mini|Älteste bekannte Abbildung einer ramkie. Aquarell von Charles Davidson Bell, 1834. Eine Khoikhoi-Frau spielt eine dreisaitige Langhalslaute mit Kalebassenkorpus. Ramkie war eine gezupfte Langhalslaute mit drei oder vier, gelegentlich sechs Saiten und einer Kalebassenhalbschale als Korpus, die im 18. und 19. Jahrhundert in Südafrika gespielt wurde. Das ursprünglich von Khoikhoi verwendete, im Verlauf des 19. Jahrhunderts von Bantu übernommene Saiteninstrument war in einer jüngeren Version mit einem Blechkanister-Resonator bis in die 1930er Jahre verbreitet. Später wurde die ramkie fast gänzlich durch die europäische Gitarre ersetzt. Die ramkie stammt nicht aus der südafrikanischen Musiktradition, sondern geht vermutlich auf kleine portugiesische Gitarren zurück, die von malaiischen Sklaven aus Indonesien nach Südafrika gebracht wurden.

Selbst gefertigte Gitarren aus Blechkanistern blieben im südlichen Afrika als Relikt hauptsächlich in der Musik von Jugendlichen erhalten, in den 1950er Jahren verbreiteten sich darüber hinaus mit der Kwela-Musik Nachbauten amerikanischer Banjos mit kreisrundem Korpus und Hautdecke. Aus vornehmlich nostalgischen Gründen werden heute auch industrielle Blechkanister-Gitarren vertrieben.

Herkunft und Bauform Die ramkie war die erste mehrsaitige Halslaute, die in ganz Südafrika gespielt wurde; in einem Gebiet, in dem zuvor vorwiegend einsaitige, mit einer Kalebasse verstärkte Musikbögen wie der uhadi der Xhosa und Mundbögen wie der umrhubhe bekannt waren. Daneben gab es zweisaitige Stabzithern, darunter Plattstabzithern von Typ der zeze. Ein mehrsaitiges Instrument aus vorkolonialer Zeit im südlichen Afrika ist ein Pluriarc, den der schwedische Forschungsreisende Karl Johan Andersson 1875 als „eine Art Gitarre“ bezeichnete.Karl Johan Andersson: Notes of Travel in South Africa. Hurst and Blackett, London 1875, S. 233, Der Afrikaforscher Bernhard Ankermann (1901) beschreibt den siebensaitigen Pluriac der Ovambo zusammen mit sieben anderen Zupfinstrumenten dieses Typs in Schwarzafrika.Bernhard Ankermann: Die afrikanischen Musikinstrumente. (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 21 () Die Damara in Namibia nennen den Ovambo-Pluriarc, dessen Korpus aus einem rechteckigen hölzernen Trog mit Holzdecke besteht, . Percival Kirby (1934) erwähnt diesen Pluriac als das einzige mehrsaitige Instrument, das er südlich des Limpopo außer der ramkie zu Gesicht bekam.Percival J. Kirby, 1965, S. 244

Wann die ramkie in Südafrika eingeführt wurde, ist unklar. Kirby hält sie für eines von zwei Instrumenten, die auf einen frühen europäischen Einfluss zurückgehen. Das andere ist eine simple Nachahmung der Violine, die der schwedische Naturkundler Anders Sparrman 1772 bis 1776 bei den südafrikanischen Khoikhoi unter dem Namen t’guthe fand. Drei bis vier Saiten waren bei der t’guthe über ein Brett gespannt und wurden mit einem Bogen gestrichen. Sparrman erwähnt außerdem den mit dem Mund angeblasenen Khoikhoi-Musikbogen gora.Anders Sparrman: A voyage to the Cape of Good Hope, towards the Antarctic polar circle and round the world: but chiefly into the country of the Hottentots and Caffres, from the year 1772, to 1776. Band 1. G.G.J. and J. Robinson, London 1786, S. 229, Ab Anfang des 19. Jahrhunderts werden in europäischen Reiseberichten etwas aufwendigere Fiedeln beschrieben.

