mini|350px|Das Segell, traditionelles Wohngebiet der Xuetas und die alte Call Menor (kleines Ghetto) von Palma
Die Xuetas, katalanisch [], sind eine soziale Gruppe auf der spanischen Insel Mallorca. Der Historiker Christian Riemenschneider qualifiziert sie als religiöse Minderheit„Die religiös untermauerte Konzipierung der Xuetes als Antichristen macht sie zum Gegenentwurf der sich als Altchristen verstehenden Mallorquiner, zu Fremden auf der Insel, dem Gegenentwurf zum Christenmenschen überhaupt.“ Christian Riemenschneider: Katholische Juden? Eine Ethnografie zu den Xuetes auf Mallorca. Göttinger Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie, Band 1 Universitätsverlag Göttingen, 2016 https://library.oapen.org/bitstream/id/5d8d3039-4197-494f-8c97-f7e2071bca3b/610407.pdf S. 144. Sie sind Nachfahren der zum Christentum übergetretenen mallorquinischen Juden. Über den gesamten Zeitraum seit dem Übertritt zum Christentum haben sie ein kollektives Bewusstsein über ihre Abstammung erhalten. Denn sie tragen einen der Nachnamen konvertierter Familien, die durch die Inquisition wegen „heimlicher Ausübung des jüdischen Glaubens“ im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts verfolgt wurden. Historisch gesehen sind sie stigmatisiert worden und mussten isoliert leben. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Familien nur innerhalb der Gruppe geheiratet. Heute tragen zirka 18.000 bis 20.000 Personen auf Mallorca einen der Xueta-Nachnamen.Schätzung basierend auf Daten des Instituto Nacional de Estadística de España auf den Balearen.
Etymologie und andere Bezeichnungen
Der Begriff xueta tauchte zum ersten Mal in Zusammenhang mit den ersten Inquisitionsprozessen im Jahr 1688 als gebräuchlicher Ausdruck für den Angeklagten auf.…Sie sind aus dem Geschlecht derjenigen, aus der Straße vom Segell, die man gemeinhin Xuetas nennt…, L’endogàmia… S. 42, Braunstein, Els xuetes… S. 13. Seine Etymologie ist umstritten, und es existieren verschiedene Hypothesen. Die gängigsten sind folgende:
Der Begriff stammt von dem katalanischen Wort ,Juetó wird im Jahr 1580 dokumentiert. P. de Muntaner, Martí: Una familia del brazo noble mallorquín durante el siglo XVII. S. 636, Absatz 7, Homenaje a Guillem Rosselló Bordoy, II, Palma 2002. Moore leitet den Begriff von einem vermutlich alten mallorquinischen Wort, xuhita, ab, das wiederum nicht dokumentiert ist, Moore, Los de la calle… S. 23. der Verkleinerungsform von jueu (Jude) ab, was sich zu xuetó wandelte – ein immer noch gebräuchlicher Ausdruck –, um sich schließlich in xueta weiterzuentwickeln. Das Hauptargument zur Unterstützung dieser Hypothese ist, dass sein ursprünglicher Gebrauch selbsterklärend sei, was herablassende Nebenbedeutungen ausschließe. Für andere handelt es sich um einen geringschätzigen Ausdruck, der von dem Wort xulla (Speck oder allgemeiner Schweinefleisch, im Mallorquinischen wird es xuia oder xua [] ausgesprochen),1595 tritt es als Beschimpfung auf, neben juheu (jude), aber auch in vollkommen anderem Kontext. Porqueres, L’endogàmia…. S. 27. Im 19. Jahrhundert schrie man den Jugendlichen bei der Wallfahrt Xuia, xuia marrana entgegen, Pérez, Anales…. S. 97 und 111. herrührt. Dieser Begriff würde Bezug nehmen auf die Ernährungsgewohnheiten der konvertierten Christen im Hinblick auf SchweinefleischEinige der älteren Autoren motivierten dazu, kein Schweinefleisch zu essen, Garau, La fe… Pérez, Anales…. S. 62, Font, La fe vençuda… S. 118, während sich andere beim Fleischessen zeigten, um zu beweisen, dass sie nichts gegen den jüdischen Glauben haben, Braunstein, Los xuetas…S. 13. oder aber auf die Tradition verschiedener Kulturen, Juden und Konvertierte mit beleidigenden Worten, die in Zusammenhang mit Schweinen stehen, zu benennen – siehe auch Marranen.Braunstein bezeichnet die Hypothese, dass chucho, vom französischen chouette, umgangssprachlich Hund, abgeleitet, aus dem Kastilischen kommt, als nachlässig, Braunstein, Els xuetes… S. 13. Eine dritte Hypothese verbindet beide Etymologien: das Wort xuia soll den Ersatz des Buchstaben j von juetó durch den Buchstaben x provoziert haben, so dass xuetó entstand. Und seinerseits setzte sich xueta anstatt xuetó aufgrund der höheren phonetischen Ähnlichkeit mit xuiaDiccionari Català-Valencià-Balear, Alcover-Moll, Xuetó. durch.
