Die ehemalige Stiftskirche (frz. Collégiale) Saint-Junien steht inmitten der gleichnamigen französischen Ortschaft mit knapp 11.000 Einwohnern (2006), die im Département Haute-Vienne in der Région Nouvelle-Aquitaine, etwa 30 Kilometer westlich von Limoges, 20 Kilometer nordwestlich von Rochechouart und unmittelbar am Fluss Vienne liegt. miniatur|hochkant=1.5|St-Junien, Langhaus mit Westwerk, von Südwesten Die im Wesentlichen romanische Kirche besitzt ein geräumiges dreischiffiges Langhaus, über dessen erstem Joch sich ein dreitürmiges Westwerk erhebt, ein über dessen Außenwände weit ausladendes Querhaus mit einem Vierungsglockenturm und einem fast gleich großen Chorhaupt, wie das Langhaus, mit einem rechteckigen Umgangschor und einem flachen Ostabschluss. An ihr wurde kontinuierlich von den 1090er Jahren bis fast in die Mitte des 13. Jahrhunderts gebaut. Das Stift Saint-Junien lag an einer der vier Hauptrouten des mittelalterlichen Jakobswegs in Frankreich, der Via Lemovicensis, und profitierte vor allem im 12. Jahrhundert von der Spendenbereitschaft der zahlreichen Pilger.
Historisches Die Geschichte von Saint-Junien beginnt etwa mit dem Jahre 500 unserer Zeitrechnung, als Saint-Amand (lat. Amandus: der Liebenswerte), ein Asket ungarischer Herkunft, sich entschied, am nördlichen Ufer der Vienne an einem Ort zu leben, der damals Comodoliac genannt wurde, bei dem Ruricius, 485 bis 507/10 Bischof von Limoges, ihm eine bescheidene Zelle angeboten hatte. Zu ihm gesellte sich ein junger Mann namens Junien (Junian), der aus dem Norden Frankreichs kam, ein Sohn eines Grafen von Cambrai, der seine Familie im Alter von fünfzehn Jahren verlassen hatte, um ein Schüler des Saint-Amand zu werden. Die Legende berichtet, dass er in einer kalten Nacht an die Tür des heiligen Amand klopfte, dieser aber ihm nicht öffnete. Junien musste daraufhin draußen schlafen, wo er wie durch ein Wunder von der Kälte des Schnees verschont worden ist. Er lernte von Amand den christlichen Glauben zu predigen und Krankheiten zu heilen. Nach dem Tode seines Herrn lebte er als Eremit dort, wo heute die Stiftskirche steht. Père Junien übertraf noch den weit reichenden Ruf seines väterlichen Freundes mit seiner eigenen Heilkunst. Er verbrachte an diesem Ort vierzig Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 540.
Zwischen 507 und 550 war Roric II. Bischof von Limoges und fest davon überzeugt, dass ihn Junien von einem schweren Leiden geheilt hatte. Er veranlasste daher die würdige Bestattung des verstorbenen Saint-Junien, dessen Grab er zunächst mit einem Oratorium und einem Altar in Comodoliac ausstattete, welcher Saint-André gewidmet worden ist. Nicht lange danach beschloss Roric nach seinem eigenen Ableben neben den Gebeinen von Saint-Junien bestattet zu werden. Dazu wollte er über den Grabstätten eine Kirche errichten lassen. Er hinterließ bei seinem Tod einen beträchtlichen Betrag zur Gründung eines Klosters mit Kanonikern.
Mit dem Bau der ersten Kirche und ihrer Abteigebäude wurde im Jahr 544 begonnen. Über das damalige Aussehen und die Dimension der Bauwerke gibt es keine Überlieferungen. Von dieser Kirche kennt man nur zwei Granitsäulen, die beim Einsturz der Kuppel und des Glockenturms der Stiftskirche im Jahr 1923 entdeckt worden sind. Im Jahr 593 wurde Gregor von Tours bei einem Besuch durch die Größe der Wallfahrt zum Grab des Heiligen beeindruckt. Schnell wurde rund um die Abtei zu Ehren des Heiligen ein städtisches Gebiet errichtet.
Etwa 350 Jahre später, in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, stürzten die Kirche und anderen Gebäude der Abtei von Comodoliac wegen Altersschwäche oder auch durch Erdbeben ein, vielleicht wurden sie aber auch durch die Normannen oder/und die Sarazenen angegriffen und weitestgehend zerstört.