Als älteste Quelle für die ramkie zitiert Kirby den preußischen Reisenden Otto Friedrich Mentzel, der sich von 1733 bis 1741 in Südafrika aufhielt.Otto Friedrich Mentzel: Vollständige und zuverläßige geographische und topographische Beschreibung des berühmten und in aller Betrachtung merkwürdigen Afrikanischen Vorgebirges der Guten Hoffnung... Band 2. Günther, Glogau 1787, S. 518f Mentzel ist sich sicher, dass die ramkie, deren Namen er mit ravekinge oder xguthe wiedergibt, keine Erfindung der Khoikhoi („Hottentotten“) sein kann, sondern die Nachahmung eines Instruments ist, das mit Sklaven von der indischen Malabarküste kam.Percival R. Kirby, 1965, S. 250; Maximilian Hendler: Banjo. II. Vor- und Frühgeschichte. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1994) Sie gehörte zu den Musikinstrumenten, die Sklaven für sich und nicht zur Unterhaltung ihrer Herren spielten. Vermutlich wurde sie eher zur akkordischen Begleitung als zur Melodiebildung verwendet. Was Mentzel über die Spielweise mitteilt, spricht ebenfalls dafür, dass die ramkie keinen afrikanischen Ursprung hat. Wenn die Halslaute aus Indien stammt, wurde sie mit portugiesischen Handelsschiffen gebracht. Portugiesen hatten Anfang des 16. Jahrhunderts mit der Inbesitznahme von Kolonialgebieten in Indien begonnen.

mini|Trommel ghoema und ramkie spielen zum Tanz vor einem kapstylhuis, dessen Grasdach bis zum Boden reicht und das für die Provinz Westkap typisch ist. Aquarell von Charles Davidson Bell, 1830er Jahre. Zugunsten der indischen Herkunft zieht Kirby eine Parallele zu einer kinanda genannten Laute, die in der Swahili-Kultur der ostafrikanischen Küste und auf Sansibar bekannt war und die er mit der indischen Langhalslaute kinnari vina in Verbindung bringt, wobei er sich nicht auf die Stabzither kinnari vina, sondern auf eine Laute mit einem Korpus aus einem Straußenei bezieht.Percival R. Kirby, 1965, S. 255f; vgl. die Beschreibung von Sourindro Mohun Tagore: Short notices of Hindu musical instruments. Ghose, Calcutta 1877, S. 20 Die kinanda war der Beschreibung von Ralph Skene (1917) zufolge ein siebensaitiges, gitarrenartiges Instrument, das zusammen mit der kleinen zweifelligen Zylindertrommel marwasi (von Arabisch mirwas, Pl. marāwīs) zur Begleitung des „Kinanda-Tanzes“ eingesetzt wurde.Ralph Skene: Arab and Swahili Dances and Ceremonies. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Band 47, Juli–Dezember 1917, S. 413–434, hier S. 414f Später wurde das Wort kinanda auf unterschiedliche Musikinstrumente (im heutigen Taarab Saiteninstrumente allgemein und indisches Harmonium) übertragen. Einige der im Musikstil Taarab verwendeten Instrumente haben einen nahöstlichen oder indischen Ursprung.