Außerdem wurden die Xuetas auch del carrer del Segell (aus der Straße Segell)Del carrer del Segell ist die älteste überlieferte Bezeichnung der Gruppe und wurde im Jahr 1617 dokumentiert. P. de Muntaner und Enric Porqueres Subendogamias en el Mediterráneo: Los ejemplos mallorquines de la aristocracia y de los descendientes de los judíos S. 93 a Memorias de la Academia Mallorquina de Estudios Genealógicos, Palma 1994. genannt, aufgrund der Bezeichnung des Viertels, in dem die Mehrheit von ihnen wohnte. Zusätzlich findet sich die Bezeichnung del carrer,Del carrer dokumentiert im Jahr 1658, Porqueres, L’endogàmia …. S. 79. die zum einen eine Abkürzung des eben genannten Ausdrucks del carrer del Segell ist, zum anderen kann sie vom kastilischen de la calle, einer internen Bezeichnung für die Xuetas in den offiziellen Dokumenten aus der Inquisitionszeit, hergeleitet werden, aufgrund ihrer phonetischen Nähe zum Ausdruck del call, der auf das alte jüdische Viertel in Palma de Mallorca Bezug nimmt. In jüngster Zeit wollte man die Xuetas mit der Straße ArgenteriaDie Argenteria oder platería wurde zum wichtigen Stadtgebäude mit der städtischen Reform der Straße calle Colón Mitte des 19. Jahrhunderts, was praktisch das physische Verschwinden der Straße „calle del Segell“ mit sich brachte, Pérez, Anales… S. 104–105. in Zusammenhang bringen. Diese stellt jetzt die jüdische Straße mit den bis vor kurzem meisten jüdischen Einwohnern in Palma dar. Ihr Name führt auf eines der bezeichnendsten Gebäude der Gruppe zurück.Forteza, Els descendents… S. 24–28.
In einigen Dokumenten wurden die Bezeichnungen hebreo, genero hebreorum, estirpe hebrea, direkt jueusEs ist verboten diese Individuen zu beleidigen oder ihnen ein Leid zuzufügen, sie mit hasserfüllter Stimme und geringschätzig anzusprechen und man darf sie weder Juden, Hebräer, noch Xuetas nennen… (aus den Verordnungen von Carlos III), Forteza, Els descendents… S. 47. oder auch das kastilische judío [],Diccionari Català-Valencià-Balear, Alcover-Moll Jodio oder Judio. macabeosPerez, Anales…. S. 75. oder in Zusammenhang mit ihren üblichen Berufen argenters (Juwelier) und marxandos (Lebensmittelhändler und Hausierer) benutzt.Moore, Los de la Calle… S. 31.
Sicher ist, dass sich der Begriff xueta nach den Inquisitionsprozessen zu einem beleidigenden Ausdruck entwickelte.Gelegentlich wurden die Wörter xueta und judío im kulturellen spanischen Umfeld verächtlich benutzt, um sich generell auf die Mallorquiner und Balearenbevölkerung zu beziehen, oder auch in analoger Weise zu den fenicios, um sich auf einzelne Menschen zu beziehen, die nicht von den Balearen kamen, Antonio Maura oder Juan March zum Beispiel wurden mehrfach so bezeichnet; Moore, S. 5, Los judíos y la segunda repúblca. 1931–1939 Isidro González García, Madrid: Alianza, 2004, S. 63, El último Pirata del mediterráneo, Manuel Domínguez Benavides, Tipografía Cosmos, Barcelona, 1934. Die Betroffenen selbst benutzten neutralere Begriffe wie del Segell, del carrer. Am gebräuchlichsten war noltros (wir) oder es nostros (unsere) als Gegenstück zu ets altres (die anderen) und es de fora del carrer (die von außerhalb der Straße).Forteza, Els descendents…, ausführlich.
