Semerchet (eigentlich Hor-Semerchet) war der siebte altägyptische König (Pharao) der 1. Dynastie während der sogenannten Frühdynastischen Zeit. Er regierte um etwa 2870 v. Chr. (gemäß Thomas Schneider) oder um etwa 2860 v. Chr. (gemäß Jürgen von Beckerath).Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 261, 314.Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 26, 39, 166–169, 173, 176, 178, 187. Er war der Nachfolger von König Anedjib und der Vorgänger von König Qaa.

Semerchet ist archäologisch umfangreich belegt, besonders aus seinem Grabmal bei Abydos. Er erscheint auch regelmäßig in zeitlich späteren Quellen. Seine Position als siebter Herrscher seiner Dynastie kann dank zeitgenössischer Artefakte und Inschriften als gesichert gelten. Trotz seiner kurzen Regierungszeit ist Semerchet aufgrund zahlreicher politischer und religiöser Veränderungen während seiner Herrschaft von einigem Interesse für die moderne Forschung. So war er der erste ägyptische König, der das Wappen der Beiden Herrinnen einführte. Semerchet ist auch der einzige frühdynastische Herrscher, dessen gesamter Regierungsverlauf auf dem berühmten Annalenstein der 5. Dynastie erhalten ist. Trotz allem bleiben Fragen zu seiner Person, besonders zu seinem familiären Umfeld. Spätere Quellen berichten anekdotenhaft, unter seiner Herrschaft sei es zu einer Katastrophe gekommen.

Name und Identität Zeitgenössischer Name mini|links|hochkant|Alabastervase des Semerchet, die seinen Thronnamen präsentiert. Ganz links ist die geheimnisvolle Figur eines schreitenden Mannes zu sehen. mini|links|hochkant|Darstellung in der Königsliste von Abydos

Semerchets Horusname erfährt innerhalb der Ägyptologie verschiedene Deutungen. Das im Namen verwendete Gardiner-Zeichen F32 (Torso und Hinterleib einer Biene) wird als „Chet“ gelesen und wahlweise mit „Körper“ oder „Verkörperung“ oder mit „Götterschaft“ übersetzt. Die Silbe „Semer“... kann wahlweise mit „vortrefflich“ oder „rücksichtsvoll“ oder mit „Freund“, „Gefährte“, „Komparse“ übersetzt werden. Daher lesen Ägyptologen Semerchets Horusnamen entweder als „Vortreffliche Verkörperung (des Horus)“, als „Rücksichtsvoller Freund (des Horus)“, oder als „Komparse der Götterschaft (des Horus)“.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. Strategies, Society and Security. London 1999, S. 78, 79 & 275.Jochem Kahl, Markus Bretschneider, Barbara Kneissler: Frühägyptisches Wörterbuch. Band 1. Wiesbaden 2002, S. 46.Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt: the Palermo Stone and its Associated Fragments. London 2000, S. 76.

Semerchets Eigenname hingegen beschäftigt die Ägyptologie deutlich mehr. Er erfuhr im Lauf der Zeit, ähnlich wie bei König Den, abweichende Schreibungen, die offensichtlich auf Verlesungen unsauber verfasster Vorlagen basieren. Grund hierfür ist ein Hieroglyphenzeichen, das auf zeitgenössischen Artefakten enttäuschend detailarm gezeichnet wurde. Es zeigt einen schreitenden Mann mit etwa knielangem, wehendem Gewand und Nemes-Kopftuch, das im Nacken zu einer Rolle geknotet (oder gewickelt) ist und mit falschem Zeremonienbart. Diese Figur hält einen langen, augenscheinlich schmucklosen Stab in den Händen. Diese spezielle Hieroglyphe (Gardiner-Sonderzeichen A23D) ist in der Tat äußerst selten in der ägyptischen Heraldik belegt und taucht nach Semerchet nur noch in zwei Reliefdarstellungen aus der 5. und 6. Dynastie auf. Dort lassen sich endlich genauere figürliche Details erkennen. Hier trägt die Figur ein schlichtes, knöchellanges Gewand und einen Was-Stab, was auf eine Priester-Darstellung schließen lässt. Die vorerst letzte Darstellung dieser Priesterfigur erscheint in der Königsliste von Abydos in der 7. Kartusche, wo sie 1:1 von der altertümlichen Vorlage übernommen worden war (siehe Abbildung).