Für das Wort ramkie sind die historischen Schreibvarianten ramki, raamakie, ramakie, ramakienjo, ramgyib, ramkietjie, rabeltin, rabouquin und weitere überliefert.Maximilian Hendler: Vorgeschichte des Jazz: Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton. (= Beiträge zur Jazzforschung/Studies in Jazz-Research) Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2008, S. 39 Die ravekinge Mentzels wird vom französischen Entdecker François Levaillant (1790) rabouquin,François Levaillant: Voyage de M. Le Vaillant dans l’Intérieur de l’Afrique par Le Cap de Bonne Espérance, dans Les années 1783, 84 & 85. Leroy, Paris 1790 vom schwedischen Naturforscher Carl Peter Thunberg 1796 rabékinCarl Peter Thunberg: Voyages De C. P. Thunberg, Au Japon, Par le Cap de Bonne-Espérance, Les îles de la Sonde &c. Traduits, rédigés … Par L. Langles,... Et revus, quant à la partie d’Histoire Naturelle, par J.B. Lamarck ... Paris 1796 und von Petrus Borchardus Borcherds (1861) ramakienjoPetrus Borchardus Borcherds: An autobiographical memoir. Being a plain narrative of occurrences from early life to advanced age, chiefly intended for his children and descendants, countrymen and friends. A.S. Robertson, Kapstadt 1861, S. 178, genannt. Alle Wortbildungen des Zupfinstruments werden auf Portugiesisch rabequinha und weiter auf rabeca pequena zurückgeführt, wie eine kleine portugiesische Fiedel hieß, die mit der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen rebec namensverwandt war. Rebec ist schließlich von Arabisch rabāb abgeleitet, woraus in Indonesien die Bezeichnung für das Streichinstrument rebab wurde. Die rabequinha gelangte wie die kleine Gitarre cavaquinho bis nach Brasilien. Ein ebensolches Zupfinstrument mit vier Saiten auf der Insel Madeira ist die braguinha, älterer Name machete,Vgl. Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente. Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1984 (= Veröffentlichungen des Museums für Völkerkunde Berlin, Neue Folge 41, Abteilung Musikethnologie, V), S. 154, ISBN 3-88609-117-1 die Vorläuferin der ukulele.Machete. In: Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 324 In Indonesien entwickelte sich aus der portugiesischen cavaquinho die kleine fünfsaitige Zupflaute kroncong, die mit einer Rahmentrommel zur Tanzbegleitung gespielt wurde. Kroncong heißt in Indonesien zugleich das gesamte Ensemble mit weiteren europäischen Instrumenten und portugiesischen Melodieanklängen. Über den Umweg Indonesien könnten neben den europäisch-arabischen Lautentypen weitere Kultureinflüsse nach Südafrika gelangt sein.Denis-Constant Martin: Sounding the Cape. Music, Identity and Politics in South Africa. (PDF; 3,0 MB) African Minds, Somerset West 2013, S. 73 Anders als die von Mentzel und nachfolgend Kirby aufgestellte These der indischen Herkunft meint daher Daniël G. Geldenhuys (1998), dass die Khoikhoi ein Instrument der Kapmalaien, die von der Niederländischen Ostindien-Kompanie als Arbeitssklaven aus Indonesien geholt worden waren, übernommen haben.Daniël G. Geldenhuys: Südafrika (Republik). II. Traditionelle Musik. 2. Khoi-Khoi. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1994) Der zweite von Mentzel angegebene Name xguthe steht mit t’guthe, dem von Sparrmann erwähnten Streichinstrument, in einer sprachlichen Verbindung.

Den historischen Beschreibungen zufolge muss es unterschiedliche Formen dieses Zupfinstruments gegeben haben. Bei Thunberg (1796) besteht die rabékin der Khoikhoi aus einer Kalebassenhalbschale mit einer flachen Decke und drei oder vier Saiten, die mit Wirbeln gespannt werden. Dieselbe Beschreibung gibt Borcherds, der 1786 bis 1801 in Stellenbosch lebte und abends die ramakienjo hörte, wie sie von den Sklaven seines Vaters gespielt wurde. Der englische Forschungsreisende John Barrow, der sich 1797 bis 1804 in Südafrika aufhielt, erwähnt zwei Saiteninstrumente, darunter ein gabowie genanntes Zupfinstrument mit drei Saiten, einem ausgehöhlten Holzkorpus und einem langen Hals. Das andere Instrument war offenbar ein einsaitiger Musikbogen, gora, der bemerkenswerterweise einen Stimmwirbel besaßVgl. Percival R. Kirby, 1965, S. 178 und dessen Namen er mit gowra wiedergab.John Barrow: Travels into the Interior of Southern Africa, in the Years 1797 and 1798... Band 1, zweite Auflage. London 1806, S. 98,