Nachnamen
Die Xueta-Nachnamen sind: Aguiló, Bonnín, Cortès, Fortesa/Forteza, Fuster, Martí, Miró, Picó, Pinya, Pomar, Segura, Tarongí, Valentí, Valleriola und Valls.Dies ist die mustergültige Liste von Miquel Forteza, Els descendents…, S. 18 aber das Thema ist komplex, in früheren Listen tauchen manchmal Valleriola (fast ausgelöscht) oder Valentí (ursprünglich der Hausname für die Familie Fortesa) nicht auf; Enrich findet sich ebenfalls in keiner Liste (ursprünglich Hausname für die Familie Cortès); in den Listen der letzten Gefangenen während der Inquisition tauchen die Nachnamen Galiana, Moià und Sureda auf, die eigentlich nicht als typisch jüdische Namen galten; andererseits finden sich Picó und Segura im 17. Jahrhundert nicht unter den Sträflingen, obwohl es jüdische Nachnamen sind. Diese stammen aus sehr großen bekehrten Gemeinden, da die Verzeichnisse der Glaubensbekehrungen zwischen dem 14. und 15. JahrhundertQuadrado. La judería…, ausführlich. und die während der Inquisition Ende des 15. und Anfang des 16. JahrhundertsAnónimo, Reconciliados y Relajados…, ausführlich. auf Mallorca mehr als 330 Konvertierte und aufgrund ihres jüdischen Glaubens Bestrafte dokumentieren. Es erregte bei vielen Forschern auf diesem Gebiet Aufmerksamkeit, dass einige Mallorquiner ganz eindeutig jüdische Nachnamen tragen, allerdings weder hebräische noch jüdische VorfahrenForteza, Els descendents… S. 14. haben (zum Beispiel: Abraham, Amar, Bofill, Bonet, Daviu, Duran, Homar, Jordà, Maimó, Salom, Vidal und andere).
Einen konvertierten Vorfahren zu haben, ist nicht ausreichend, um xueta zu sein; diese Abstammung muss sich in der gemeinsamen Erinnerung der Mallorquiner über die Identifikation der Familien und der Abstammungslinien festgesetzt haben. Deswegen sind nur ein Teil der konvertierten Nachfahren auch wirklich Xuetas, obwohl die Xuetas alle Nachfahren von Konvertierten sind.In diesem Zusammenhang kann man auf geheime Vorfahren von konvertierten Mallorquinern (nach rein familieninterner Überlieferung) stoßen, die stolz waren auf ihre Abstammung, aber feindselig gegenüber den xuetas, Moore, Los de la calle… S. 187 und 192.
Genetik
Verschiedene Studien von dem Departamente de Genética Humana der Universität der Balearen bestätigten, dass die Xuetas genetisch gesehen eine homogene Gruppe bilden. Sie sind im Hinblick auf die Analyse des Y-Chromosoms väterlicherseits und des mitochondrischen ADN mütterlicherseits mit der jüdischen Bevölkerung im Orient verwandt, aber auch mit den ost- und mitteleuropäischen Juden und denen in Nordafrika.
Außerdem können sie einige Pathologien genetischen Ursprungs aufweisen, wie zum Beispiel das Familiäre Mittelmeerfieber, das sie mit den sephardischen Juden gemein haben.
Geschichte
Vorfahren
Konvertierte Juden (1391–1488) mini|hochkant|San Vicente Ferrer, aktiver Prediger für die Konvertierung der Juden.
Bis Ende des 14. Jahrhunderts steckte die mallorquinische Kirche große Anstrengung in die Konvertierung der Juden. Aber der Erfolg war lediglich von anekdotischem Charakter und ohne Konsequenzen für die soziale Bevölkerungsstruktur. Diese Situation veränderte sich ab dem Jahr 1391 mit dem Anschlag auf die Judenviertel, den Predigten des San Vicente Ferrer im Jahr 1413 und der Konvertierung der restlichen jüdischen Gemeinschaft auf Mallorca im Jahr 1435. Diese Ereignisse stellten ein Risiko und eine Gefahr für die Gemeinschaft dar, weswegen Massenkonvertierungen durchgeführt wurden, was zur Entstehung des sozialen Phänomens der Konvertierten führte.Cortès, Historia…, Band I, ausführlich; Font, La fe vençuda… S. 25–39.
Da die Konversionen unter Zwang stattfanden, übten viele Neubekehrte ihre traditionellen religiösen Praktiken einfach weiter aus. Daraufhin wurde die Cofradía de Nuestra Señora de Gracia oder de Sant Miquel dels Conversos gegründet, um die alte Judenversammlung zu ersetzen, die der Gruppe in unterschiedlichen Lebensbereichen Unterstützung geboten hatte, wie interne Justiz, eheliche Verbindung und natürlich religiösen Zusammenhalt.