Die Lesung und Deutung dieser Figur war lange Zeit zuhöchst umstritten. Erst die Reliefs des Alten Reiches fügten der Figur Konsonanten hinzu. Dort finden sich die Gardiner-Zeichen R8 (wehende Fahne) und D4 (menschliches Auge) und bilden das Wort Irj-netjer (deutsch etwa „Hüter Gottes“ oder „Gotteshüter“). Auf nur zwei zeitgenössischen Elfenbeintäfelchen aus dem Grab des Semerchet wurde eine ungewöhnliche Schreibung seines Nebti-Namens entdeckt: dort erscheint eine alleinstehende Augen-Hieroglyphe anstelle der Figur, was die Lesung Irj-Nebti mit der Bedeutung „Hüter der Beiden Herrinnen“, alternativ sogar „Schöpfer der Beiden Herrinnen“, erlaubt. Dies deckt sich hervorragend mit dem historischen Umstand, dass Semerchet den „klassischen“ Nebtinamen in seiner endgültigen Form als offiziellen Königstitel einführte und ihn mit dem Titel Nesut-Bitj kombinierte. Damit war gleichzeitig die Vorlage zum sogenannten Thronnamen geschaffen, der ab Semerchets direktem Nachfolger, König Qaa, zum festen Ensemble der königlichen Heraldik avancierte. Semerchet änderte dabei den von seinem Vorgänger Anedjib neu eingeführten Nebui-Namen („Die beiden Herren“) in den Nebti-Namen um. Warum genau Semerchet den Nebui-Namen aufgab, ist unbekannt.I. E. S. Edwards: Early history of the Middle East. Cambridge u. a. 2006, S. 28.

Der Kairostein, ein Fragment des Annalensteins der 5. Dynastie, nennt für Semerchet den Eigennamen „Irj-Nebti“ in ungewöhnlicher Weise: nicht nur ist die Priesterfigur nachgebildet, sie erscheint gemeinsam mit dem Nebti-Wappen innerhalb der Kartusche. Damit impliziert der Kairostein, dass „Nebti“ in diesem Falle nicht bloß ein Königstitel war, sondern direkt zum Eigennamen des Königs gehörte. Des Weiteren gibt die Steintafel für Semerchet einen Goldnamen an, was noch ungewöhnlicher ist, weil Semerchet nach bisherigem Wissensstand einen solchen zu Lebzeiten nicht besessen hatte.

In späteren Königslisten Wie bereits zuvor erwähnt, erfuhr Semerchets Eigenname eine starke Wandlung in späteren Königslisten. Hintergrund wird wohl gewesen sein, dass die Priesterfigur, die seinen Eigen- und Nebtinamen gebildet hatte, in den Epochen nach dem Alten Reich nicht mehr verwendet wurde und in Vergessenheit geraten war. Während die Abydos-Liste immerhin in der Lage war, die Priesterfigur originalgetreu nachzubilden, waren die Verfasser des Königspapyrus Turin offenbar überfordert und verunsichert. Sie identifizierten die Figur wohl mit dem Gardiner-Zeichen A20, das einen ältlichen Mann mit Stützstock zeigt. Dieses Zeichen wird „Semsu“ oder „Semsem“ gelesen und bedeutet „Ältester“ oder „Altehrwürdiger“. Dies quittierte der Turin-Schreiber mit der konsonantischen Schreibung „Sem-Sem“, die aus dem doppelt aufgeführten Zeichenpaar S29 (stilisierte Stofffalte) + G17 (Schleiereule) besteht. Die Königsliste von Sakkara aus dem Grab des Hohepriesters Tjuneroy (19. Dynastie) lässt Semerchet merkwürdigerweise gar nicht auftreten – allerdings fehlen hier auch die Könige Narmer, Aha, Djer, Wadji und Den der 1. Dynastie. Warum dies so ist, bleibt rätselhaft. Walter Bryan Emery zum Beispiel schlägt als möglichen Grund vor, dass Anedjib und Qaa die einzigen Könige sind, deren Souveränität von Unterägypten anerkannt wurde. Und die Sakkara-Liste entspricht rein memphitischen Traditionen. Damit waren Anedjib und Qaa als Herrscher über Memphis bestätigt. Die Königsliste von Abydos und die Königsliste von Karnak hingegen spiegeln thinitische Traditionen wieder und führen deshalb alle Herrscher der 1. Dynastie auf.Walter B. Emery: Agypten. Geschichte und Kultur der Frühzeit 3200–2800 v. Chr. London (UK) 1999, S. 19.

