mini|Gertrud Bäumer (ca. 1927) mini|Gertrud Bäumer (ca. 1930) mini|Das Grab von Gertrud Bäumer auf dem Neuen Zionsfriedhof Bethel in Bielefeld Gertrud Bäumer (* 12. September 1873 in Hohenlimburg, Kreis Iserlohn; † 25. März 1954 in Gadderbaum, Kreis Bielefeld) war eine deutsche Frauenrechtlerin, liberale Politikerin (FVg, FVP, DDP, DStP, CSU), Publizistin und Schriftstellerin. Sie war von 1910 bis 1919 Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine, von 1919 bis 1932 Mitglied des Reichstages und wurde 1920 als erste Frau in Deutschland Ministerialrat im Reichsministerium des Innern.Ausstellung Damenwahl zu 100 Jahre Frauenwahlrecht im Historischen Museum Frankfurt am Main vom 30. August 2018 bis 20. Januar 2019.
Leben Kindheit und Ausbildung Gertrud Bäumer entstammte einer evangelisch-reformierten Pfarrersfamilie aus dem märkischen Sauerland. Der Urgroßvater Wilhelm Bäumer war Pfarrer in Bodelschwingh bei Dortmund. Als Kirchenpolitiker setzte er sich für den Fortbestand der presbyterial-synodalen Verfassung in der 1815 gegründeten preußischen Provinz Westfalen und darüber hinaus in ganz Preußen ein. Wilhelm Bäumer, der mit Friedrich Schleiermacher korrespondierte, gehörte damit in den größeren Gesamtzusammenhang des kirchlichen und politischen Frühkonstitutionalismus.
Als Bäumer drei Jahre alt war, zog die Familie nach Cammin in Pommern, wo ihr Vater Emil (1845–1883) eine Stelle als Kreisschulinspektor bekam. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die zehnjährige Gertrud mit ihrer Mutter Caroline, geborene Schede (1850–1929), und ihren beiden Geschwistern ins Haus der Großmutter in Halle (Saale). Die Leere im Leben ihrer Mutter und deren wirtschaftliche Abhängigkeit von der Verwandtschaft beschreibt Bäumer in ihren Memoiren als eine schmerzvolle aber lehrreiche Erfahrung. Zur Öde im großmütterlichen Hause schreibt sie: „War dies das Frauenleben – diese Spirale um die eigene Achse?“Gertrud Bäumer: Lebensweg durch eine Zeitenwende. Tübingen 1933, S. 101; Nachdruck: ISBN 3-596-23738-6. Ihr Entschluss, einen Beruf zu ergreifen, stand daher nach ihrer eigenen Aussage schon früh fest: „Ich wollte – und mußte aus wirtschaftlichen Gründen – Lehrerin werden.“Gertrud Bäumer: Lebensweg durch eine Zeitenwende. Tübingen 1933, S. 96.
mini|Gertrud Bäumer mit ihren Schülern an der Elementarschule in Kamen, 1894 Sie besuchte die Höhere Töchterschule in Halle und absolvierte im Anschluss daran das Lehrerinnenseminar in Magdeburg. Ab 1894 unterrichtete sie an Volksschulen in Halberstadt, Kamen und Magdeburg und konnte so auch ihre Mutter finanziell unterstützen. Bald darauf knüpfte sie durch Vermittlung einer älteren Kollegin Kontakte zum Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein (ADLV), dessen Vorsitzende Helene Lange auf sie fachlich wie persönlich großen Eindruck machte. 1898 wechselte sie nach Berlin, um dort das Oberlehrerinnenexamen abzulegen, das die Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums war. Das Frauenstudium war zu jener Zeit in Preußen nur mit Ausnahmegenehmigung der einzelnen Professoren möglich; die Immatrikulation von Frauen wurde erst 1908 offiziell genehmigt.
An der Berliner Universität belegte sie Theologie, Germanistik, Philologie und Nationalökonomie. Prägende akademische Lehrer waren der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack und der Philosoph Wilhelm Dilthey.Werner Huber: Gertrud Bäumer. Eine politische Biographie. München 1970. Ihr Studium finanzierte Bäumer sich selbst, unter anderem durch Publikationstätigkeit für die Frauenbewegung; eine Unterstützung aus dem Hoffmannschen Familienstipendium, die jedem männlichen Studenten ihrer Verwandtschaft gewährt wurde, erhielt sie nicht.Ludwig Gerstein: Wie sind wir miteinander verwandt? München 1971, S. 87. Sie promovierte dort 1904 über Goethes Satyros.
