei der Polizeistation Zar Kharid-i-Sufla den Rückzug einer gemeinsamen Patrouille belgischer und afghanischer Soldaten, die in einen feindlichen Hinterhalt geraten waren und mehrfach in schwere Gefechte verwickelt wurden.(Enemy Action) Direct Fire rpt RC (N) vom 15. Juni 2009 bei WikiLeaks.org - Afghan War Diary (abgerufen am 31. Januar 2012)
Bei einem feindlichen Raketenangriff auf das Feldlager Kundus am 20. Juli 2009 meldete die Task Force 47 einen Einschlag 20 Meter westlich ihres Gebäudes innerhalb des Camps.(ENEMY ACTION) INDIRECT FIRE RPT PRT KDZ : 0 INJ/DAM vom 20. Juli 2009 bei WikiLeaks.org - Afghan War Diary (abgerufen am 31. Januar 2012)
Am 22. August 2009 geriet die Task Force 47 im vier Kilometer von der Grenze zu Tadschikistan entfernten Archi unter Beschuss mit Handfeuerwaffen. Im Verlauf des Gefechts wurde Luftunterstützung angefordert und es kam zur Verwundung eines afghanischen Armeeangehörigen.(ENEMY ACTION) DIRECT FIRE RPT (Small Arms) TF47 : 1 HNSF WIA vom 22. August 2009 bei WikiLeaks.org - Afghan War Diary (abgerufen am 31. Januar 2012)
Die Einheit spielte nach diversen Medienberichten eine Rolle im Rahmen der umstrittenen Bombardierung zweier Tanklastzüge in der Nähe des deutschen Lagers im September 2009.Elite-Einheit KSK war am Luftangriff beteiligt bei welt.de, 10. Dezember 2009 (abgerufen am 11. Juni 2011) So lief die Informations- und Befehlskette beim Angriff nach NATO-Berichten maßgeblich über den Befehlsstand der Task Force 47 in Kundus. Anfang Juli 2011 wurden hingegen erste Inhalte des Abschlussberichtes zum Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag bekannt, wonach es im Zusammenhang mit dem Luftangriff „nachweislich keine Operation der Task-Force 47 und keine Beteiligung des Bundesnachrichtendienstes gegeben“ habe.Fairness bei der Bewertung des Untersuchungsausschusses angemahnt. Pressemitteilung des Verteidigungspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ernst-Reinhard Beck, vom 5. Juli 2011 (online)
Unterstützt durch die Task Force 47 fand am 10. Oktober 2009 in der Provinz Kundus die Durchsuchung eines mit Aktivitäten von Aufständischen assoziierten Anwesens durch afghanische Sicherheitskräfte statt. Diese nahmen insgesamt 15 Verdächtige fest und verbrachten diese anschließend – ebenfalls mit Unterstützung der deutschen Spezialkräfte – zur weiteren Personenüberprüfung in die Provinzhauptstadt. An der dort erfolgten Befragung der Inhaftierten in Verantwortung der zuständigen afghanischen Behörden nahmen auch Feldnachrichtenkräfte der Bundeswehr teil.vgl. Antwort des Parl. Staatssekretärs Christian Schmidt, BMVg, auf die mündliche Frage 38 des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele im Rahmen der Fragestunde im Deutschen Bundestag. In: Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode - Plenarprotokoll 17/61: Stenografischer Bericht der 61. Sitzung am 29. September 2010 (online; PDF; 739 kB), S. 6344f.