Tarare (Trara)Von Beaumarchais nach dessen eigenen Angaben wegen der Reklamewirkung als Titel gewählt. Vgl. Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais, Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, ISBN 2-07-011137-7, S. 504, inkl. Anm. 2–4. ist eine Oper in fünf Akten und mit einem Prolog, die in Zusammenarbeit von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (Libretto) und Antonio Salieri (Musik) entstand. Das von den Ideen der Aufklärung geprägte, subversive Werk wurde in Paris zwei Jahre vor der RevolutionKurz vorher hatte die Notabelnversammlung die Steuerreform des Ministers Calonne abgelehnt und war in den Vereinigten Staaten der Verfassungskonvent zusammengetreten. uraufgeführt.
Im folgenden Jahr schrieben Salieri und Lorenzo Da Ponte, der zuvor schon die Komödie Le mariage de Figaro von Beaumarchais zum Libretto Le nozze di Figaro für Mozart umgearbeitet hatte, auf Befehl Kaiser Josephs II. die italienische Version Axur, re d’Ormus (A., König von Hormus).Die erheblichen Unterschiede zwischen Tarere und Axur erklären sich unter anderem dadurch, dass sich mittlerweile auch der Widerstand gegen die Reformen Josephs II. verstärkt hatte und dass auf der französischen Opernbühne Schauspieler sangen, auf der italienischen hingegen Sänger schauspielerten. Eine tabellarische Darstellung der Unterschiede findet sich bei Ignaz Franz von Mosel: Über das Leben und die Werke des Anton Salieri (…), Johann Baptist Wallishausser, Wien 1827 (), S. 98–112. Von den Personen wurde Atar zu Axur, Tarare zu Atar (!), Calpigi zu Biscroma, Astasie zu Aspasia, Spinette zu Fiammetta.
Entstehung Beaumarchais war in seiner Jugend Musiklehrer der Töchter Ludwigs XV. Seine Komödie Le Barbier de Séville schrieb er zuerst als Opéra-comique mit selbst arrangierter Musik. 1774 begeisterte ihn die Uraufführung von Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Aulide. Im folgenden Jahr verfasste er das Libretto von Tarare in Prosa und die Hälfte der Verse. Die Fertigstellung verzögerte sich aber bis 1784, als der Erneuerer der Oper schon zu alt war, um die Musik zu liefern. Sein Lieblingsschüler Salieri dagegen triumphierte in Paris gerade mit Les Danaïdes, einen Tag vor der Premiere von Le mariage de Figaro. Beaumarchais quartierte den Kammerkomponisten Josephs II. bei sich ein, was es erleichterte, Musik und Text aufeinander abzustimmen.Beaumarchais schreibt: Vgl. Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais, Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, ISBN 2-07-011137-7, S. 506.
In einer an die Abonnenten der Oper gerichteten Erklärung bezeichnete Beaumarchais das damalige Musiktheater als langweilig, weil es die Hierarchie seiner Elemente, nämlich: 1. Handlung, 2. Wort, 3. Musik und 4. Tanz, auf den Kopf stelle. Es gelte, diese wiederherzustellen.Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais, Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, ISBN 2-07-011137-7, S. 497–510 (Aux abonnés de l’Opéra qui voudraient aimer l’opéra), hier: S. 498.
Handlung Tarere spielt in einer orientalischen Despotie, wo es zu einer Revolution kommt.
Prolog mini|hochkant|links|Sang die Natur: Mademoiselle Joinville.
(Wolken, die eine herrliche Landschaft enthüllen und wieder verhüllen)
Die Natur zeigt dem Genius des Feuers die Schatten ungeborener Menschen, deren Anlagen sie aus denjenigen unzähliger Generationen mischt, um daraus eine neue zu formen. Sie bezeichnet es als lächerlich, wenn die Mächtigen und Großen glaubten, aus besserem Stoff zu sein als ihre Mitbürger. Sie lässt den Genius des Feuers entscheiden, ob Atar oder Tarare – die Ähnlichkeit der Namen weist auf die von der Aufklärung postulierte Gleichheit der Menschen hin – König werden soll. Im Bewusstsein, mit einem Fehlentscheid ein Jahrhundert unglücklich machen zu können, wählt er Atar; Tarare wird Soldat. Die anderen Schatten protestieren: Niemand solle seinem Bruder befehlen. Die Natur entgegnet, diese große Idee werde sich erst in glücklicheren Zeiten verwirklichen lassen.Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais, Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, ISBN 2-07-011137-7, S. 513–521.
