mini|hochkant=1.7|Übersichtskarte der Fluchttunnel nach Detjens, einige in der Liste aufgeführte Tunnel sind hier nicht markiert

Die unten stehende, von Marion Detjen zusammengestellte Liste der Fluchttunnel in Berlin während der deutschen Teilung enthält 39 Tunnelprojekte.Marion Detjen: Ein Loch in der Mauer – Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-834-3, S. 442–448. Eine weitere bekannte Liste mit 70 Tunnelprojekten stammt von Dietmar Arnold und Sven Felix Kellerhoff.Dietmar Arnold, Sven Felix Kellerhoff: Die Fluchttunnel von Berlin. Propyläen, 2008, ISBN 978-3-549-07341-4.

Mindestens 254 Personen konnten laut Detjen auf diesem Weg aus der DDR fliehen. Während der Tunnelfluchten kam es zu mindestens vier Todesfällen und über 200 Verhaftungen. Etwa die Hälfte der Projekte konnte keine erfolgreichen Fluchten ermöglichen.

Statistik Die Tunnel wurden von beiden Richtungen unter der Grenze hindurch gegraben. Dabei gab es neun Tunnel aus Richtung Osten und 30 aus Richtung Westen. Die aus dem Osten gegrabenen Tunnel waren erfolgreicher: Nur durch einen dieser neun Tunnel gelang keine Flucht. Im Schnitt flohen neun Flüchtlinge pro aus dem Osten gegrabenen Tunnel, während die Anzahl der Flüchtlinge pro Tunnel aus dem Westen bei unter sechs lag. Bei Tunneln aus dem Osten kam es im Schnitt zu mindestens 4,3 Verhaftungen und bei West-Tunneln mindestens 4,9. Die tatsächliche Anzahl der Verhaftungen wird höher liegen, da die Akten der Staatssicherheit (Stasi) nicht vollständig sind.

Unter den Erbauern bildeten sich mehrere Gruppen heraus, die mehrfach Tunnel gruben. Dazu gehörten die Gruppen um Hasso Herschel, um Harry Seidel und Fritz Wagner, um Wolfgang Fuchs und um Detlef Girrmann. Unter den Gruppen gab es Kooperationen.

Die meisten Tunnel wurden unter der Bernauer Straße und unter der Heidelberger Straße hindurch gegraben. Der 1970/1971 von der Gruppe um Hasso Herschel unter der Bernauer Straße gegrabene und vor der Benutzung an die Stasi verratene und von dieser dann zugeschüttete Tunnel (Nr. 37 in der unten stehenden Liste), wurde vom Verein Berliner Unterwelten zu einem kleinen Teil wieder freigelegt: Dieses Stück wird von einem neu angelegten Besuchertunnel geschnitten und ist von diesem aus in beide Richtungen einsehbar.Berliner Unterwelten: Unterirdisch in die Freiheit

Liste Angegeben sind das Datum des Durchbruchs oder der Aufgabe, der Startort, die Richtung Ost oder West, der Name der Initiatoren und Erbauer und die Anzahl der gelungenen Fluchten. Verhaftungen und Todesfälle sind im Feld Bemerkungen angegeben.