Der antike griechisch schreibende Chronist Manetho (um 270 v. Chr.) nennt Semerchet in seinen Aegyptiaca Semempsés (Σεμέμψης), was er augenscheinlich von der konsonantischen Schreibung „Semsem“ übernommen hatte.William Gillan Waddell: Manetho. Cambridge (Mass.) 2004, S. 33–37.Iorwerth Eiddon Stephen Edwards, Cyril John Gadd, Nicholas Geoffrey Lempriere Hammond: Early History of the Middle East. Cambridge (UK) 2006, S. 28.

Herkunft und Familie Über die Familie des Semerchet ist nichts Konkretes bekannt. Kein zeitgenössisches Artefakt aus Semerchets Regierungszeit erwähnt irgendwelche zu der Zeit üblichen königlichen Verwandtschaftstitel wie zum Beispiel Weret-hetes („Große Gemahlin“) oder Sa-nesut („Sohn des Königs“, ergo Prinz). Der Kairostein nennt eine Dame namens Batiires als Mutter von Semerchet, welche somit wohl die Gemahlin von König Anedjib war. Dann käme Anedjib als Vater von Semerchet in Frage. Auch der antike Chronist Manetho beschreibt Semerchet als Sohn von Anedjib.I. E. S. Edwards: Early history of the Middle East. Cambridge u. a. 2006, S. 36. Peter Kaplony identifiziert Batiires hingegen mit einer Hofdame, die von einem Grabstein bekannt ist, der sich bei der Grabanlage des Königs Den in Abydos fand. Demnach wäre Batiires die Gemahlin des Den und Den der Vater von Semerchet gewesen.Peter Kaplony: Semerchet. In: Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 5: Pyramidenbau – Steingefäße. Harrassowitz, Wiesbaden 1984, ISBN 3-447-02489-5, Spalte 841, Anmerkung 1. Michael Rice hält es für möglich, dass Semerchets Nachfolger, König Qaa, ein Sohn von Semerchet war.Michael Rice: Who’s who in ancient Egypt. Routledge, London (UK) 1999, ISBN 0-415-15448-0, S. 179.

Regierungszeit mini|hochkant=0.9|Elfenbeinetikett (Jahrestäfelchen) mit Semerchets Nebtinamen (mittig). Links der Vermerk „Lieferung von Koniferen-Duftöl aus Schechet-Hor allererster Qualität durch den Aufseher der Zimmerleute des Königs, Henuka“. Rechts des Nebtinamen findet sich der Eintrag: „Horusgeleit, Anbetung des Paviangottes Hedj-Wer im Heiligtum Per-wer“

Der antike Chronist Manetho bescheinigt „Semempsés“ (aka Semerchet) 18 Jahre, der Turiner Königspapyrus berichtet unter „Semsem“ gar von 72 Jahren. Die Ägyptologie beurteilt beide Angaben bislang als unbeabsichtigte Übertreibungen oder Fehldeutung der Originalquellen aufgrund unsauber ausgeführter Vorlagen. Auswertungen der Inschrift auf dem Annalenstein der 5. Dynastie lassen auf eine Dauer von 8 beziehungsweise 8½ Regierungsjahren schließen, da dort Semerchets gesamte Herrschaft vollständig erhalten ist.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 124. Insgesamt sind 10 Ereignisfenster für Semerchet abgebildet, von denen zwei rechnerisch-kalendarisch abgezogen werden können: das „Krönungsjahr“ wird nicht wirklich mitgezählt, da außer der Krönungszeremonie nichts weiter überliefert wird und diese bei wirklich allen Herrschern immer gleich verlief. Auch das „Sterbefenster“ wird nicht mitgezählt, da es nur dem Datumseintrag des Todeszeitpunkts dient. Es erwähnt den so-und-so vielten Monat und den so-und-so vielten Tag und bezieht sich auf das letztgenannte „echte“ Ereignisfenster. Es ergeben sich für Semerchet also 8 Jahre und ein paar Monate.

Semerchets Titulaturen könnten auf seine Karriere vor seiner Thronbesteigung verweisen, möglicherweise als Priester. Er ist zugleich der erste König, von dem ein Nebtiname direkt nachweisbar ist. Semerchet bezog sich dabei sowohl auf die Kronengöttin Nechbet aus Nechen als auch auf die Schlangengöttin Wadjet aus Buto, die beide als „beschirmende Gottheiten des Königs“ galten. Zu dieser Zeit gab es den an den Königstitel Nesut-Bitj angehängten Nebtinamen nur als Epitheton. Der Nebtiname war somit kein separater Bestandteil der späteren kleinen und großen Königstitulatur. Erst im weiteren Verlauf des Alten Reiches teilte sich die Namensverbindung in die zwei bekannten Einzeltitel.