Ausgangssituation mini|hochkant|Nach Alexandre-Marie Colin: Adolphe Nourrit als Tarare (1823). Der tyrannische König Atar hasst den ebenso tugend- wie heldenhaften Milizenführer Tarare, obwohl ihn dieser einst vor dem Ertrinken gerettet hat. Er beneidet ihn um seine Beliebtheit und um seine Frau Astasie, mit der er, statt mit wechselnden Sklavinnen zu schlafen, eine glückliche Einehe führt. Im Auftrag Atars verwüstet Armeegeneral Altamort Tarares Gärten, ermordet seine Sklaven, brennt sein Landhaus nieder und entführt Astasie.
1. Akt
(Saal im Palast von Atar)
Szenen 1 f.: Der Chef der Eunuchen Calpigi bittet Atar vergeblich um Gnade für Tarare, dem auch er sein Leben und darüber hinaus seine Stellung verdankt. Der König befiehlt ihm, zur Überführung Astasies in sein Serail ein Fest zu veranstalten.
Szenen 3–5: Die Entführte wird wie eine Jagdbeute hereingetragen. Einen Sklaven, der Mitleid mit ihr bekundet, erdolcht Atar. Er gibt Astasie den Decknamen Irza und beauftragt die Intrigantin Spinette, sie auf ihre Pflichten als königliche Konkubine vorzubereiten.
Szenen 6 f.: Tarare hält den Überfall auf sein Landgut für das Werk christlicher Korsaren. Atar, der sich nichts anmerken lässt, schenkt ihm einen neuen Palast und hundert Tscherkessinnen. Er verspottet ihn wegen seiner Liebe zu Astasie. Tarare aber ist entschlossen, seine Frau zu befreien. Atar beauftragt Altamort, Tarare auf der Suche nach den zu begleiten und nicht lebend zurückkehren zu lassen.
2. Akt mini|hochkant|Arthenée (1787).
(Platz vor dem Palast von Atar und dem Tempel von Brahma)
Szenen 1–3: Arthenée wird von Atar beauftragt, seinen Sohn Altamort durch ein Orakel zum Kommandanten der Strafexpedition gegen die bestimmen zu lassen. Dabei machen Priester und König kein Hehl daraus, dass die Religion für sie nur ein Mittel zur Beherrschung des Volkes ist.
Szenen 4–6: Calpigi informiert Tarare, dass sich Astasie im Serail des Königs befindet und dass Altamort sie entführt hat. Er anerbietet sich, an der meerseitigen Mauer der Serailgärten eine seidene Leiter zu befestigen, mit deren Hilfe Tarare die Gattin in der Nacht befreien kann.
(Das Portal des Tempels verschwindet, so dass man dessen Inneres sieht.)
Szenen 7 f.: Der zum Werkzeug der Vorsehung bestimmte Knabe Élamir wird von Arthenée instruiert, Altamort zu nennen, nennt aber aus Versehen Tarare. Der Beifall des Volkes und der Soldaten zwingt Atar, die Ernennung zu bestätigen. Tarare schwört öffentlich Rache. Altamort nennt ihn einen arroganten Nichtadligen (Szene 8).. Tarare erwidert, statt Ahnen habe er Siege vorzuweisen, während Altamort noch ein halbes Kind sei.Im damaligen Frankreich konnten Adlige schon als Jugendliche, Nichtadlige dagegen nur in Ausnahmefällen Offiziere werden. Er verabredet sich mit ihm zum Duell.
3. Akt mini|hochkant|Émile Bayard: Calpigi (1876).
(Gärten des Serails, illuminiertes Parterre mit Diwan unter Baldachin)
Szenen 1–3: Das für den folgenden Tag geplante Fest soll nach Atars Willen sofort stattfinden. Urson schildert den Verlauf des Duells zwischen Tarare und Altamort, bei dem Ersterer seinen verwundeten Beleidiger am Leben ließ.