Helene Lange und die Arbeit für die Frauenbewegung mini|Vorstand des ersten deutschen Frauenkongresses Anfang März 1912 in Berlin. Hintere Reihe von links: Elisabeth Altmann-Gottheiner, Martha Voss-Zietz, Alice Bensheimer, Anna Pappritz. Vordere Reihe von links: Helene von Forster, Gertrud Bäumer, Alice Salomon. Bäumer kam wie viele Frauen der damaligen Zeit über ihren Beruf als Lehrerin zur bürgerlichen Frauenbewegung, die sich zuerst als Frauenbildungsbewegung verstand. In Berlin kam sie in engeren Kontakt mit Helene Lange, die als unbestrittene Führerin der Lehrerinnenbewegung galt. Als Bäumer kurz nach ihrer Ankunft 1898 über eine Bekannte hörte, dass Lange durch eine Augenkrankheit zunehmend in ihrer Arbeit behindert wurde, bot sie sich als Assistentin an. Sehr rasch entwickelte sich nicht nur eine rege gemeinsame publizistische Arbeit, sondern auch eine intensive Freundschaft, die in eine Lebensgemeinschaft mündete, die bis zu Helene Langes Tod im Jahr 1930 währte.
Lange erkannte bald das geistige Potenzial und die überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit der jungen Gertrud Bäumer und fasste den Entschluss, sie zu ihrer Nachfolgerin aufzubauen. Nicht zuletzt auf Langes Betreiben stieg Bäumer schnell in Vorstandsfunktionen des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) auf. 1910 löste sie Marie Stritt als Vorsitzende ab, bekleidete das Amt bis 1919 und blieb auch nach dieser Zeit die unbestritten einflussreichste Figur des Verbands.Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. 2. durchges. und aktual. Auflage. Böhlau, Köln 2010, ISBN 978-3-412-09100-2. Während des Kriegs war sie maßgeblich am Aufbau des Nationalen Frauendiensts beteiligt, einer Wohlfahrtsorganisation, die um eine Koordinierung der Nahrungsmittelversorgung und des freiwilligen Kriegseinsatzes der Frauen innerhalb von Industrie und Wirtschaft bemüht war.Sabine Hering: Die Kriegsgewinnlerinnen – Praxis und Ideologie der deutschen Frauenbewegung im Ersten Weltkrieg. Centaurus, Pfaffenweiler 1992, ISBN 978-3-89085-368-0.
Ihre hauptsächliche Arbeit für die Frauenbewegung erstreckte sich auf die Arbeit innerhalb des BDF und der monatlich erscheinenden Zeitschrift Die Frau, die als das Sprachrohr der bürgerlichen Frauenbewegung gilt. Daneben übernahm sie 1916 mit Marie Baum den Aufbau und die Leitung (bis 1920) der Institution Soziale Frauenschule und Sozialpädagogisches Institut Hamburg, einer höheren Fachschule für Wohlfahrtspflegerinnen.Marie Baum: Rückblick auf mein Leben. Heidelberg 1950, S. 209 ff. Die intensive und enge Zusammenarbeit mit den damaligen Schülerinnen führte in den darauffolgenden Jahren zu wiederholten Treffen des ehemaligen Kreises.
Die Politikerin mini|Banner Frauen zur Wahl in der Sonderausstellung Damenwahl, Historisches Museum Frankfurt. Gertrud Bäumer ist ganz links zu sehen. Gertrud Bäumer gehörte zu den Vertreterinnen eines Differenzfeminismus, die dem konstatierten „weiblichen Prinzip“ die Aufgabe zuschrieben, zur Humanisierung des Lebens beizutragen. Politisch identifizierte sie sich mit dem sozialen Liberalismus Friedrich Naumanns, mit dem sie ab 1906 eng zusammenarbeitete; ab 1912 war sie für den Kulturteil seiner 1894 gegründeten Zeitschrift Die Hilfe redaktionell verantwortlich. Nach seinem Tod 1919 wurde sie zeitweilig die alleinige Herausgeberin. Auch mit Naumann verband sie nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft, sondern eine intensive Freundschaft.Gertrud Bäumer: Lebensweg durch eine Zeitenwende. Tübingen 1933, S. 250 ff.