Anfang der 1090er Jahre begann das Kapitel der Kanoniker mit dem Wiederaufbau der Stiftskirche und der Klostergebäude unter Israel, dem ersten Propst des Stiftskapitels, die zunächst St-André gewidmet und von Raynaud, Bischof von Périgueux, am 21. Oktober 1100 konsekriert wurden, anstelle vom Bischof von Limoges, Pierre Viroald. Die Reliquien des Heiligen wurden dabei exhumiert und in einem noch schlichten Sarkophag hinter dem Hauptaltar bestattet. Ob das damalige Chorhaupt über einen gerundeten Ostabschluss mit Umgang verfügte oder über einen flachen, etwa wie heute, mit zweimal rechtwinklig abgeknicktem Chorumgang, ist nicht bekannt.
Die im Mittel- und Querschiff erhaltenen Fresken stammen aus der frühen Erbauungszeit, dem 11. und 12. Jahrhundert. Das Grabmal des Saint-Junien, ein bildhauerisches Kunstwerk, wurde im 12. Jahrhundert geschaffen.
miniatur|links|hochkant=0.5|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 miniatur|hochkant|Jakobsgrab, Santiago de Compostela Die gegen Ende des 11. Jahrhunderts einsetzenden Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien und die damit verbundenen Spendeneinnahmen fielen ungefähr zusammen mit der Konsekration des ersten Abschnitts des Wiederaufbaus der Stiftskirche. Die nächsten Erweiterungen, die des Westwerks und des Chorbereichs, fanden in der großen Blütezeit der Wallfahrt nach Santiago in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. So formierten sich in Frankreich vier Hauptrouten, begleitet von einem Netz zahlreicher Nebenrouten.
An diesen Wegen entstanden zahlreiche neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe, und vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem mehr Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, und möglichst viele Kapellen zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung.
Saint-Junien liegt auf einer der vier Hauptrouten in Frankreich, der Via Lemovicensis, von Vezelay (Burgund) nach Ostabat (vor dem Pyrenäenübergang).
Als nach Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die Kriege des 13./14. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch. Die Chorherren konnten somit von den letzten Erweiterungen ihrer Stiftskirche nicht mehr lange profitieren. Ihnen blieben allerdings die Reliquien des St-Junien, St-Amand und St-Martial als bedeutende Pilgerziele der Region.
Die Attikaaufmauerungen kamen in den folgenden unsicheren Zeiten als Wehr- und Verteidigungseinrichtungen in Mode, die nach Mitte des 12. Jahrhunderts begannen und in den Kriegen des 13. bis 16. Jahrhunderts gipfelten, so auch für Saint-Junien. Eine einigermaßen sichere Datierung ist nicht bekannt, sie waren aber möglicherweise im 13. Jahrhundert schon Standardausrüstung.
Die Fassade und der westliche Glockenturm wurden im Jahr 1160 erbaut. Seine oberen Teile stammen aus dem 13. Jahrhundert, sind aber unvollendet geblieben.
Von 1200 bis 1230 wurde die Stiftkirche noch einmal erweitert, beziehungsweise das Chorhaupt im Osten um zwei Joche verlängert, auf etwa die gleiche Länge wie das Langhaus. Der um drei Stufen erhöhte Boden des Chorraums in Länge von Joch eins bis vier wurde jedenfalls mit einem zwei Mal rechtwinklig abgeknickten Chorumgang umschlossen, der mit dem fünften Joch in einheitlicher Bodenhöhe das Chorhaupt flach abschloss. Man errichtete zu dieser Zeit auch die beiden quadratischen Kapellen an den Ostwänden des Querhauses.
Im Jahr 1223 wurde die nördliche Querhauskapelle umgebaut und um ein Stockwerk erhöht zur Präsentation der neu erworbenen Reliquien des ersten Bischofs von Limoges, des Saint-Martial, und um im Obergeschoss den Kirchenschatz unterzubringen. In dieser Zeit muss auch der rechteckige untere Abschnitt des Treppenturms gebaut worden sein, der das Obergeschoss erschlossen hat. Im Jahr 1906 wurde das Dach dieser Kapelle abgesenkt. Ebenfalls im 13. Jahrhundert hat man dort noch eine Kapelle an das zweite und dritte Chorjoch angebaut, die seitdem den Altar und die Büste mit den Reliquien des Saint-Amand beherbergt.