Szene 4: Das Corps de ballet karikiert die Gesellschaft Europas, indem es galante Tänze als Schäfer verkleideter Adliger mit derben Springtänzen von Bauersleuten konfrontiert. Der Chor rühmt, die (adlige) Ehefrau genieße Freiheit in der Liebe. Spinette nennt Ehegott Hymen einen Despoten, die Liebe eine Republik. Atar krönt zur Sultanin. Calpigi muss seine Lebensgeschichte erzählen: Seiner schönen Stimme wegen ließ ihn der geldgierige Vater kastrieren.Vom späten 16. bis ins 19. Jahrhundert wurden in Italien viele Knaben kastriert, um ihnen eine Laufbahn als Sänger zu ermöglichen. Spinette heiratete ihn nur, um ungeniert der Libertinage frönen zu können. Aus Rache verkaufte er sie einem Korsaren. Doch dieser entführte auch ihn und kettete ihn ans Bett seiner Frau. Als er die beiden dem Schah von Persien verkaufen wollte, rettete ihn Tarare. Dass bei der Nennung dieses Namens Jubel ausbricht, ärgert Atar.Calpigis Romanze Je suis né natif de Ferrare (Ich wurde als Beisasse von Ferrara geboren) war so populär wie Figaros Non più andrai von Mozart. In Axur wird sie von Biscroma gesungen und beginnt mit den Worten: Nato io son nello stato romano (Geboren wurde ich im Kirchenstaat). (; Calpigi: Eberhard Lorenz) Er folgt Astasie in ihr Appartement.
(Es ist sehr dunkel.)
Szenen 5–7: Tarare überwindet die Mauer, obwohl er verfolgt wurde. Calpigi hat alles vorbereitet, um ihn in einen stummen Schwarzen zu verwandeln. Von Athasie abgewiesen, will Atar sich rächen, indem er dem Stummen den Kopf abschlägt, ihn unkenntlich macht und der Widerspenstigen als jenen Tarares präsentieren lässt. Da dies ihren Widerstand aber nicht brechen würde, beschließt er stattdessen, sie zur Strafe mit dem Stummen zu verheiraten.
4. Akt mini|hochkant|Atar (1787).
(Salon im Appartement von Astasie)
Szenen 1–4: Astasie ist entschlossen zu sterben, wenn der König sie zwingt, seine Frau zu werden. Von Calpigie erfährt sie dann, wie sich Atar für die erfahrene Zurückweisung rächen will. Damit er sie nicht mit dem Stummen verheiraten kann, stattet Astasie Spinette mit den Insignien der Sultanin aus und versteckt sich.
Szenen 5 f.: Der verkleidete Tarare wird zur verkleideten Spinette geführt, die ihn hässlich, aber gut gebaut findet. Als er merkt, dass er nicht Astasie vor sich hat, und ihm Spinette gesteht, dass sie in Tarare verliebt ist, vergisst er vor Überraschung, den Stummen zu spielen. Spinette zieht ihm die Maske aus, erkennt ihn aber nicht (oder gibt vor, es nicht zu tun) und macht ihm Avancen. (; Tarare: Howard Crook; Spinette: Anna Caleb)
Szenen 7 f.: Auf Befehl Atars soll Urson den Stummen töten. Calpigi informiert ihn, wer dieser in Wirklichkeit ist. Darauf vollstreckt Urson das Urteil nicht, verhaftet Tarare jedoch. Calpigi sieht nun nicht nur dessen Leben und das seinige, sondern auch dasjenige Atars in Gefahr. Denn, so sagt er (gleich zweimal): Pierre Larthomas, unter Mitwirkung v. Jacqueline Larthomas (Hrsg.): Beaumarchais, Œuvres, Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1988, ISBN 2-07-011137-7, S. 576 f.
5. Akt (Zu einer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen vorbereiteter Innenhof des Palasts)
Szenen 1–4: Atar freut sich auf Tarares Tod, doch Calpigi ist flüchtig. Arthénée soll den verurteilen, hat aber ein schlechtes Vorgefühl. Verzweifelt, weil er Astasie nicht wiedergefunden hat, verlangt Tarare selber seine Hinrichtung. Altamort habe Atar eine andere Frau überbracht. Der König solle sich vor einem Aufstand hüten. Spinette gesteht, sich als ausgegeben zu haben. Arthémée verurteilt Tarare und Astasie. Die beiden erkennen sich wieder. Als Atar befiehlt, nur Tarare hinzurichten, zieht Astasie einen Dolch, um mit ihm zu sterben.
Szenen 5 f.: Eunuchen berichten, die Palastwache sei überwältigt, das Tor gestürmt worden. Calpigi erscheint mit Urson und der gesamten Miliz. Die Soldaten stürzen den Scheiterhaufen um. Tarare versucht, sie vom Meutern abzuhalten. Doch sie erklären Atar für abgesetzt und, auf Vorschlag Calpigis, Tarare zu dessen Nachfolger. Atar erdolcht sich, nicht ohne zuvor noch die Macht an Tarere zu übergeben und diesem dadurch den Vorwurf zu ersparen, sie usurpiert zu haben.