Nr.     Datum     Ort Startpunkt Erbauer Flüchtlinge Bemerkungen 1 Friedhof Pankow West-Berlin 2 junge West-Berliner 20 Mutmaßlich Friedhof Pankow III. Angelegt, um die Freundinnen der Erbauer aus der DDR zu holen. 2 nahe Bahnhof Düppel Kleinmachnow (DDR) 14 Jugendliche 5 9 Fluchtwillige wurden verhaftet. 3 genauer Ort unbekannt West-Berlin unbekannt 5 4 Friedhof Pankow West-Berlin unbekannt 4 Mutmaßlich Friedhof Pankow III. Frisch verheirateter West-Berliner Ehemann beauftragte Fluchthelfer, seiner Ost-Berliner Ehefrau die Flucht zu ermöglichen. Ein befreundetes Paar nutzte die Gelegenheit, ebenfalls zu fliehen. Kurz darauf wurde der auf dem Friedhof liegende Tunneleingang von Grenzsoldaten entdeckt und beobachtet. 2 weitere Fluchtwillige wurden dort wenige Tage später festgenommen. 5 Von Glienicke/Nordbahn nach Berlin-Frohnau Glienicke/Nordbahn (DDR) Familie Becker 28 „Becker-Tunnel“,Der Becker-Tunnel: „Im Januar 1962 graben die Glienicker Zwillinge Bruno und Günther Becker an der Oranienburger Chaussee einen der ersten Tunnel.“ ausgehend von Oranienburger Chaussee 13Informationen über die Tunnel in Glienicke/Nordbahn: 6 S-Bahnhof Wollankstraße West-Berlin Studenten der TU Berlin, Gebrüder Franzke –Der Tunnel stürzte während der Arbeiten ein, was zu einer Absenkung des Bahnsteigs über ihm führte. 7 Kiefholzstraße West-Berlin Harry Seidel – 8 Heidelberger Straße 28/29 West-Berlin Gebrüder Franzke – Drei Kuriere und ein Flüchtling wurden festgenommen. 9 Heidelberger Straße 75 West-Berlin Harry Seidel, Fritz Wagner, u. a. 35–57 Der Tunnel wurde von IM „Naumann“ (wohnhaft: Heidelberger Straße 75) verraten.Burkhart Veigel: Wege durch die Mauer. 4. Auflage. S. 248 Beim Versuch einer Einsatzgruppe des MfS, die Tunnelorganisatoren festzunehmen, wurde Heinz Jercha tödlich getroffen. 10 Von Glienicke/Nordbahn nach Berlin-Frohnau Glienicke/Nordbahn (DDR) Familie Thomas 12 „Thomas-Tunnel“Der Thomas-Tunnel „Nur etwa hundert Meter von der ersten Fluchtstelle der Beckers entfernt, eine weitere spektakuläre Tunnelflucht der Glienicker Familie Thomas im Mai 1962.“ oder „Rentner-Tunnel“, ausgehend von Oranienburger Chaussee 22 11 Heidelberger Straße 28/29 West-Berlin Harry Seidel, Fritz Wagner u. a. – 12 Heidelberger Straße 75 West-Berlin Harry Seidel u. a. 18–55 „Pfingsttunnel“ ausgehend vom Kneipenkeller Heidelberger Krug zum Keller des Fotogeschäfts in der Elsenstraße. 13 Baustelle des Axel-Springer-Hochhauses, Zimmerstraße 56 West-Berlin Rudolf Müller u. a. 4 Ein Kurier wurde verhaftet und der Grenzsoldat Reinhold Huhn von Rudolf Müller erschossen. 14 Heinrich-Heine-Straße West-Berlin Siegfried Noffke u. a. – Der Tunnel wurde entdeckt und Siegfried Noffke beim Zugriff erschossen. Ein weiterer Fluchthelfer wurde schwer verletzt und festgenommen. 15 Schwedter Straße Ost-Berlin Eine Familie 7 16 Kiefholzstraße 388 West-Berlin Harry Seidel, Fritz Wagner, später Hasso Herschel, die Girrmann-Gruppe u. a. – Der Tunnel wurde durch IM „Hardy“ (Siegfried Uhse)Burkhart Veigel: Wege durch die Mauer. 4. Auflage. S. 265–268 verraten, und über 50 Fluchtwillige und fünf Kuriere wurden verhaftet. 17 Neukölln West-Berlin unbekannt – 18 Bernauer Straße 79 West-Berlin Domenico Sesta, Luigi Spina, Hasso Herschel 29Aufgabe wegen Wassereinbruch Vorlage für Fernsehfilm Der Tunnel (2001)keine Verhaftungen 20 Herbst 1962 Bernauer Straße West-Berlin Girrmann-Gruppe – 21 Herbst 1962 Bethaniendamm 57 West-Berlin Wolfgang Fuchs u. a. – Die Stasi entdeckte den Tunnel nach Hinweisen durch GM „Uschi“. Vorzeitige Aufgabe.Klaus-M. v. Keussler, Peter Schulenburg: Fluchthelfer – Die Gruppe um Wolfgang Fuchs. Berlin Story Verlag, 2011, ISBN 978-3-86368-001-5, S. 72–98. 22 Heidelberger Straße West-Berlin Harry Seidel u. a., später auch die Girrmann-Gruppe 2 Der Tunnel wurde von IM „Hardy“ (Siegfried Uhse)Burkhart Veigel: Wege durch die Mauer. 4. Auflage. S. 278 verraten. Mehrere Fluchtwillige und ein von der Stasi angeschossener und schwerverletzter FluchthelferBurkhart Veigel: Wege durch die Mauer. 4. Auflage. S. 279 f. wurden verhaftet. 23 Kleinmachnow West-Berlin Harry Seidel, Gebrüder Franzke u. a. – 13 Flüchtlinge wurden vor dem Durchbruch (Tunnel war vorzeitig verraten), Harry Seidel beim Durchbruch und später mehr als 25 Menschen (davon 2 Kuriere) festgenommen.Burkhart Veigel: Wege durch die Mauer. 4. Auflage. S. 476 24 unbekannt West-Berlin Bodo Posorski – Nach der Entdeckung durch die Stasi wurden mehrere Fluchtwillige und Kuriere festgenommen. 25 Bernauer Straße 79Maria Nooke: Der verratene Tunnel: Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin. Edition Temmen, Bremen 2002, ISBN 3-86108-370-1; eigenes Buch über diesen Tunnel West-Berlin Hasso Herschel u. a. – Nach der Entdeckung durch die Stasi wurden mindestens 20 Fluchtwillige und drei Kuriere festgenommen. 26 Von Glienicke/Nordbahn nach Hermsdorf Glienicke/Nordbahn (DDR) Familie Aagard u. a. 13 „Aagard-Tunnel“,Der Aagaard-Tunnel- fluchttunnel-glienicke.de; „Die Spirale der Drangsalierung [der Bewohner im Entenschnabel] endet […] mit der erneuten Flucht von 13 Personen durch den Aagaard-Tunnel in der Ottostraße im März 1963.“ ausgehend von Ottostraße 7. Der Tunnel wurde im Frühjahr 2011 archäologisch rekonstruiert. Siehe auch Lageplan unter Archäologie, ebenfalls abgerufen am 3. November 2015. 27 Schwedter Straße / Kopenhagener Straße 36/37 West-Berlin Wolfgang Fuchs u. a. – Der Tunnel wurde kurz vor dem Durchbruch verraten (IM „Jürgen“); mehrere Fluchtwillige wurden verhaftet. 19 Boyenstraße West-Berlin Wolfgang Fuchs u. a. – Grabung nach Bedrohung durch West-Berliner Bürger in einer frühen Phase abgebrochen. 28 Kremmener Straße 15 Ost-Berlin Jugendliche – Etwa 30 Personen wurden von der Stasi festgenommen. 29 Bernauer Straße West-Berlin Helmut Karger – 30 Bernauer Straße 97 West-Berlin Wolfgang Fuchs u. a. 3–4 Nachdem drei Mädchen durch den Tunnel geflohen waren, entdeckten die Grenztruppen den Tunnel und machten ihn durch Handgranaten unbrauchbar.Bodo Müller 2000: Faszination Freiheit: die spektakulärsten Fluchtgeschichten, Ch. Links Verlag, S. 211. 31 Treptow West-Berlin unbekannt – Nach der Entdeckung durch die Stasi wurden mehrere Fluchtwillige und ein Kurier festgenommen. 32 unbekannt West-Berlin unbekannt – 33 Bernauer Straße 97 West-Berlin Wolfgang Fuchs, Reinhard Furrer u. a. 57Der tiefste und teuerste bekannte Fluchttunnel wurde nach einem Tag der erfolgreichen Nutzung von der Stasi entdeckt. Bei einem Feuergefecht wurde der Grenzsoldat Egon Schultz versehentlich von einem Kameraden erschossen. 34 unbekannt West-Berlin unbekannt – 35 Bernauer Straße West-Berlin unbekannt – 36 Bernauer Straße 78 West-Berlin unbekannt – 37 Bernauer Straße West-Berlin Hasso Herschel – Tunnel wurde verraten und von der DDR-Grenzwache zugeschüttet,mehrere Verhaftungen,teilweise wiederhergestellt und seit 2019 einsehbarBerliner Zeitung: Letzter DDR-Fluchttunnel nach einem Jahr Buddeln freigelegtBerliner Unterwelten e. V.: Tour M – Unterirdisch in die Freiheit 38 Checkpoint Charlie Ost-Berlin 3 Flüchtlinge 3 39 Von Potsdam-Klein Glienicke nach Wannsee Potsdam/Klein Glienicke (DDR) 2 Familien 9 Ausgehend von der Waldmüllerstraße. In einem Gebiet mit eigentlich sehr hohem Grundwasserstand wurde zum Graben eine Hitzeperiode ausgenutzt.

Weblinks Westberliner Polizei deckt Tunnel-Provokateure. In: Deutscher Fernsehfunk, 8. Februar 1962 (Video im ARD-Retro-Angebot der ARD Mediathek).

Literatur

Einzelnachweise

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