Im 15. Jahrhundert wurde an die nördliche Langhauswand im dritten Joch eine Kapelle geringer Tiefe angebaut. Im Jahre 1485 wurde der Chor restauriert, dessen Gewölbe ruinös zu werden drohten. Dieser Reparatur folgte eine neue Weihe am 27. April 1488.
miniatur|links|Collegiat St-Junien, Grafik, 18. Jh. Eine Grafik aus dem 18. Jahrhundert, in Art einer Luftaufnahme aus südwestlicher Richtung, zeigt wahrscheinlich den Zustand vor der Französischen Revolution, und zwar das Bauwerk der Kirche mit umfangreichen noch intakten Konventsgebäuden. Das Westwerk entspricht etwa dem heutigen Zustand. Der Vierungsturm besitzt hier allerdings noch ein drittes, hoch gestrecktes oktogonales Geschoss mit allseitiger Durchfensterung und einem sehr hoch aufragenden Turmhelm. Im Winkel zwischen Langhaus und südlichem Querhausarm gab es einen Kreuzgang, der von weiteren erdgeschossigen Konventsgebäuden umschlossen war, an dessen Südwestecke ein runder Turm angefügt war. Auch auf der Nordseite der Kirche schloss sich ein großräumiger Hof mit Kreuzgangarkaden an, dessen Nord- und Ostgalerien von zweigeschossigen Gebäuden umgeben waren. Auf der West- und Nordseite dieses Hofes waren noch zwei weitere Höfe angefügt, die von kleinen Reihenhäuschen umschlossen wurden. Vor dem Westwerk der Kirche breitete sich ein großer Vorplatz aus mit einem Brunnen in der Mitte.
Der ursprüngliche romanische Hauptaltar, der im vierten Chorjoch unmittelbar vor dem Grabmal des Saint-Junien stand, wurde 1788 abgelöst von einer Neuerwerbung, die aber etwas abgerückt im dritten Joch aufgestellt wurde. Es handelt sich um den ehemaligen Hauptaltar der Abteikirche von Grandmont, in den Bergen von Ambazac, nördlich von Limoges. Die ganze Abtei wurde in diesem Jahr veräußert. Das Kapitel von St-Junien versprach sich vom neuen Altar eine „Errichtung einer Barrikade gegen die große Furcht“ (etwa die Bauernaufstände von 1789). Auf dem Altaraufbau aus weißem Marmor wird eine Szene aus dem Lukas-Evangelium dargestellt: Die Mahlzeit Christi mit zwei seiner Jünger von Emmaus, mit der Segnung des Brotes. Der Altar steht heute im östlichen Arm des Chorumgangs, in Achse des Chors. Der Verbleib des romanischen Altars ist unbekannt. Das Chorgestühl stammt auch aus der Abtei von Grandmont.
Während der Revolutionszeit, nach 1789, wurde das Collegiat geplündert und als Lager von Salpeter und zur Unterbringung von Häftlingen verwendet. Aus der Stiftskirche wurde ein „Tempel der Göttin der Vernunft“. Diese Aktivitäten führten zu Zerstörungen einiger der Fresken. In dieser Zeit verkaufte man wahrscheinlich alle Konventsgebäude als Gemeineigentum zum Abbruch.
Die Vierung der Stiftskirche wurde etwa 700 Jahre lang von einem achteckigen Glockenturm überragt, dessen spitz zulaufender steinerner Helm eine Höhe von circa 50 m erreicht haben soll. Er bestand aus einer ersten Etage, die von acht Arkadenöffnungen durchbrochen war und damit die Vierung erhellte, aus einer zweiten geschlossenen Etage, dann aus einer dritten, der eigentlichen Glockenstube, die abschließend von dem vorgenannten Helm bekrönt wurde. Dieser Glockenturm ist am 19. März 1816 eingestürzt. Schon bald danach widmete man sich seinem Wiederaufbau, bei dem man sich aus Kostengründen auf zwei achteckige Geschosse begrenzte, die von einem hölzernen Helm bekrönt wurden, dessen Spitze die alte Turmhöhe weit unterschritt. Man verzichtete auch auf eine Glockenstube. Diese Arbeiten waren im Laufe des Jahres 1817 abgeschlossen.