Nach der Änderung des preußischen Vereinsrechts im Jahre 1908 (das Frauen bis dahin den Eintritt in politische Parteien verboten hatte), traten Gertrud Bäumer und Helene Lange der Freisinnigen Vereinigung bei, in der auch Naumann seit 1903 aktiv war. Aus der Freisinnigen Vereinigung ging später die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei (FVP) hervor. Im Jahr 1919 gründete Bäumer gemeinsam mit Naumann und anderen die Deutsche Demokratische Partei (DDP), deren stellvertretende Vorsitzende sie von 1920 bis 1930 war.Biografischer Abriss des Deutschen Historischen Museums.
1919 zog sie in die Weimarer Nationalversammlung ein und hatte von 1920 bis 1932 ein Reichstagsmandat, davon in den Jahren 1930 bis 1932 als Mitglied der Deutschen Staatspartei (DStP), in der die Deutsche Demokratische Partei kurz zuvor aufgegangen war. Zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Theodor Heuss setzte sie sich für das 1926 beschlossene Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften ein. Dies stieß auf erhebliche Kritik von Künstlern, Schriftstellern und der linksliberalen Presse, die Zensur befürchteten.Elke Seefried: Theodor Heuss – In der Defensive. Briefe 1933–1945. K.G. Saur, München 2009, S. 27.Peter Merseburger: Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013. Kurt Tucholsky verspottete Bäumer in diesem Zusammenhang als „Old Bäumerhand, der Schrecken der Demokratie“.Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel: Old Bäumerhand, der Schrecken der Demokratie. Kommentar zur Einführung des Gesetzes zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften. In: Die Weltbühne, 14. Dezember 1926, Nr. 50, S. 916. Zu den Reichstagswahlen 1932 kandidierte sie nicht mehr.
Darüber hinaus wurde sie 1920 als Ministerialrat in das Reichsinnenministerium berufen, wo sie für die Referate Jugendwohlfahrt und Schulwesen zuständig war. Zudem war sie von 1926 bis 1933 Delegierte der Reichsregierung beim Völkerbund in Genf.
Die Position von Gertrud Bäumer zum Nationalsozialismus vor 1933 Ihre tagespolitischen Aufsätze hatte Gertrud Bäumer bis 1933 vor allem in der Zeitschrift Die Hilfe veröffentlicht. In dieser Zeitschrift, die personell eng mit der DDP verknüpft war und sich als Forum des national-sozialen Kreises um Naumann (in der Tradition des Nationalsozialen Vereins) verstand, wurde dem Phänomen des aufkommenden Nationalsozialismus zunehmende Aufmerksamkeit geschenkt.
Als im Herbst 1923 in Bayern zunehmend Gerüchte eines „Marsches auf Berlin“ (nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom) und Verschwörungspläne zwischen Hitler und Teilen der Reichswehrführung bekanntwerden,Martin Broszat, Norbert Frei (Hrsg.): Das Dritte Reich im Überblick. Chronik, Ereignisse, Zusammenhänge. Piper, München/Zürich 1989, S. 182 ff. bezeichnet Gertrud Bäumer die Vorgänge in Bayern als
Als am 9. November 1923 tatsächlich der so genannte Hitlerputsch stattfindet, kommentiert sie mit resignativen Worten:
Mit dem zunehmenden Erfolg der „Bewegung“ warnte sie davor, dass „der politische Sieg dieser Stimmungswelle […] der deutsche Zusammenbruch [wäre]. Gefährlicher als diese Stimmungen selbst ist die Tatsache, daß auch von denen, die sie nicht teilen, ihre ganze Gefährlichkeit nicht gesehen wird.“Die Hilfe, 5. März 1932, S. 221; Hervorhebung im Original gesperrt gedruckt.
Hitlers Mein Kampf nannte sie ein „erstaunlich konfuse[s] Buch“,Die Hilfe, 20. September 1930, S. 937.; ihr Urteil gegenüber dem Nationalsozialismus blieb ablehnend: